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Erinnerungen an das Jahr 2018 S&P 500: Gebeutelt vom Anstieg der Kapitalmarktzinsen

Es war kein erfreuliches Jahr für den S&P 500. Blicken wir auf die Ereignisse des Börsenjahres und schauen auch nach vorne.

New York

Läuft es jetzt nicht gerade im Sinne der US-Notenbank? Die großen US-Indizes S&P 500 und Nasdaq verlieren an Marktkapitalisierung, die Marktzinsen steigen wieder – sprich die Financial Conditions haben sich in kurzer Zeit wieder deutlich verschärft. Damit gerät die Bilanz der so verbreiteten 60/40-Depots (Aktien und Anleihen) von Pensionskassen, Versicherungen und Mischfonds für das Anlagejahr 2022 weiter unter Wasser. Es werden Erinnerungen wach an das Jahr 2018, als die US-Notenbank durch eine überaus hawkishe Kommunikation (Bilanzreduzierung auf Autopilot) die Märkte geschockt hatte. Nur dass aktuell global weitere Notenbanken die Geldpolitik sukzessive verschärfen (siehe Japan) – die Inflationsentwicklung bringt die Geldpolitiker nach wie vor unter Druck. Befindet sich der Dezember 2022 auf den Spuren von 2018?

S&P 500: Der Kampf um den Bärenmarkt

So ging der marktbreite S&P 500 in die Weihnachtsfeiertage, knapp gehalten vor der eigentlich willkürlichen, aber doch sehr beachteten Schwelle zum Eintritt in den Bärenmarkt (minus 20 Prozent). Der gestrige Handelstag mit seinem Minus von 0,54 Prozent setzte den Kampf um diese Unterstützung fort.

S&P 500 Chart

Noch extremer als im S&P 500 ist die Lage beim Nasdaq 100. Dieser nähert sich bereits wieder seinen Jahrestiefs, die Jahresverluste betragen in etwa 35 Prozent. Sehen wir noch die Kurse des Vor-Corona-Hochs bei 9.800 Punkten?

Nasdaq Chart

Es trifft die ganz großen Dickschiffe der letzten Jahre, deren Kursverluste beständig auf die Indizes drücken. Wer hätte eine solche Kursentwicklung zu Jahresbeginn erwartet? Im Schnitt eine Halbierung der Marktkapitalisierung, dabei fehlt hier noch der neue Leader im Ranking – Tesla. Hierzu gleich mehr.

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Kapitalmarktzinsen steigen, Tech-Aktien taumeln

Es begann erneut Mitte Dezember, als die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe plötzlich wieder stärker zu steigen begann, von 3,45 Prozent auf zuletzt 3,85 Prozent. Die stark von dieser Benchmark abhängigen Tech-Werte gerieten wieder einmal stark unter Druck. Wie ARK Innovation von Cathie Wood mit nochmals über 15 Prozent minus oder auch der Sammelindex VanEck Semiconductor mit seinem Einbruch von über 12 Prozent. Zuerst herrschte Chip-Mangel, jetzt wurde daraus ein Chip-Überschuss.

Aber übergeordnet ist es unverkennbar: Die Welt hängt an der Entwicklung der Dollarzinsen. In vielen Ländern stiegen die Kapitalmarktzinsen, auch in Deutschland mit dem Sprung der 10-yr Bund auf 2,51 Prozent. Erst recht in den südlichen Mitgliedsstaaten der EU. Will man nicht in nächster Zeit große Schuldenpakete auf den Anleihemarkt bringen, zur Bewältigung der Energiekrise und für den energetischen Umbau? Jetzt hat auch noch China eingelenkt mit seiner untragbaren Zero-Covid-Politik, der Markt spekuliert auf eine Erholung der chinesischen Wirtschaft.

Tesla in Trouble

Die Erfolgsstory von Tesla gerät in ernsthafte Probleme. Gestern gab es einen erneuten Abverkauf in Höhe von weiteren 11 Prozent auf 109 Dollar. Von einst 1,2 Billionen Dollar Marktkapitalisierung sind noch 345 Milliarden Dollar verblieben, was für ein Absturz binnen eines einzigen Jahres! Damit liegt der große Nasdaq-Highflyer in seinem Börsenwert bereits hinter JP Morgan oder Walmart. Cathie Wood hatte zuletzt noch weiter Tesla gekauft.

