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Spanien – Die wirtschaftliche Lage in Europa – Serie Teil 1

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

Wir beginnen heute mit der Serie „Die wirtschaftliche Lage in Europa“. Im Teil 1 widmen wir uns Spanien. Wir analysieren diverse Faktoren sowie die politische Lage. Auch bewerten wir länderspezifische Besonderheiten und die Zukunftsaussichten.
Spanien Turrión gegen Rajoy

 

 

 

 

 

 

 

Konservativ gegen Links: Turrión (linkes Foto) gegen Rajoy (rechtes Foto)

 

Bruttoinlandsprodukt

Dass die Wirtschaftsleistung in Spanien langsam anzieht, erkennt man vor allem am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es stieg im 4. Quartal 2014 mit 0,7% genauso stark wie das von Deutschland. Im Gesamtjahr 2014 stieg das BIP in Spanien im Vergleich zu 2013 um 0,85% auf 1,058 Billionen Euro. Man kann sehen, dass die Wirtschaftsleistung 2009 im Zuge der Krise massiv einbrach und sich bis heute nicht erholt hat. Auf einem tiefen Niveau findet jetzt eine vorsichtige Erholung statt. Mit dem Anstieg der Wirtschaftsleistung ist die Rezession in Spanien jetzt durchschritten. Die EU-Kommission erwartet für 2015 ein Plus von 2,3%.
Spanien Bruttoinlandsprodukt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Staatsverschuldung

In Spanien ist die Staatsverschuldung per Ende 2014 auf ein Allzeithoch gestiegen, nämlich auf 1,03 Billionen Euro oder 98,1%“ (in Relation zum BIP). Die Grafik veranschaulicht eindrucksvoll, wie die Staatsverschuldung sofort nach Beginn der Krise ab 2009 von unter 40% auf jetzt fast 100% explodiert ist. Grund hierfür war u.a. die massive Rettung der spanischen Banken durch den Staat und der explosionsartige Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Schulden bekommt man in Spanien so schnell anscheinend nicht in den Griff, denn Ministerpräsident Rajoy verkündete jüngst, dass in 2015 die Schuldenquote wohl die 100% überschreiten werde. Das Haushaltsdefizit lag in 2009 bei -11,1% und soll sich nach Schätzungen in 2016 auf -3,7% verringern, also immer noch knapp über der Maastrichtgrenze von -3%.
Spanien Staatsverschuldung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote in Spanien zeigte bereits als Vorläufer die heraufziehende Krise an. Allein von 2007 auf 2008 stieg die Quote von 8,2 auf 11,3%. Vom heutigen Niveau (Januar aktuell 23,7) aus gesehen nichts Besonderes, aber damals war das schon ein großer Sprung, der die einbrechende Bautätigkeit im Immobiliensektor zeigte. Das Schlimmste: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt derzeit bei 54%.
Spanien Arbeitslosenquote

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevölkerungsentwicklung

Mit 46 Millionen Einwohnern ist Spanien das fünftgrößte Land in der EU. Nach Ausbruch der Krise gab es viele Medienberichte über Abwanderungswellen aus Spanien Richtung Südamerika sowie nach Deutschland. Dies war auch der Fall, aber es war kein Massenexodus. Spanien hatte Ende 2007 fast 45 Millionen Einwohner, Ende 2014 waren es 46,5 Millionen.

Politik

Der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy regiert Spanien seit 2011 und zieht einen Restrukturierungskurs für Banken und Wirtschaft durch, was natürlich bei der Höhe der Löhne zu den üblichen Konsequenzen führt wie in anderen Ländern mit vergleichbarer Politik. Er fährt damit eine Linie, wie sie sich Wolfgang Schäuble gerne für Griechenland wünschen würde. Doch ähnlich wie in Griechenland ist auch in Spanien ein guter Teil der Bevölkerung unzufrieden mit einem politischen System von Konservativen und Linken, die vor der Wahl etwas versprechen, was sie danach nicht halten (kennt man das irgendwoher?).

