Die Wette auf KI hat die US-Aktienmärkte in den vergangenen drei Jahren dominiert wie kaum ein anderes Thema. Vor allem die „Magnificent Seven“ – angeführt von Nvidia, Microsoft und Apple – trieben den S&P 500 mit einem Kursplus von rund 78 % nach oben. Doch die Stimmung kippt: Immer mehr Investoren wetten darauf, dass diese Phase der extremen Konzentration vor dem Ende steht. Hintergrund sind wachsende Zweifel, ob KI kurzfristig jene tiefgreifenden Umwälzungen in der US-Wirtschaft auslösen kann, die die hohen Bewertungen und massiven Investitionen rechtfertigen würden. Aus Euphorie wird Nervosität – und aus einem fast monolithischen Trade ein selektiverer Blick auf neue Chancen.
Ed Yardeni, Präsident und Chefstratege von Yardeni Research, beschreibt diese Entwicklung als psychologischen Wendepunkt: „Ich nenne das ‚KI-Müdigkeit‘“, sagt er. „Ich bin es leid – und ich vermute, viele andere sind inzwischen ebenfalls vorsichtig, was das ganze KI-Thema angeht.“ Gemeint ist nicht das Ende der Technologie, sondern das Ende der bedingungslosen Kaufbereitschaft. Anleger beginnen, wieder stärker auf Fundamentaldaten zu achten und rücken jene Unternehmen in den Fokus, die von einer breiteren Konjunkturerholung profitieren könnten – also die „anderen“ 493 Mitglieder im US-Leitindex jenseits der Tech-Schwergewichte. Der Blick weitet sich damit vom S&P 500 als Ganzem auf den S&P 493, der lange nur als Randnotiz galt.
S&P 500: Rotation raus aus Magnificent Seven
Diese Verschiebung an den Aktienmärkten ist bereits in den Daten sichtbar: Seit das Rekordhoch des S&P 500 Ende Oktober in einen Rücksetzer im November überging, zieht Kapital aus den dominierenden Tech-Titeln ab. Bloomberg’s Index für die Magnificent Seven fiel seit dem 29. Oktober bis zum Handelsschluss am Montag um 2%, während der S&P 493 im gleichen Zeitraum um 1,8% zulegen konnte. Marktteilnehmer schichteten aus teuren Momentum-Werten in defensivere und günstiger bewertete Bereiche um – ein klassisches Rotationssignal an den Aktienmärkten.
Auch die ETF-Ströme bestätigen den Trend: Der Defiance Large Cap Ex-Magnificent Seven ETF (Ticker XMAG), der Ende 2024 aufgelegt wurde, verzeichnete bis Jahresende sechs Monate in Folge Zuflüsse. Im Dezember vervierfachten sich die Mittelzuflüsse im Vergleich zum November. Der ETF stieg 2025 um 15%, wobei der Großteil der Gewinne in der zweiten Jahreshälfte anfiel. Für Anleger ist das eine einfache Wette: weniger Klumpenrisiko, mehr Breite – und ein stärkerer Fokus auf Unternehmen, die von Wachstum in der Realwirtschaft profitieren könnten, statt ausschließlich von KI-Narrativen.

Yardeni nennt die Entwicklung des S&P 493 im Jahr 2025 „beeindruckend“. Insbesondere sei bemerkenswert, dass die Gewinnmargen der Unternehmen hoch geblieben seien und nicht „unter Druck geraten“ seien – trotz politischer Unsicherheiten wie der neu geschaffenen Behörde Department of Government Efficiency (DOGE), der Zollagenda von Präsident Donald Trump sowie Anzeichen einer Abschwächung am Arbeitsmarkt. Das Argument lautet: Wenn die Konjunktur wieder anzieht, könnte sich der Performancebeitrag im S&P 500 breiter verteilen.
Risiken beim Führungswechsel
Sollte sich das Wachstum verbessern, könnten zyklische und wachstumsorientierte Sektoren außerhalb der Tech-Elite Rückenwind erhalten: Banken wie JPMorgan oder Bank of America, aber auch Konsumwerte, die von steigender Kauflaune profitieren würden – etwa Nike durch höhere Nachfrage nach Sneakern oder Booking durch mehr Reisebuchungen. Doch die Geschichte mahnt zur Vorsicht: Ein Ende der Dominanz der Magnificent Seven könnte Turbulenzen an den Aktienmärkten auslösen, weil konzentrierte Bullenmärkte selten „sanft“ in die nächste Phase übergehen.
Doug Peta, Chefstratege USA bei BCA Research, formuliert es so: „Das harmloseste Ergebnis für den Bullenmarkt wäre eine friedliche Machtübergabe an eine breite Koalition der anderen 493 S&P-500-Mitglieder.“ Doch er ergänzt: „So entwickeln sich jedoch starke und hoch konzentrierte Bullenmärkte typischerweise nicht.“ Peta verweist auf die Nifty Fifty, deren Boom 1973 endete, sowie auf die Dotcom-Lieblinge 2000. In beiden Fällen gerieten die gesamten Aktienmärkte unter Druck, als die langjährigen Anführer stürzten.
KI-Trade: Letzter Schub möglich
Trotzdem glaubt Peta, dass der KI-Trade noch nicht am Ende ist. Zwar seien Investitionsausgaben potenziell nicht nachhaltig und Bewertungen hoch, doch er hält einen letzten Schub nach oben für möglich. Gleichzeitig werden die Aktienmärkte selektiver: Was früher ein einheitlicher KI-Trade war, sei zerfallen – ehemalige Gewinner wie Oracle litten bereits unter deutlichen Verlusten. Peta macht klar: „Ich glaube nicht, dass das Ende der Vorherrschaft der Magnificent Seven unmittelbar bevorsteht – ich wäre überrascht, wenn sie nicht noch einmal einen letzten Anstieg hinlegen, um ihren Lauf abzuschließen.“ Entscheidend sei jedoch: „Wenn dieser Moment kommt, wird sich neue Führungsstärke vermutlich erst dann herausbilden, nachdem die Aktienmärkte einen spürbaren Bärenmarkt durchlaufen haben.“
Andere Strategen sehen die Kräfteverschiebung ebenfalls näher rücken. Goldman Sachs erwartet, dass die Magnificent Seven 2026 nur noch 46% zum Gewinnwachstum des S&P 500 beitragen, nach 50% im Jahr 2025. Gleichzeitig soll das Gewinnwachstum des S&P 493 auf 9% steigen, nach 7%. Für Value-orientierte Anleger sind das klare Signale: Aktien, die lange hinter den Tech-Schwergewichten zurückblieben, könnten wieder an Attraktivität gewinnen – auch weil die Bewertungsunterschiede innerhalb des Index weiterhin ungewöhnlich groß sind.
Goldman-Stratege Ben Snider schreibt: „Bei einzelnen Sektoren liefern niedrige Bewertungen im Verhältnis sowohl zur Historie als auch zur Profitabilität zusätzliche Argumente zugunsten des Gesundheitswesens. Hier empfehlen wir eine Übergewichtung – ebenso wie bei Materialien, Konsumgütern und Software sowie Dienstleistungen.“ Damit rückt eine neue Phase in Reichweite: KI bleibt ein Megathema – aber die Aktienmärkte könnten im S&P 500 wieder stärker nach Breite, Bewertung und konjunktursensiblen Gewinnern suchen.
FMW/Bloomberg
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