69 Prozent minus in 2022, 72 Prozent unter dem Allzeithoch vom November 2021, aber vor allem 50 Prozent Verlust seit der Übernahme von Twitter. Elon Musk hat sich übernommen, finanziell, aber auch arbeitstechnisch – für einen Workaholic, der sich schon vorher mit seinen 80 Stunden-Arbeitswochen gerühmt hatte. Tesla befindet sich zweifelsohne in Schwierigkeiten, verstärkt durch die Meldung, dass die Autoproduktion im großen Werk in Shanghai im Dezember und Januar stillstehen soll.

Aber gibt es derzeit nicht ein Problem für die ganze Sparte von Electro Vehicles? Vermutlich, wenn man die Kursentwicklung der Konkurrenten in der letzten Woche betrachtet: Nio, minus 9,29 Prozent – Lucid Group, minus 14,25 Prozent – Rivian, minus 17,1 Prozent.

Phänomen: US-Konsumenten sind scheinbar unverwüstlich

Auch wenn die Kaufkraft des US-Verbrauchers weiter zurückgeht, ersichtlich an 20 Monaten in Folge mit fallenden Realeinkommen: Dies wird immer noch kompensiert mit der Senkung der Sparrate und der Anhebung der Kreditkartenschulden. Anscheinend gibt es aber immer noch Überschüsse auf den Geldkonten der Amerikaner, resultierend aus den Helikopterschecks der Jahre 2020/2021, in Verbindung mit einer Arbeitslosenunterstützung, die vielerorts üppiger ausgefallen war, als die Betroffenen mit ihrer vorherigen Arbeit als Gehalt erzielen konnten. Was für ein großer Fehler der US-Administration, der letztendlich mitverantwortlich ist für Verzerrungen am Arbeitsmarkt, aber auch für das Thema Inflation als Ganzes.

Jedenfalls werden die letzten Daten der großen US-Kreditkartenfirma Mastercard der Fed nicht gefallen. In ihrem Betreben durch die Zinsanhebungen die Nachfrage zu dämpfen, um die Inflation zu bekämpfen. Die so wichtigen „Holiday Retail Sales“ waren nach den Firmendaten um 7,6 Prozent gestiegen: Plus 6,8 Prozent in den Geschäften und plus 10,8 Prozent im Online-Handel. Ein zweischneidiges Schwert. Damit dürfte die 70 Prozent Konsumökonomie auch im vierten Quartal nicht geschrumpft sein, aber damit bekommt die Fed auch von dieser Seite (noch) keinen Grund von ihrer straffen Haltung in der Geldpolitik abzuweichen.

Fazit

Es bleibt dennoch bei der Frage: Kann die US-Notenbank tatsächlich innerhalb von 12 Monaten die Zinsen um 500 Basispunkte anheben (Februar und März 2023 inklusive), ohne die Konjunktur ernsthaft zu beschädigen? Kurzfristig bestätigt sich die Regel, dass in Baisse-Jahren das saisonal übliche Muster mit einem starken Jahresende im S&P 500 nicht zutreffen muss. 2018 hatten die Kursverluste noch zu einem Umschwenken der Fed bei ihrer monetären Straffung geführt, derzeit ist dies noch nicht in Sicht. Aber es dürfte doch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es zumindest zur Zinspause kommt. Wegen der Entspannung bei den Inflationsdaten (der Basiseffekt zieht gewaltig an), wegen der neuesten US-Hausdaten (Case-Shiller-Index), aber vor allem wegen der weiter fallenden Vermögenspreise. Und das in einem Land mit so vielen Aktionären, deren Versorgung auch am Funktionieren der 60/40-Depots abhängig ist. Nach den absolut größten Verlusten in einem Jahr ever, aber nur, weil die Kurse nach dem Jahrzehnt mit Quantitative Easing so stark gestiegen waren. Und in den USA stehen sie immer noch fast 150 Prozent höher als vor der großen Finanzkrise.

S&P 500 Vergleich mit anderen Indizes Chart von Advisor Perspectives.

Die mehrfach beschriebene „Reversion to the Mean“ eben. Wann kommt der Boden im S&P 500? Sicherlich wenn der große Wal am Markt (die Fed) umsteuert, aber viele (Short-positionierte) Investoren werden darauf hoffen, dass jenes eintritt, was ein US-Charttechniker gestern zum Besten gab: „Have yet to see full capitulation!“



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1 Kommentar

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