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Thomas Mayer: Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert

Kein Zufall, dass Thomas Mayer der führende Finanzökonom unserer Zeit ist

Thomas Mayer - das Inflationsgespenst

Thomas Mayer ist ein Banker der alten Schule. Seine Wortmeldungen haben Gewicht und finden weltweit bei Entscheidern Gehör. Dabei ist Mayer alles andere als ein Talkshow-Ökonom oder telegener Kamera-Löwe. Dafür ist er viel zu fein, uneitel, unaufdringlich. Mayer ist bescheiden als Wesenszug, denn ”Bescheidenheit“ hat mit ”Bescheid-wissen“ zu tun. Das Megaphon ist seine Sache nicht. Mayer stehen subtilere Mittel zur Verfügung, um intellektuell durchzudringen. Diskretion kennzeichnet seinen Auftritt nicht von ungefähr. Denn Diskretion leitet sich bekanntlich ab von lateinisch „discernere = unterscheiden“. Diskretion macht – man möchte ergänzen: nicht nur im Bankenwesen – den entscheidenden Unterschied. Die Erfahrung lehrt: In diesem Punkt trennt sich regelmäßig die Spreu vom Weizen.

Thomas Mayer – und Steinmünzen so groß wie Mühlsteine

Thomas Mayer hat ein neues Buch vorgelegt, dass in diesen Tagen erscheint: Thomas Mayer, „Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert“. Vor allem der Untertitel verdeutlicht, dass Mayer mit seinem Buch keineswegs einen billigen Inflationsalarmismus publizistisch bedient. Mayer hat zwar als einer der ganz wenigen Experten das Hochschnellen der Konsumentenpreisinflation als Folge der Coronahilfen antizipiert (zu einem Zeitpunkt, als die mediale Öffentlichkeit noch gar nicht wusste, was Konsumentenpreisinflation eigentlich beinhaltet).

Aber das ist für Mayer längst Schnee von gestern. In dieser Hinsicht ist für ihn das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Stattdessen holt er im ersten Teil seines Buches zu einer Geschichte des Geldes aus. Meisterhaft zeichnet Mayer mit wenigen Strichen von den Römern bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Weltgeldgeschichte nach, die für ihn im wesentlichen eine Geschichte wiederholter Geldruinierung darstellt. Dabei durchdenkt Mayer die Rolle von Kredit und Schulden unter anderem am Beispiel der Pazifikinsel Yap, deren Einwohner mit Steinmünzen zahlten, die groß waren wie Mühlsteine (Seite 32). Eine Geschichte des Geldes in drei voluminösen Teilen vorzulegen, ist keine Schwierigkeit. Die Kunst liegt im Weglassen des Materials, ohne gleichzeitig an Tiefe einzubüßen. Das ist Thomas Mayer federleicht gelungen. Diese Weltgeldgeschichte ist die Substantiellste und Konziseste, die bislang geschrieben wurde.

Geld- und Finanzkrisen als Teil des Systems

Im zweiten Teil des Buches schaut Mayer dem obwaltenden Fiatkreditgeldsystem in die Eingeweide. Diesbezüglich ist Mayer eine Autorität weltweit. Wie wohl kein Zweiter hat Thomas Mayer den Mechanismus analysiert, durch den unser Geld gegenwärtig in die Welt kommt. Mayer zufolge resultieren die gegenwärtigen Geld- und Finanzkrisen aus dem obwaltenden Fiatkreditgeldsystem. In seinen letzten beiden Kapiteln – seine Darstellung läuft auf diesen Höhepunkt seines Buches zielgerichtet zu – schlägt er deshalb eine umfassende Neukalibrierung des Systems vor (S. 358ff.). Gerade weil Thomas Mayer das Innere des Maschinenraums unseres Fiatkreditgeldsystems kennt wie kein Zweiter (er hat die Weltfinanzkrise 2008 hautnah miterlebt), weiß er, dass der Motor seit langem stottert. Mayers Plan verbindet die notwendige Konsolidierung des Euros elegant mit der Digitalisierung des Geldes sowie der teilweisen Entschuldung der Eurostaaten. Der Rezensent ist überzeugt: Diese Lösung der hochkomplexen Probleme der EZB und des Euros wird man dereinst historisch nennen! Mayers Vorschlag ist im Kern derart simpel, dass man sich fragt, warum bisher nur er auf diese Lösung verfallen ist. Darin liegt Genialität.

