Privatanleger kaufen den Dip in Software-Aktien – trotz KI-Ängsten, Kursrutsch und massiver Abverkäufe an der Wall Street. Während der S&P Composite 1500 Software & Services Index seit Jahresbeginn rund 20 Prozent verloren hat, greifen Retail-Investoren gezielt zu. Besonders gefragt: Microsoft, Nvidia, Salesforce und Software-ETFs. Droht eine Fortsetzung der KI-Disruption – oder entsteht hier gerade eine attraktive Einstiegschance?
Absturz bei Software-Aktien: Retail greift zu
Die Wall Street hat sich in den vergangenen Wochen in großem Stil von Software-Aktien getrennt. Auslöser waren zunehmende Sorgen, dass neue KI-Tools etablierte Geschäftsmodelle unter Druck setzen oder sogar ganz ersetzen könnten. Doch während institutionelle Investoren Positionen abbauen, zeigen Privatanleger ein gegenteiliges Verhalten: Sie kaufen konsequent in die Schwäche.
Daten von JPMorgan Chase belegen, dass die Handelsaktivität im stark gefallenen Software-Sektor nahe Rekordniveau liegt. Gleichzeitig ist der entsprechende Subindex des S&P Composite 1500 seit Jahresbeginn um fast ein Fünftel eingebrochen. Trotz sichtbarer „Risse“ in Teilen des Aktienmarktes blieben Privatanleger dem Sektor gegenüber unterstützend, erklärte JPMorgan-Stratege Arun Jain.
Microsoft war sowohl in der vergangenen Woche als auch seit Jahresbeginn der klare Favorit unter Retail-Investoren. Ebenfalls stark nachgefragt: ServiceNow, Salesforce und AppLovin. Das Kaufinteresse konzentriert sich damit auf etablierte wie wachstumsorientierte Software-Titel, die im Zuge der Debatte um KI-Disruption unter Druck geraten sind.

Zwischen Panik und Opportunität
Die jüngsten Verkäufe stehen im Kontext neuer KI-Ankündigungen, die Befürchtungen auslösten, Anwendungen großer Softwarehäuser wie Salesforce oder Adobe könnten durch innovative KI-Lösungen substituiert werden. Zusätzlich verschärfte ein Bericht des wenig bekannten Analysehauses Citrini Research die Unsicherheit: Darin wurde vor möglichen umfassenden wirtschaftlichen Verwerfungen durch künstliche Intelligenz gewarnt. Auch „Black Swan“-Autor Nassim Taleb sprach von einer potenziellen Welle an Software-Insolvenzen.
Marktbeobachter halten die Reaktion jedoch für überzogen. „Der Ausverkauf bei Software-Aktien ist unserer Ansicht nach deutlich übertrieben. Die Bewertungen erscheinen inzwischen attraktiv“, betonte Marshall Front, Chief Investment Officer bei Front Barnett Associates.
Bemerkenswert ist, dass gerade sogenannte „Mom-and-Pop“-Investoren – also Privatanleger – in die Schwächephasen hinein kaufen. Nvidia, die an einem Handelstag 5,5 Prozent verloren und damit den stärksten Rückgang seit April 2025 verzeichnete, zog laut VandaTrack Research einen Rekordanteil an Dip-Käufern aus dem Retail-Segment an. Der Schwerpunkt der Käufe lag allerdings klar auf Software-Aktien. Seit dem Wochentief legten Atlassian um 17 %, Salesforce um 14 % und Microsoft um mehr als 5 % zu. Der breite Software-ETF IGV erholte sich im Zuge der Gegenbewegung um 8 %.
Rekordkäufe im Tech-Sektor
Auch Broadcom, der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV) sowie der iShares Semiconductor ETF verzeichneten ausgeprägte Zuflüsse. Nach Angaben von Vanda Research steuerten Privatanleger am Donnerstag auf einen der stärksten Kauf-Tage seit Monaten zu und investierten allein in den ersten 80 Handelsminuten rund 336 Millionen US-Dollar in Einzelaktien. Der Software-ETF IGV schloss letztlich 2,2 Prozent im Plus.
Analysten sehen darin ein mögliches Signal, dass Privatanleger die Bewertungsniveaus als attraktiv einschätzen – insbesondere in einem Marktumfeld, das auf nahezu jede neue KI-Meldung empfindlich reagiert.
Walter Todd, Chief Investment Officer bei Greenwood Capital Associates, verweist auf die breite und teils wahllose Natur des Abverkaufs. Nach einer mehrwöchigen, teils monatelangen Verkaufswelle in der Software-Aktien Verluste von 30%, 50% und mehr verbüßten sei es durchaus plausibel, gezielt nach unterbewerteten Titeln Ausschau zu halten. Kurzfristig erscheine eine technische Gegenbewegung wahrscheinlich.
Die langfristigen Auswirkungen der KI-Transformation auf Software-Unternehmen bleiben schwer kalkulierbar. Kurzfristig jedoch könnten überverkaufte Zustände und attraktive Bewertungen eine Erholungsrally begünstigen. Für risikobereite Anleger entsteht damit ein Spannungsfeld zwischen struktureller Disruption und taktischer Einstiegschance.
FMW/Bloomberg
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