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Top-Experten: Warum Inflation und Zinsen noch weiter ansteigen

Top-Experten erläutern in einer aktuellen Analyse im Detail, warum Inflation und Zinsen in den USA und der Eurozone noch weiter ansteigen dürften.

Staubsauger saugt Geld ein als Symbol für Inflation

Die Fed hat gerade erst vorgestern die Zinsen für die USA um 75 Basispunkte angehoben, und für Juli stehen weitere 50 bis 75 Basispunkte Erhöhung an. Die EZB hat am 9. Juni für Juli ihren ersten Zinsschritt von 25 Basispunkten angekündigt, und man will im September erneut anheben. Aber müssen die Notenbanken die Zinsen noch viel kräftiger anheben als bislang geplant? Denn kann es sein, dass die Inflation mit derzeit 8,6 Prozent in den USA und 8,1 Prozent in der Eurozone noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat? Genau dieses Szenario sehen Top-Experten.

Top-Experten sehen weiter steigende Inflation und Zinsen

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank und Commmerzbank-Senior Economist Bernd Weidensteiner sind der Ansicht, dass die Inflation im Euroraum und auch in den USA im Juni – anders als noch vor kurzem erhofft – neue Höchststände erreichen dürfte. Auch die unterliegende Kerninflation sollte zumindest im Euroraum weiter steigen. In diesem Umfeld dürfte der Markt seine Erwartungen für die Leitzinsen von Fed und EZB weiter nach oben revidieren. Der Anstieg der Anleiherenditen dürfte noch nicht durch sein.

Warum die Inflation weiter ansteigen dürfte

Viele befragte Volkswirte haben laut Aussage der Commerzbanker die jüngste Inflation in der Eurozone vorab nicht so hoch erwartet. Viele hätten sich damals damit getröstet, dass damit wohl der Höhepunkt der Inflation erreicht sei. Aber weit gefehlt. Für Juni zeichnet sich laut Dr. Jörg Krämer eine noch höhere Inflation ab. Denn die Kraftstoffpreise liegen nun zur Monatsmitte, wenn die Statistiker die Preise erheben, rund 4 Prozent über dem Stand von Mitte Mai. Deshalb dürfte die Inflationsrate im Euroraum weiter auf 8,4 Prozent zulegen. In den USA sei das Bild ähnlich. Auch dort dürfte die Inflationsrate im Juni weiter zulegen. Zum einen habe sich Benzin weiter deutlich verteuert. Zum anderen habe sich der Anstieg der Mieten massiv beschleunigt.

Weitere Faktoren, die für eine höhere Inflationsrate sprechen

Auch die Kerninflation steigt laut Aussage der Commerzbanker weiter an. Bei den Erzeugerpreisen für Vorleistungsgüter zeichne sich noch keine Verlangsamung des starken Preisauftriebs ab. Die Inflationserwartungen steigen im Euroraum auf breiter Front – sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Haushalten. Beunruhigend sei, dass die von der Bundesbank befragten Bürger für den Durchschnitt der kommenden fünf Jahre mittlerweile eine Inflation von 5 Prozent erwarten – zwei Prozentpunkte mehr als kurz vor Ausbruch von Corona. In diesem Umfeld falle es Unternehmen leichter, ihre Preise anzuheben.

Auch wird das besprochen, was man wohl als möglichen Auftakt zur Lohn-Preis-Spirale ansehen kann (die laut jüngsten Aussagen der EZB nicht in Sicht ist). Im ersten Quartal hat sich laut den Commerzbankern bei den Tariflöhnen nun erstmals ein deutlicher Anstieg gezeigt, der nicht alleine von Corona-bedingten Sonderzahlungen im öffentlichen Dienst Deutschlands verursacht wurde. Mittlerweile hätten die Gewerkschaften ihre Lohnforderungen nicht nur in Deutschland deutlich nach oben geschraubt – was mit Blick auf die massiv gestiegene Inflation verständlich sei (gerade erst 6,5 Prozent Lohnerhöhung in der Stahlbranche beschlossen). Die Arbeitskosten dürften bald auf breiter Front kräftiger steigen – was insbesondere die Preise für Dienstleistungen , aber auch die von Waren weiter nach oben treiben soll.

Lage bei der Inflation soll in den USA noch kritischer sein

Laut Aussage der Commerzbanker soll die Lage in den USA noch kritischer sein als in der Eurozone. Dazu schaut man vor allem auf den engen Arbeitsmarkt. In den USA würden mittlerweile auf jeden Arbeitslosen rechnerisch zwei offene Stellen kommen – so viele wie noch nie. Der Aufwärtsdruck bei den Löhnen bleibe daher hoch. So lag der von der Atlanta-Niederlassung der Fed ermittelte Medianlohn, ein relativ „reiner“ Lohnmaßstab, im Mai 6,1 Prozent über dem Vorjahresniveau – das bisher höchste Plus in der bis 1997 zurückreichenden Historie dieser Datenreihe.

