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Türkei: Erdogan definiert Zinsen und Inflation völlig neu

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

Was die Türkei betrifft, kann man sagen Präsident Erdogan definiert Zinsen und Inflation völlig neu. Wirtschaftliche Zusammenhänge werden in einen ganz neuen Kontext gesetzt.

Türkei Präsident Erdogan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Türkei: Präsident Recep Tayyip Erdogan
Foto: Prime Minister Office / Wikipedia (CC BY-SA 2.0)

Türkische Lira

In den letzten Tagen trugen unsere Artikel mehrmals Überschriften wie „Neue Allzeittiefs in der türkischen Lira“ etc. Denn in der Tat wertet die türkische Lira immer weiter ab. Im Chart (USDTRY) erkennt man den drastischen Anstieg des US-Dollar in den letzten 5 Jahren, also umgekehrt den Absturz der türkischen Lira.

Türkei USD gegen Lira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine ganz neue Wirtschaftstheorie

Laut aktuellen Zahlen der türkischen Notenbank lag die Inflation in der Türkei im Februar bei 0,71%, was die Inflation um 0,31% auf eine jährliche Inflationsrate von 7,55% hochzieht. Und das ist die offizielle Zahl! Der niedrige Ölpreis kann kaum gegen die Inflation arbeiten, da die Lira gegen den Dollar (Öl notiert in Dollar) so dramatisch abgewertet hat. Die Notenbank sagte hierzu am 03.03.2015:
The ongoing cautious monetary policy along with prudent fiscal and macroprudential policies are having a favorable impact on inflation, especially on inflation excluding energy and food (core inflation indicators). In this regard, the Committee anticipates that core inflation will continue to decline. Moreover, lower level of commodity prices, particularly oil, continue to support disinflation. However, the recent volatility in oil prices and exchange rates might limit the support provided by energy group to disinflation. Meanwhile, food prices may see some volatility, especially in unprocessed food, due to weather conditions.

Präsident Erdogan behauptet man solle die Zinsen senken um die Konjunktur zu unterstützen (so weit so gut) – gleichzeitig könne man mit niedrigeren Zinsen auch die Inflation bekämpfen. Das ist eine ganz neue Art der Wirtschaftstheorie, um es mal vorsichtig auszudrücken. Markus Fugmann nannte diese Logik eine “ vorsichtig formuliert unorthodoxe Theorie“. Denn, um mal konkret zu werden: Die Wirtschaftstheorie wie auch die Praxis zeigt überall auf dem Planeten: Ein hoher Leitzins senkt die Inflation, da Unternehmen bei teuren Zinsen weniger Kredite nachfragen und Verbraucher auch weniger Konsumentenkredite bei Banken aufnehmen. Niedrigere Zinsen haben genau den gegenteiligen Effekt.

Türkei mit Schuldenproblem

Die Schuldenprobleme in der Türkei verschärfen sich aufgrund des gigantischen Handelsbilanzdefizits. Dadurch ist die Volkswirtschaft als Ganzes nämlich auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen. Durch möglichst niedrige Zinsen für die Verbraucher und Unternehmen will Erdogan die „interne“ Kreditblase am Laufen halten. Details über Inflation, Zinsen oder Wirtschaftstheorie interessieren da wohl nicht wirklich. Mit der Abschwächung der türkischen Lira – eine Folge vor allem der Verbalinterventionen Erdogans – sollte die Inflation wohl wieder anziehen, weil die Importe teurer werden.