Podemos („Wir können“) begann als Protestbewegung gegen die Sparpolitik und wurde zum wählbaren Gegenentwurf zu den regierenden Konservativen, zu einer Art Mini-Syriza in Spanien. Podemos mit seinem Zugpferd Pablo Turrión will eigentlich genau dasselbe wie Syriza – Schuldenschnitt für Spanien, Kürzungen rückgängig machen usw. Dass irgendwer anders die Zeche dafür zahlt, egal…. Schuld waren ja auch immer die anderen. Übertrieben ist hier wie bei Syriza auch nicht die Forderung nach einer anderen Wirtschaftspolitik, sondern die Verbissenheit, die extreme Sicht auf die Dinge, die Ausblendung der Realität. Wie wir schon einmal über Alexis Tsipras geschrieben haben, kann man durchaus sagen, dass beide Recht haben, die Vertreter der Sparpolitik wie auch deren Gegner – man muss nur beide in der Mitte zusammenführen und sinnvolle Kompromisse finden. Bei den Europawahlen holte Podemos auf Anhieb 8%. Laut „El Mundo“ könnte man im Herbst mit 28% noch vor den regierenden Konservativen stärkste Kraft in Spanien werden.

Wirtschaftliche Entwicklung

Das Handelsbilanzdefizit (oder auch Leistungsbilanzdefizit) lag in 2009 noch bei -4,8%. Es hat sich aber stetig verringert und nähert sich langsam der 0 Marke.
Ministerpräsident Rajoy verkündete jüngst vollmundig, dass Spanien über den Berg sei und die Wirtschaft in 2015 um 2,4% wachsen werde. Die EU sieht das (wie vorher beschrieben) ähnlich. Angesichts der jetzt startenden EZB-Geldschwemme und dem tiefen Niveau, von dem Spanien aus startet, ist diese Wachstumszahl gar nicht mal so unrealistisch. Aber wie gesagt – weil man von einem tiefen Niveau startet!

Die Verbraucherpreise in Spanien sind ein bedenklicher Faktor, der Sorgen über eine deflationäre Tendenz aufkommen lässt. Im Januar fielen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Dezember 2014 um 2,2% – das war der stärkste Rückgang seit Einführung des Euro. Auch dies ist ein Grund für die jetzt startende EZB-Geldschwemme. Man will nicht in eine Deflation geraten.

Börse

Der spanische Aktienmarkt durchlebte seit Ende 2007 einen brutalen Zusammenbruch, der mit Unterbrechung bis 2012 weiterging. Seitdem lassen vor allem die Bankenstabilisierung und auch jüngst die BIP-Zahlen die Börsianer in Spanien Zuversicht ausstrahlen. Dieser Zuversicht schließen sich auch Wirtschaftsexperten an. Bis zu den alten Höchstständen aus 2007 ist es aber noch ein weiter Weg.
Spanien Aktienindex

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besonderheiten in Spanien: Immobilienkrise + Bankenkrise

Nirgendwo sonst in Europa hat die Immobilienkrise derart gnadenlos zugeschlagen wie in Spanien. Logisch, da hier auch vorher eine jahrzehntelang gewachsene Immobilienblase vorausging. Gebaut wurde überall, schön auf Pump, jeder konnte in die eigenen vier Wände ziehen – folglich gab es einen Bauboom, der vielen Menschen Arbeit gab – dieses Problem prallte wie ein brutaler Bumerang auf die Arbeitslosenzahlen ab. Sie schnellten mit Ausbruch der Krise dramatisch in die Höhe, da die Bautätigkeit de facto von heute auf morgen zum Erliegen kam und Hunderttausende Bauarbeiter keine Arbeit mehr hatten.

Die spanischen Banken sitzen immer noch auf einem riesigen Berg fauler Privatkredite. Das Überleben der Banken hängt immer nohc am seidenen Faden, der in 2015 „Wirtschaftsaufschwung“ heißt. Geht es weiter bergauf, steigt die Zahl solventer Schuldner und die Banken können etwas mehr durchatmen. Aber trotzdem kann man sagen, dass die Bankenkrise in Spanien von der konservativen Regierung und der Zentralbank ernsthaft angegangen wird. Hier können Sie in einer Grafik der „Banco de Espana“ (spanische Zentralbank) die Entwicklung der spanischen Bankenrettungen und Restrukturierungen nachverfolgen, z.B. welche Bank in welchen Zeiträumen unter der Kontrolle der Zentralbank stand.

