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Stromversorgung sicher auch ohne Russland-Gas und Atomstrom – gute Nachrichten vom DIW

Stromversorgung über Hochspannungsmasten

Ja, der Marcel Fratzscher, der wollte lange Zeit gar nichts von dem Thema Inflation wissen. Gestern nun sprach er davon, dass man in Deutschland die nächsten fünf bis zehn Jahre mit steigenden Preisen rechnen müsse. Das musste nur mal kurz erwähnt werden. Und das Institut DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), dem er vorsteht, meldet aktuell beruhigende Nachrichten für uns Verbraucher. Alles wird gut, die Stromversorgung wird sichergestellt sein, auch ohne Energielieferungen aus Russland und gleichzeitigem Verzicht auf Atomstrom. Gut, dazu muss leider hier und da ein wenig mehr Kohle verfeuert werden – aber da schauen wir jetzt mal nicht so genau hin?

Stromversorgung soll gesichert sein

Das DIW hat heute ein Papier veröffentlicht mit dem Titel „Stromversorgung auch ohne russische Energielieferungen und trotz Atomausstiegs sicher – Kohleausstieg 2030 bleibt machbar“. Es zeigt sich laut DIW, dass im kommenden Jahr auch ohne russische Energielieferungen eine sichere Stromversorgung möglich ist. Die Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland könne und sollte wie geplant im Dezember 2022 erfolgen. Kurzfristig müssten aber Kohlekraftwerke aus der Netzreserve genutzt und die Sicherheitsbereitschaft einiger Kraftwerke verlängert werden.

Kohle aus Russland

Das DIW weist darauf hin, dass das Hauptabnehmerland russischer Steinkohle in der EU Deutschland ist mit fast 18 Millionen Tonnen (2019), das in den letzten Jahren damit etwa 60 Prozent seiner Steinkohlenachfrage deckte. Aktuelle Untersuchungen des internationalen Steinkohlemarkts zeigen laut dem DIW, dass es auch kurzfristig ausreichend angebotsseitige Kapazitäten für einen erhöhten Bedarf in der EU gibt, insbesondere durch eine drastisch sinkende Nachfrage nach Kohle in den USA. Trotz gestiegener Kohlepreise gebe es auf dem deutschen und dem europäischen Markt ein ausreichendes und flexibles Angebot von Steinkohle. Trotz des Kohle-Embargos gegen Russland sei deshalb nicht mit Engpässen bei der Versorgung mit Kohle zu rechnen.

Neben importierter Steinkohle trage auch einheimische Kohle aus dem Rheinland, dem Leipziger Land sowie der Lausitz noch für einige Jahre zur Stromversorgung bei. Allerdings habe sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, das im Kohleausstiegsgesetz vorgesehenen Ende der Kohleverstromung (2035-2038) nach Möglichkeit auf das Jahr 2030 vorzuziehen. Durch eine Ausweitung der jährlichen Laufzeiten sowie den möglichen Einsatz der Kapazitäten aus der Sicherheitsbereitschaft und Netzreserve können Kohlekraftwerke laut DIW kurzfristig zum Ersatz von russischem Erdgas im Stromsektor beitragen.

Kein Gas aus Russland und keine deutschen Atomkraftwerke mehr – dafür Kohle und mehr Erneuerbare

Das DIW Berlin hat in seiner aktuellen Studie Szenarien entwickelt, wie die Erdgasversorgung in Deutschland bei einem drohenden Lieferstopp aus Russland bei gleichzeitigem Atomausstieg kompensiert werden könnte. Wir wollen darauf hier verkürzt eingehen. Neben Importen aus anderen Erdgaslieferungen werde auf Einsparungen gesetzt. Insbesondere bei der Stromerzeugung geht man beim DIW von einem großen Einsparpotential von Erdgas durch eine erhöhte Stromerzeugung aus anderen Quellen aus. Im Szenario mit den stärksten kurzfristigen Einsparungen von Erdgas im Stromsektor ergeben sich etwa 43 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden), was etwa 45 Prozent der Stromerzeugung aus Erdgas entspricht (Vergleichsjahr 2020). Für das Jahr 2023 ist der größte Anteil an Ersatzerzeugung aus Kohle anzunehmen, da durch die Abschaltung der Kernkraftwerke 64 Terawattstunden Stromerzeugung im Vergleich zu 2020 wegfallen. Zeitgleich wird von einem Zubau der Erneuerbaren Energien von Photovoltaik auf 71,5 Gigawatt sowie Wind onshore auf 62,5 Gigawatt bis Ende Juni 2023 ausgegangen.

