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Meine Meinung Silber, Gold, Aktien, Krypto: Was hinter dem jüngsten Abverkauf steckt

Aktien, aber vor allem Silber, Gold und Krypto erlebten zwei Tage lang einen massiven Ausverkauf. Meine Meinung zu den Hintergründen.

Börsenkurse
Grafik: Nicedream30-Freepik.com

Wer auf Social Media unterwegs ist, und wer sich auch dort für Börse interessiert, wird derzeit von einigen „einschlägigen“ Protagonisten mit „ganz heißen Infos“ versorgt. Der jüngste Abverkauf vor allem bei Silber sei eine massive Manipulation der ganz großen Banken gewesen. Wie immer, wenn etwas Außergewöhnliches passiert (egal ob Politik, Börse, Naturkatastrophen), muss für bestimmte Personenkreise eine dunkle Verschwörung dahinter stecken. Damit pusht man natürlich seine eigenen Abo-Zahlen, die eigene Community sieht einen als Experten mit Insiderwissen an, das hilft immer. Dazu möchte ich nachfolgend meine Meinung abgeben, dass der jüngste Absturz nämlich eher einen sehr einfachen, „traurigeren“ Hintergrund haben dürfte.

Silber, Gold, Aktien, Krypto – die große Gier

Gerade bei Silber und Gold sah man seit Wochen extreme Anstiege. Die Anstiege in den letzten Tagen – beispielsweise bei Gold bis auf 5.595 Dollar letzte Woche – waren derart extrem, dass man es kaum fassen konnte. Was dürfte dann passiert sein? Hochspekulative Anleger, die den „schnellen Dollar“ machen wollten, sind vermutlich massiv gehebelt auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Warum einen 20 % Anstieg mitnehmen, wenn man daraus 200 % Anstieg machen kann? (vereinfacht ausgedrückt) Das ist solange ein sensationeller Trade, wie man richtig liegt.

Kommt eine Gegenbewegung, schmilzt der Kontostand auf dem Brokerkonto sehr schnell dahin, egal ob bei Milliarden-Hedgefonds oder bei Privatanlegern. „Irgendwann packt sie alle die große Gier“, so ein berühmtes Filmzitat. Und bei den Anstiegen bei Silber und Gold in den letzten Wochen dürften immer mehr Anleger massiv gehebelt eingestiegen sein. Und als eine Korrekturbewegung kam, hagelte es Margin Calls von Banken und Brokern. Stärkere Rückgänge sorgten dann wohl für Zwangsliquidierungen. Broker und Banken wollen verhindern, dass die Kundenkonten ins Minus rutschen, und schlossen vermutlich die Long-Positionen der Kunden, in dem sie verkauften. Dadurch dürften vor allem am Futures-Markt große Verkaufsmangen in kurzer Zeit den Markt runtergedrückt haben.

Abverkauf durch Zwangsliquidierungen

Und in einer Risk Off-Bewegung, wo auch am Aktienmarkt viele Anleger gehebelt unterwegs sind und immer neue Rekordhochs mitnehmen wollen, kann es auch dort zu einem plötzlichen Abverkauf kommen. Und Krypto? Bitcoin und Co sind seit Oktober 2025 massiv angeschlagen, und reagieren offensichtlich höchst empfindlich auf Bewegungen bei Techaktien, und stürzen dann auch weiter ab. Gerade bei Krypto versuchen offenbar immer wieder zu gierige Anleger, gehebelt den Tiefpunkt zu erwischen und auf höhere Kurse zu wetten. Geht das schief, folgt die nächste Welle an Zwangsliquidierungen und Abverkäufen.

Aber was hatte den Ausverkauf ab Donnerstag ausgelöst? Mittwoch letzter Woche meldete Microsoft seine Quartalszahlen, die Aktie verlor über Nacht 10 % an Wert. Am Donnerstag dann zur Markteröffnung in New York rutschte der Aktienmarkt ab, Nervosität zum Thema KI zog ein. Ab Freitag früh kam dann die Meldung, dass Kevin Warsh neuer Fed-Chef werden wird, eine große Überraschung für Profi-Anleger. Warsh steht (vermeintlich) für weniger umfangreiche Zinssenkungen, und für eine Reduzierung der Fed-Bilanz. Das ist negativ für den gesamten Kapitalmarkt zu werten.