Erdogan und die Notenbank

Dies hat vor allem damit zu tun, dass der Glaube in die Verlässlichkeit der Türkei gegenüber internationalen Investoren in den letzten Tagen massiv zurückgegangen ist. Hauptverantwortlich hierfür sind vor allem die jüngsten Aussagen von Präsident Erdogan. Erst vor Kurzem hatte Erdogan erneut die Notenbank scharf kritisiert und unterstellt, sie handle im Auftrag fremder, antitürkischer Mächte. Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hatte Vertreter der Notenbank zum Rapport einbestellt. Zeybekci kritisierte – wie Erdogan auch und vermutlich in dessen Auftrag – dass die Notenbank die Zinsen zu zögerlich senke. Erdogan sagte auch über Notenbankchef Basci „wenn er mit seinen Pflichten nicht zurechtkommt, würde er dafür zur Verantwortung gezogen“. Er warf Basci auch schon vor, die Zinsen zu hoch zu halten – und damit die Inflation anzuheizen. Dass der Effekt eigentlich genau umgekehrt ist… geschenkt. Notenbankchef Basci senkt die Zinsen, aber in den Augen von Erdogan nicht schnell genug. Basci aber weiß, dass die Inflation immer noch viel zu hoch ist. Aus einer Notenbank-Veröffentlichung vom 24.02.2015 hierzu:
Overnight Interest Rates: Marginal Funding Rate has been reduced from 11.25 percent to 10.75 percent, the interest rate on borrowing facilities provided for primary dealers via repo transactions has been reduced from 10.75 percent to 10.25 percent, and borrowing rate has been reduced from 7.5 percent to 7.25 percent, The Committee anticipates that the core inflation will continue to decline.

Laut eines Berichts des Magazins „Trend“ aus Februar hat die Staatsanwaltschaft in Ankara Notenbankchef Basci angeklagt, weil er „mit seiner Geldpolitik den Menschen in der Türkei schwere finanzielle Schäden zufügen würde“. Potenzielle Strafe: 2 Jahre Gefängnis. Ob der Staatsanwalt politisch handelt oder instrumentalisiert ist? Die Türkei ist ein Rechtsstaat und die Justiz unabhängig. Von daher reine Spekulation! Nur so viel dazu: Einem Notenbankchef Gefängnis anzudrohen, nur weil er Zinsen nicht schnell genug senkt… das ist ja kein Verbrechen – wenn überhaupt könnte man theoretisch sagen der Herr Basci ist inkompetent, oder hat keine Ahnung von Ökonomie, aber ein Verbrechen? Eine unabhängige Notenbank in der Türkei sieht jedenfalls anders aus. Und eines der Dinge, vor der ausländische Investoren wirklich Angst haben, ist eine politisch beeinflusste Notenbank.




Quelle: Central Bank of the Republic of Turkey

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Widamn

    8. März 2015 12:25 at 12:25

    Erdogan macht genau das, was die EZB auch macht nur mit umgekehrtem Vorzeichen aber mit der gleichen ideologieschen Grundhaltung: De- & /Inflationsbekämpfung durch Manipulationsversuche mittels abstruser Geldpolitik.

    Beides wird schief gehen, denn die Märkte werden es auf Dauer richten.

  2. Avatar

    Benedikt

    8. März 2015 17:36 at 17:36

    Im Juni sind in der Türkei Parlamentswahlen. Erdogan und seine AKP Kompanen haben wohl Angst, dass ihnen die Wirtschaftlichen Probleme der Türkei den angestrebten Wahlsieg vereiteln könnten. Der Finanzmarkt dürfte inzwischen Angst haben, welche Änderungen die AKP nach den Wahltag so alles durchdrückt.

    Erdogan verbreitet diese Art von kruden Verschwörungstheorien nicht erst seit Anfang 2015, sondern das schon sehr lange. Ansonsten ist die Türkei auch kein Land mehr zu Investieren, weil Erdogan den IS Terroristen in der Türkei ruheräume geschaffen hat um gegen Assad zu kämpfen. Eher früher als später werden die IS Anhänger Politische Mitspracherechte in der Türkei einfordern und bekommen. Die haben ihre eigenen Vorstellungen von Wirtschaft.

  3. Avatar

    Johannes Paul II

    10. März 2015 00:43 at 00:43

    Dieser Wisch wird alle Jahre wieder aufgewärmt und mit geänderten Vorzeichen als Seriös-anmutend, ohne nennenswerte Belege, verkauft. Mit Augen Malerei und Selbstbetrug hat noch niemand etwas erreicht. Die Deutschen Medien sind voll von diesen Artikeln. Die AKP hat 9 Wahlsiege in folge vorzuweisen und eine Ökonomie die Jährlich ein Wachstum von ca. 5-6 % hat, ist die These mit plötzlichem Crash weit hergeholt. Denn mit der SOFT-Power Strategie (Geopolitik) und der Globalen Positionierung (Die Türken kommen wieder!) und andere wichtige Faktoren muss man sich viel mehr um -“ the collapse of european union „sorgen.