Im Auge des Sturms

Abgesehen vom finanzökonomischen Ertrag, hat dem Rezensenten die Lektüre große Freude bereitet. Mayers Darstellung ist abwechslungsreich, immer überraschend, geistreich. Besonders lebendig sind jene Passagen, in denen er der Finanzgeschichte seinem persönlichen Werdegang und Lebensweg eingeflochten hat: als Experte des IWF, bei Goldman Sachs, Salomon Brothers oder als Chefökonom der Deutschen Bank.

Mayer berichtet aus eigenem Erleben vom Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer, dem späteren Bundespräsidenten Horst Köhler (Seite 214), dem kommissarischen Leiter des IWF John Lipsky (Seite 219) oder dem langjährigen Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann (Seite 242). Dem Rezensenten kommt dabei folgender Gedanke: Wo immer in den zurückliegenden 30 Jahren ein finanzökonomischer Hotspot gewesen ist, Thomas Mayer war stets mittendrin. Und dank seiner einzigartigen analytischen Begabung konnte er das jeweils besondere Momentum jeder Krise dazu nutzen, sein finanzökonomisches Operationsbesteck weiter zu schärfen. So ist es kein Zufall, dass Thomas Mayer heute, nach einem Leben an den Finanzmärkten, der führende Finanzökonom unserer Zeit ist.

Thomas Mayer, Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert. Ecowin Verlag, Benevento Publishing Salzburg/München 2022. – Der Band umfasst 400 Seiten mit Anhängen sowie Sach- und Personenregister, davon 378 Fließtext, gegliedert in zwei Teilen (Weltgeldgeschichte + Analyse des aktuellen Geldsystems), dargelegt in acht Kapiteln.



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2 Kommentare

  1. Als Hobby-Ökonom mit solidem Halbwissen, und ohne das sicherlich sehr interessante Buch von Thomas Mayer gelesen zu haben, möchte ich mal folgende prinzipielle Überlegungen zum Thema Geld zum Besten geben (ohne Garantie auf Richtigkeit und Vollständigkeit):

    Geld ist ein Symbol für etwas Werthaltiges, es symbolisiert also den dahinterstehenden Wert. Insofern ist das Vertrauen, dass wirklich etwas Werthaltiges hinter dem Symbol „Geld“ steht, entscheidend für die Geldwertstabilität. Sobald dieses Vertrauen schwindet wird es kritisch, denn dann wird getestet, wie es wirklich um die dahinterstehenden Werte bestellt ist. Sollten die dahinterstehenden Werte deutlich unter dem Symbolwert der entsprechenden Währung liegen, würde so ein Test wohl zur vollkommenden Entwertung der Währung führen. Ich denke, dass wir so etwas gerade in der Türkei sehen.

    Noch eine Bemerkung zu den dahinterstehenden Werten: Lange Zeit war es Gold, was sich aber seit 1971 geändert hat. Inzwischen kann es alles Mögliche sein, vor allem auch Schuldverschreibungen, wie z.B. Staatsanleihen oder Hypothekenpapiere. Daran ist im Prinzip nichts auszusetzen, nur das Problem ist, dass alles im Wert schwanken kann – das eine mehr, das andere weniger – selbst Gold. Besonders kritisch wird es, wenn es sich dabei um hoch spekulative Papiere handelt, die sich rasant im Wert verändern können, und selbst Staatsanleihen können dramatisch an Wert verlieren, wenn diese von einem überschuldeten Staat stammen. Am besten wäre es wohl, wenn diese (das Geld deckende) Werte breit gestreut sind in unterschiedliche, relativ wertstabile Anlageklassen, und zum anderen diese Werte deutlich über dem Wert des ausgegebenen Geldes liegen.

    Ich könnte noch etwas zu Zentralbankgeld und Giralgeld (Fiatgeld) sagen, was ein zweistufiges System darstellt, aber das wäre ein Kapitel für sich. Letztendlich bürgen die Zentralbanken aber auch für das Giralgeld, falls sie nicht gigantische Bankenpleiten zulassen wollen. Somit kommt es auf die Zentralbanken und das von ihnen herausgegebene Zentralbankgeld an, auf das sich das oben gesagte auch bezieht.

  2. Für mich ist der Marcello aber viel bekannter, woran liegt das? Haben Scheisse Erzähler mehr Aufmerksamkeit in der neuen Welt von Social – Media? Könnte sein, eine Horde junger Robin Hooders hat ja auch schon die grosse Börse eine Weile bewegt und auch Wahlen werden immer mehr von Fakern beeinflusst. Ein kleiner Trost, die Wahrheit meldet sich immer zurück, meistens auf unangenehme Art.

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