Diese beiden Faktoren waren wohl die Auslöser, die die Lawine ins Rollen brachten. Vermutlich stark gehebelte Long-Positionen, die geschlossen werden mussten, verstärkten den Abverkauf – gerade bei Silber und Gold. Die auslösenden Faktoren sind letztlich nicht entscheidend. Es hätte auch irgendein anderer Grund sein können. Wichtig ist wohl, dass Anleger zu euphorisch waren in einigen Assetklassen, allen voran den Edelmetallen. Darauf musste irgendwann ein großes, reinigendes Gewitter folgen, eine große Enthebelung! Im Chart, der bis Mittwoch letzter Woche zurückreicht, sieht man die Bewegung von Silber, Gold, Bitcoin und US-Aktien (US500 CFD). Es geht im Chart nicht um die Details, sondern um die Gesamtbewegung. Mehrere Anlageklassen wurden zur selben Zeit abverkauft. Normalerweise gibt es gegenläufige Bewegungen zwischen Risiko-Anlageklassen und Edelmetallen, aber nicht aktuell. Silber und Gold fungierten zuletzt offenbar verstärkt als Zocker-Vehikel. Und zuletzt kam dann die große Abrechnung. Wer zum Beispiel Silber bei 110 oder 118 Dollar kaufte mit einem starken Hebel über Futures, dürfte sich massiv zerlegt haben bei einem Kurssturz unter 80 Dollar.

Jüngste Bewegung bei Aktien, Krypto, Silber und Gold

Analystin über gehebelte Positionen bei Gold und Silber

Von Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst beim Broker Swissquote, schrieb gestern früh auch über gehebelte Positionen: Diejenigen, die gehofft hatten, dass sich der starke Rückgang der Gold- und Silberpreise am Freitag – Gold verlor 9 % und Silber 27 % – am Montag verlangsamen würde, erlebten heute Morgen einen weiteren Albtraum. Beide Metalle werden in Asien stark verkauft, was darauf hindeutet, dass gehebelte Positionen und Stop-Loss-Aufträge noch nicht vollständig abgewickelt sind.

In den letzten Wochen gab es viele Spekulationen, und diese spekulative Stimmung entlädt sich nun ziemlich heftig. Was die Kursniveaus angeht, hatte ich für Gold im Falle eines Ausverkaufs auf eine mögliche Korrektur in Richtung 4.600 bis 4.800 US-Dollar hingewiesen, und heute Morgen (also Montag früh) bewegen wir uns nahe der Unterstützung bei 4.600 US-Dollar pro Unze. Ich muss zugeben, dass der Ausverkauf weitaus brutaler ausgefallen ist, als ich – und viele andere – erwartet hatten. Heute Morgen wurde das geringfügige 23,6 %-Fibonacci-Retracement von Oktober 2023 bis letzte Woche gefährlich getestet.

Angesichts der hohen Volatilität und der Größe der gehebelten Positionen könnte sich der Ausverkauf in Richtung des 50-Tage-Durchschnitts (derzeit bei 4.480 USD) und möglicherweise weiter in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts (derzeit bei 4.235 USD) vertiefen. Das wichtige technische Niveau, das ich beobachte, liegt tiefer, bei 4.115 USD – dem großen 38,2 % Fibonacci-Retracement der Rally seit Ende 2023. Dieses Niveau dürfte halten, wenn das Motto „Verkaufe Amerika, verkaufe den Dollar” angesichts des schwindenden Vertrauens in die Handels- und Geopolitik des Weißen Hauses weiterhin gilt.



Claudio Kummerfeld

Über den RedakteurClaudio Kummerfeld

Claudio Kummerfeld hat langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.

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3 Kommentare

  1. Und wer hat den Hype in den letzten Wochen so massiv vorangetrieben? Das wissen wir nicht, aber es war kein Youtube-Kanal wie Finanzmarktwelt. Im Gegenteil, die Masse der bekannten Finanzkanäle hat gewarnt und teilweise verkauft.
    Ich bleibe dabei. Das war ein Frontrunning. Die unvermeidbare Neubewertung von Silber künstlich beschleunigen, um dann zu einem passenden Moment einen Crash hervorzurufen, um sich selbst einzudecken. Ich gehe davon aus, dass wir dass noch öfter sehen werden. Solange, bis die großen Manipulierer aus dem Schneider sind.

    1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

      Da die Marktteilnehmer so schnell zurückkommen… sieht es bald danach aus …wie als würde vornehmlich nur mit Optionen und nicht mit Knock-out Derivaten spekuliert werden…

      Sonst wäre das nicht möglich…die Marktteilnehmer hätten dann ihr Pulver verschossen…so aber versuchen sie noch mit zusätzlichem Kapital… ihre Positionen in’s Trockene zu bringen…Also die Kurse wieder nach oben zu drücken…

      Bin gespannt ob das klappt…

  2. Wenn auch über Rohstoffe, wie Gold und Silber massiv spekuliert wird, muss man angesichts einer möglichen KI-Blase noch vorsichtiger werden. Die Anzahl der Dominosteine, die umfallen können, wird immer größer, das Risiko und die Volatilität der Märkte wird gewiss nicht kleiner.

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