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Gefangen im Strudel von Inflation, Rezession und Zinsangst S&P 500 und Dax: Keine Bescherung für Börsianer

Bescherung S&P 500 und Dax

Der Herbst 2022 ist vorüber und er brachte eine wahre Achterbahn für die Leitindizes S&P 500 und Dax 40. Nach dem großen September-Einbruch mit über neun Prozent minus beim Weltleitindex (- 9,34 %), folgten zwei phänomenale Herbstmonate mit plus 7,99 und 5,34 Prozent, ehe dann der Dezember mit einem Einbruch von 6,4 Prozent den zweitschlechtesten Einstieg in die sogenannte „Santa-Season“ brachte. Getoppt nur von der Periode im Zusammenhang mit dem Kommunikationsgau Jerome Powells im Jahre 2018, Stichwort Bilanzreduzierung auf Autopilot.

Selbiges ist natürlich auch für unseren Dax 40 festzustellen, der nach seiner 21 Prozent-Rally, oder 2700 Punkten, eine deutliche Korrektur vollzogen hat.

Aber: Neben der fast schon zwangsläufigen Korrektur bei 20 Prozent Kursanstieg inmitten eines Zinsstraffungszyklus sind es natürlich die Notenbanken, denen eine Rally bei Aktien und Anleihen ihrem Kampf gegen die Inflation zuwiderläuft. Weil die „Financial Conditions“ laxer und sich damit der Rückgang der Inflation erheblich verzögern würde. Die Märkte wetten gegen die Notenbanken, aufgrund der konjunkturellen Langzeitwirkungen, die Notenbanken schießen verbal zurück. Jede neue Wirtschaftszahl wird auf ihre Relevanz in Richtung Zinswende (Pivot) auslegt, das Ergebnis ist ein ständiges Wechselbad der Gefühle – und eine etwas chaotische Adventszeit.

Zunächst ein Rückblick auf die Vorweihnachtswoche an der Börse.

S&P 500 und Dax: Weiter in der volatilen Seitwärts-Abwärts-Bewegung

Im Kursverkauf des S&P 500 sieht man die große Unsicherheit der Investoren. Auf der einen Seite weiß man um die Verlässlichkeit einer Rally zum Jahresende, die Zwänge von Großinvestoren, aber gleichzeitig schwingen die Notenbanken mit der Zinskeule. Ob die USA (Powell), die EU (Lagarde) oder zuletzt Japan (Kuroda): man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein stärkerer Kursanstieg an den Börsen nicht im Interesse der sogenannten Hüter des Geldes ist. Auch wenn der Gesamtmarkt in den USA schon ein Viertel seines Wertes von zu Jahresbeginn verloren haben dürfte, umgerechnet über 12 Billionen Dollar. Der Kursverlauf des Weltleitindex zeigt einen Verlauf voller Unsicherheit mit Tendenz seitwärts, abwärts:

Zweiwochenchart S&P 500 und Dax

Am Freitag vor den Feiertagen gab es eine kleine Beruhigung, von Santa-Claus-Rally noch keine Spur. Die Wochenschlusskurse:

Dow Jones: plus 0,54 Prozent auf 33.204 Punkte

S&P 500: plus 0,59 Prozent auf 3844 Punkte

Russell 2000: plus 0,39 Prozent auf 1760 Punkte

Dax 40: plus 0,19 Prozent auf 13.941 Punkte (Xetra-Schluss)

Volatilitätsindex VIX: minus 5,01 Prozent auf 20,87 Punkte

10-jährige US-Staatsanleihe mit einer Tagesveränderung von 3,67 auf 3,751 Prozent

Der Dax 40, mit erstaunlicher Stabilität

Seit Monaten wurde Deutschland als großer Verlierer der jetzigen Energiekrise ausgemacht, eine Rezession mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostiziert. Aber anscheinend entwickelt sich die Lage doch etwas anders, ob Ifo-Institut, Bundesbank oder andere Wirtschaftsinstitute, man revidiert die so „sichere“ Wirtschaftsschrumpfung im Winter nach unten. Außerdem symbolisiert der deutsche Leitindex nicht die deutsche Wirtschaft, seine Gewinne werden stark im Ausland eingefahren.

