Die Rally des S&P 500 hat sich jüngst beschleunigt, sodass dem Leitindex im heutigen Handel ein neues Rekordhoch prognostiziert wird. Obwohl der Index seinen Höchststand vom 19. Februar vorbörslich bereits überwunden hat, könnte er schon bald ins Wanken geraten. Er steht kurz vor einem entscheidenden Belastungstest: Die bevorstehende Gewinnsaison könnte zum Wendepunkt werden. Das Fundament der jüngsten Rally wird nämlich brüchig, während schwächelnde Unternehmensgewinne und Zölle die Aussichten eintrüben. Steht nach dem Rekordlauf eine größere Korrektur bevor?
S&P 500: Erst Rekordhoch, dann Korrektur?
Laut einem Bericht von Bloomberg steht die Rallye des S&P 500 vor einem entscheidenden Test, da der Gewinnmotor der Unternehmen ins Stottern geraten ist. Der S&P-500-Index steht zwar an der Schwelle zu einem Rekordhoch, doch mit der in wenigen Wochen beginnenden Berichtssaison wird das Fundament der Rally auf eine harte Probe gestellt.
Angesichts der nach wie vor besorgniserregenden Zölle rechnet die Wall Street laut den von Bloomberg Intelligence zusammengestellten Daten für das zweite Quartal mit einem Gewinnwachstum von 2,8 % im Vergleich zum Vorjahr. Das wäre der geringste Anstieg seit zwei Jahren. Hinzu kommt, dass nur für sechs der elf Sektoren des S&P 500 ein Gewinnanstieg prognostiziert wird, so wenig wie seit dem ersten Quartal 2023 nicht mehr, wie aus den von Yardeni Research zusammengestellten Schätzungen hervorgeht.
Die schwachen Prognosen verstärken die Warnzeichen hinsichtlich der Nachhaltigkeit der aktuellen Rally an den Aktienmärkte. Einige Marktbeobachter warnen, dass die Bewertungen zu hoch erscheinen und der S&P 500 einen Gewinnboom oder drastische Zinssenkungen der Federal Reserve bräuchte, um die aktuellen Niveaus zu rechtfertigen. Technische Analysten sind derweil der Ansicht, dass der Index in den kommenden Wochen in eine Korrektur übergehen könnte, wenn sich nicht weitere Sektoren der Rally anschließen.
„Es gibt definitiv ein Risiko für die Aktienmarktrallye”, sagte Sarah Hunt, Chefmarktstrategin und Partnerin bei Alpine Woods Capital Investors. „Die Erträge sind ein wichtiger Treiber für den Aktienmarkt, und eine der größten Fragen ist jetzt, ob die Verschlechterung in einigen Sektoren schlimmer sein wird als die Beschleunigung in anderen Sektoren.“

Zölle bleiben ein Risikofaktor
Die potenziellen Auswirkungen der weltweiten Zölle sind ein wichtiger Grund dafür, dass die Schätzungen für die Mitte Juli beginnende Gewinnsaison so düster ausfallen. Die Unternehmen geben bereits erste Warnungen ab: So erklärte FedEx Anfang dieser Woche, dass der Gewinn in diesem Quartal schlechter ausfallen werde als erwartet. Eine Prognose für den Rest des Jahres wollte das Unternehmen nicht abgeben und berief sich dabei auf ein „unsicheres globales Nachfrageumfeld“. General Mills schloss sich dieser Besorgnis an und prognostizierte einen niedrigeren bereinigten Gewinn.
Wertorientierte Verbraucher fühlen sich durch Zölle, Konflikte weltweit und sich ändernde Vorschriften unter Druck gesetzt. Sollte Donald Trump die am 9. Juli auslaufende Frist für die Verschiebung der reziproken Zölle nicht noch einmal verlängern oder ganz auf Zollerhöhungen verzichten, könnten weitere Warnungen folgen. Dies dürfte den S&P 500 dann erneut unter Druck bringen.
Analysten gehen davon aus, dass der Energiesektor im zweiten Quartal den stärksten Gewinnrückgang verzeichnen wird. Ein Rückgang um 25,5 % im Vergleich zum Vorjahr wird erwartet, so die von Yardeni Research zusammengestellten Daten. Zum ersten Mal seit zehn Quartalen wird für den Konsumgütersektor, der sich aus Unternehmen zusammensetzt, deren Waren oder Dienstleistungen die Menschen mit ihrem verfügbaren Einkommen kaufen, kein Gewinnwachstum erwartet.
Die Wirtschaft und der Verbraucher kühlen ab
„Der Verbraucher kühlt sich im Großen und Ganzen ab, da sich der Arbeitsmarkt abschwächt, die Zollunsicherheit zunimmt und die letzten Atemzüge des Booms der Ausgaben nach der Corona-Pandemie abklingen“, schrieb Ross Mayfield, Investmentstratege bei Baird.
Ed Yardeni, Präsident von Yardeni Research, ist jedoch der Meinung, dass die Analysten mit ihren Schätzungen für die bevorstehende Gewinnsaison zu konservativ sind. „Tatsächlich haben sie in den letzten Wochen aufgehört, ihre Schätzungen zu senken, und es würde mich nicht überraschen, wenn sie nun anfangen, sie anzuheben“, so Yardeni. „Sie werden bereits optimistischer für 2026.“
Sam Stovall, Chefanlagestratege bei CFRA, fügt hinzu, dass die Unternehmen die Erwartungen gut gemanagt haben, was bedeuten könnte, dass eine gewisse Ertragsschwäche bereits eingepreist ist.
Dennoch könnten selbst gute Quartalszahlen nicht ausreichen, um die Sorgen über die Zollunsicherheit zu kompensieren. Trotz besser als erwarteter Ergebnisse im ersten Quartal haben Unternehmen in den USA – und sogar in Europa und China – ihre Prognosen für das Jahr zurückgenommen oder einen düsteren Ausblick gegeben. Dabei führten sie steigende Kosten, eine schwache Verbraucherstimmung und ein mangelndes Geschäftsvertrauen aufgrund der Handelsspannungen an.
Anleger und Unternehmen im Blindflug
Eine im Juni vom Business Roundtable unter 169 CEOs durchgeführte Umfrage ergab, dass sich die Erwartungen und Pläne für die nächsten sechs Monate nach unten verschoben haben, da sich der Staub über die Zölle noch nicht gelegt hat. Die Bedenken der Anleger werden sich möglicherweise erst dann zerstreuen, wenn die Unternehmen Einzelheiten darüber bekannt geben, wie sie mit den handelsbezogenen Turbulenzen im April und Mai umgegangen sind.“
„Die Unternehmen sind sich immer noch nicht über die Auswirkungen der Zölle im Klaren. Immer mehr Firmen haben ihren Ausblick für 2025 nach unten korrigiert, da es für sie schwierig ist, die Auswirkungen auf die Kosten zu erkennen. Das könnte ihre Margen beeinträchtigen“, sagte Wendy Soong, Datenanalystin für Aktienstrategien bei Bloomberg Intelligence. Die Rally des S&P 500 befindet sich daher im Blindflug. Erst die kommende Berichtssaison und Trumps Entscheidung über die Zölle könnten mehr Klarheit liefern.
FMW/Bloomberg
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