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Vor allem Jugend ist frustriert Stimmungsabsturz in China: Soziale Medien zeigen die Resignation

Partei bekämpft Wut im Netz

Foto: Freepick.com
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Die wichtigsten Eckpunkte

  • Chinas nationaler Sentiment-Index stürzte innerhalb eines Jahres von plus 8 auf minus 12 Punkte. Dominierende Emotion: Wut mit 42 Prozent.
  • Häuserpreise minus 6 Prozent, Jugendarbeitslosigkeit bis 17 Prozent: Die Krise trifft die Haushalte direkt. Gespart wird trotz steigender Einkommen.
  • Die Resignation hat einen Namen: "Bai Lan", aufgeben. Ein wachsender Teil der Jugend hat den Glauben an wirtschaftlichen Aufstieg verloren.
  • Die Partei bekämpft den Pessimismus per Sonderkampagne. Negative Stimmung im Netz widerspricht der offiziellen Erzählung.

In China stürzt die Stimmung ab: Die Daten aus den sozialen Medien zeigen die tiefe Resignation der Bevölkerung und den Grund für den einbrechenden Konsum.

Stimmungsabsturz in China: Soziale Medien zeigen die Resignation

Die Stimmung in China stürzt spürbar ab, und der wachsende Frust der Bevölkerung entlädt sich längst nicht mehr nur im Stillen, sondern hinterlässt messbare Spuren im Netz. Während der schrumpfende Konsum die wirtschaftliche Krise im Alltag sichtbar macht, spiegeln die Daten der sozialen Medien ein tiefes Ausmaß an Resignation wider. Die schlechte wirtschaftliche Lage lässt den Zweckoptimismus schwinden und führt zu einem Vertrauensverlust, der die Binnenwirtschaft immer tiefer nach unten zieht.

Immobilienkrise und Arbeitslosigkeit: Die Wirtschaftskrise zwingt China zum Sparen

Die chinesische Wirtschaft entwickelt sich in den vergangenen Monaten, ja eigentlich seit Corona in zwei verschiedenen Richtungen. Während der Export kontinuierlich zunimmt, erholt sich die Binnenwirtschaft kaum. Wuchs das BIP im letzten Jahr noch um 5,0 Prozent, lag der Zuwachs im zweiten Halbjahr bei 4,7 Prozent. Für das Gesamtjahr wird es voraussichtlich nur um etwa 4,6 Prozent wachsen.
Weiterhin belastet die Immobilienkrise die Wirtschaft und vor allem die Menschen. Die Preise für Häuser verbilligten sich im ersten Halbjahr um etwa 6 Prozent. Die Häuserpreise übertragen sich dabei direkt auf den Wohlstand der Chinesen. Immobilien sind in China mit Abstand die wichtigste Anlageklasse. Sie dienen als Absicherung fürs Alter und gegen Krankheit, aber auch als Sparbuch, um die Ausbildung des Kindes zu ermöglichen.

Zudem belasten die fallenden Preise direkt das verfügbare Einkommen. Denn in die Abschlussraten für die Kredite sind die angenommenen Wertsteigerungen, die durch einen Verkauf zu erzielen sind, eingerechnet. Fallen die Preise, erhöht sich automatisch der Finanzierungsbedarf.

So erklärt sich relativ einfach, dass das verfügbare Haushaltseinkommen zwar um 5,2 Prozent wuchs, die privaten Konsumausgaben jedoch nur um 3,7 Prozent stiegen. Die Einlagen chinesischer Haushalte bei den Banken stiegen im letzten Jahr um 9,7 Prozent. Und in diesem Jahr zahlten die Haushalte 1,12 Billionen an Konsumkrediten zurück, statt neue aufzunehmen.

Als weiterer Faktor kommen die hohe Arbeitslosigkeit und die unsicheren wirtschaftlichen Aussichten hinzu, die zum Sparen einladen. Die Jugendarbeitslosigkeit pendelt im ersten Halbjahr zwischen 15 und 17 Prozent, Tendenz eher steigend. Die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt zwar nur 5 Prozent, aber die erfasst nur jene, die zuvor einen sozialversicherungspflichtigen Job in der Stadt hatten, in der sie gemeldet sind. Der Ökonom Li Daokui schätzt die reale Arbeitslosigkeit auf über 10 Prozent. Zudem arbeiten immer mehr Chinesen in der Gig-Ökonomie oder in nicht-formalen Beschäftigungsverhältnissen. Zusammengenommen arbeiten so mehr als die Hälfte der urbanen Bevölkerung mittlerweile ohne nennenswerte soziale Absicherung.

Soziale Medien im Sturzflug: Wirtschaftskrise in China wird messbar

Mittlerweile ist die Verschlechterung der wirtschaftlichen Aussichten auch in den sozialen Medien zu spüren. Der nationale Sentiment-Index stürzte im ersten Quartal auf minus 12 Punkte ab. Im Vergleich dazu betrug er noch plus 8 Punkte. Noch nie zuvor hat es bei diesem Stimmungsbarometer eine solche Verschiebung innerhalb eines Jahres gegeben.

