Haben Sie in den letzten Tagen vielleicht auch gedacht: „Mist, den Mega-Trend Südkorea habe ich komplett verpennt“? Das war auch mein Gedanke. Viel zu lange schaute man als Anleger nur auf US-Techaktien, und wollte nicht wirklich sehen, wo das ganze Geld für die KI-Infrastruktur eigentlich hinfließt. Zu großen Teilen landet es in Asien, wo viele der Produzenten von KI-Hardware ihren Sitz haben.
Südkorea-Aktienmarkt prescht voran
Zwar gibt es auch Anbieter wie Micron, Broadcom, Nvidia und andere in den USA. Aber in Asien gibt es große und namhafte Hersteller wie den global führenden Auftragsfertiger TSMC in Taiwan. An dieser Stelle schauen wir aber auf Südkorea, wo SK Hynix und Samsung als Mega-Konzerne im Bereich Speicherchips hervorstechen, und am südkoreanischen Aktienmarkt eine führende Rolle einnehmen. Beim Blick auf den Chart vergeht einem als potenziellen Neu-Investor eigentlich die Lust am Einstieg.
Der Südkorea-Aktienindex KOSPI ist in den letzten sechs Monaten bereits um 79,4 % gestiegen. Die Aktien von Samsung und SK Hynix konnten um 161 % und 212 % zulegen. Als Vergleich: Der US-Techindex Nasdaq 100 legte im selben Zeitraum nur 5 % zu, bei Nvidia waren es +3,25 %. Broadcom schaffte nur 9 % Plus. Amazon verlor in den letzten sechs Monaten 11 % an Wert, Microsoft sogar 22 %. Man kann es auch anders formulieren: Der Aktienmarkt in Südkorea hat viel aufzuholen. Anleger – auch die inländischen – haben offenbar viel zu lange aus US-Aktien gesetzt, und die günstigen Bewertungen in Südkorea ignoriert.
KGV spottbillig
Eines muss man sagen: Die KGV-Erwartungen für Südkorea sind auch nach den massiven Kursanstiegen der letzten Monate immer noch richtig günstig. Der KOSPI-Index weist für die nächsten zwölf Monate eine KGV-Erwartung (Kurs-Gewinn-Verhältnis) von 9,9 auf. Für das nächste Jahr liegt die Erwartung bei 8,23, und für das übernächste Jahr bei 7,51. KGV-Werte unter 10 gelten allgemein als richtig günstig, zwischen 10 und 20 liegt der Normalbereich, und über 20 wird es für Standardaktien langsam teuer. Aber Technologietitel – gerade in den USA – werden oft höhere KGVs zugestanden.
Bei Samsung liegt das erwartete KGV für 2026 bei einem Wert von 8,97, für das nächste Jahr bei 7,33. Bei SK Hynix liegen die Werte bei 5,74 und 4,71. Trotz der immensen Kursanstiege sehen wir derart günstige Bewertungen für diese Highflyer-Aktien aus Südkorea! Daran sieht man, dass die Gewinne der Firmen kräftig ansteigen, und vermeintlich immer noch Aufwärtspotenzial in den Aktienkursen vorhanden ist. Denn die Knappheit bei Speicherchips dürfte noch lange anhalten, und beschert diesen Firmen glänzende Geschäfte. Erst heute wurde beispielsweise bekannt, dass Samsung seine Preise um 30 % anhebt, was auch SK Hynix wohl animieren dürfte, nachzuziehen.
Zum Vergleich zum KOSPI sowie Samsung und SK Hynix: Der S&P 500 als US-Leitindex weist KGV-Erwartungen von 22 und 19 auf, der Nasdaq 100-Index liegt bei Werten von 26 und 22. Sogar der Dax weist mit 16,7 und 15 spürbar höhere Bewertungen auf als der Leitindex für Südkorea. Also ist trotz dieses Charts, der rein optisch anzeigt, dass man als Neueinsteiger viel zu spät kommt, noch jede Menge Aufwärtspotenzial vorhanden? Oder sollten vor allem die US-Aktienmärkte eher kräftig korrigieren, um die KGV-Erwartungen unter die 20er-Grenze zu bringen?
Strategen von Franklin Templeton über Aktienmarkt in Südkorea
Zum Aktienmarkt in Südkorea haben Christy Tan, Senior Investment Strategist beim Franklin Templeton Institute und Marcus Weyerer, Director, ETF Investment Strategy, EMEA bei Franklin Templeton, eine Analyse mit dem Titel „Südkorea: Neubewertung, wenn politische Maßnahmen greifen“ veröffentlicht. Nachfolgend zeigen wir den vollständigen Text.