    • Avatar

      Rüdiger Menzler

      19. März 2017 21:11 at 21:11

      Träum weiter

  4. Avatar

    Benedikt

    10. März 2015 11:02 at 11:02

    Mehr Hintergründe zu Erdogans Wirtschaftstheorien:
    http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2015/03/turkey-economy-conflicting-views.html#

    Erdogans Wirtschaftstheorien werden demnach von seinen engen Berater Bulut entworfen. Dieser Bulut ist einer, der hinter alles und jenen eine Verschwörung gegen die Türkei des Erdogan sieht.

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Arbeitsmarkt nach Corona: Mehr Staatswirtschaft, weniger Industrie

Redaktion

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Büro-Arbeitsplatz

Verschwörungstheorie? Oder nur eine Vermutung? Das „übliche“ neo-liberale Gelaber, welches den Staat verteufelt, und vor noch mehr Staat warnt? Nein, offizielle staatliche Aussagen vom heutigen Tage zeigen, dass am deutschen Arbeitsmarkt in die Staatswirtschaft deutliche Stellenzuwächse erleben wird, während produzierende Betriebe nicht nur jetzt, sondern auch in 2021 weiter Stellen abbauen wird.

Staatswirtschaft im Aufwind, Industrie im Rückzug?

De facto heißt das: Die Angestellten in der Privatwirtschaft müssen (insgesamt gesehen) durch Steuern und Abgaben immer mehr, mehr und noch mehr erwirtschaften und abführen, damit die immer größere Zahl der Arbeitsstellen im Rahmen der Staatswirtschaft auch bezahlt werden kann! Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hat heute ihre Prognose für den deutschen Arbeitsmarkt für die Jahre 2020 und 2021 veröffentlicht. Und genau aus diesen Aussagen geht folgendes hervor, auszugsweise im Wortlaut:

Die Zahl der Arbeitslosen steigt laut der IAB-Prognose im Jahresdurchschnitt 2020 um 440.000, im Jahr 2021 könnte sie wieder um 100.000 zurückgehen.

Im Produzierenden Gewerbe gab es insbesondere im zweiten Quartal 2020 einen deutlichen Stellenabbau, der auch 2021 anhalten wird. Im Jahresdurchschnitt 2020 fallen hier 160.000 und 2021 nochmal 60.000 Stellen weg.

Beschäftigungszuwächse erwarten die IAB-Forscher dagegen vor allem im Bereich „Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“ (jeweils +190.000 in beiden Jahren).

Wird man im Detail die Neueinstellungen bei Staat und öffentlichen Betrieben (zusammen nennen wir das mal die „Staatswirtschaft“) durchgehen, dann wird man im Einzelfall sicher sagen: Ja, diese neue Stelle ist sinnvoll, und die auch, und die auch, und die da… ja dieser neue Job bei dieser Behörde ist auch notwendig. Zum Beispiel mehr Polizisten, mehr Lehrer, mehr Personal für die Gesundheitsämter, mehr Personal für den Zoll für die Kontrollen bei Schwarzarbeit und Einhaltung der Vorschriften bei Fleischbetrieben, mehr Sozialarbeiter etc. Und so könnte man die Liste sicher endlos fortsetzen.

Nur irgendwer muss all das ja auch bezahlen, zusätzlich zu der immens steigenden Staatsverschuldung, die irgendwann ja auch irgendwer mal bezahlen soll. Unterm Strich, da darf man sich sicher sein, wird es heißen: Wir müssen leider, leider die Steuern erhöhen. Geht eben nicht anders? Oder wird man anstatt die Steuern raufzuschrauben, eher auf indirekte Steuern und Sozialabgaben setzen? Was der Bürger nicht so offensichtlich sieht, tut auch nicht so sehr weh?

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Baugewerbe mit Einbruch bei den Auftragseingängen – kein Grund zur Sorge!

Claudio Kummerfeld

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Baugewerbe mit Rückgang bei den Aufträgen

Das deutsche Baugewerbe verzeichnet einen Rückgang der Auftragseingänge. Krise? Weit gefehlt, so möchten wir meinen. Wie heute offiziell vermeldet wurde, sind die Auftragseingänge im Juli im Vergleich zu Juni um 5,6 Prozent gesunken, und im Vergleich zu Juli 2019 um 4,9 Prozent. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2020 sank der reale Auftragseingang im Baugewerbe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent. Warum diese Rückgänge noch kein Problem sind? Nun, die Aussagen der Statistiker deuten dies an.