Zur Erhebung der Stimmung werden alle großen chinesischen Plattformen, Weibo, Douyin oder WeChat herangezogen. Von 180 erfassten Themenkomplexen waren 77 eindeutig negativ kodiert, was einen Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr darstellt. Die dominierende Emotion war dabei Wut mit 42 Prozent, gefolgt von Enttäuschung (32 Prozent), Angst (15 Prozent) und Abscheu (11 Prozent). Gleichzeitig fiel der gesellschaftliche Vertrauensindex des privaten Anbieters Knowlesys zwischen Januar und März um 26 Punkte von plus 18 auf minus 8.

Neben der älteren „Lying-Flat“-Bewegung, die sich aktiv dem Konsum verweigert und nur so viel arbeiten geht, wie zur Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse notwendig ist, hat sich die gesellschaftliche Haltung des Bai Lans herausgebildet. Der Begriff bezeichnet ursprünglich die Spielsituation im Basketball, wo ein Team absichtlich verliert. Im chinesischen Kontext bezeichnet es eine Form der Resignation. Die Jugend will nicht mehr den chinesischen Traum leben und sich um den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg kümmern, sondern sich einfach den Gegebenheiten ergeben.

Aus der wirtschaftlichen Erfolglosigkeit ist auch eine Generation „Vollzeit-Kinder“ entstanden, die wieder zu Hause wohnt und dort Haushaltsaufgaben übernimmt, während Mama und Papa Geld verdienen.
Die junge Generation beschreibt sich als „Menschliches Erz“, die der Staat und die Wirtschaft konsumiert und anschließend entsorgt. Nicht gebraucht, nicht gewollt und ohne Sinn für die Gesellschaft. Sie fühlen sich wie „Androids“, Minderwertige, wie es der Influencer Hu Chengfeng beschrieb, bevor alle seine Kanäle gesperrt wurden. „Du bist eine Android-Person mit Android-Qualifikationen“, nicht ein Premium-Produkt wie ein „Apple“. Auf Bilibili, einer Video-Streaming-Plattform, lief die satirische Serie „Wie man als Obdachloser überlebt“, ein „Pflichtkurs für junge Menschen 2026“, wie es Nutzer kommentierten.

Stimmungswechsel im Alltag: Resignation verdrängt Zuversicht

Auch in meinem persönlichen Umfeld beobachte ich diese Stimmungsverschiebung, sowohl bei chinesischen Freunden und Bekannten als auch bei Expats, die seit Jahren in China leben.
Etwa im Spätsommer des vergangenen Jahres hatte sich ein Fenster geöffnet, in dem sich die Stimmung spürbar aufgehellt hatte. Seit dem Frühlingsfest verdüstert sie sich in meiner Wahrnehmung jedoch wieder. Der Pessimismus nimmt zu. Der eigentliche Unterschied zu früher liegt dabei weniger in der wirtschaftlichen Situation selbst als in der Erwartung, dass sich die Lage in absehbarer Zeit wieder verbessern wird.

Während der Finanzkrise beispielsweise die wirtschaftlichen Auswirkungen innerhalb Chinas vergleichsweise begrenzt blieben und die Führung zugleich als aktiver Problemlöser wahrgenommen wurde, fehlt heute zunehmend diese Perspektive. Die Führung erscheint vielen nicht mehr nur als Teil der Lösung, sondern selbst als Teil des Problems. In der Folge breitet sich weniger offene Unzufriedenheit aus als ein Gefühl des Stillstands. Und damit zunehmend Resignation.

Ein Freund, Lehrer an einer chinesischen Universität für Deutsch, schrieb mir dieser Tage, dass sich etwa ein Drittel seiner Studierenden auf die Beamtenprüfung vorbereitete. Die zeige ihm, wie resigniert sie seien, denn eine solch hohe Quote würde niemals vom Staat absorbiert werden.

Propaganda gegen Resignation: Partei bekämpft Wut im Netz

Dies alles widerspricht der Parteilinie, die die chinesische Gesellschaft als optimistisch und zukunftsgewandt präsentiert. Eine Gesellschaft, der nationalen Wiedergeburt, die den chinesischen Traum lebt. Solche destruktiven Gedanken und Lebensweisen seien allein von subversiven „ausländischen Kräften“ finanziert worden, wie das Ministerium für Staatssicherheit behauptet. Die Cyberspace Administration of China startete im September trotzdem eine zweimonatige Sonderkampagne zur „Bekämpfung des böswilligen Schürens negativer Emotionen“. Als übergeordnetes Ziel gilt die Durchsetzung der staatlichen Erzählung von „positiver Energie“.

Vielleicht wäre es zielführender, wieder ein positives Umfeld für die junge Generation zu schaffen, Perspektiven, Jobs, die nicht nur das Überleben sichern mit sozialer Absicherung. Und noch etwas ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen: Den Menschen einen Sinn zu geben. Die Suche nach einem Sinn treibt die Menschen in die Kirchen und die Tempel, wo sie das „Opium des Volkes“ konsumieren. Die Religionen, ob evangelisch oder katholisch, buddhistisch oder daoistisch, ob staatlich reguliert oder als Hauskirchen, im Westen oft als „Untergrundkirchen“ betitelt, erfahren in den letzten Jahren einen enormen Zulauf.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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1 Kommentar

  1. Und ich dachte schon, China übernimmt jetzt.
    Mit der Weltherrschaft wird es wohl doch noch etwas dauern.
    Erlebe ich vermutlich gar nicht mehr, was mir auch lieber ist.

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