Donald Trump hat mit der Festsetzung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro eine neue tektonische Verschiebung auf dem globalen Energiemarkt ausgelöst. Während Washington seinen Zugriff auf Venezuelas riesige Ölreserven ausbaut und den Druck auf Caracas erhöht, geraten Chinas Raffinerien plötzlich unter Zugzwang: Das bislang günstige venezolanische Schweröl fällt als Bezugsquelle weitgehend aus. Die Folge: Kanadisches Rohöl wird zur teureren, aber realistischen Alternative – und könnte den Handel zwischen Nordamerika und Asien stärker verändern, als vielen lieb ist.
China sucht Ersatz für Venezuela-Öl
Chinas Raffinerien sind innerhalb der vergangenen Woche nahezu von venezolanischem Rohöl abgeschnitten worden – genau in dem Moment, in dem Trump und die USA strategisch den Zugriff auf die größten Ölreserven der Welt ausbauen wollen. Als Ausweichoption rückt nun Kanada in den Fokus, obwohl die Lieferungen deutlich teurer sind, so Bloomberg.
Händler berichten, dass chinesische Anfragen nach kanadischen Liefermengen seit dem Wochenende merklich zugenommen haben seit der überraschenden Festsetzung von Präsident Nicolás Maduro. Kanadische Sorten gelten als eine der besten Alternativen zum venezolanischen Merey, einem Schweröl, das für viele Anlagen in China technisch ideal ist.
Welche Unternehmen besonders schnell reagieren, wollten die Händler nicht benennen. Klar ist jedoch: Zu den regelmäßigen Abnehmern von venezolanischem Öl zählen unter anderem Shandong Chambroad Petrochemicals, Shandong Dongming Petroleum & Chemical Group sowie Sinochem Hongrun Petrochemical – und genau diese Player müssen nun kurzfristig neue Quellen finden.
Sanktionen, „Dark Fleet“ und Yuan-Deals
China war in den vergangenen Jahren der wichtigste Käufer venezolanischen Rohöls – und profitierte stark von sanktionierten Lieferungen, die mit hohen Abschlägen auf den Weltmarktpreis verkauft wurden. Sowohl private als auch staatliche Raffinerien konnten Cargoes beziehen – etwa über chinesische Beteiligungen an Ölfeldern, über Öl-gegen-Kredit-Modelle oder durch punktuelle Käufe am Spotmarkt.
Um US-Beschränkungen zu umgehen, nutzten Händler häufig Zahlungen in chinesischen Yuan. Hinzu kamen Transporte über sogenannte „Dark Fleet“-Tanker, die intransparent operieren und dadurch Sanktionen ausweichen sollen. Diese inoffiziellen Lieferketten waren für China ein wichtiger Baustein, um Schweröl günstig zu beschaffen.
Doch die jüngsten Manöver der Trump-Regierung haben diese Flüsse abrupt gebremst: Mit einer verschärften Öl-Blockade und wachsendem Druck auf die venezolanische Regierung wird der Zugang für China immer schwieriger. Laut einem Bericht von ABC News forderten die USA diese Woche außerdem, Venezuela solle seine Beziehungen zu China, Russland, Iran und Kuba reduzieren – und stattdessen mit den USA bei Förderung und Verkauf kooperieren.
Schweröl: Warum Kanada passt
Venezolanisches Rohöl gilt als schwer und schwefelreich – zähflüssig, „heavy-sour“ und damit in seiner Struktur ähnlich wie kanadisches Ölsand-Rohöl. Beim Destillieren entstehen große Mengen an Produkten wie Bitumen, was diese Sorten besonders attraktiv für Schwellen- und Industrieländer mit entsprechender Raffineriekapazität macht – etwa China.
Kurzfristig gibt es für chinesische Raffinerien noch einen Puffer: Zu Beginn dieser Woche sollen rund 22 Millionen Barrel venezolanisches Öl in Tankern vor Malaysia und China verfügbar gewesen sein. Diese schwimmenden Lagerbestände können Engpässe überbrücken – reichen jedoch nach Einschätzung von Händlern nur für etwa zwei Monate.
Spätestens ab dem zweiten Quartal werden Käufer daher stärker auf kanadisches Öl oder andere Alternativen angewiesen sein – sofern venezolanische Lieferungen nicht wieder in den regulären Markt zurückkehren.
Teurer, aber schneller in China
China kaufte 2025 laut Daten von Kpler knapp 40 % der kanadischen Rohöl-Exporte, die per Schiff verschifft wurden. Trotzdem bleibt der Preis ein Problem: Kanadisches Rohöl ist deutlich teurer als Merey – aktuell liegt es etwa 8 bis 9 US-Dollar pro Barrel darüber. Das könnte einige Raffinerien abschrecken, vor allem jene, die stark auf günstige Feedstocks angewiesen sind.
Allerdings könnte sich diese Preisdifferenz verändern: Wenn mehr Raffinerien auf kanadische Sorten ausweichen, steigt die Nachfrage – und damit auch der Wettbewerb um diese Mengen. Gleichzeitig könnte sich der Abstand verringern, falls venezolanische Lieferungen wieder normalisiert werden.
Logistisch hat Kanada einen entscheidenden Vorteil: Sorten, die in Vancouver (British Columbia) verladen werden, benötigen rund 17 Tage bis nach Qingdao in China. Das ist deutlich schneller als die etwa 57 Tage lange Route von Venezuelas Amuay Bay. Außerdem ist der Transport flexibler: Das Öl kann auf unterschiedlichen Tankertypen verschifft werden – von kleineren Aframax-Tankern bis zu sehr großen Rohöltankern. Dadurch steigen die Optionen bei Frachtraten und Verfügbarkeit.
Kanada und Brasilien bleiben Alternativen
Dass Kanada in dieser Dimension als Ersatzlieferant einspringen kann, liegt eng am erfolgreichen Ausbau der Trans Mountain Pipeline im Jahr 2024. Seitdem leiten Produzenten mehr Öl an die Westküste – und exportieren es von dort nach Asien.

Einige der ersten zusätzlichen Cargoes gingen an die chinesischen Staatskonzerne Sinochem und Sinopec. Im Zeitverlauf übernahm auch der private Raffineriekonzern Zhejiang Petroleum & Chemical mehr Lieferungen. Mehrere dieser Unternehmen unterhalten zudem Repräsentanzen in Ölzentren wie Calgary, was die Handelsbeziehungen zusätzlich erleichtert.
Neben Kanada gibt es weitere mögliche Ersatzquellen für venezolanisches Öl: Dazu zählen Fuel Oil sowie schwere Rohölsorten aus Brasilien. Allerdings liefert Brasilien bereits große Teile seiner Produktion nach China – die Spielräume sind daher begrenzt.
Unterm Strich zeigt sich: Trumps Venezuela-Strategie wirkt wie ein Katalysator. Sie zwingt China, neue Lieferketten aufzubauen – und rückt Kanada als geopolitischen und wirtschaftlichen Faktor im globalen Ölhandel stärker ins Zentrum.
FMW/Bloomberg
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