Spanien im Wandel – Zukunftsaussichten

Reformen der Regierung Rajoy haben zu deutlich niedrigeren Lohnkosten geführt. Was für den einzelnen Menschen natürlich einen geringeren Lohn bedeutet, macht die spanische Volkswirtschaft wettbewerbsfähiger. In der „Mainstream“-Presse wird Spanien aktuell als positives Beispiel für eine wirtschaftliche Wiederbelebung und Erholung in Europa herangezogen. Das kann man durchaus so sehen – aber nur, wenn man die Entwicklung in Spanien in Relation zu anderen EU-Ländern wie z.B. Italien, Frankreich oder Griechenland setzt. Außerdem: Wenn man in den letzten 7 Jahren so dramatisch eingebrochen ist, wirkt eine kleine Erholung in der Statistik gleich wie ein großer Sprung in die richtige Richtung. Die Massenarbeitslosigkeit ist immer noch da. Die Wirtschaft hält ein winziges Pflänzchen der Erholung in der Hand; es muss aber sorgsam gepflegt und mit Dünger aufgepeppelt werden – und der steht rein theoretisch mit der monatlichen „EZB 60 Milliarden Euro Geldschwemme“ schon bereit. Ein möglicher Wahlsieg der linken Podemos könnte ähnlich wie bei Syriza in Griechenland zu radikalen Forderungen nach Schuldenschnitt etc führen – dies könnte bei Firmen, die in Spanien realwirtschaftlich in Arbeitsplätze investieren wollen, zur Zurückhaltung führen. Wenn Podemos gewählt wird und sich seriöser anstellt als Syriza, kann die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien einen positiven Verlauf nehmen, denn im Gegensatz zu Griechenland ist hier eine industrielle Basis vorhanden. Das Problem in Spanien ist nicht die Industrieproduktion oder der mangelnde Export. Das Problem ist die Massenarbeitslosigkeit und die enorme Staatsverschuldung.




Quellen: Eurostat / OECD / Banco de Espana / Instituto Nacional de Estadistica / EU-Kommission / Spanisches Statistikamt INE
Foto-Lizenzen: (CC BY-SA 3.0) (CC BY-SA 3.0 de)

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Max

    3. März 2015 22:18 at 22:18

    „Pablo Turrión“, wie er bei euch genannt wird, heißt Pablo Iglesias Turrión. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird immer der erste Nachname genannt, manchmal auch beide, aber nie der Zweite alleine. Richtig würde es also Pablo Iglesias heißen.
    Viele Grüße

  2. Avatar

    Steffen

    2. November 2015 15:00 at 15:00

    Hallo Tolle Seite ich freue mich das ihr euch so viel mühe gebt :)

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Aktien: Die Rally und die Cocktail-Theorie von Peter Lynch

Ibrahim Sonay

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Klar, Corona ist das Gesprächsthema Nummer-Eins, doch dicht auf den Fersen folgt derzeit schon das Thema Aktien!

Aktien: Woher stammt die Cocktail-Theorie?

Der berühmte Magellan-Fonds Manager Peter Lynch, ein Maestro der Investment-Welt aus den 80er-Jahren, stellte damals die Interessante Cocktail-Theorie auf, um die unterschiedlichen Marktprognosen darzulegen, die er über Jahre entwickelt hatte, während er auf Partys herumstand.

Phase Eins

Gar nicht über Aktien sprechen die Leute in der ersten Phase, eines leichten Marktanstiegs, nachdem sie längere Zeit am Boden lagen, ohne Bewegung und Beachtung. Fragte man Lynch auf der Party, was er denn so beruflich treibe, antwortete er, dass er einen Aktienfonds manage. Daraufhin nickten die Leute freundlich und gingen weiter, um sich mit dem Nächsten auf der Party über Belangloses zu unterhalten. War dies der Fall, so wusste Lynch, dass der Markt vor einer Erholung stand.

Phase Zwei

Nachdem Lynch seinen Beruf nannte, blieben die Partygäste meist etwas länger – aber auch nur so lange, um ihn klar zu machen, wie gefährlich doch Aktien seien. Danach sprachen die Partygäste wieder übere andere Themen. Auch dies beobachtete er und stellte somit fest, dass die Börse in der zweiten Phase steckt, denn die Aktien stiegen bereits, doch es interessierte (noch) niemanden.

Phase Drei

Der Markt war bereits um 30 % gestiegen und Lynch wusste, dass ihn auf der Party eine neugierige Schar von Menschen umringen würde. Viele euphorische Zeitgenossen nahmen ihn beiseite, um herauszufinden, in was sie denn nun investieren sollten und fast jeder sprach von Aktien. Damit war klar, Phase Drei ist erreicht.

