Silber, Platin und Gold geraten wieder unter Druck: Nach einer spektakulären Rallye sorgen Index-Umschichtungen, knappe Lagerbestände und die Angst vor möglichen US-Zöllen für neue Kursschwankungen bei Edelmetallen. Vor allem der Silberpreis steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, nachdem der Preis zuletzt auf ein Rekordniveau geschossen war – und nun genauso schnell wieder zurückfällt. Die Folge ist eine selten gesehene Volatilität, bei der schon kleine Impulse große Ausschläge auslösen können.
Silber, Platin, Gold: Volatilität kehrt zurück
Silber und Platin brachen am Donnerstag erneut deutlich ein und setzten damit eine Phase außergewöhnlicher Schwankungen fort. Wie Bloomberg berichtet, bewerten Händler derzeit gleichzeitig mehrere Faktoren: mögliche Verkäufe durch Index-Rebalancing, anhaltende Angebotsengpässe und das Risiko neuer US-Zölle.
Gold gab ebenfalls nach und fiel im Tief auf 4.415 US-Dollar. Der Spotpreis für Platin rutschte zeitweise um mehr als 6 Prozent ab, Silber verlor 3,5 Prozent, auch wenn beide Edelmetalle im bisherigen Monatsverlauf weiterhin im Plus liegen. Silber hatte Ende Dezember einen historischen Höhenflug hingelegt und war in dünnem Feiertagshandel über die Marke von 84 Dollar je Unze geklettert – getragen von starker Nachfrage privater Anleger, besonders aus China.
Preisdruck durch Index-Rebalancing
Auch Gold und Palladium gerieten im Gleichschritt unter Druck, während sich der Markt auf die jährliche Neugewichtung großer Rohstoffindizes vorbereitet. Solche Umschichtungen können die Preise belasten, weil passive Indexfonds jene Rohstoffe verkaufen, die zuvor besonders stark gestiegen sind, um ihre Bestände an neue Gewichtungen anzupassen. „Wir erwarten, dass großflächige Verkäufe einsetzen, ausgelöst durch erhebliche Rebalancing-Ströme aus breit aufgestellten Rohstoffindizes“, schrieb TD-Securities-Stratege Daniel Ghali in einer Mitteilung. Silber habe dabei ein „teuflisches Blow-off-Top“ erlebt – also eine überhitzte Schlussrallye, die häufig den Übergang in eine scharfe Korrektur markiert.
Die Citigroup schätzt, dass es aufgrund der Umschichtung der beiden größten Rohstoffindizes zu Abflüssen von 6,8 Milliarden Dollar aus Gold-Futures kommt. Silber – dessen Kurs am Donnerstag zeitweise um mehr als 3 % gefallen ist – ist angesichts der jüngsten Volatilität besonders anfällig für einen starken Ausverkauf. Citigroup schätzt, dass Silber-Futures ebenfalls im Wert von etwa 6,8 Milliarden US-Dollar verkauft werden könnten, um die Anforderungen für die Neugewichtung zu erfüllen. Dies entspricht etwa 12 % der offenen Positionen an der Comex.
Der Prozess soll bereits in dieser Woche beginnen. Im Vorjahr hatten beide Edelmetalle einen vergleichbaren Index-bedingten Verkaufsdruck erlebt, ohne dass sich daraus ein klarer, anhaltender Dämpfer für den Markt ergab, wie JPMorgan in einer Notiz vom 12. Dezember schrieb. Gleichzeitig betonte die Bank jedoch, dass das erforderliche Verkaufsvolumen bei Silber in diesem Jahr deutlich größer ausfallen dürfte.

Knappes Angebot trifft Zollangst
In London, dem wichtigsten Handelsplatz für Spotgeschäfte, bleibt die Versorgung mit Silber und Platin angespannt. Die Bestände wurden im vergangenen Jahr durch Lieferungen in die USA ausgedünnt, ausgelöst durch Zollängste. Die Leihkosten für beide Metalle gaben in dieser Woche zwar etwas nach, liegen aber weiterhin auf historisch erhöhtem Niveau – auch, weil ein großer Teil der Vorräte inzwischen in US-Lagern gebunden ist. Händler warten zudem auf das Ergebnis der Section-232-Untersuchung in Washington zu Importen kritischer Mineralien, die zu Abgaben oder Handelsbeschränkungen führen könnte.
„Wir haben inzwischen einen Mangel an Liquidität – und das bedeutet, dass jeder, der in den Markt hinein will, deutlich mehr zahlen muss“, sagte Michael Widmer, Leiter der Metallforschung bei der Bank of America, gegenüber Bloomberg Television. Zwar sei der fundamentale Ausblick für Silber aufgrund seiner industriellen Anwendungen positiv, doch Spekulanten hätten übermäßige Volatilität in den Markt gebracht, so Widmer.
Gleichzeitig bleibt die geopolitische Lage ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor, der die Nachfrage nach sicheren Häfen stützen könnte. Nur wenige Tage nach der Festnahme des Präsidenten Venezuelas weigerte sich das Weiße Haus, den Einsatz militärischer Gewalt zur Übernahme Grönlands auszuschließen. China wiederum verhängte Exportkontrollen nach Japan für Güter, die militärisch genutzt werden könnten.
Während das geopolitische Umfeld fragil bleibt, richtet sich der Blick vieler Marktteilnehmer auf eine Reihe wichtiger US-Konjunkturdaten, darunter der Arbeitsmarktbericht für Dezember, der am Freitag erwartet wird. Der Bericht für November hatte gezeigt, dass die Zahl offener Stellen auf den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahr fiel und die Neueinstellungen nachließen – ein Signal, das Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen der US-Notenbank Fed verstärkte.
Zinssenkungsfantasie treibt Edelmetalle
Zusätzlich befeuerte Fed-Gouverneur Stephen Miran die Erwartung, dass die Notenbank 2026 die Zinsen um mehr als einen Prozentpunkt senken müsse. Er sagte Fox Business Network, die Geldpolitik bremse die Wirtschaft. Solche Zinssenkungen gelten als Rückenwind für Edelmetalle, da Gold, Silber und Platin keine Zinsen abwerfen und in einem Umfeld fallender Renditen an Attraktivität gewinnen. Gold kommt zudem aus einem Rekordjahr: Das Edelmetall erzielte seine beste Jahresperformance seit 1979 und markierte im vergangenen Jahr eine Serie neuer Höchststände, unterstützt durch Käufe von Zentralbanken und Zuflüsse in goldgedeckte ETFs.
Der Preisanstieg bei Silber fiel sogar noch spektakulärer aus: Der Kurs schoss um nahezu 150 Prozent nach oben – begünstigt durch die knappe Versorgungslage. Um 8:45 Uhr in London fiel Spot-Silber um 3,5 Prozent auf 75,50 Dollar je Unze, Spot-Gold lag 0,8 Prozent niedriger bei 4.421,98 Dollar, Platin sank um 4,5 Prozent auf 2.199,73 Dollar, Palladium verlor 3,3 Prozent. Der Bloomberg Dollar Spot Index stieg um 0,1 Prozent.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken