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Trader von Zertifikaten und Optionsscheinen aufgepasst: BaFin befreit Emittenten von EU-Pflicht zur Kursstellung

Eine relativ bürokratisch und langweilig klingende Nachricht wurde da von der BaFin veröffentlicht. Sie kann aber für einzelne Anleger ganz schön ins Geld gehen. Man kennt es – Emittenten haben tausende und aber tausende Zertifikate…

Redaktion

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FMW-Redaktion

Eine relativ bürokratisch und langweilig klingende Nachricht wurde da von der BaFin veröffentlicht. Sie kann aber für einzelne Anleger ganz schön ins Geld gehen. Man kennt es – Emittenten haben tausende und aber tausende Zertifikate und Optionsscheine ausgegeben, für die sie laufend Preise stellen. Das ist natürlich essentiell wichtig für Anleger, da es bei so einer riesigen Auswahl niemals fortlaufend echte Liquidität durch Käufer und Verkäufer am freien Markt geben würde. Das trifft sicherlich auch auf andere börsengehandelte Nischenprodukte zu.

Die neueste ab Januar in Kraft tretende EU-Regularie heißt „Markets in Financial Instruments Regulation“ (MiFIR). Solche Emittenten, die Kurse stellen, werden von der BaFin als „Internalisierer“ bezeichnet. Gemäß „Artikel 18 Absatz 2 MiFIR“ müssen sie Kunden auf Anfrage Kursofferten stellen. Also genau das, was jetzt schon fortlaufend geschieht. Die Privatkunden ordern online über ihren Onlinebroker Zertifikate oder Optionsscheine über eine Börse – die routet die Order weiter an den Emittenten, der automatisch ein Angebot abgibt, wodurch an der Börse ein Trade zustande kommt – ein blitzschneller Ablauf.

Die BaFin will die Emittenten aber von dieser Pflicht zur Kursstellung freistellen. Sie schreibt selbst, dass dies eine Ermessensentscheidung sei. Es gehe um einen Interessensausgleich, oder eine Art Abwägung zwischen den Interessen von Anlegern, und denen von Emittenten. Um es im Klartext zu schreiben: Offensichtlich geht es darum Emittenten vor größeren Verlusten zu schützen, wenn sie nämlich gezwungen sind für illiquide Titel Kurse zu stellen, oder diese in die eigenen Bücher nehmen zu müssen. Bei der Befreiung der Kursstellungspflicht geht es laut BaFin um illiquide Titel.

Dabei macht eine Pflicht zur Kursstellung doch vor allem Sinn, wenn es um illiquide Titel geht. Das Nachsehen könnten Anleger haben, wenn sie in bestimmten Marktphasen nicht aus ihren Werten kommen, weil Emittenten ihnen eine Kursstellung (ein Tradingangebot) verweigern. Die Argumentation der BaFin hinter dieser Pflicht-Befreiung: Durch den Zwang zur Kursfeststellung bei illiquiden Werten werde die Wahrscheinlichkeit einer schlechten „Preiseffizienz“ erhöht. Also steigt das Risiko, dass schlechte Preise entstehen? Zitat auszugsweise von der BaFin:

Mit sinkender Liquidität verringert sich aufgrund der geringeren Anzahl von Referenzwerten auch der Nutzen in Bezug auf die Markttransparenz und eine effektive Preisbildung und einzelne Werte können einen nicht marktgerechten Einfluss nehmen. Die Wahrscheinlichkeit negativer Auswirkungen der Pflicht zum Angebot einer Kursofferte auf die Preiseffizienz ist mit niedriger Liquidität damit deutlich erhöht.

Nur bei dem Zwang zur Kursstellung geht es doch darum, dass der Kunde überhaupt aus dem Markt kommen kann, wenn er es will. Die allermeisten Trader ahnen doch eh längst, dass sie bei Kursstellungen von Emittenten sagen wir mal „eh keine Kurse in ihrem Sinne“ gestellt bekommen. Hauptsache raus aus dem Markt, wenn man es will – das ist wichtig.

