Die Finanzmärkte halten den Atem an: Kurz vor der nächsten Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) richten sich alle Augen auf die Wirtschaftsdaten dieser Woche. Nach einer Serie von acht Zinssenkungen könnte nun erstmals eine Pause folgen – ein deutliches Signal dafür, wie sensibel die EZB auf die aktuellen geopolitischen Unsicherheiten und wirtschaftlichen Entwicklungen reagiert. Die Frage bleibt: Ist damit der Lockerungszyklus beendet, oder ist in diesem Jahr noch mit einer weiteren Senkung der Zinsen zu rechnen?
Senkt die EZB erneut die Zinsen?
Laut einem Bericht von Bloomberg werden die Währungshüter der Europäischen Zentralbank die zahlreichen Wirtschaftsberichte dieser Woche genauestens unter die Lupe nehmen. Zwar dürften die Daten die EZB nicht davon abhalten, die Zinssenkungen bei ihrer Sitzung am Donnerstag zum ersten Mal seit einem Jahr auszusetzen. Sie werden jedoch maßgeblich für den weiteren Zinspfad sein.
Die entscheidende Frage ist, wie sich die Eurozone mit ihren 20 Mitgliedstaaten angesichts wiederholter Zollandrohungen durch Donald Trump und anderer geopolitischer Turbulenzen behauptet. Sollte bis zum 1. August keine Vereinbarung getroffen werden, droht ein Zollsatz von 30 % auf Importe aus der EU. Bislang gibt es jedoch kaum Fortschritte, da die Verhandlungsposition des US-Präsidenten offenbar verhärtet ist. Die EU bereitet indessen eigene Maßnahmen vor, für den Fall, dass die US-Zölle in Kraft treten.
“Es ist unwahrscheinlich, dass die Konjunkturdaten in letzter Minute den Ausschlag für eine Senkung der Zinsen geben werden”, sagte Jari Stehn, Chefökonom für Europa bei Goldman Sachs. „Wenn es jedoch Anzeichen für eine Abschwächung gibt, könnte dies die Argumente für eine weitere Lockerung stärken.” Laut dem ECB Watch-Tool erwarten die Märkte mit einer Wahrscheinlichkeit von 58 %, dass es bis Jahresende zu einer weiteren Zinssenkung kommt.
Nach acht Zinssenkungen um jeweils einen Viertelprozentpunkt liegt der Einlagensatz inzwischen bei 2%. Letzten Monat erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass der Zinssenkungszyklus sich seinem Ende nähere. Dank eines neutralen Niveaus der Kreditkosten sei man gut aufgestellt, um die erhöhte Unsicherheit zu bewältigen.
Wichtige Daten im Fokus
Ein wichtiger Indikator für die Wirkung der Zinsen wird am Dienstag mit der vierteljährlichen EZB-Umfrage zum Kreditgeschäft veröffentlicht — die erste seit Trumps Zollankündigung im April.
Aus Sorge um wachsende Risiken hatten die Banken zuvor strengere Kreditvergabestandards gemeldet. Laut Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hat die letzte Umfrage jedoch einen stimulierenden Effekt gezeigt, da niedrigere Zinsen die Nachfrage nach Hypotheken angekurbelt hätten.
Unter den Ratsmitgliedern gibt es unterschiedliche Ansichten über die wirtschaftliche Entwicklung. So hat der Gouverneur der Bank von Frankreich, François Villeroy de Galhau, vor Wachstumsbremsen und dem Risiko einer länger anhaltenden Unterschreitung der Inflationsmarke von 2% gewarnt — ein Argument für eine mögliche Zinssenkung. Die Wirtschaft war im ersten Quartal deutlich stärker als erwartet. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos warnte angesichts von Vorzieheffekten jedoch davor, dass das Wachstum im zweiten und dritten Quartal “nahezu stagnieren” könnte.
Einen ersten Aufschluss darüber wird die monatliche Umfrage von S&P Global unter Einkaufsmanagern am Donnerstag und der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex am folgenden Tag geben.
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Unter der Annahme, dass der Handelskonflikt vergleichsweise günstig ausgeht — weit entfernt von den von Trump kürzlich angedrohten Zöllen in Höhe von 30% — prognostizierte die EZB im Juni eine Inflation von 1,6% für das Jahr 2026. Im Jahr 2027 würde die Teuerungsrate dann wieder das Zielniveau von 2% erreichen. Für 2027 wird zudem eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums auf 1,3% erwartet.
FWM/Bloomberg
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