Phase Vier

In der vierten Phase umzingelten ihn die Leute erneut, aber diesmal nicht um zu erfragen, worin sie investieren sollten, sondern um ihn Tipps und Ratschläge zu geben, welche Aktien er kaufen solle. Erfuhr er Tage später, dass die Empfehlungen der Partygäste aufgingen, so erkannte Lynch, dass der Markt in Phase Vier steckt: Das Hoch war erreicht – ein Rückschlag der Märkte stand kurz bevor.

Das aktive Zuhören kann sehr wertvoll sein. Halten Sie also ihre Augen und Ohren auf. Auf lange Sicht sollte jeder für sich selber entscheiden, worin er sein Geld investieren möchte – ob er dabei Prinzipien, Ethik oder Trends berücksichtigt. Eines zeigt uns die Vergangenheit der Aktienmärkte jedoch: wenn man Aktien von Qualitäts-Unternehmen findet und das zu einem guten Preis, erzielt man über Jahre Rendite.

Aktien und die Cocktail-Theorie

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Aktien: Die 2020-er, wieder das Jahrzehnt der Aktie?

Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Wolfgang Müller

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Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Derzeit wird viel spekuliert über die Zukunft nach Corona. Ein Jahrzehnt hat begonnen, in dem die Schulden weltweit auf noch nie gesehene Höhen gestiegen sind. Für einen Dollar Wachstum mussten in den USA bisher bereits sieben Dollar neue Schulden aufgenommen werden, um dieses zu generieren – die Demographiefalle schlägt in vielen Industriestaaten unbarmherzig zu. Deshalb sollte es schwierig werden, das Potenzialwachstum der letzten Jahrzehnte überhaupt zu halten. Man kann sich vieles vorstellen und darüber diskutieren, es gibt aber ein paar fundamentale Gesetzmäßigkeiten in neuzeitlichen Gesellschaften. Auch wenn das durch Geldhäuser ausgerufene Jahrzehnt der Aktien recht interpretationsbedürftig ist.

Aktien: Die Wirtschaft ist der Ast, auf dem wir alle sitzen

Bei allen Dikussionen über das FIAT-Geld, über Schulden und einem Auseinanderdriften der Gesellschaften in der Einkommensverteilung, darf man eines nicht übersehen: Ohne eine funktionierende Wirtschaft, ohne Steuereinnahmen funktioniert kein Gemeinwesen. Die Aufwendungen für einen Staat mit seiner Regierung, seiner Verwaltung, seiner Justiz, seiner Polizei, seinem Militär, seinem Gesundheits- und Bildungssystem, können nicht durch die Druckerpresse der Notenbanken produziert werden, zumindest nicht für lange. Die Kosten müssen durch Steuereinnahmen der Unternehmen und bei den Bürgern erwirtschaftet werden.

Was passiert denn in einem Staat, in dem durch Krieg oder Aufstände Polizei und Militär ausgeschaltet werden? Eine erste Reaktion in einem solchen Land (beispielsweise nach den Umstürzen im Irak oder Lybien) sind stets sofort Plünderungen, aber auch Vergewaltigungen und andere Abscheulichkeiten.

Anleihen können auf null gesetzt und entwertet werden, Schulden durch Währungsreformen vernichtet, aber ein Teil der Wirtschaft bleibt immer erhalten und damit auch der Aktienmarkt und die Aktien.

Denn was stellt der Aktienmarkt dar? Die Beteiligung an Unternehmen, an der Volkswirtschaft, bei allen stets immer wieder zu korrigierenden Entgleisungen. Damit wird auch im Jahrzehnt nach Corona höchstwahrscheinlich der Spruch von Warren Buffett, aus den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts weiter gelten:

“Langfristig werden die Aktienmärkte für gute Nachrichten sorgen. Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte. Eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11.497.”