Weiter schreibt die BaFin zur Begründung, auszugsweise im Zitat:

Die Verpflichtung zum Angebot verbindlicher Kursofferten gemäß Artikel 18 Absatz 2 Satz 1 MiFIR dient dem Ziel der Markttransparenz, der effektiven Preisbildung und dem Interesse der einzelnen Kunden, möglichst ungehinderten Zugang zum Markt zu erhalten. Diese Interessen sind, im Rahmen des von Artikel 18 Absatz 2 Satz 2 MiFIR eingeräumten Ermessens, mit dem berechtigten Interesse von Wertpapierdienstleistungsunternehmen an der Befreiung von der Verpflichtung abzuwägen. Diese haben, wenn sie Geschäfte mit illiquiden Nichteigenkapitalinstrumenten für eigene Rechnung treiben, wenn sie Kundenaufträge außerhalb eines geregelten Marktes oder eines MTF bzw. OTF ausführen, ein Interesse daran, eine effektive Risikosteuerung vorzunehmen und nicht sachgerechte Preise im Einzelfall zu vermeiden.

Die Befreiung von den Verpflichtungen nach Artikel 18 Absatz 2 Satz 1 WpHG unter den Voraussetzungen nach Artikel 9 Absatz 1 MiFIR stellt ein geeignetes Mittel dar, um die Interessen der Wertpapierdienstleistungsunternehmen zu wahren, ohne die genannten gegenläufigen Interessen im Übermaß einzuschränken, denn in Bezug auf illiquide Instrumente ist das Schutzbedürfnis der Wertpapierdienstleistungsunternehmen als Systematische Internalisierer in Bezug auf Transparenz- und Quotierungspflichten vorrangig.

Der letzte Satz sagt es ganz deutlich. Das Schutzbedürfnis der Emittenten keine illiquiden Werte gezwungenermaßen ins eigene Buch nehmen zu müssen, ist vorrangig wichtig für den deutschen Regulierer! Betroffen sind übrgigens laut BaFin „Schuldverschreibungen, strukturierte Finanzprodukte, Emissionszertifikate und Derivate, die an einem Handelsplatz gehandelt werden und für die kein liquider Markt besteht.“

Die BaFin hat dazu aktuell gesagt, dass sie diese Ausnahme von der EU-Richtlinie per eigener „Allgemeinverfügung“ ab Januar erlassen wolle (die hat man gleich mit geliefert), nach einer Anhörungsfrist bis 1. Dezember 2017. Aller Voraussicht nach dürfte die Branche hier nichts zu widersprechen haben. Dann gilt diese Regelung wahrscheinlich ab Anfang Januar. Anzumerken ist: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich für die breite Masse der ausgegebenen Scheine nichts ändern – weiterhin werden die Emittenten zügig Orders ausführen, um aktive Kunden glücklich zu machen. Aber hier und da, bei extremen Situationen, wenn der Emittent es will, muss er eben nicht zwingend Kurse stellen…

Offiziell klingt die Befreiungsankündigung durch die BaFin so:

I. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht befreit gemäß Artikel 18 Absatz 2 Satz 2 MiFIR Wertpapierdienstleistungsunternehmen von ihrer Verpflichtung nach Artikel 18 Absatz 2 Satz 1 MiFIR, als systematische Internalisierer für Schuldverschreibungen, strukturierte Finanzprodukte, Emissionszertifikate und Derivate, die an einem Handelsplatz gehandelt werden und für die kein liquider Markt besteht, ihren Kunden auf Anfrage Kursofferten anzubieten, sofern sie mit der Abgabe einer Kursofferte einverstanden sind, wenn die Voraussetzungen nach Artikel 9 Absatz 1 MiFIR erfüllt sind.


Beispielbild für aktiven Börsenhandel. Foto: Andyhill8/Wikipedia / Gemeinfrei

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Bademeister

    16. November 2017 17:43 at 17:43

    Passiert doch bei z. B. Vontobel jetzt schon manchmal mehrmals täglich, unabhängig von der Liquidität.

  2. Avatar

    Andreas

    16. November 2017 19:12 at 19:12

    Ziemlich komplizierter Text für einen einfach denkenden Menschen wie mich.
    Könnte jemand vielleicht bitte ein Beispiel aus der Praxis beschreiben was einen da erwarten könnte?
    Ich handele nämlich sehr gerne mit Zertifikaten.
    CFDs werden sicherlich auch betroffen werden, liege ich mit dieser Annahme richtig?

    • Avatar

      Andreas

      16. November 2017 19:43 at 19:43

      Hab mir den Text nochmal durchgelesen und es wohl einigermaßen kapiert.
      Nur eines verstehe ich nicht: illiquide mittel…sind damit jetzt zertifikate auf rinderhälften, schweinebäuche oder beispielsweise indizes auf kleine unbekannte Börsen wie das in Vietnam gemeint?
      Oder sind damit auch Produkte auf den dax, wti, gold und co. gemeint? Diese sollten doch sehr liquide sein.

      • Avatar

        Gerd

        16. November 2017 20:49 at 20:49

        Hatte noch gewartet ob sich jemand meldet, der es definitiv weiß.
        Ich weiß das nicht, aber ich möchte deinen Kommentar nicht einfach so unbeachtet lassen.

        Ich kann nur sagen, dass es mir bei den
        DAX-Zertifikaten (Hebel-Knock-Outs), die ich mal hatte, nicht gelungen ist, den jeweiligen Umsatz rauszukriegen. Habe eben extra noch mal geschaut.
        Die Kursstellungen sind alle aufgelistet, Tausende am Tag. Aber nicht der Umsatz. (oder es war evtl auch keiner)

        Meine unverbindliche Meinung ist, dass dieser Markt selbst für einzelne DAX-Zertifikate illiquide sein kann. (oder auch die anderen Erwähnten)
        Es gibt zig Emittenten. Und wieviel hundert unterschiedliche Ausstattungen und Basispreise? Letztendlich ist man doch beim Handeln auf den Herausgeber als Gegenpart angewiesen.
        Aber die Emittenten stehen andererseits zueinander auch im Wettbewerb und wollen ihre Dinger ja an den Mann bringen.

        Mit CFD’s mach ich erst seit kurzem was. Bleiben wir beim DAX. Da handel ich ja per CFD nur den einen DAX – nicht verschiedene Basispreise. Also können sich die Markteilnehmer auch nicht auf verschiedene Produkte verteilen sondern sind als Masse voll bei dem einen DAX dabei. Folglich schätze ich sowas -unverbindlich- als viel liquider ein.
        Und da möchte man ja gerade nicht, dass man sein Geschäft mit dem eigenen Broker als Gegenpart macht. Damit der mich nicht übers Ohr haut. Da erwartet man einen Marktpreis, der ohne Zwischenschaltung eines Emittenten zustande kommt. Soll aber schwarze Schafe bei den Brokern geben.

        Mehr Unverbindliches fällt mir gerade nicht ein.

        • Avatar

          Bademeister

          16. November 2017 22:33 at 22:33

          @Gerd Könnte mir vorstellen, dass da Exoten (z.B. BVB….) gemeint sind. Wenig Liquidität sollte auch bei „totgelaufenen“ Faktorzertis (Depotleichen), egal welche, vorhanden sein….kauft keiner mehr, sind aber noch da und stellen hohen Verwaltungsaufwand und eine lästige meist nurmehr theoretische Bringschuld für Emitenten dar, weil nichts mehr daran zu verdienen ist.
          …Tesla wird, glaub ich, für uns wieder spannend…in Anbetracht dessen, dass heute noch der Truck vorgestellt wird, ist die heutige Performance einer Tesla nicht würdig. Glaub den Gapclose sehen wir erstmal nicht so schnell, morgen wissen wir mehr.

  3. Avatar

    Patrick V.

