Anleihen

Hat das DIW recht? „TPI der EZB noch nicht notwendig – noch keine Marktirrationalitäten“

Ist es noch viel zu früh für die EZB ihr TPI-Programm zu nutzen, und die Renditen für Südländer-Anleihen zu drücken? Eine Analyse.

Das Euro-Symbol

Die EZB hatte am 21. Juli das „Transmission Protection Instrument“ oder TPI ins Leben gerufen. Endlich wieder eine neue Abkürzung aus dem Hause EZB, so darf man es spöttisch sagen. Mit diesem Instrument will sich die Notenbank selbst die Möglichkeit schaffen den freien Kapitalmarkt de facto auszuhebeln. Der preist nämlich höhere Zahlungsausfallwahrscheinlichkeiten oder schlechte Haushaltsführungen in einzelnen Ländern ein, in dem man die Renditen für Staatsanleihen hochtreibt – eine höhere Risikoprämie für Anleger! Das ist ein gesundes und wichtiges Signal an Regierungen, dass sie nicht ordentlich wirtschaften. Aber genau dieses Signal will die EZB unterdrücken. Sie erklärt zu hohe Renditen lieber mit aus dem Ruder gelaufenen Spekulationen am Anleihemarkt.

EZB-Instrument TPI würde Signale des freien Marktes unterdrücken

Und eben diese „bösen Spekulationen“ muss die EZB bekämpfen? Als Beobachter des Marktes, der EZB und der Verschuldungsorgie der letzten Jahre, dürfte es ziemlich klar sein: Die EZB will weiterhin dafür sorgen, dass vor allem Länder wie Italien sich weiterhin relativ günstig neu verschulden können, und will daher die Anleiherenditen drücken. Dies tut man durch Käufe der Anleihen. Je höher der Kurs, desto niedriger die Rendite. Aber dieses Instrument TPI hat die EZB noch gar nicht eingesetzt, sondern bisher sozusagen nur damit „gedroht“. Man würde dann vermehrt Nordländer-Staatsanleihen (wohl vor allem aus Deutschland ) abstoßen und mit diesem frei gewordenen Geld verstärkt Papiere aus Italien und anderen Mittelmeerländern kaufen.

Blick auf Rendite-Spreads zwischen Deutschland, Italien und Griechenland

Ab wann wäre es denn notwendig das TPI zu nutzen? Am Markt gibt es Gerüchte oder besser gesagt die inoffizielle Idee, dass eine Spreadmarke von über 250 Basispunkten für die EZB nicht mehr tolerierbar wäre. Aber dieser Wert kann auch viel höher liegen. Man steckt eben nicht in den Köpfen der EZB-Direktoren. Damit ist der Renditeaufschlag gemeint, denn Italien mehr zahlen muss als Deutschland für Anleihen mit 10 Jahren Laufzeit. Man schaue auf den folgenden Chart: Er zeigt die Spread-Entwicklung für Papiere aus Italien in den letzten zwölf Monaten. Lag der Aufschlag gegenüber deutschen Anleihen vor zwölf Monaten noch bei 104 Basispunkten, so sind es aktuell bereits 243 Basispunkte.

Wohl auch von der EZB viel beachteter Renditen-Spread Italien-Deutschland

Im folgenden Chart sehen wir seit dem Jahr 2007 die Entwicklung der Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe (blau) im Vergleich zu Griechenland (türkis) und Italien (orange). In der großen Krise 2011 und 2012 stieg die Rendite für griechische Papiere auf über 36 Prozent, eine absolute Ausnahmesituation. Im Verlauf der Jahre danach reduzierten sich die Renditen wieder. Aber seit Jahren sieht man einen gut erkennbaren Abstand zwischen Mittelmeerländer-Anleihen zu Deutschland. Der Bund zahlt aktuell eine Rendite von 2,05 Prozent, während Italien 4,47 Prozent zahlt und Griechenland 4,70 Prozent. Dies zeigt, dass der Kapitalmarkt in Deutschland ein viel größeres Vertrauen setzt als in andere Regierungen im Sinne der finanziellen Verlässlichkeit.

Rendite-Verläufe für Anleihen aus Deutschland, Italien und Griechenland

TPI noch nicht notwendig – hat das DIW recht?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat heute seine Sichtweise veröffentlicht, wonach das TPI durch die EZB aktuell noch nicht aktiviert werden muss. Man schreibt dazu: Das DIW-Schätzmodell untersucht aktuelle Treiber der unterschiedlichen Zinsentwicklung im Euroraum. Bisher seien keine Marktirrationalitäten zu erkennen. Denn Zinsen werden laut dem DIW durch länderspezifische Fundamentaldaten und allgemeine Risikobewertung getrieben.

Die Anleiherenditen im Euroraum entwickeln sich laut DIW-Aussage bisher nicht so besorgniserregend, dass das neue TPI-Notfallprogramm der EZB  schon zum Einsatz kommen müsste. Das DIW hat laut eigener Aussage im Auftrag des Europäischen Parlaments untersucht, wie sich die Anleiherenditen im ersten Halbjahr 2022 im Vergleich zum Krisenjahr 2012 und zum Start der Eurozone entwickelten und welche Faktoren die Renditen jeweils getrieben haben. „Zwar sind in einzelnen Ländern die Renditen für Staatsanleihen gestiegen. Bislang entwickeln sie sich aber entlang der Fundamentaldaten der jeweiligen Euro-Länder. Marktübertreibungen sind nicht zu entdecken“, so das DIW.