Ein Grund für diese Stabilität des deutschen Leitindex? Während der große S&P 500 seit Tagen mit dem Eintritt in den Bärenmarkt (minus 20 Prozent) kämpft, liegt das Minus beim Dax nur bei gut 14 Prozent minus.

Die verwirrenden Wirtschaftsdaten

Da mache sich einer einen Reim daraus: Auf der einen Seite zeigen Indikatoren wie die inversen Zinskurven oder auch die Einkaufsmanagerindizes ganz klare Anzeichen einer kommenden Rezession. Dann melden die offiziellen Stellen plötzlich ein höheres Wirtschaftswachstum im dritten Quartal mit 3,2 Prozent, das Verbrauchervertrauen erholt sich und selbst am taumelnden US-Häusermarkt gibt es plötzlich einen Anstieg von 5,8 Prozent bei den Verkäufen neuer Häuser.

Die Inflationsdaten (PCE-Kerninflation) zeigen im Dezember (noch) keine übermäßige Abkühlung, auch am offiziellen Arbeitsmarkt sind trotz einiger Entlassungswellen im Hightech-Sektor noch keine deutlichen Schwächeanzeichen zu erkennen. Zusammen mit den hawkishen Notenbank-Äußerungen heißt dies für den weiteren Verlauf bei S&P 500 und Dax: Vorsicht! Das ist erkennbar an den stark gestiegen Zinsen am langen Ende. Die Investoren in dem sehr beliebten ETF auf den 20+yr Bond dürften es registriert haben. Was denn nun? Kommt eine Rezession oder nicht oder deutlich später? Auf die Aussagen der Notenbanken würde ich mich nicht verlassen, wenn man sich nur die Dot Plots (Zineserwartung der Fed-Mitglieder) der letzten Jahre betrachtet, oder auch nur das Jahr 2022.

Was heißt hier eigentlich, die Märkte hätten die Entschlossenheit der Fed zur Bekämpfung der Inflation ignoriert? Diese wusste doch im Frühjahr/Sommer selbst noch nicht, wohin die Zins-Reise führen wird.

2022: Das Ende von TINA, die Auferstehung von TARA

Warum es im Jahr 2022 so heftig sowohl für den S&P 500 als auch für den Dax nach unten ging, ist am folgenden Langzeitchart von Zinsen und Inflation sehr schön erkennbar. Nach über 40 Jahren fallender Zinsen hatten die Staaten und Notenbanken mit ihrer Geldflut aus Rettungspaketen und „Quantitative Easing“ die Inflation in die Höhe getrieben. Die Zeit des billigen Geldes war vorbei, die Kapitalmarktzinsen stiegen bereits deutlich vor den ersten Zinsanhebungen, es gab plötzlich eine Alternative zu Aktien.

Denn nun stellte sich plötzlich die Frage der Neubewertung von Aktien zu Anleihen (TARA von Goldman Sachs – There are Reasonable Alternatives). Während das KGV von Anleihen in Gestalt der 10-jährigen US-Staatsanleihe im Sommer 2020 bei fast 200 lag, bei einer Rendite von 0,52 Prozent für die Benchmark, fiel der Maßstab des Kurs/Gewinnverhältnisses im Jahr 2022 beim Anstieg der Kapitalmarktzinsen auf vier Prozent bis auf 25. Das KGV von Aktien lag Anfang 2022 bei über 25, im Techsektor noch weit höher. Selbst bei einer seitwärts verlaufenden Konjunktur musste an den Märkten eine Neubewertung stattfinden.

Hier das Big Picture von Zinsen und Inflation:

Langzeitchart Zinsen und Inflation Dax und S&P 500

Damit gerieten – und geraten – aktuell stets die Werte im Techsektor Nasdaq, aber auch im S&P 500 weiter unter Wasser, wenn die Kapitalmarktzinsen steigen. Denn Gewinne haben bei Wachstumswerten eine andere Gewichtung, wenn die Zinsen nach oben gehen. Diese werden in der Zukunft anhand des Zinsniveaus abdiskontiert, wie man so schön formuliert.