    16. November 2017 21:07 at 21:07

    Das erinnert mich an den Film The Big Short als es plötzlich Computerprobleme gab und die Banken keine Kurse bereitstellen konnten. Ich werde mich wohl deswegen von dem Handel dieser Produkte verabschieden und gehe in den richtigen Optionshandel. Aber vorher Frage ich Richy von der Börse Stuttgart. :-)

  4. Avatar

    Mich-wundert-nichts-mehr

    16. November 2017 21:52 at 21:52

    Das würde ja bedeuten, die Emittenten von Derivaten behaupten im Falle, dass wenn sie auf der falschen Seite der Kurse stehen und sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen könnten, einfach Sorry sagen, war nicht so gemeint. Es war eben nur Werbung. Wir wollten einfach nur Gebühren kassieren. Deine schlaflosen Nächte und Mühen in Ehren. Du bekommst einfach einen Trostpreis. Sehe ich das richtig? Ich glaub ich kehre zu meiner bewährten Anlagestrategie zurück. Warum wird dann nicht letzter Konsequenz darauf geachtet, diese illiquiden Titel zu verbieten. Vielleicht aus dem selben Grund, wie der, dass Griechenland gerettet wurde. Oder die Hype Alpe Adria als Mülldeponie für das Balkanengagement der UniCredit missbraucht wurde.

    Herzlichen Dank für die Information.

  5. Avatar

    Wilma Wissen

    27. November 2017 10:58 at 10:58

    Das ist wirklich kompliziert. Kann mich das jemand erklaren? Wenn ich in das Werthandelsgesetz gugge lese ist da was von Systematischen Internalisirern – das ist doch etwas anderes als der Emittent, oder nicht. Oder sind Emittenten jetzt Wertpapierdienstleistungsunternehmen? Alles schwierig. Und tut der Systematische Internalisierer nun immer mit mir ein Geschäft abschließen müssen? Das tut so klingen hier.

    Ich lasse lieber die Finger von dem ganzen Zeug, wenn ich da nichts verstehen tue.

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BaFin bestätigt: Banken müssen Kreditstundungen wieder als Ausfälle deklarieren!

Claudio Kummerfeld

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am

Hochhäuser von Banken in Frankfurt

Im März hatten die europäischen Bankenaufseher (EBA) sowie die BaFin verkündet, dass für die Banken eine Ausnahmeregel in der Coronakrise gelten sollte, und zwar bis zum 30. September. Was auf den ersten Blick ziemlich langweilig und unbedeutend wirkt, bot wohl eine gigantische Erleichterung für die Banken, und quasi eine Verdeckung großer Probleme gegenüber der Öffentlichkeit. Denn man beschloss von Seiten der Aufseher, dass ein Schuldner „nicht mehr zwingend als ausgefallen einzustufen war, wenn bei einem Kredit Kapitaldienst und Zinsen in Folge des Corona-Virus gestundet“ wurden.

Im Klartext: Erhält eine Bank vom Kunden keine monatliche Kreditrate mehr gezahlt, kann die Bank den Kredit weiterhin in ihren Büchern als vollwertige Kreditforderung stehen lassen. Vor Corona (in den normalen Zeiten) hätten Banken so einen nicht mehr bedienten Kredit als Kreditausfall abschreiben müssen. Aber die letzten Monate war dies nicht der Fall. Nun hatten wir bei FMW uns die letzten Wochen bereits gefragt, ob die Aufseher nicht doch noch schnell vor Ablauf der Frist im September diese Sonderregel verlängern, vielleicht bis Jahresende? Dies hätte den Banken die Gelegenheit geboten womöglich gigantische Berge an nicht bedienten Krediten weiterhin als vollwertige Kreditforderung im Buch zu führen – womit auch keine Milliardenabschreibungen für das Geschäftsjahr 2020 nötig gewesen wären.

BaFin bestätigt Ende von wichtiger Ausnahmeregel für Banken

Aber heute hat die BaFin offiziell verkündet, dass eben diese Sonderregel tatsächlich mit Wirkung zum 30. September ausläuft. Die BaFin begrüße die Entscheidung der EBA, so der Infotext. Ab 1. Oktober müssen Banken dann wieder diese gestundeten Kredite entsprechend in ihren Büchern ausweisen als Komplettverlust oder Sonstiges. Wie hoch dann Abschreibungen ausfallen werden? Wer kann das schon sagen, denn die letzten Monate, wo diese Stundungen nicht als Kreditausfälle sichtbar waren, konnten externe Beobachter das ja nicht erkennen. Man darf gespannt sein. Hier die BaFin heute im Wortlaut:

Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA lässt ihre Leitlinien zu allgemeinen Zahlungsmoratorien vom 2. April 2020 (siehe „EBA veröffentlicht Leitlinien zu allgemeinen Zahlungsmoratorien“) Ende September 2020 auslaufen. Laut EBA sind die Zahlungsmoratorien ein wirksames Instrument gewesen, um kurzfristige Liquiditätsengpässe von Schuldnern der Institute infolge der Corona-Pandemie und die große Zahl der daraus folgenden Stundungsbegehren zu bewältigen. Die überwiegende Mehrheit der EU-Banken hat an allgemeinen Zahlungsmoratorien teilgenommen und Stundungen zwischen sechs und zwölf Monaten gewährt. Auch nach dem 30. September 2020 können Institute neue Stundungen gewähren. Diese fallen aber nicht mehr unter ein allgemeines Zahlungsmoratorium. Vielmehr muss das Institut den gestundeten Kredit jeweils im Einzelfall der einschlägigen aufsichtlichen Kategorie zuordnen. Die BaFin begrüßt die Entscheidung der EBA.

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Aktuell: ifo-Institut hebt BIP-Prognose an – dramatische Staatsverschuldung

Claudio Kummerfeld

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am

Brandenburger Tor in Berlin

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland soll im Jahr 2020 nicht so dramatisch einbrechen wie zunächst angenommen. Damit liegt die vor wenigen Minuten präsentierte Veröffentlichung des ifo-Instituts im Trend anderer Institute aus den letzten Tagen. Der Absturz der deutschen Wirtschaft verlaufe glimpflicher als gedacht. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) werde in 2020 um 5,2 Prozent schrumpfen, während man bei ifo noch im Sommer ein Minus von 6,7 Prozent vorhergesagt hatte. Der Rückgang im zweiten Quartal und die Erholung derzeit würden günstiger verlaufen als man es erwartet hatte.

Dafür werde das Wachstum der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr geringer ausfallen. ifo rechnet beim BIP nun mit 5,1 Prozent statt 6,4 Prozent. Im Jahre 2022 erwartet das ifo-Institut plus 1,7 Prozent. Interessant sind auch die folgenden Aussagen der Wirtschaftsforscher. Besonders ins Auge fällt die dramatische Neuverschuldung des deutschen Staates – und das nicht nur im laufenden Jahr, sondern auch noch in den beiden Folgejahren. Hier ifo im Wortlaut:

„Die Unsicherheit bei den Prognosen ist sehr groß, weil niemand weiß, wie die Corona-Pandemie weiter verläuft, ob es nicht doch noch einen harten Brexit gibt und ob die Handelskriege beigelegt werden“, sagt Wollmershäuser.

Die Zahl der Arbeitslosen wird von durchschnittlich 2,3 Millionen im vergangenen Jahr auf 2,7 Millionen im laufenden Jahr steigen. Im kommenden Jahr wird sie auf 2,6 Millionen zurückgehen und 2022 dann 2,5 Millionen betragen. Damit erhöht sich die Quote in diesem Jahr von 5,0 Prozent auf 5,9 Prozent. 2021 sinkt sie auf 5,7 Prozent und im übernächsten Jahr auf 5,5 Prozent.

Der Überschuss des Staates von 52,5 Milliarden Euro im Jahr 2019 stürzt in diesem Jahr auf minus 170,6 Milliarden, weil die Ausgaben wegen der Stützung der Wirtschaft drastisch steigen und die Einnahmen sinken. Im kommenden Jahr wird der Fehlbetrag noch 86,9 Milliarden erreichen, im übernächsten immerhin 68,4 Milliarden.

Auch der viel kritisierte deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz (Exporte, Importe, Dienstleistungen, Transfers) sinkt in diesem Jahr, von 244 Milliarden auf 215,4 Milliarden, denn die Exporte gehen 2020 deutlich schneller zurück als die Importe. Im kommenden Jahr steigt der Überschuss aber wieder auf 276,2 Milliarden. Im Jahr 2022 erreicht er 290,1 Milliarden.