Südkorea ist ein Markt, der bei einer allgemeinen Rallye auf den ersten Blick vollständig bewertet erscheinen mag, strukturell jedoch nach wie vor unterbewertet ist. Der Anstieg des KOSPI im Jahr 2025 und der starke Start ins Jahr 2026 haben globale Anleger bereits dazu veranlasst, sich wieder zu engagieren, angetrieben von zwei sehr konkreten Faktoren: der zentralen Rolle Koreas in der Lieferkette für KI-Speicher und einem Exportzyklus im Verteidigungsbereich, der wirtschaftlich immer bedeutender wird. Aber die Debatte, die letztendlich darüber entscheidet, ob Südkorea eine dauerhafte Neubewertung seiner Bewertung erhält, dreht sich weder um KI noch um Geopolitik. Es geht um Governance, Kapitaleffizienz und darum, ob der Korea-Discount endlich an seinen Wurzeln und nicht nur an seinen Symptomen angegangen wird.
Bewertung der Politik: Positiver Kurs, aber Umsetzung zählt
Die Agenda der Regierung Lee Jae-Myung zur Steigerung der Aktionärsrendite ist tendenziell konstruktiv, da sie ausdrücklich auf das Verhalten der Unternehmen abzielt und nicht nur auf die Stimmung der Anleger. Die obligatorische Löschung eigener Aktien in Verbindung mit einer separaten Besteuerung von Dividendenerträgen hat das Potenzial, die Kapitaleffizienz zu verbessern und Ausschüttungen am Rande attraktiver zu machen.
Das Hauptrisiko besteht im Timing und in der Glaubwürdigkeit. Selbst ein niedrigerer Spitzensteuersatz für Dividenden (der nach den neuesten Angaben auf 25 % gesenkt werden soll) wird die Ausschüttungsentscheidungen nicht wesentlich verändern, solange die Reformen nicht endgültig beschlossen, gesetzlich verankert und mit einem klaren Datum des Inkrafttretens umgesetzt sind. Unternehmen ändern ihre Kapitalpolitik selten aufgrund von Gesetzesentwürfen. Wenn die gesetzliche Regelung erst ab 2026 verbindlich wird, dann wird die beobachtbare Reaktion der Unternehmen viel eher in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 deutlich werden, wenn die Vorstände mit Sicherheit statt mit Optionen handeln können.
Es ist ermutigend, dass Südkorea bereits gezeigt hat, dass „weiche” Reformsignale zu „harten” Ergebnissen führen können, wenn die Anreize stimmen. Führende KOSPI-Unternehmen haben begonnen, Aktien im erheblichen Umfang aus dem Markt zu nehmen, was sowohl die Erwartung strengerer Vorschriften als auch die Bereitschaft widerspiegelt, sich vor der Regulierungskurve zu positionieren. Dies entspricht dem von uns zuvor hervorgehobenen allgemeinen Muster: Der Shareholder Value hängt oft ebenso sehr von der Kultur wie von der Regulierung ab, und sobald die „Reiserichtung” akzeptiert ist, kann sich eine freiwillige Dynamik entwickeln.
Der Widerstand von Wirtschaftsverbänden gegen governancebezogene Änderungen des Handelsgesetzes erinnert jedoch daran, dass der Reformweg Koreas nicht linear verläuft. Das ist wichtig, denn die Märkte werden den Abschlag nicht dauerhaft allein aufgrund politischer Absichten aufheben. Sie werden Korea neu bewerten, wenn die Politik in wiederholbare Unternehmensmaßnahmen umgesetzt wird: höhere Dividenden, glaubwürdige Rückkaufprogramme, häufigere Einziehungen eigener Aktien und klarere Governance-Standards, wodurch sich die „Kontrollprämie” verringert, die Anleger in ihre Bewertungen einfließen lassen.
Südkorea-Abschlag: geringer, aber nicht verschwunden
Der strukturelle Bewertungsabschlag Koreas hat sich spürbar verringert – verschwunden ist er jedoch nicht. In unseren jüngsten Analysen haben wir diese Entwicklung als „Value Up gewinnt langsam an Dynamik“ beschrieben und verweisen auf messbare Fortschritte: stärkeren Aktionärsaktivismus, steigende Aktienrückkäufe und Dividenden sowie eine sich schließende Bewertungslücke gegenüber anderen Schwellenländern. Entscheidend ist dabei: Eine Neubewertung ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess.
1)
Gewinne müssen überzeugen
Bewertungen orientieren sich letztlich an nachhaltiger Profitabilität. Koreas Neubewertungsthese wird durch die starke Positionierung im globalen KI-Investitionszyklus gestützt, ebenso wie durch die Dominanz bei Schlüsseltechnologien im Speicherbereich. Besonders strategisch ist Koreas Rolle im HBM-Markt (High Bandwidth Memory), in dem das Land einen sehr großen Anteil hält. Gleichzeitig führt der KI-Boom zu nichtlinearen Steigerungen des Speicherbedarfs und erhöht den Preisdruck im breiteren DRAM-Markt (Dynamic Random Access Memory).
