Anleihen

„Staatsaktien“ aus Griechenland?

Ein Gastkommentar von Guido Lingnau

Die neue griechische Regierung hat ihre anfangs äußerst aggressive Rhetorik gegenüber ihren Schuldnern etwas gemäßigt und verlangt nun keinen Schuldenschnitt mehr, sondern will „nur“ noch eine Umschuldung. Diese Umschuldung könnte man sich etwa durch den Tausch von alten normalen Anleihen in neue nicht rückzahlbare und an das Wirtschaftswachstum gekoppelte Anleihen vorstellen.

Nicht rückzahlbare Anleihen? Ist das eine neue griechische Erfindung? Nicht rückzahlbare Schulden sind nicht neu. Sie sind derzeit nur sehr ungewöhnlich. So bestand ein großer Teil der Staatsverschuldung in Österreich-Ungarn aus Rentenpapieren, für die eine Rückzahlung nicht vorgesehen war. Diese Scheine wurden ordentlich verzinst und bei erheblicher Änderung des Zinsniveaus wurden sie in Rentenpapiere mit anderer Verzinsung umgetauscht (siehe „Entwicklung und Ungleichheit: Österreich im 19. Jahrhundert“ von Michael Pammer, Seite 121 ff., Franz Steiner Verlag 2002). Auch Argentinien hat im Rahmen seiner erzwungenen Umschuldung nicht rückzahlbare Anleihen ausgegeben. Hier gab und gibt es nur eine Ausschüttung, wenn das Wirtschaftswachstum eine festgelegte Mindestrate übersteigt. Im Jahr 2035 wird diese Anleihe allerdings wertlos verfallen (ISIN: XS0209139244).

Da die griechische Regierung bisher noch keine genauen Angaben zu ihren gewünschten nicht rückzahlbaren und an das Wirtschaftswachstum gekoppelte Anleihen gemacht hat, kann man nur spekulieren, wie diese „Anleihen“ dann real aussehen werden. Wenn es keinen Schuldenschnitt geben soll, wäre aber das argentinische Modell ausgeschlossen, da hier ja die Anleihe im Jahr 2035 wertlos verfällt, was einem 100 Prozent Schuldenschnitt gleichkommt. Das k.u.k. Modell käme auch nicht infrage, weil dort ein marktüblicher fester Zins gezahlt wurde.

Wenn man an eine nicht rückzahlbare Schuld mit von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängigen Ausschüttung denkt, fällt einem wahrscheinlich als erstes die Aktie ein. Denn beim Aktienkauf geht es um eine zeitlich unbegrenzte Überlassung von Kapital an ein wirtschaftendes Rechtsgebilde, verknüpft mit einem Anspruch am wirtschaftlichen Erfolg. Bisher haben vor allem private Unternehmen Aktienanteile ausgegeben. Dass Staaten das auch tun könnten (auch wenn man diese Staatsaktien dann anders benennt), ist eine neue Idee. Und diese neue Idee der Staatsaktie kommt nun ausgerechnet von einer kapitalismusfeindlichen linkspopulistischen Regierung. Die Geschichte geht manchmal merkwürdige Wege.

Guido Lingnau

Guido Lingnau ist Autor des Buchs „Auch die sicheren Häfen sind Gefahr“, in dem er wegweisend den Einfluss der Demografie auf die Finanzmärkte beschreibt.



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