Wenn man das Kaufverhalten von Privatinvestoren (das sogenannte „Dumb Money„) analysiert, wird jeder durch Trump verursachte Rücksetzer der Aktienmärkte (egal aus welcher Ursache) als Kaufoption wahrgenommen. Der 5.Mai war diesbezüglich an der Wall Street der bisher exzessivste Tag in der bisherigen Börsengeschichte. Während Smart Money seit Monaten sich eher auf der Verkäuferseite aufhält – irgendjemand muss den Privaten die Stücke verkaufen – scheint es für US-Privatinvestoren nur ein Motto zugeben: „mutig voran, koste es was es wolle“.
Trump, Aktienmärkte und Privatinvestoren
Das früher den Privatinvestoren eigentlich zugeschriebene Verhaltensmuster, bei Abschwüngen schwache Nerven zu haben, schnell in Panik zu verfallen und somit relativ leicht und für Institutionelle gewinnbringend von ihren Wertpapieren wieder befreit werden zu können, scheint sich seit der Nullzinsphase zunehmend nicht mehr zu bewahrheiten. Ganz im Gegenteil – es sind die Privaten, die den Umkehrpunkt eines Dip der Aktienmärkte signifikant mitbestimmen und so Smart Money in eine FOMO Situation bringen, in der sie – wenn auch zeitverzögert – mit einsteigen, um bei der nächsten Rally der Aktienmärkte nicht außen vor zu bleiben. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass es viele „bewertungsblinde“ ETF Sparer sind, die hier wenig tatsächlich bewusste Entscheidungen treffen, außer einen Sparplan zu bedienen oder auszusetzen.
Wie der geneigte Beobachter weiß, ist Börse zu einem sehr großen Teil Psychologie. Somit scheinen die Privaten offensichtlich ihre Anlagen immun gegen jegliche Art von externen Parametern wie Bewertungen oder geopolitische Ereignisse zu bewerten. Es sprechen zweifellos auch die Erfahrungswerte der letzten Jahre dafür. Selbst der Corona-Crash wurde ja in sehr kurzer Zeit wieder egalisiert, wobei man sich seinerzeit in einem ganz anderen inflationären und Zinsumfeld bewegt hat.
Aktienmärkte: Kann jedes Risiko dauerhaft ignoriert werden?
Ein gutes Beispiel für das aktuell wohl größte geopolitische Risiko ist Donald Trump. Auch wenn er ankündigt, das arbeitsteilige Weltwirtschaftssystem aus den Angeln heben zu wollen, scheint das nur wenige Tage Eindruck zu machen, bevor jede nicht mehr ganz so negative Nachricht wieder gekauft wird. Ob das zudem auch mit der Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Investorengemeinde korreliert, wäre interessant zu ergründen.
Man könnte die Markt-Psycholgie also so interpretieren: egal was auch immer passiert – es gibt keine Ereignisse, die Wertpapieranlagen über eine kurzfristige Korrekturphase gefährden können. Da kann zuletzt ein Trump noch so wüten und 50%-Zölle gegen einen Handelspartner ankündigen, mit dem die USA 30% des Welthandels abwickeln. Soll er doch reden – am Ende wird er in seinen großmäuligen Statements „Dumber“ eingestuft und ist somit nicht ernst zu nehmen. Man kann sich nicht vorstellen, dass er seine Vision auch nur ansatzweise mit substanziellen Auswirkungen durchziehen wird. Privatinvestoren werden immer immuner gegen jegliche externen Faktoren, selbst jene, die das Weltwirtschaftssystem potentiell auf den Kopf stellen können.
Nächste Eskalationsstufe von Trump eingeläutet
Dass Trump ein besonderen Motivationsschub ereilt, wenn er das Gefühl bekommt, nicht ernst genommen zu werden, ist spätestens seit seiner ersten Amtszeit bekannt. Folglich ist es auch nicht überraschend, dass er jetzt in der Mitte des 90-tägigen Zollmoratoriums nochmals in beide Richtungen richtig „Gas gibt“. Zumindest scheint er damit zunächst einen wohl unterwürfigen Anruf von Ursula van der Leyen mit zusätzlichen Zugeständnissen erreicht zu haben. Ob ihm Tim Cook auch schon eine Kotau-Kommunikation zu kommen hat lassen, ist noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.
Wie an anderer Stelle schon analysiert, wird die Vision, die strategische Industrie in die USA zurückzubringen nicht mit schönen Worten, sondern nur mit massivem wirtschaftlichen Druck sowohl national sowie international passieren. Die initiale Drohung gegen die EU (50% Zölle) und Apple (25% Zölle) sind sicher nicht rein zufällig zum gleichen Zeitpunkt erfolgt. Und zu bedenken ist, dass der Spielraum zwischen null und fünfundzwanzig bzw. fünfzig durchaus signifikant ist: denn das ist ein selbst im letzten Jahrhundert der Wirtschaftsgeschichte unerreichtes Niveau der Zölle. Irgendwer muss das bezahlen – Lieferketten und Handelsströme werden komplett auf den Kopf gestellt.
Die Aktienmärkte und insbesondere „Dumb Money“ scheint immer noch unerschrocken einzupreisen, dass die Wall Street Trump schon auf Spur bringen wird. Zudem unterliegt die EU aber dem Irrglauben, verhandlungstaktisch ähnlich wie China agieren zu können, weil man ein großer Konsummarkt ist. Allerdings wäre gut zu beachten, dass man dazu neben dem konzertierten medialen Verächtlich machen, auch tatsächliche relevante Druckmittel gegen den Verhandlungspartner in der Hand haben sollte. Keine Porsche mehr in die USA zu liefern, wird Trump wenig beeindrucken. Dass die EU bei der Energieversorgung von einer extremen Abhängigkeit in eine andere mit den USA „gelockt“ wurde und das sogar noch ausgeweitet werden soll, ist auch ein Treppenwitz der Geschichte der EU.
Liegen die Aktienmärkte richtig? Trump’s Vision nur Schall und Rauch?
Den Finanzmärkten wird nachgesagt, dass sie die Entwicklungen der kommenden zwei bis drei Quartale vorwegnehmen. Das scheint aktuell insbesondere bei den Aktienbörsen noch immer zu beinhalten, dass sich Trump mehr oder weniger von seinen Zollplänen abbringen läßt. Die Indizes stehen wieder dort (oder wie beim DAX sogar darüber), wo sie vor Ankündigung des Zollhammers waren. Jede(r) darf für sich selbst einordnen, wie wahrscheinlich es ist, dass Trump mehr oder weniger komplett zurückrudert und seine zentrale Vision einstampft bzw. die abgemilderte Umsetzung keine wesentlichen Auswirkungen auf die Ertragssituation der Unternehmen bzw. makroökonomische Faktoren wie Inflation/Zinsen haben wird.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken