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Auch blickt man auf die Inflationserwartungen in den USA. Die kurzfristigen Inflationserwartungen der US-Konsumenten für die jeweils kommenden zwölf Monate hätten sich von etwa 3 Prozent Anfang 2021 auf mittlerweile 6,6 Prozent erhöht. Die wichtigeren langfristigen Erwartungen für die jeweils kommenden drei Jahre seien immerhin um 1 Prozentpunkt auf knapp 4 Prozent gestiegen. Sollten sich die Energiepreise nicht bald beruhigen, könnte die Inflation in den USA im Frühherbst laut Meinung der Commerzbanker sogar die Marke vom 9 Prozent knacken. Zweistellige Inflationsraten, wie sie zuletzt 1981 erreicht worden waren, wären dann nicht mehr weit entfernt.

Aufwärtsdruck für die Zinsen

Aufgrund der zu vermutenden weiter steigenden Inflation sehen die Commerzbanker weiteren Aufwärtsdruck für die Zinsen. Blicken wir also auf das, was EZB und Fed bevorsteht. Die hartnäckig hohe Inflation mit neuen Höchstständen in den USA und im Euroraum dürfte laut Meinung der Commerzbanker die Marktteilnehmer dazu veranlassen, ihre Erwartungen für die Leitzinsen weiter nach oben zu revidieren. Gegenwärtig würden die Marktteilnehmer damit rechnen, dass die EZB ihren Leitzins bis Mitte nächsten Jahres auf gut 2 Prozent anhebt. Aber damit läge der Leitzins noch immer unter dem neutralen Niveau, das die Commerzbank-Experten anders als die EZB in einer Spanne zwischen 2,5 Prozent und 3,0 Prozent sehen. Unter dem Druck einer hartnäckig hohen Inflation dürften die Marktteilnehmer ihre Vorstellung vom neutralen Niveau nach oben revidieren – einige dürften auch zur Vorstellung gelangen, dass die EZB zur Einbremsung der Inflation über das neutrale Niveau hinausgehen muss, selbst wenn die Teuerungsrate im kommenden Jahr vorübergehend sinken dürfte, weil sich Rohöl nicht weiter so rasch verteuern sollte wie in diesem Jahr.

Die US-Notenbank Fed versucht laut Aussage der Commerzbanker gerade ihre früheren Versäumnisse wettzumachen – sie wolle ihre Leitzinsen rasch auf ein neutrales Niveau anheben, das sie laut der am Mittwoch aktualisierten Schätzung bei 2,5 Prozent ansetzt. Nach der überraschend kräftigen Zinsanhebung um 75 Basispunkte in dieser Woche sei ein weiterer solcher Schritt auf der Sitzung im Juli wahrscheinlich. Mit einem lediglich neutralen Leitzinsniveau lasse sich die gegenwärtige Inflationsflut allerdings nicht aufhalten. Die Fed werde daher restriktiv werden müssen – die Zinserhöhungen würden weitergehen, wenn auch wohl in einem etwas langsameren Tempo.

Erwartung von weiter steigenden Anleiherenditen

Für die kommenden Monate rechnen die Commerzbanker damit, dass die Anleiherenditen wegen der hartnäckig hohen Inflation und des Risikos weiterer Aufwärtsrevisionen bei den Leitzinserwartungen weiter zulegen werden. Italienische Staatsanleihen dürften unter Druck bleiben. Zwar hat die EZB angekündigt, ein neues Hilfsprogramm für hochverschuldete Staaten („Anti-Fragmentierungs-Instrument“) zu beschließen, das wohl Nettoanleihekäufe beinhalten würde. Aber durch das Aufstocken ihrer Anleihebestände würde die Geldmenge steigen, was für sich genommen mittelfristig die Inflation erhöht. Die hohe Inflation beschränke die Möglichkeiten der EZB Italien im Fall der Fälle wirksam zu unterstützen. Die Lage für italienische Staatsanleihen bleibe schwierig – und es räche sich nun, dass sich das Land seit Jahren den notwendigen tiefgreifenden Reformen verschließt. Steigende Anleiherenditen und damit einhergehende Rezessionsängste insbesondere in den USA liegen laut Aussage der Commerzbanker wie Mehltau auf den Aktienmärkten. Man erwartet in den kommenden Monaten tendenziell weiter fallende Kurse.



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