Tabelle mit BIP-Details vom ifo-Institut

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So tickt die Börse: Grenke, Wirecard und Steinhoff: Die Schwachstelle im System

Stephan Heibel

Veröffentlicht

am

Grenke droht nach Wirecard zum nächsten Debakel für die Börse zu werden, wenn das Unternehmen nicht schleunigst alle Vorwürfe entkräftet. Ich habe den Blick auf Gemeinsamkeiten mit Wirecard und Steinhoff geworfen und mit Hilfe eines Kunden die Schwachstelle im System gefunden, die Betrügereien zumindest ermöglicht. Ob Grenke die Schwachstelle genutzt hat, ist noch offen.

Nach Steinhoff und Wirecard spekuliert Fraser Perring nun auf betrügerische Machenschaften bei Grenke Leasing. Über seine Researchfirma Viceroy (Vize-König) hat er eine 64 Seiten lange Analyse zu Grenke veröffentlicht, die den Aktienkurs um über 50% hat einbrechen lassen. Das pikante daran: Perring selbst ist im Vorfeld der Veröffentlichung der Vorwürfe massiv short gegangen, verdient sich also eine goldene Nase an dem Kurseinbruch.

Inzwischen hat Firmenpatriarch Wolfgang Grenke zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Wir befinden uns meiner Einschätzung nach erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die in den kommenden Wochen und Monaten mit immer neuen Details Anleger verunsichern wird. Ausgang ungewiss.

Da es sich um eine Masche handelt, die sich zu wiederholen scheint, habe ich mich ein wenig dahinter geklemmt, was nun wirklich das Problem ist. Stark geholfen hat mir dabei ein Kunde, der bei einem US-Unternehmen vor vielen Jahren entsprechende Machenschaften aufgedeckt hatte. Das System ähnelt sich immer wieder. Ich will versuchen, die Schwachstelle im System zu identifizieren, damit wir als Anleger das Risiko besser einschätzen können.

Es gibt verschiedene Wege, immaterielle Vermögensgegenstände zu Geld zu machen. Ich denke mir hier mal ein eigenes Beispiel aus: Die Software, die ich zum Betrieb des Heibel-Tickers entwickeln ließ, hat mich viel Geld gekostet. Da ich ohne die Software meinen Laden nicht betreiben könnte und ich sehe, was ich dadurch verdiene, ist die Software für mich subjektiv ein Vielfaches dessen wert, was ich dafür ausgegeben habe. Doch niemand möchte mir einen entsprechenden Geldbetrag dafür geben, denn für Dritte ist meine individuelle Software nahezu wertlos. Daher laufen Entwicklungskosten bei mir als Kosten und nicht als Investition. Einen Wert erschaffe ich damit nicht.

Wenn man nun hohe Wachstumsziele verfolgt und jeden Cent locker machen möchte, um ihn zu investieren, dann ärgern einen diese Kosten. Ich kann den Wert meiner Software nicht als Sicherheit hinterlegen, weil es niemanden gibt, der der Software einen in meinen Augen auch nur annähernd fairen Wert bemisst. Also könnte ich doch eine Auslandsgesellschaft gründen und diese kauft mir meine Software für meinen Wunschpreis ab. Das Geld für den Kauf erhält die Auslandsfirma aus einer anderen Abteilung meines Unternehmens und so fließen meinem Unternehmen Bargeld zu, während irgendwo anders eine Forderung entsteht. Die Forderung ist natürlich, und davon wäre ich als Unternehmensgründer überzeugt, durch den hohen Wert der Software sehr gut besichert.

Okay, hier verlassen wir meinen kleinen Heibel-Ticker als Beispiel, denn hier ist nun schon ein Konzern mit einer etwas komplexeren Struktur erforderlich.

Nun kommen die Wirtschaftsprüfer ins Spiel: Alle Gesellschaften, also sowohl die Konzernmutter in Deutschland als auch die Töchter in Luxemburg, Malta, Dubai und Brasilien (das sind nur zufällig Standorte von Grenke-Töchtern), werden dann von lokalen Wirtschaftsprüfern geprüft. Da kommen dann ein paar hochbezahlte und erfahrende Akademiker für mehrere Tage in die Räume des Unternehmens, drehen alles auf links und schauen nach, ob die jeweiligen nationalen Gesetze eingehalten wurden.