Also: Mehr Kohle und mehr Erneuerbare können laut dieser Analyse fehlendes Gas aus Russland und wegfallenden Atomstrom kompensieren! Auch ohne die ungekoppelten Erdgaskraftwerke und nach Abschaltung der letzten Kernkraftwerke liegen laut DIW jeder Zeit ausreichende Kapazitäten vor, um die Nachfrage zu decken, also um die Stromversorgung für das Jahr 2023 zu gewährleisten. Zusätzlich stünden auch weiterhin die Kapazitäten der ungekoppelten Erdgaskraftwerke (etwa 15 Gigawatt) zur Verfügung, wenn auch voraussichtlich zu sehr hohen Preisen. Sollten diese in Extremsituationen, beispielsweise zur Deckung außergewöhnlich hoher Lasten, oder beim Ausfall anderer Kraftwerkskapazitäten zum Einsatz kommen, so sei dennoch nicht mit einem hohen Gasverbrauch durch diese zeitlich stark begrenzten Einsätze zu rechnen.

Fazit

Nichts im Leben ist umsonst. Und die schnelle Abkehr von russischer Energie und Atomstrom hat eben auch ihren Preis, wenn man in Deutschland die Stromversorgung sichern will. Kurzfristig spürbar mehr Verfeuerung von Kohle, und die Hoffnung auf den schnellen und drastischen Ausbau der Erneuerbaren Energien – das ist der Preis, den man zahlt. Folgt man dem DIW, dann sind das die beiden Säulen, die dafür sorgen sollen, dass auch im Falle ausbleibender Energielieferungen aus Russland bei uns der Strom nicht ausgehen soll. „Auch bei einem vollständigen Wegfall der russischen Erdgas- und Kohleexporte nach Deutschland bleibt die Stromversorgung sowohl im kommenden Jahr 2023 (nach dem Atomausstieg) als auch mittelfristig gesichert. Bedingung hierfür ist der im Osterpaket vorgesehene beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien sowie eine befristete Intensivierung von Stein- und Braunkohleverstromung“, so sagt es das DIW in seinem Fazit.



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6 Kommentare

  1. Sollte die Hoffnung nicht funktionieren, werden Singelhaushalte zeitlich stillgelegt und auf jeweils 400 Personen
    in turnsaalähnlichen Behausungen untergebracht, welche sich durch die alleinige Körperwärme der Bewohner
    heizen lassen….wär ein echter Schlag gegen die kollektive Einsamkeit.

  2. DIW ist ein Synonym für ökonomische Inkompetenz und Geisterfahrerei. Den EZB Kapazitäten Lagarde und Schnabel kann man nur noch den sofortigen Rücktritt wegen Totalversagen nahelegen und unmittelbar danach den Saftladen auflösen.

  3. Irgendwie läuft die Produktion vielen Energie ja recht unkompliziert.
    Tolle Neuigkeiten. Schade nur, dass wir hier für einen Krieg brauchten.

  4. Die deutsche Energiewende war bereits vor dem Ukrainekrieg gescheitert, s. halbjährlichen Energiewende-Index von McKinsey. Lediglich bei vier von 15 Indikatoren halten die Analysten von McKinsey eine Erreichung der Wendeziele für 2030 noch für realistisch. Zu den erreichbaren Wendezielen zählt McKinsey „stabile Energiepreise für die Haushalte“, „ausreichende Importkapazitäten“ und die „Versorgungssicherheit“. Entlarvender kann unser staatlich verursachtes Energie-Desaster nicht beschrieben werden. NGO´s- und Medienpropaganda schaffen es aber trotzdem immer noch, die selbstverschuldete deutsche Energie-Katastrophe auszublenden – und mit Putin hat man jetzt ja einen Schuldigen für alles.

    1. @ HDieckmann

      Ja. Aber das Problem mit dem Sündenbock ist, dass man ihn dann auch besiegen können muss. Diese Art der jetzigen Konfrontation schlägt viele Türen zu und führt zu großen Nachteilen für uns. Wenn man da einigermaßen rauskommen will, müßte man jetzt einen Krieg gewinnen, in dem man eigentlich gar nicht beteiligt ist. Sie sehen, wohin das logisch führt … .

  5. Wenn nur genügend pseudo-wissenschaftliche Organisationen von Bundesministerien mit Aufträgen versorgt werden, bekommen diese Bundesministerien auch ein paar passend gefärbte Berichte, die der Öffentlichkeit als Beleg für die schlauen Manöver und Machbarkeit der weltweit einzigartigen Energiewende vorgezeigt werden. Und wenn die Journalisten nicht willens oder in der Lage sind, eine einfache Plausibilitätsabschätzung durchzuführen, wird der Quatsch verbreitet und der moralisch erhöhte Bundesbürger verbleibt im süßen Schlaf der Glückseligkeit. Das wird ein ungemütliches Aufwachen und Augenreiben am Ende der Tage…. Physik lässt sich nicht verarschen.

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