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Staatspleite: Warum Argentinien „pleite“ ist und Griechenland „nur in Verzug“

Von Claudio Kummerfeld

Warum herrscht in Argentinien offiziell „Staatspleite“ und in Griechenland nur „Zahlungsverzug“? Eine interessante Frage. Argentinien ist seit 2001, als das Land völlig zusammenbrach, quasi in einem dauerhaften Zustand von Chaos, Inflation (derzeit geschätzt 35-45%) und nicht bezahlten Auslandsschulden. Seit Jahren streitet man sich mit US-Hedgefonds, die zu Spottpreisen argentinische Staatsanleihen aufkauften und bis heute auf die 100%ige Rückzahlung bestehen. Da Argentinien aber mit fast allen anderen Gläubigern einen Schuldenschnitt vereinbart hatte, kann man nicht einfach diesen Hedgefonds ihre Forderungen zu 100% erfüllen – das würde verständlicherweise jeden der Altgläubiger, die dem Verzicht auf große Teile der Forderung zustimmten, vor Wut explodieren lassen.

Aber es ist, wie es ist. Ein New Yorker Richter stellte sich auf die Seite der Hedgefonds und sprach ihnen die volle Rückzahlung ihres Anspruchs in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar zu. Nicht nur das – auch weitere Gläubiger mit 5,4 Milliarden Dollar Volumen soll Argentinien laut Richter Griesa plötzlich zu 100% bedienen.

Diese Hedgefonds sind private Gläubiger. Und da alle Welt immer noch den Ratingagenturen hörig ergeben ist, lauscht man darauf, wie sie solche Zahlungsverweigerungen einstufen. Zahlt ein Staat fällige Zinsen und Tilgung an Privatgläubiger nicht, ist dies für die Ratingagenturen ein „default“-Ereignis, also eine offizielle Staatspleite.

Im Fall Griechenland bewerten die Ratingagenturen das anders. Die Schulden Griechenlands wurden in den letzten Jahren von Privatbanken immer mehr auf staatliche und halbstaatliche Gläubiger umgeschichtet (IWF / ESM / EZB). Am 30.06. konnte Griechenland fällige 1,5 Milliarden Euro an den IWF nicht zurückzahlen. Da der IWF keine private, sondern eine öffentliche halbstaatliche Organisation ist, stufen die Ratingagenturen diesen Zahlungsausfall aus „Zahlungsverzug“ ein und eben nicht als Staatspleite, da Griechenland eben nicht bei privaten Gläubigern in Verzug geraten ist. In Griechenland ist die Staatspleite genau so wie in Argentinien eingetreten, da man seine Gläubiger nicht mehr bezahlen kann. Nur niemand nennt es Staatspleite, weil die Ratingagenturen es nicht tun!



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1 Kommentar

  1. Ich bin mehrmals als Tourist und aus beruflichen Gründen in Argentinien gewesen und zwar kurz nach der Staatspleite und einige Jahre später nochmals. Mein Eindruck ist zwar nicht, dass Argentinien ein Musterländle ist, aber es befindet sich auch sicher nicht im Dauerchaos. Argentinien verfügt über eine Infrastruktur, die mit westlichen Ländern vergleichbar ist. Die Agrarwirtschaft Argentiniens ist weltweit sehr erfolgreich. Wer gute Steaks und hervorragende Weine schätzt, weiss wovon ich spreche. Das Land ist auch touristisch sehr attraktiv und hat viele Bodenschätze. Buenos Aires ist eine der attraktivsten Metropolen der Welt.
    Unmittelbar nach der Staatspleite gab es Chaos und Armut, aber das Land hat sich auch sehr schnell erholt. Zunächst wurde der Peso um etwa 75% abgewertet – mit negativen Folgen die man sich vorstellen kann. Das hat aber auch argentinische Produkte und Dienstleistungen schlagartig konkurenzfähiger gemacht und die Margen von Export-Unternehmen erheblich erhöht. In der Folge gab es viele Jahre mit einem Wirtschaftswachstum über 5% (http://www.tradingeconomics.com/argentina/gdp-growth-annual). Die Arbeitslosigkeit hat sich dauerhaft auf deutlich unter 10% reduziert (http://www.tradingeconomics.com/argentina/unemployment-rate). Die Inflationsrate ist hoch, aber sicher bei weitem nicht so hoch wie von Ihnen genannt (http://www.tradingeconomics.com/argentina/inflation-cpi). Die hohe Inflationsrate lässt sich zumindest teilweise auf das hohe Wirtschaftswachstum und die vorhergehende Abwertung des Pesos zurückführen. Die von Ihnen genannten Auseinandersetzungen mit Hedge-Fonds gibt es und diese sind für Argentinien sehr ärgerlich. Viele westliche Industrieländern haben sich auch nicht gerade durch Hilfsbereitschaft gegenüber Argentinien hervorgetan. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass das Land im Dauerchaos versinkt. Argentinien hat meinen absoluten Respekt dafür, wie es sich aus eigener Kraft nach der Staatspleit wieder aufgerappelt hat. Wenn aus Argentinien Ratschläge nach Griechenland gesendet werden, würde ich einfach mal hinhören – kann sicher nicht schaden

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