In Brasilien wird nicht geprüft, ob deutsche Gesetze eingehalten wurden. Es werden die jeweiligen Jahresabschlüsse nach den nationalen Gesetzen testiert.

Nun kommt der Konzernbilanzbuchhalter ins Spiel. Er übernimmt die Zahlen der einzelnen Landesgesellschaften und „konsolidiert“ sie in die Konzernbilanz. Bei diesem Vorgang würde dann der obige Softwarekauf herausgerechnet, da es sich um ein internes Geschäft handelt. Doch bei der Konsolidierung befinden wir uns in einem Bereich, den ich als anfällig bezeichnen würde: eine Schwachstelle.

Denn selbst im SAP-System gibt es noch kein ausgereiftes Modul, das diese Problematik zufriedenstellend gelöst hat. Bei meinen Recherchen habe ich in Erfahrung gebracht, dass SAP mit einem Partnerunternehmen derzeit ein solches System entwickeln möchte. Bis heute ist im SAP-System noch viel Handarbeit erforderlich, um die Konsolidierung umzusetzen. Viele Unternehmen haben an dieser Stelle eigene Lösungen entwickelt, die inzwischen vollautomatisch laufen, aber einen internationalen Standard gibt es noch nicht. Zu komplex sind die Anforderungen durch die Vielzahl der Geschäftsmodelle und die Vielzahl der beteiligten Länder bis hin zur Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten bzw. Handlungsspielräumen.

Wir haben es hier also mit testierten Zahlen zu tun, die im Zuge der Konsolidierung in einer Art verwendet werden, die nicht internationalen Gesetzen unterliegen. Es gibt Best Practice Vorschriften für Buchhalter, es gibt Empfehlungen und Leitlinien, aber meines Wissens riskiert ein Buchhalter, der im Rahmen der Konsolidierung „Fehler“ macht, nicht Kopf und Kragen, sondern erst einmal nur eine Rüge, sollte es auffliegen. „Hoppla, da ist mir wohl ein Fehler unterlaufen“.

Auch die Konzernbilanz wird natürlich geprüft. Doch ist es dem Prüfer nicht zuzumuten, sämtliche oben genannten Feinheiten zu überblicken. Er muss die konsolidierten Zahlen als gegeben hinnehmen und prüft deren Konsistenz, nicht aber Herkunft. Fragen über die Herkunft wird der Konzernbilanzbuchhalter beantworten und da können Sie von ausgehen, dass er eine plausible Erklärung hat, denn er kennt das Geschäft ja wesentlich besser als der Prüfer.

Auch die Herkunft wird jedoch geprüft. Der oben genannte Kunde erzählte mir aus seiner Erfahrung, dass alle 5-6 Jahre zwei Hochschulabgänger von der Konzernzentrale in einzelne Landesgesellschaften geschickt wurden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Erfahrene Prüfer wurden kaum eingesetzt, da es sich hierbei um einen Pflichtbesuch handelte, nicht jedoch um eine Pflichtprüfung: Zur Pflichtprüfung würde es nur werden, wenn falsche Ergebnisse teuer würden. Mangels entsprechender internationaler Sanktionsmechanismen in diesem komplexen Umfeld ist es für Prüfungsgesellschaften ökonomisch sinnvoll, dort ein paar günstige Arbeitskräfte hinzuschicken. Diese Frischlinge hören sich dann vor Ort mit stauenden Augen die Hintergründe zu den Zahlen an und glauben letztlich alles, was ihnen erzählt wird.

Nach einigen Jahren könnte der Konzern dann die 100%ige Softwaretochter aus Brasilien wieder übernehmen und in den Konzern eingliedern. Die Softwarefirma hat eine Software im Bestand, die über Jahre einen stabilen Wert ausgewiesen hat. Der entsprechende Kredit der Firma wird dann vom Konzern unter gleichen Bedingungen mit der gleichen Bescherung weitergeführt. Über die Zeit bläht sich die Bilanz des Unternehmens auf.