Natürlich mussten bei einer solchen Zinswende auch die Anleihen gewaltig in die Knie gehen, da deren Kurse bei steigenden Renditen spiegelbildlich fallen. Somit wurde das noch laufende Jahr zur schlechtesten Anlageperiode für die so beliebten 60/40 Portfolios nach 2008 – gemeinsam fielen die Kurse von Aktien und Anleihen.

Bilello Worst 60-40 Returns

Aus übergeordneter Sicht ist der monetäre Klimawandel der Notenbanken der Hauptverursacher dieser Lage an den Börsen, da steigende Zinsen und eine Reduzierung der Notenbankbilanz den Märkten das Schmiermittel entzieht, auf das sie so angewiesen sind: die Liquidität.

Die Frage nach dem US-Zinsgipfel

Das ist die Frage aller Fragen! Es ist ein Ende der Zinsanhebungen in Sicht, ob nun bereits Anfang Februar oder erst Ende März. Weil dann ein Jahr vergangen ist, nach der ersten Zinsanhebungen, und bis zu diesem Zeitpunkt müssten dann die Wirkungen der Maßnahmen erst so richtig Wirkung zeigen.

Die Märkte glauben daran:

Fed Market Expectations

Es wird auch aus haushaltstechnischer Sicht von nun an immer schwieriger. Präsident Biden hat den sogenannten „Inflation Reduction Act“ in einem Volumen von über 430 Milliarden Dollar aufgelegt. Gleichzeitig beginnen die Zinszahlungen für die alten Staatsschulden von 30 Billionen Dollar nach oben zu schießen.

Interest Expenses US Debt

2023: Wirklich ein neuer Einbruch für Dax und S&P 500 im Winter?

Es herrscht in der Investmentszene eine unglaubliche Einigkeit darüber, dass es in den nächsten Wochen/Monaten zu einem nochmaligen Tief in den Aktienindizes kommen müsse. Eine unausweichliche Rezession, die Bewertungsfrage, all dies wurde schon seit Wochen in vielen Wirtschaftsmedien kommuniziert.

Aber warum fallen die Kurse dann nicht bei einer so offensichtlichen Tatsache? Das Großkapital von Morgan Stanley, Goldman Sachs oder BlackRock wartet doch nicht auf die fundamentale Bestätigung, um dann kollektiv durch eine „enge Tür“ ins Freie zu strömen. Hat man sich nicht schon darauf vorbereitet? Durch erhöhte Cashquoten, starke Put-Absicherungen oder aber auch durch eine reduzierte Kreditaufnahmen bei den Privaten.

Hier ein paar Übersichten dazu:

Die immer noch hohe Cashquote von Big Money (zuletzt 5,9 Prozent), die bereits starken Ausflüsse aus Aktien,

Survey Largest Outflows from Equities Dax und S&P 500

Hinzu kommt die große Unterpositionierung von Big Money in Aktien:

Tweet Roberts Stocks to Bonds Positioning

Die Privatanleger hingegen haben ihren Risikoappetit verloren, wie der letzte Margin Debt Report (Kreditaufnahme der Privatdepots) zeigt.

Aber was ein großes Fragezeichen aufwirft. Was passiert eigentlich gerade am Optionsmarkt? Müssen diese Put-Optionen nicht irgendwann eingedeckt werden, mit den üblichen Folgen, ausgelöst durch die Market Maker?

Tweet Financelot Put-Call Ratio

So sehr man analysiert, gewichtet, auswertet: Es herrscht eine überbordende Unsicherheit, selten waren die Aussichten für ein neues Börsenjahr  widersprüchlicher.

Wann wird sich dies bei Dax und S&P 500 umsetzen?