Sondersituation Deutschland

Deutschland wird im Anleihebereich als ein sicherer Hafen angesehen – mit fatalen Folgen für Sparer und Vorsorgesysteme. Denn wie sollen selbst bei leicht steigenden Zinsen Vorsorgeleistungen, Versicherungs- und Pensionsleistungen erwirtschaftet werden? Deutschland sitzt inmitten von Ländern, die sich keine höheren Zinsen leisten können. Der Zinseszinseffekt schafft erst ab einem Zinssatz von drei Prozent in überschau- und erlebbaren Zeiträumen einen Vermögensaufbaueffekt. Aber wie würden die Belastungen für die Staatshaushalte ausfallen, wenn die Renditen für Staatsanleihen in diese Regionen zurückkehren sollten. Die europäische Staatengemeinschaft mit ihrer Zentralbank wird also versuchen über die Zeit aus diesem Dilemma herauszukommen. Die Anleihelaufzeiten auf 30/50 Jahre plus verlängern, wie in Griechenland im Ansatz geschehen.

Die erzielbaren Renditen reichen nicht für das bisherige Vorsorgesystem. Wird man etwa den norwegischen Weg gehen und die Quote an Aktien erhöhen? Das Börsen-Urgestein Gottfried Heller (Partner von André Kostolany) hat auf einem Börsentag schon vor zwei Jahren die Prognose gewagt, dass Versicherer ihre Statuten ändern werden (müssen), um eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften und ihren ständigen Auszahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die langlaufenden Anleihen im Bereich von 10 Jahren und mit ertragreichen Kupons, sind am Auslaufen. Allzu viele 30-jährige hat man sicher nicht in den Portfolios. Also wohin mit den Kundengeldern in Zukunft? In grüne Projekte, Private Equity u.ä.?

Was macht eine Allianz, eine der großen Dividendenzahler (4,8 Prozent aktuell), wenn es nicht einmal mehr am (nicht nutzbaren) Markt für Junk Bonds solche Renditen gibt? Der Zyklus der sinkenden Zinsen seit dem Jahr 1980 ist mit den großen Zinsschritten in den USA im März am Ende angelangt. Bis zuletzt konnte man wegen der Durationseffekte stets Gewinne mit den Anleihen erwirtschaften, so auch noch einmal im Jahr 2020. Aber wenn die Zinsen nicht unter null fallen, gibt es künftig kaum noch etwas – keine Kupons und keine Kursgewinne bei fallenden Zinsen.

Was machen Großfirmen mit ihren Betriebsrenten, Stiftungen mit ihren Anlagegeldern in den nächsten Jahren? Es spricht sehr viel für die Dividendentitel in diesem Jahrzehnt. Mit all ihren Schwankungen und vermutlich sind die jahrelangen Renditen von acht Prozent plus per annum auch bei Weitem nicht mehr realistisch. Aber wo sind die Alternativen?

Fazit

Obwohl ich absolut nichts davon halte, größere Zukunftsprognosen zu stellen – daran verbrennen sich schon ständig ganze Organisationen und Thinktanks die Finger, mit einer Heerschar von Professoren – so bin ich schon davon überzeugt, dass das jetzige Jahrzehnt wieder das Jahrzehnt der Aktien sein wird. Mit großen Schwankungen, Crashs, die Exzesse bereinigen werden, aber auch begründet in der Tatsache, dass man zwar Geldsysteme verändern und vernichten kann, aber nicht die Produktionsanlagen oder die Betriebe in einer Volkswirtschaft, ohne die es kein Überleben gibt, apokalyptische Szenarien einmal ausgenommen.

Es ist aber auch wahrscheinlich, dass es ein wesentlich langsameres Wachstum an den Börsen geben wird, nach Preisexzessen und deren Bereinigung, wie man es in Japan seit 31 Jahren nun schon beobachten kann. Aber selbst wenn Euro oder Kryptowährungen scheitern, wofür hat man nach 250 Staatsbankrotten seit 1800 (sowie 68 internen Pleiten) noch keinen Ersatz gefunden? Für Aktien..

Werden die 2020er-Jahre ein Jahrzehnt für Aktien?

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JP Morgan-Quartalszahlen: Deutlich besser als erwartet – Milliarden-Rücklagen für faule Kredite aufgelöst

Claudio Kummerfeld

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Soeben wurden JP Morgan-Quartalszahlen veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen. Der Umsatz liegt bei 30,16 Milliarden Dollar (Vorjahresquartal 29,2/Erwartungen 28,7). Der Gewinn liegt bei 3,79 Dollar pro Aktie (Vorjahresquartal 2,57/Erwartungen 2,62).

