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So werden aus Großbanken digitale Vorreiter

Bankentürme in Frankfurt

Die digitale Transformation von Großbanken ist die spannendste und zugleich größte Herausforderung im Finanzwesen in den kommenden Jahren. „Radikal verändern oder gehen?“ lautet die Option. Die Lösung kann dabei nur im Miteinander von etablierten Playern und digitalen Start-ups liegen.

Deutschland war zumindest in Europa viele Jahre lang unangefochten der Banken-Champion schlechthin. Doch diese goldenen Zeiten der 1980er- und 1990er-Jahre sind längst Vergangenheit. Mit der Deutschen Bank gibt es nur noch eine echte Großbank, die aber auch seit Jahren gegen den internationalen Abstieg kämpft. Hinzu kommt eine nach wie vor stark zersplitterte Bankenlandschaft mit vielen kleinen Instituten. Alle nationalen Geldinstitute, ob größer oder kleiner, kämpfen dabei vor allem mit einer Herausforderung: der Digitalisierung. Die stellt eine Chance dar, weil sie neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet.

Veraltetes Denken und verstaubte IT-Systeme als Hürden

Doch wenn die Digitalisierung in vielen Banken auf veraltetes Denken und noch ältere IT-Systeme trifft, wird es kritisch. Das belegt schonungslos die „Digital Banking Maturity Studie 2022“ der Beratungsgesellschaft Deloitte. In der fünften Ausgabe der global angelegten Digital-Banking-Maturity-Studie analysierte Deloitte Digital dabei den digitalen Reifegrad von Banken. Dazu wurden mehr als 300 Banken in mehr als 40 Ländern untersucht. Damit ist die Studie die weltweit umfangreichste Erhebung zum Thema „digitales Banking im Retail-Geschäft“.

Drei Triebkräfte: Technologie, Konkurrenz, Kunden

Vor allem drei Triebkräfte sorgen für die digitalen Veränderungen: Es sind die Technologie, die Konkurrenz und die Kunden. Die Ergebnisse von Deloitte zeigen eindeutig, dass der Wettbewerbsdruck im Sektor durch die digitale Aufrüstung erheblich zunimmt. Die deutschen Banken schnitten bei der Studie nur im Mittelfeld ab. Diese reagieren unzureichend auf veränderte Kundenerwartungen. Hinzu kommen weitere gravierende Kritikpunkte: Während sich noch 2020 zwei Institute aus Deutschland unter den digitalen Champions fanden, erhält derzeit kein einziges deutsches Bankhaus diese Auszeichnung. Globale Spitzenbanken legen beim Digitalisierungstempo vor und laufen inländischen Instituten den Rang ab.

Ein Drittel der deutschen Banken bietet zudem keinerlei Möglichkeit an, ein Konto über den mobilen Kanal zu eröffnen, obwohl dies immer mehr Kunden fordern. Für globale Top Player hingegen gehört dieser Service bereits seit Jahren zum Standardrepertoire. Die neuen Herausforderer am Bankenmarkt – ausländische Institute, neue digitale Schnellboote und am Horizont auch Tech-Riesen wie Google – punkten gegenüber traditionellen Bankhäusern mit optimierter Benutzerfreundlichkeit. Und mit Produkten, die häufig rein App-basiert sind, schaffen sie vielfach eine makellose User Experience. „Zudem locken Challenger-Banken mit höchst innovativen Features und können Kundenerwartungen im Vergleich zu ihren Konkurrenten erheblich schneller bedienen“, heißt es in der Studie.

Trend zu Multi-Service-Plattformen mit vielen Dienstleistungen

Die Experten von Deloitte meinen zu wissen, wie es besser laufen könnte für Deutschlands Banken: „Besonders erfolgreiche Banken erweitern ihre Angebotspalette über klassische Bankaktivitäten hinaus. Damit werden sie zu Multi-Service-Plattformen mit Dienstleistungen in vielversprechenden Bereichen wie Mobilität, E-Government oder Gesundheitswesen. Daneben wird auch Embedded Finance zu einem immer stärkeren Umsatztreiber. Doch nicht nur die reine Bandbreite an Funktionalitäten, sondern auch die intuitive und benutzerfreundliche User Experience dient als essenzielles Unterscheidungsmerkmal.“

Neue Plattform für die Zukunft des Bankings

Es steht außer Frage: Deutschlands Großbanken müssen sich jetzt neu erfinden. Nur dann haben sie die Möglichkeiten, die vielen Chancen der Digitalisierung zu ihren Gunsten zu nutzen. Dabei sollten Großbanken Fintechs nicht länger als Herausforderer, sondern als Partner verstehen. Saeed Amidi will genau zwischen etablierten Banken und Start-ups vermitteln, vernetzen, Synergien schaffen und eine Plattform für die Zukunft des Bankings etablieren. Er ist CEO und Gründer des aus den USA stammenden Venture-Capital-Funds plugandplay, der früher unter anderem bei PayPal investiert war. Aktuell baut plugandplay in Frankfurt am Main einen Fintech-Hub auf. Amidi: „Innovation bedeutet für mich, auf Technologien, ein Geschäftsmodell oder Prozesse zu setzen, die es ermöglichen, schneller, besser und günstiger als jemals zuvor an sein Ziel zu gelangen.“

Die Modernisierung ihrer eigenen IT-Systeme müssen Großbanken selbst in die Hand nehmen. Viele Institute, wie etwa die Hamburg Commercial Bank, die frühere HSH Nordbank, sind dabei bereits erfolgreich vorgeprescht und haben ihre IT sicher und effizient in die Cloud gehoben. Doch gerade bei smarten digitalen Services, beim Einsatz der Blockchain oder den Möglichkeiten von Chat-Bots und anderen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz befinden sich etablierte Banken oft noch ganz am Anfang des Wegs. Und genau hier kann die Kooperation oder gar auch die Übernahme von Fintechs sehr viel Sinn ergeben.



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