Fazit

Übergeordnet bleibt für die nächste Zeit – egal, welche Periode man auch betrachtet – die Notenbank als großer Wal am Markt. Denn es besteht nunmal eine fast lineare Beziehung zwischen der Liquidität an den Märkten und der langfristigen Marktbewegung der Indizes. Wie am Tweet von Holger Tschäpitz mit der Übersicht zwischen der Relation von S&P 500 und „Global Liquidity“ erkennbar:

Tweet Tschäpitz Global Liquidity S&P 500 und Dax

Deshalb auch die großen Irritationen im Dezember 2022, mit den vielen Kursschwankungen und den heftigen Korrekturen, anstelle der üblichen Jahresendrally. Es waren vor allem die Drohungen von Jerome Powell und Christine Lagarde, dem Markt auch weiter Liquidität entziehen zu wollen. Über weitere Zinsanhebungen und einer Verringerung der Notenbankbilanz.

Aber die wichtigste Notenbank der Welt, die Federal Reserve, ist auch eine Getriebene der Märkte: Zunächst von der Inflation, aber auch von der Entwicklung der Wirtschaft in den USA, wie auch global. Es bleibt damit kurz- aber besonders mittelfristig bei der Situation, dass die US-Notenbank bei einer Gesamtverschuldung der USA von fast 94 Billionen Dollar sofort ihren hawkishen Tonfall ändern wird, wenn sich deutliche Signale vom Inflationsrückgang, beim Anstieg der Arbeitslosigkeit oder fast noch wichtiger beim Rückgang des US-Konsums zeigen sollten.

Eben wegen des zigfach zitierten 70 Prozent-Anteils am US-Bruttoinlandsprodukt. Dies dürfte es sich als dritter bedeutender Faktor neben dem gesetzlichen Mandat der Fed – Preisstabilität und Vollbeschäftigung – als entscheidende Größe erweisen. Aber wann wird sich dies bemerkbar machen? Der US-Konsument ist ein großes Rätsel. Shoppen, was geht, auch wenn man dabei die Sparrate in Richtung zwei Prozent, die Kreditraten auf neue Höchststände (seit 2011) treiben muss, dabei ignorierend, dass es bald auf den 21. Monat hinausläuft, in dem die Realeinkommen durch Inflation und nicht adäquate Lohnsteigerungen sinken. Wie lange kann das noch gutgehen?

Dax und S&P 500 haben noch vier Handelstage bis zum Jahresultimo, bei geringer Liquidität. Und dies am Ende eines Börsenjahres, welches in seiner Anomalie (Baisse von Akten und Anleihen) in Erinnerung bleiben wird. Nicht ungefährlich, in beiden Richtungen, sollte es noch Bedarf für ein Rebalancing von größeren Portfolios geben.

Die allermeisten werden aber im Urlaub sein, froh darüber, dass ein Anlagejahr vorüber ist, in dem es keinen „Safe Haven“ gab, in dem man sich hätte zurückziehen können.

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5 Kommentare

  1. ihnen vielen Dank für die tollen Arbeit.
    ihnen frohe Tage ihnen für 2023 alles Gute. ich freue mich auf ihre Beiträge

    1. @Peter. Danke für Ihre Wertschätzung, ihnen ebenso ein gutes und von Gesundheit geprägtes Jahr 2023.
      Viele Grüße

  2. ????????Selbstbetrug????
    70% Konsum, Überschuldung?
    USA ist das Alte Rom.
    Sehet unser Rom an. Unsere Paläste. Unser Leben in Saus und Braus. Erst wird gekauft. Alles aber auch alles. Später wird vielleicht bezahlt.
    Wir arbeiten dafür und drehen uns im Hamsterrad.
    Trotzdem brauchen wir dazu den Rest der Welt.
    Verstehen Sie mich richtig, wir sind die Welt, das andere ist der Rest.
    Was glauben Sie warum wir so ein Millitärbudget haben?
    Ach ja, wird durch Sie finanziert, Staatsanleihen hä hä hä.
    Gez. Senator Spiritus Spinitus.
    Wie ein Schwarzes Loch….
    ………….

  3. Übrigens………..
    Ja ich kaufe Dollares.
    Im wahrsten worte der Sicherste Hafen.
    verstehen sie. sicherste Hafen. 12 Flugzeugträger, 50 Zerstörer, Fregatten atom uboote, sicherer geht nicht

  4. Auch interessant. Video von Marc Friedrich mit Felix Zulauf. Zeitenwende, Aktien kaufen und liegenlassen kann man vergessen.

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