Hintergrund

Türkei – das nächste Griechenland?

Der Absturz der türkischen Lira dürfte zu weiterer Kapitalflucht führen – droht dem Land der Bankrott?

Gestern erreichte die türkische Lira ein Allzeittief zum US-Dollar, weil die türkische Zentralbank entgegen der Erwartung der Märkte den Leitzins bei 4,5% belassen hatte. Damit setzt sich ein Trend fort, der seit der Ankündigung der Fed, ihre Anleihekäufe zu reduzieren, ohnehin an Dynamik gewonnen hatte.

Die gute Zeit der Schwellenländer wie Türkei und Brasilien scheint nun vorbei – sie basierte hauptsächlich auf einer uneingeschränkt spendablen Haltung der wichtigsten Notenbanken. Das aus aller Welt einströmende Kapital fließt nun zurück, im Falle der Türkei verstärkt durch die politischen Turbulenzen um Erdogan. Für die Türkei kann das schwerwiegende Folgen haben: das Wachstum der letzten Jahre war in hohem Maße Schulden-getrieben und produzierte so ein gigantisches Leitungsbilanzdefizit (prozentual das Größte aller G-20-Staaten). Dem entspricht eine massive Verschuldung der Konsumenten, die in vermeintlich guten Zeiten durch eine laxe Vergabe von Kreditkarten und Investitionen in den boomenden Immobilienmarkt angehäuft wurden.

In dieser Situation steckt die türkische Zentralbank in einer Zwickmühle: sie müsste eigentlich die Zinsen anheben, um eine weitere Kapitalflucht der verunsicherten ausländischen Geldgeber zu begrenzen. Ein weiterer Anstieg der Zinsen aber würde viele der hochverschuldeten Konsumenten in die Insolvenz treiben. Also beließ die Zentralbank – sicher zum Wohlwollen Erdogans – den Leitzins unverändert, sicherte sich aber durch eine Hintertür ab: sie kann, je nach Situation, für Ausleihungen an Banken den Zinssatz verändern. Das wiederum aber bedeutet für die Banken zusätzliche Rechtsunsicherheit und stärkt nicht unbedingt das Vertrauen ins türkische Finanzsystem. Auch der von der Zentralbank eingeschlagenen Mittelweg birgt daher hohe Risiken – „in Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (Alexander Kluge).

So mahnte gestern Alan Ruskin von der Deutschen Bank:“Länder, die dachten, sie fechten einen Kampf gegen einen schwachen Dollar, finden sich plötzlich auf der anderen Seite der Front“ (zitiert nach Dow Jones Newswire). Der Türkei bleibe nun nichts anderes übrig, als die Importe zu reduzieren – sprich weniger ausländische Produkte zu konsumieren. Faktisch ist damit das auf Pump basierende Konsumverhalten der (großstädtischen) Türken wohl bald Geschichte. In Erwartung schlechterer Zeiten horteten viele Türken in den letzten Wochen bereits Gold und Dollars.

Wird die Abwärtsspirale nicht bald gestoppt, droht die Türkei ein Krisenfall weit größeren Ausmaßes als Griechenland zu werden. Zwar ist die Staatsverschuldung eher gering, doch dürfte in diesem Umfeld bald die Immobilienblase – die einen überdimensionierten Bausektor erzeugt hat – in den Großstädten platzen. Faktisch also droht ein ähnlicher Dominoeffekt kollabierender Preise wie in Spanien und den USA. Dann würden wohl nicht nur türkische Banken straucheln – global gesehen stehen dann 350 Milliarden Dollar von Auslandsbanken im Feuer.



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