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S&P 500, Inflation, Wertpapierkredite: Gefahr durch Anstieg der Zinsen?

„Wer zu spät kommt, den bestraft der Kapitalmarkt.“

Zinsen Inflation S&P 500

Der Druck durch Inflation macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar: Nicht nur bei den Preisen für Rohstoffe, bei den Erzeuger- und Konsumentenpreisen, sondern auch bei Zinsen am Kapitalmarkt. Besonders in den USA, wo der Anstieg der Kapitalmarktkosten auf eine unglaublich hohe Verschuldungssumme trifft. Damit kommt ein neuer Belastungsfaktor auf den mit Abstand größten Aktienindex der Welt, dem S&P 500 zu, und zwar in Gestalt des Margin Debt, den Wertpapierkrediten, die sich vor Kurzem noch der magischen Grenze von einer Billion Dollar angenähert haben. Doch auch hier ist eine Trendwende sichtbar, das nächste Warnsignal?

Die Kapitalmarkt-Zinsen auf dem Sprung zur 3-Prozentmarke

Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe ist wohl der wichtigste Zinssatz am Kapitalmarkt, weil diese als Benchmark für viele Verbraucherkredite gilt, in einem Land, in dem die Gesamtverschuldung – Staat, Unternehmen und Konsumenten – immerhin schon die 88-Billionen-Dollargrenze überschritten hat.

Dieser wichtige Kapitalmarktzins näherte sich am gestrigen Tag mit 2,96 Prozent schon der Marke von drei Prozent, was künftig eine Rolle spielen muss, weil sehr viele Konsumentenkredite unmittelbar daran gekoppelt sind. Darunter auch die Kreditkartenzinsen, die hierzulande manchmal schon den Tatbestand des nicht mehr existenten „Wucher-Paragraphen“ erfüllen würden. Aber auch die so bedeutsamen Zinsen am Hypothekenmarkt haben die Fünf-Prozentmarke schon deutlich überschritten, nach 2,65 Prozent von zu Jahresbeginn.

Noch steigen die „Housing Starts“, wie die Zahlen für den Monat März gezeigt haben. Torschlusspanik, bevor man sich eine Immobilie nicht mehr leisten kann?

Die Aktienmärkte unter „Führung“ des S&P 500 hat dies gestern nicht gestört: man ist überrascht von der bisher recht gut verlaufenden Berichtssaison, der Pessimismus war sehr groß – wieder einmal ein temporärer Short Squeeze, technisch bedingt? Allerdings war das noch vor den Zahlen von Netflix.

Aber die Kredit-Zinsen machen sich auch am Aktienmarkt bemerkbar – und zwar indirekt über die Beleihung der Wertpapierdepots.

S&P 500: Wertpapierkredite sinken im März um 4,3 Prozent

Es ist zwar kein unmittelbarer Timing-Indikator, aber die Vergangenheit hat es gezeigt: Wenn sich beim sogenannten Margin Debt eine signifikante Umkehr ergeben hatte, folgte nicht lange darauf der Aktienmarkt mit seinem Leitindex S&P 500.

Von der im Oktober 2021 erreichten Spitze von 935 Milliarden Dollar an Wertpapierkrediten ging es schon ein gehöriges Stück nach unten, auf knapp 800 Milliarden Dollar, ein Minus von 4,3 Prozent, alleine im März.

Die Grafik von Advisor Perspectives zeigt einen gewissen Gleichlauf von Margin Debt und dem S&P 500, ein wenig zeitlich versetzt:

Margin Debt und S&P 500 - Zinsen als Problem?

Je steiler der Anstieg, desto heftiger die Reaktion, das typische Verlaufsmuster bei exponentiellen Anstiegen. Dabei waren die Kursrückgänge beim S&P 500 mit maximal 13 Prozent zu Beginn des Ukrainekriegs noch vergleichsweise moderat. Bei größeren Kursrückgängen kommt es regelmäßig zum Margin Call, der Nachschussverpflichtung bei der Beleihung – was zwangsläufig Verkäufe fallende Kurse beim S&P 500 und anderen US-Indizes nach sich zieht. Die berüchtigte Lawine, die sich dann in Gang setzt – eine finanzmathematische Folge durch die Hebelwirkung bei beliehenen Depots.

Invers dargestellt, wird die Abhängigkeit von Aktienmarkt und Beleihung noch deutlicher:

Margin Debt invers zum S&P 500

Fazit

Derzeit ist angesichts der heftigen Inflation große Hektik vonseiten der US-Notenbank zu verspüren. Man überschlägt sich mit der Ankündigung der Schritte zur monetären Geldstraffung, inzwischen wird durch Fed-Offizielle (Bullard) schon von einem möglichen 0,75 Prozentschritt gesprochen. Der Leitzins soll noch in diesem Jahr, welches nur noch acht Monate währt, auf über drei Prozent angehoben werden.

Bevor diese Schritte auch nur begonnen werden können, ist der Zinssatz der 10-Jährigen schon kurz vor dieser Marke (2,96 Prozent) angekommen. Der US-Notenbank schwant wohl, trotz anders lautender Beteuerungen, dass die Gefahr einer Rezession für die US-Wirtschaft trotz überaus festem Arbeitsmarkt und hoher Konsumausgaben gar nicht so abwegig ist.

Man ist in Sachen Inflation weit „hinter der Kurve“ und hat kaum eine Chance vor dieselbige zu kommen. Deshalb diese Hektik, nicht nur aus psychologischen Gründen? Hat denn nicht fast jeder Zinsanhebungszyklus in den letzten Jahrzehnten in den USA zu einer Wirtschaftsschrumpfung geführt und hat man anschließend nicht stets die Leitzinsen zur Ankurbelung der Wirtschaft senken können? Und heute, bei den immer noch fast an der Nulllinie klebenden Fed Funds Rates?

Die Kapitalmärkte sind schon sehr viel weiter und nun zeitigt der Anstieg der Zinsen bereits deutliche Auswirkungen auf die Wertpapierkredite auf den S&P 500. Was der Federal Reserve sicherlich nicht ungelegen kommt, weil der starke Anstieg des US-Aktienmarktes die Inflation mit befeuert hat. Aber eine stagnierende Wirtschaft und ein Einbruch der Indizes, in Koinzidenz, eine schwierige Gemengelage.

„Wer zu spät kommt“, könnte man für die Fed formulieren, in Anlehnung an ein bekanntes Zitat – „den bestraft der Kapitalmarkt.“



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3 Kommentare

  1. Pingback: Wissenwertes vom 20.04.2022 | das-bewegt-die-welt.de

  2. Danke Herr Müller, hervorragende Recherche :) :)

  3. Viele halten den Peak des Margin Debt für einen der besten Indikatoren eines kommenden Bärenmarkt…

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