Grenke nutzt eine Partnerfirma im Ausland, CTP, um Leasingfirmen im Ausland zu betreiben. Diese Leasingfirmen werden nur dann zu Töchtern (also gekauft), wenn sie sich als erfolgreich zeigen. So werde das Risiko ausgelagert, sagt Patriarch Wolfgang Grenke. Viceroy Research behauptet, diese Auslandstöchter würden keinen Gewinn abwerfen, sondern nur über immer höhere Kredite einer anderen Konzerntochter, Grenke Finance, subventioniert.

In der Telco wurde Grenke nach den Eigentümern von CTP von VOR 2020 gefragt und ist einer Antwort ausgewichen, was von Perring über Twitter sofort mit Wirecard verglichen wurde, die auch lange Zeit Fragen zu Verhältnissen zwischen Partnergesellschaften nicht beantworten wollte. Mann Oh Mann, echt spannend!

Natürlich dürften Unternehmensteile Verluste erwirtschaften, das macht das ganze System noch nicht korrupt. Beispielsweise könnte so strategisches Wachstum verfolgt werden.

Ich würde die Situation derzeit so beschreiben: Es ist durchaus möglich, über ein Netz von Auslandsgesellschaften Zahlen vorzutäuschen, die nicht der Wirklichkeit entsprechend. Es gibt deutliche Schwachstellen in unserem System und es gab immer wieder Unternehmen, die diese Schwachstellen betrügerisch ausgenutzt haben. Viceroy hat nun bei Grenke viele Elemente entdeckt, die auch Unternehmen ausgewiesen haben, die diese Schwachstellen betrügerisch genutzt haben. Das allein reicht jedoch noch nicht, um Grenke den Betrug nachzuweisen.

Wer jetzt in Grenke investiert, weil die Aktie „günstig“ ist, der sollte sich der Gefahr bewusst sein. Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, ist die finanzielle Basis des Leasing-Anbieters gefährdet. Grenke ist nun gefordert, die Vorwürfe vollumfänglich zu entkräften. Das ist, sofern Grenke sauber wirtschaftet, ärgerlich, weil es ein Riesenaufwand bedeutet! Auf der anderen Seite ist es natürlich auch sehr riskant, wenn Grenke tatsächlich die oben genannte Schwachstelle das ein oder andere Mal genutzt haben sollte.

Wer also in Grenke spekulieren möchte, der sollte forensische Blanzprüfungsfähigkeiten haben, um sich eine Meinung zu bilden. Andernfalls gilt meine alte Regel: Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Finger weg! Warten wir’s ab, denn der Ausgang ist einmal mehr ungewiss.

Einer, der öffentlich darauf spekuliert, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, ist Fondsmanager Hendrik Leber von Acatis. Mindestens genauso wichtig wie das, WAS gesagt wird, ist, WER sagt es. Acatis ist mit 5,02% Anteilen an Grenke einer der Großaktionäre des Konzerns. In der Situation, wie sie ist, hat Leber keine andere Wahl, als die Vorwürfe als haltlos zu bezeichnen. Er hatte drei Möglichkeiten: Viceroy zustimmen, dann wäre seine Beteiligung schon morgen wertlos. Das kann er seinen Anlegern nicht antun, in diesem schlimmsten Fall müsste er zumindest versuchen, die Beteiligung noch irgendwie mit Verlusten loszuschlagen. Möglichkeit zwei wäre „nichts sagen“. Das kann ein so wichtiger Aktionär nicht ewig tun, sein Schweigen würde ihm irgendwann negativ ausgelegt. Möglichkeit 3 ist, die Vorwürfe als haltlos zu erklären. Entweder er trennt sich nun von seiner Beteiligung unter Verlust, oder aber er hat recht und steht am Ende als Fels in der Brandung da. Ungeachtet dessen, ob Leber tatsächlich weiß, was los ist, ist seine Aussage damit ziemlich wertlos, schade.

Ich bleibe am Ball und werde Updates in meinem Heibel-Ticker veröffentlichen. Bei Interesse geht es zur Anmeldung über www.heibel-ticker.de

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