2)
Kapitalallokation muss berechenbar werden
Eine nachhaltige Neubewertung erfordert systematische, nicht nur punktuelle Kapitalpolitik. Unternehmen müssen klare und konsistente Ausschüttungsrahmen etablieren und überschüssige Liquidität eher als Bilanzbelastung denn als Sicherheitsreserve betrachten. Der Markt achtet zunehmend auf Standardisierung: explizite Ausschüttungsziele, mehrjährige Rückkaufprogramme und die regelmäßige Einziehung zurückgekaufter Aktien statt dauerhafter Lagerung.
3)
Governance bleibt Schlüsselfaktor
Südkoreas Abschlag spiegelt seit langem Governance-Reibungen wider: komplexe Chaebol-Strukturen – die großen, meist familienkontrollierten Industriekonglomerate Koreas –, Unsicherheit bei Transaktionen mit verwandten Parteien, Abspaltungen, M&A-Fusionen und ungleiche Behandlung von Minderheitsaktionären. Frühere Analysen identifizierten die zentralen Problemfelder klar: Unternehmensführung, Dividendenunsicherheit, Aktionärsrenditepolitik und eine von Investoren nahezu reflexartig angesetzte Risikoprämie.
4)
Stabilität schlägt Ambition
Globale Investoren brauchen das Vertrauen, dass Reformen politische Zyklen überstehen. Wenn Reformen als kurzfristige Marktunterstützung wahrgenommen werden, verschwindet die „Headline-Prämie“ schnell. Wenn Reformen eingebettet und durchgesetzt werden, wird die Risikoprämie komprimiert und der Markt kann höhere Vielfache aufrechterhalten.
Währung & Kapitalflüsse: KRW-Schwäche kein Deal-Breaker
Eine anhaltende Phase eines erhöhten USD/KRW-Wechselkurses war für die Renditen relevant – insbesondere für Investoren, die in USD investieren. Dies ist jedoch nicht zwingend ein Grund, sich aus Korea zurückzuziehen. In diesem Zyklus erwies sich die Schwäche des KRW gleichermaßen als Bewertungs- und Wettbewerbsrückenwind für Exporteure wie als Umrechnungsrisiko für ausländische Anleger. Sollten sich die US-Zinsdifferenzen bis 2026 verringern und die heimische Politik die Währungsvolatilität reduzieren, könnte die Währung weniger stark als struktureller Gegenwind wirken.
Gleichzeitig wird das Bild der Kapitalflüsse nicht ausschließlich von ausländischen Investoren bestimmt. Anlageentscheidungen heimischer Institutionen sowie das Verhalten privater Anleger können die marginale Nachfrage nach koreanischen Aktien maßgeblich beeinflussen. Für globale Asset-Allokatoren bleibt der entscheidende Punkt, dass die Investmentthese für koreanische Aktien weiterhin primär von der Gewinnentwicklung der Marktanker getragen wird – insbesondere von den Halbleitern, wo starke Fundamentaldaten kurzfristige Währungseffekte überlagern können.
Fazit
Die Maßnahmen der Lee-Regierung zur Steigerung der Aktionärsrendite bieten einen glaubwürdigen Weg zur Verbesserung der Kapitaleffizienz. Der Markt wird Südkorea jedoch erst dann eine dauerhafte Neubewertung „zugestehen“, wenn sich die Reformen in einem erkennbaren Unternehmensverhalten niederschlagen. Der Abschlag für Südkorea verringert sich, da die Anleger bereits jetzt die Voraussetzungen dafür erkennen können: einen global relevanten Gewinnmotor durch KI-Speicher, einen Verteidigungsexportzyklus in realer Größenordnung und eine Governance-Strategie, die von der Diskussions- in die Umsetzungsphase übergegangen ist.
In der nächsten Phase ist Durchhaltevermögen gefragt. Wenn die politische Stabilität anhält und die Unternehmen bis 2026 und darüber hinaus die Aktionärsrenditen und Governance-Verbesserungen institutionalisieren, kann Korea den Übergang von „strukturell diskontiert” zu „strukturell neu bewertet” fortsetzen. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Reformen nur als kurzfristige Marktkatalysatoren wirken, die verblassen, sobald sich die politische Aufmerksamkeit anderen Themen zuwendet. Was wir bisher sehen, stimmt uns zuversichtlich.
Risikohinweis: Der Handel mit Wertpapieren und Finanzinstrumenten kann Ihr Kapital erheblichen Risiken aussetzen, unter Umständen auch über das eingesetzte Kapital hinaus. Trading ist nicht für jeden geeignet. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Performance. Die hier gezeigten Analysen stellen keine Anlageberatung dar und sind daher auch keine Empfehlung zum Kauf bzw. zum Verkauf eines Wertpapiers, eines Terminkontraktes oder eines sonstigen Finanzinstrumentes. Die bereitgestellten Analysen sind ausschließlich zur Information bestimmt und können ein individuelles Beratungsgespräch nicht ersetzen. Eine Haftung für mittelbare und unmittelbare Folgen aus diesen Vorschlägen ist somit ausgeschlossen.
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