In der Grafik unten sieht man es in der dritten Spalte. JP Morgan hat im letzten Quartal die Risikofürsorge für faule Kredite um 1,9 Milliarden Dollar reduziert, wodurch natürlich der Gewinn erhöht wird. JPM ist der Meinung, dass sich das wirtschaftliche Umfeld (im Sinne der Zahlungsmoral der Kunden) bessert, und vor allem dass Firmenkunden nach wie vor frisches Geld am Kapitalmarkt aufnehmen können. Insgesamt spricht die Bank davon, dass sogar 2,9 Milliarden Dollar an Kreditreserven umgewandelt und in den Gewinn von 12,1 Milliarden Dollar verschoben wurden. Ohne diese Buchung wären es nicht 3,79, sondern nur 3,09 Dollar Gewinn pro Aktie, so die Headline-Aussage der Bank.

Zitat aus dem aktuellen Bericht von JPM:

The provision for credit losses was a net benefit of $1.9 billion, compared to an expense of $1.4 billion in the prior year driven by reserve releases in the current quarter. The Wholesale reserve release was $2.0 billion, reflecting an improvement in the macro-economic scenarios and the continued ability of clients to access liquidity and capital markets. The Consumer reserve release was $0.9 billion, in Home Lending, primarily due to improvements in HPI expectations and portfolio run-off. The prior year included a net reserve release in the Consumer portfolio and a net reserve build in the Wholesale portfolio. Net charge-offs of $1.1 billion were down $444 million from the prior year, driven by Card.

Die Aktie notiert vorbörslich mit +0,7 Prozent.

Hier das Headline-Statement von JPM-CEO Jamie Dimon:

Jamie Dimon, Chairman and CEO, commented on the financial results: “JPMorgan Chase reported strong results in the fourth quarter of 2020, concluding a challenging year where we generated record revenue, benefiting from our diversified business model and dedicated employees. While we reported record profits of $12.1 billion, we do not consider the reserve takedown of $2.9 billion to represent core or recurring profits – essentially reserve calculations, while done extremely diligently and carefully, now involve multiple, multi-year hypothetical probability-adjusted scenarios, which may or may not occur and which can be expected to introduce quarterly volatility in our reserves. While positive vaccine and stimulus developments contributed to these reserve releases this quarter, our credit reserves of over $30 billion continue to reflect significant near-term economic uncertainty and will allow us to withstand an economic environment far worse than the current base forecasts by most economists.”

Dimon added: “In Consumer & Community Banking, deposits grew 30% or over $200 billion driven primarily by growth in the Federal Reserve’s balance sheet and the continuation of modest market share gains. Within our consumer lending franchise, auto and retail mortgage originations were both up more than 20%. Consumer spending continued to recover, as reflected in combined debit and credit card spend being up for the full quarter. The Corporate & Investment Bank delivered another impressive quarter with growth in Global Investment Banking fees of 34% and Markets revenue of 20%. With a record quarter, Commercial Banking earned $3.3 billion of investment banking revenue in 2020, surpassing its previous $3 billion long-term target. In Asset & Wealth Management, AUM grew 17% due to higher asset values and net inflows of over $190 billion into long-term and liquidity products over the last twelve months.”

Dimon concluded: “We ended the year with a CET1 ratio of 13.1% (vs. 12.4% at the beginning of the year) and capital above $200 billion, providing us with meaningful capacity to further invest in our business and communities, while returning capital to
our shareholders. This increase in capital was after raising over $2 trillion of credit and capital for our consumer and institutional clients around the world, which includes nonprofits and U.S. government entities, including states, municipalities, hospitals and universities and adding net $12 billion to credit reserves. We also hold $1.4 trillion of cash and marketable securities, which is currently over $450 billion in excess of what is required. We opened branches in new markets, improved our digital capabilities, and made acquisitions that will enhance our product offerings and deepen our engagement with our customers. We also continued to invest in our communities – for example, through our initial commitments to support those most impacted by the pandemic and our longer-term commitment to advance racial equality and promote economic growth. Our earnings power and healthy capital position also provide us the flexibility to pay dividends and return excess capital to shareholders through share repurchases. I want to end by thanking our frontline colleagues and those working from home who quickly adapted to the pandemic and safely helped our clients, customers, communities and governments.”

Grafik zeigt aktuelle JP Morgan-Quartalszahlen

JP Morgan-Quartalszahlen - Jamie Dimon
Jamie Dimon. Foto: Steve Jurvetson Creative Commons Attribution 2.0

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