Anleihen

Szenario: Warum die EZB-Ausweitung auf Unternehmensanleihen nicht völlig unrealistisch ist

FMW-Redaktion

Viel besprochen, und alle fiebern daraufhin: Was genau wird die EZB am Donnerstag beschließen? Der Hauptposten der quantitativen Lockerung der EZB, das Anleihekaufprogramm in Höhe von 60 Milliarden Euro pro Monat, hat bisher nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Laut Aussagen der EZB läuft natürlich alles perfekt und das letztlich gewünschte Ziel (Ankurbelung der Kreditvergabe) würde erreicht werden. Wie wir schon zwei Mal aufgezeigt haben, ist dies in den realen Zahlen nicht der Fall, aber lassen wir das mal bei Seite.

Das Volumen des monatlichen QE von 60 auf 70 oder 80 Milliarden Euro auszuweiten, würde ganz reale Probleme am Anleihemarkt mit sich bringen. Der Markt für öffentliche Anleihen ist eh schon relativ ausgetrocknet durch die bisherigen EZB-Käufe. Dazu zählen klassische Staatsanleihen aus der Eurozone und Anleihen halbstaatlicher Institutionen wie z.B. Förderbanken, die letztlich auch dem jeweiligen Staat zuzurechnen sind. Bisher war es so, dass die EZB sich selbst Grenzen gesetzt hat. Man erlaubt sich selbst bisher maximal 33% (vormals 25%) einer einzelnen Anleihetranche aufzukaufen. Die Maximalgrenze von 33% setzt man auch an wenn es um sämtliche ausstehenden Anleihen eines Emittenten (Staat oder z.B. Förderbank) geht. Auch will man (bisher) keine Anleihen kaufen, die von der Verzinsung her unter dem EZB-Einlagensatz von -0,3% liegen.

Aber am Wichtigsten ist die Einschränkung des Aufkaufs pro Tranche. Begibt Frankreich z.B. eine neue Anleihe über 1 Milliarden Euro und die französische Notenbank möchte als ausführendes Organ der EZB vor Ort das ihr zugeteilte QE-Volumen in den Markt pumpen, kann sie bei dieser Anleihe am Markt nur für 330 Millionen Nominalvolumen kaufen. Hat sie zu viel Budget zum Unterbringen und zu wenig ist auf der Angebotsseite vorhanden, gibt es ein Problem. Jetzt könnte die EZB diese 33%-Schwelle erneut raufsetzen auf sagen wir mal 50 oder 60%? Das würde mit einem Fingerschnipp das mögliche Aufkaufvolumen erhöhen.

Mit einer möglichst kleinen Schwelle von zuerst 25 und jetzt 33% will die EZB verhindern, dass die Preisfindung am freien Anleihemarkt zunehmend durch sie und nicht mehr durch die freien Marktkräfte zustande kommt. Je mehr Anteile sie aufkauft, desto größer wird ihr Einfluss auf die Preisfindung (EZB-Planwirtschaft?). Aber da gibt es auch ein ernsthafteres rechtliches Problem, dass die EZB selbst schon im Blick hat. Sie darf gemäß ihrer eigenen Satz, die sie von den Euro-Mitgliedsstaaten erhalten hat, keine Staatsfinanzierung betreiben. Je höher der prozentuale Anteil pro Anleihetranche, die man aufkaufen darf, je eher erweckt es den Eindruck als wandere die Anleihe vom staatlichen Finanzministerium nur ein paar Blocks weiter zur Notenbank. Und das riecht dann nicht nur nach illegaler Staatsfinanzierung, sondern selbst vorsichtige Kritiker würden dann in das Lager von Jens Weidmann wechseln, der die ganze Geldschwemme eh für falsch hält.

Nicht nur die Opposition im EZB-Rat gegen die Politik der Mittelmeer-Notenbanker würde wachsen. Auch das Risiko würde extrem ansteigen, dass gerade die klagefreudigen Euro/EZB-Gegner in Deutschland erneut ihre Chance sehen gegen die Geldschwemme vor deutschen und europäischen Gerichten klagen. Die Headline hieße: Die EZB überschreitet ihr Mandat! Und je mehr pro Tranche die EZB kauft, desto eher könnten Richter geneigt sein hier eine illegale Staatsfinanzierung zu erkennen anstatt einer geldpolitischen Maßnahme.

Außerdem bringt die 33%-Grenze pro Anleihetranche noch ein Problem mit sich. Ab diesem Niveau würde die EZB als Inhaber der Anleihe ein Vetorecht haben, wenn es z.B. um eine Anleihe-Umstrukturierung (Schuldenschnitt) geht. Käme es zu so einem Ereignis (ja nicht ganz unrealistisch), und die EZB würde ihr Vetorecht nicht nutzen, würde quasi eine staatliche Institution dafür sorgen, dass der Staat weniger Schulden hat, einfach so, verpufft. Den Verlust müsste dann irgendwie die EZB-Bilanz absorbieren.

Also ist der Gedankengang möglich, wenn auch nicht hochwahrscheinlich, dass man bei der EZB auf die Idee kommen könnte einfach das Spektrum kaufbarer Assets zu erweitern. Nicht mehr nur öffentliche, sondern auch Unternehmensanleihen könnten fortan mit zum Katalog der QE-Wertpapiere zählen. Diese Politik bringt einen evtl. gruseligen Nebeneffekt mit sich. Durch die Überflutung auch dieses Marktes wird es in der Gesamtbetrachtung für Emittenten deutlich leichter Anleihen am Markt zu platzieren, die sonst keine Käufer gefunden hätten. Kauft die EZB den Investoren einen Teil ihres normalen Marktes weg, wird so mancher ausweichen auf höher verzinsliche Papiere mit höherem Risiko. Windige Emittenten mit merkwürdigen Geschäftspraktiken sterben ja nie aus.

Hilft auch das nicht, steht ja noch das Fernziel „Aktien aufkaufen“ zur Verfügung. Ja ist schon klar, das haben wir jetzt erst mal hervorgezaubert aus der planwirtschaftlichen Twilight-Zone a la Japan, wo der Gedanke schon herumschwirrt, ob die Bank of Japan aus lauter Verzweiflung irgendwann anfängt japanische Aktien aufzukaufen. Noch ziemlich weit weg dieser Gedankengang für die EZB, aber dass die EZB den Markt für öffentliche Anleihen in der Eurozone mal leerfegen und in ihre eigene Bilanz packen würde, hätte man das bei Einführung des Euro erwartet?



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