Denn der Auftragseingang im Juni 2020 war aufgrund von Großaufträgen ungewöhnlich hoch ausgefallen. Und der Auftragseingang im Juli 2019 war der höchste jemals in einem Juli gemessene Wert. Von daher war es für den Juli 2020 auch schwer, im Vergleich zu diesem Rekord-Ausgangswert noch mal eine Steigerung hinzulegen. Und aktuell darf man ja auch noch ergänzen, dass im Zuge der Coronakrise verständlicherweise einige wirtschaftliche Abläufe wie Bauaufträge oder Bauanträge bei Ämtern verschoben werden oder sich verzögern. Wenn man das bedenkt, dann sind diese Auftragsrückgänge im Baugewerbe noch eher mild ausgefallen. So schreiben die Statistiker vom Statistischen Bundesamt auch Zitat „Gründe für diese negative Entwicklung sind neben möglichen Einflüssen der Corona-Pandemie auch das sehr hohe Niveau des Vorjahres“.

Die am Anfang des Artikels genannten Prozentveränderungen waren real, saison- und kalenderbereinigt gerechnet. Die nominalen Veränderungen fielen noch viel kleiner aus. Der Auftragseingang im Baugewerbe betrug im Juli 2020 rund 7,5 Milliarden Euro. Das waren nominal (nicht preisbereinigt) 2,5 % weniger gegenüber dem Höchststand im Juli 2019. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sanken die Auftragseingänge in den ersten sieben Monaten 2020 nominal um 0,5 %.

Grafik zeigt Verlauf der Auftragseingänge im Baugewerbe

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Coronakrise und Insolvenzen: Ab 01.Oktober kommt die Pleite-Welle

Markus Fugmann

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Aufgrund der Coronakrise hat die Bundesregierung bekanntlich beschlossen, das Insolvenzrecht zeitlich begrenzt auszusetzen und damit die Pflicht zur Anmeldung einer Insolvenz ausser Kraft zu setzen – gleichwohl droht nun bereits in der nächsten Woche eine massive Pleite-Welle. Denn ab 01.Oktober müssen jene Unternehmen wieder Insolvenz anmelden, die zahlungsunfähig sind – während überschuldete Firmen erst ab 01.Januar 2021 die Pflicht zur Insolvenz-Anmeldung haben.

Wie viele der von der Coronakrise betroffenen Unternehmen in Deutschland müssen dann als ab nächster Woche Insolvenz anmelden? Volker Römermann, unter anderem Fachanwalt für Insolveznrecht, sagt: über 90% der betroffenen Firmen werden dann ab 01.Oktober Insolvenz anmelden müssen, denn so hoch sei die Zahlungsunfähigkeits-Quote bei allen Insolvenzen – Überschuldung und damit die Pflicht zur Insolvenzanmeldung erst ab 01.Januar 2021 sei dagegen bei weniger als 10% der Fall.

Coronakrise: Jetzt kommt der Schmerz!

Das bedeutet: hunderttausende Firmen in Deutschland werden wohl zeitnah Insolvenz anmelden! Das wird viele Arbeitsplätze kosten. Der durch die Coronakrise ausgelöste Schmerz wurde also lediglich in die Zukunft verschoben – und diese Zukunft und damit der große Schmerz kommt nun also im Oktober, „buchstäblich am 01.Oktober“, sagt Römermann im Interview mit Florian Homm. Zwischen Januar und August diesen Jahres war die Zahl der Insolvenzen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr sogar rückläufig – da hat sich nun viel aufgestaut, was sich nun in einer Pleite-Welle entladen dürfte!

Und der Schmerz geht dann ab 01.Januar 2021 weiter, denn viele Firmen haben in der Coronakrise noch einmal Kredite aufgenommen, seien aber nicht zuletzt dadurch aussichtslos überschuldet, sagt Volker Römermann:

Ab 01.Oktober schlägt die Coronakrise voll durch - es droht eine Welle von Insolvenzen

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