DIW-Grafik über für die EZB wichtige Renditeabstände bei Staatsanleihen

Weiter sagt das DIW, im Wortlaut: „Aktuell beabsichtigt die EZB, das neue Instrument erst zu aktivieren, wenn in einzelnen Ländern Marktirrationalitäten zu erkennen sind. Die Entwicklung muss „ungeordnet und ungerechtfertigt in Bezug auf die wirtschaftliche und finanzpolitische Situation eines Landes“ sein. Dies hat sich durch die Untersuchungen mit einem Schätzmodell nun nicht bestätigt. Bisher sind es die gestiegene allgemeine Risikoaversion und die jeweiligen nationalen Fundamentaldaten, die die Zinsdifferenzen erklären.

Warnend sagt das DIW auch, im Wortlaut: „Wir wissen aber aus vorherigen Krisen, dass sich das Blatt auch sehr schnell wenden kann, wenn sich die Risikowahrnehmung und die Herdendynamik auf den Finanzmärkten verändern. Die EZB sollte also genau im Blick behalten, wie sich die Renditen entwickeln und welche Faktoren diese Entwicklung treiben. In der Zwischenzeit fordern die Autor*innen aber auch, den rechtlichen und konzeptionellen Rahmen des Instruments genauer auszugestalten. Noch gibt es zu viele unklare Aussagen zu den Kriterien des Programms und die Abgrenzung zu anderen Programmen wie dem OMT und dem Pandemienotfallprogramm PEPP. „Bis diese Fragen geklärt sind, sollte das Eurosystem weiterhin auf bestehende Programme wie das PEPP und das OMT zurückgreifen. Sinnvoll wäre es aber auch, die nationalen Regierungen in die Pflicht zu nehmen und steigenden Zinsdifferenzen mit wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen entgegenzuwirken“.

FMW-Fazit: Es ist eine Frage des Standpunkts, ab wann die EZB die Rendite-Spreads für zu groß hält. In Relation zu der Krise vor zehn Jahren sind die Spreads jetzt sehr gering, aber auf Sicht von einem Jahr gesehen haben sie sich zum Beispiel bezogen auf Italien verdoppelt. Das ist ein Alarmzeichen für die EZB, und sie könnte jederzeit ihr TPI nutzen, um die Spreads abzusenken.

FMW/DIW/Erster und zweiter Chart von TradingView



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2 Kommentare

  1. Der Markt scheint jetzt doch etwas irrational zu werden liebe EZB.

    Wie kommen Investoren bloß darauf, dass italienische 10 Jährige Anleihen höhere Renditen bringen müssen? Italien ist doch wirtschaftlich und politisch auf dem Wachstumspfad (ironisch gemeint).

    https://de.investing.com/rates-bonds/italy-10-year-bond-yield

    Die italienischen Anleihen rentieren aktuell bei 4,73 Prozent.

    Die deutschen 10 Jährigen bei aktuell 2,18 Prozent.

    Macht also einen Spread bzw. unterschied von 2,5 Prozent zwischen deutscher und italienischer 10 Jähriger Anleihe. Vollkommen irrational ;-)

    Die Spreadmarke von über 250 Basispunkten ist überschritten liebe EZB! Bitte die Käufe bei Channel etc. einstellen liebe Frau Lagarde und in Italien shoppen gehen!

    Bitte nun auch deutsche Anleihen gemäß TPI verkaufen und dafür hoch qualitative italienische Anleihen in die Bilanz buchen! Das schafft vertrauen in einen starken Euro.

    Zumindest dürften mit TPI voraussichtlich die deutschen Anleihenrenditen steigen und Investitionen in Deutschland (welches ja auch gerade hervorragend wirtschaftlich Performt ;-) verteuern bzw. noch unwirtschaftlicher machen.

    Damit sollte einem Wirtschaftswunder 2.0 in Deutschland und Europa dann nichts mehr im Wege stehen.

    Gut das wir die EZB haben, welche alles unter Kontrolle hat und nah am Markt agiert.

    1. Olaffan alias EZBfan

      Danke Olaf.

      Dein verrat an uns Bürgern, die nun alle für die Erreichung deiner politischen Ziele mithaften werden, hat den Spread zwischen 10 jährigen italienischen und deutschen Anleihen genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auf unter 2,5 Prozent gedrückt.

      Dummerweise ist genau das passiert, was auch bei TPI zu erwarten war. Die italienischen Anleihen rentieren wie gestern wieder bei um die 4,73 Prozent, nur die deutschen Anleihen rentieren nun bei ca. 2,33 Prozent gegenüber 2,18 Prozent gestern.

      Ergo, werden die Finanzierungsbedingungen (z.B. Baukredite orientieren sich an die 10 jährigen Bundesanleihen) tendenziell in Deutschland wohl schwieriger bleiben.

      Danke Olaf.

      Das wird die Wirtschaft in Deutschland sicherlich langfristig befeuern. Mal schauen was dann so alles abbrennt ;-)

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