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Türkei: Erdogan definiert Zinsen und Inflation völlig neu

Redaktion

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am

Von Claudio Kummerfeld

Was die Türkei betrifft, kann man sagen Präsident Erdogan definiert Zinsen und Inflation völlig neu. Wirtschaftliche Zusammenhänge werden in einen ganz neuen Kontext gesetzt.

Türkei Präsident Erdogan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Türkei: Präsident Recep Tayyip Erdogan
Foto: Prime Minister Office / Wikipedia (CC BY-SA 2.0)

Türkische Lira

In den letzten Tagen trugen unsere Artikel mehrmals Überschriften wie „Neue Allzeittiefs in der türkischen Lira“ etc. Denn in der Tat wertet die türkische Lira immer weiter ab. Im Chart (USDTRY) erkennt man den drastischen Anstieg des US-Dollar in den letzten 5 Jahren, also umgekehrt den Absturz der türkischen Lira.

Türkei USD gegen Lira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine ganz neue Wirtschaftstheorie

Laut aktuellen Zahlen der türkischen Notenbank lag die Inflation in der Türkei im Februar bei 0,71%, was die Inflation um 0,31% auf eine jährliche Inflationsrate von 7,55% hochzieht. Und das ist die offizielle Zahl! Der niedrige Ölpreis kann kaum gegen die Inflation arbeiten, da die Lira gegen den Dollar (Öl notiert in Dollar) so dramatisch abgewertet hat. Die Notenbank sagte hierzu am 03.03.2015:
The ongoing cautious monetary policy along with prudent fiscal and macroprudential policies are having a favorable impact on inflation, especially on inflation excluding energy and food (core inflation indicators). In this regard, the Committee anticipates that core inflation will continue to decline. Moreover, lower level of commodity prices, particularly oil, continue to support disinflation. However, the recent volatility in oil prices and exchange rates might limit the support provided by energy group to disinflation. Meanwhile, food prices may see some volatility, especially in unprocessed food, due to weather conditions.

Präsident Erdogan behauptet man solle die Zinsen senken um die Konjunktur zu unterstützen (so weit so gut) – gleichzeitig könne man mit niedrigeren Zinsen auch die Inflation bekämpfen. Das ist eine ganz neue Art der Wirtschaftstheorie, um es mal vorsichtig auszudrücken. Markus Fugmann nannte diese Logik eine “ vorsichtig formuliert unorthodoxe Theorie“. Denn, um mal konkret zu werden: Die Wirtschaftstheorie wie auch die Praxis zeigt überall auf dem Planeten: Ein hoher Leitzins senkt die Inflation, da Unternehmen bei teuren Zinsen weniger Kredite nachfragen und Verbraucher auch weniger Konsumentenkredite bei Banken aufnehmen. Niedrigere Zinsen haben genau den gegenteiligen Effekt.

Türkei mit Schuldenproblem

Die Schuldenprobleme in der Türkei verschärfen sich aufgrund des gigantischen Handelsbilanzdefizits. Dadurch ist die Volkswirtschaft als Ganzes nämlich auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen. Durch möglichst niedrige Zinsen für die Verbraucher und Unternehmen will Erdogan die „interne“ Kreditblase am Laufen halten. Details über Inflation, Zinsen oder Wirtschaftstheorie interessieren da wohl nicht wirklich. Mit der Abschwächung der türkischen Lira – eine Folge vor allem der Verbalinterventionen Erdogans – sollte die Inflation wohl wieder anziehen, weil die Importe teurer werden.

Erdogan und die Notenbank

Dies hat vor allem damit zu tun, dass der Glaube in die Verlässlichkeit der Türkei gegenüber internationalen Investoren in den letzten Tagen massiv zurückgegangen ist. Hauptverantwortlich hierfür sind vor allem die jüngsten Aussagen von Präsident Erdogan. Erst vor Kurzem hatte Erdogan erneut die Notenbank scharf kritisiert und unterstellt, sie handle im Auftrag fremder, antitürkischer Mächte. Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hatte Vertreter der Notenbank zum Rapport einbestellt. Zeybekci kritisierte – wie Erdogan auch und vermutlich in dessen Auftrag – dass die Notenbank die Zinsen zu zögerlich senke. Erdogan sagte auch über Notenbankchef Basci „wenn er mit seinen Pflichten nicht zurechtkommt, würde er dafür zur Verantwortung gezogen“. Er warf Basci auch schon vor, die Zinsen zu hoch zu halten – und damit die Inflation anzuheizen. Dass der Effekt eigentlich genau umgekehrt ist… geschenkt. Notenbankchef Basci senkt die Zinsen, aber in den Augen von Erdogan nicht schnell genug. Basci aber weiß, dass die Inflation immer noch viel zu hoch ist. Aus einer Notenbank-Veröffentlichung vom 24.02.2015 hierzu:
Overnight Interest Rates: Marginal Funding Rate has been reduced from 11.25 percent to 10.75 percent, the interest rate on borrowing facilities provided for primary dealers via repo transactions has been reduced from 10.75 percent to 10.25 percent, and borrowing rate has been reduced from 7.5 percent to 7.25 percent, The Committee anticipates that the core inflation will continue to decline.

Laut eines Berichts des Magazins „Trend“ aus Februar hat die Staatsanwaltschaft in Ankara Notenbankchef Basci angeklagt, weil er „mit seiner Geldpolitik den Menschen in der Türkei schwere finanzielle Schäden zufügen würde“. Potenzielle Strafe: 2 Jahre Gefängnis. Ob der Staatsanwalt politisch handelt oder instrumentalisiert ist? Die Türkei ist ein Rechtsstaat und die Justiz unabhängig. Von daher reine Spekulation! Nur so viel dazu: Einem Notenbankchef Gefängnis anzudrohen, nur weil er Zinsen nicht schnell genug senkt… das ist ja kein Verbrechen – wenn überhaupt könnte man theoretisch sagen der Herr Basci ist inkompetent, oder hat keine Ahnung von Ökonomie, aber ein Verbrechen? Eine unabhängige Notenbank in der Türkei sieht jedenfalls anders aus. Und eines der Dinge, vor der ausländische Investoren wirklich Angst haben, ist eine politisch beeinflusste Notenbank.




Quelle: Central Bank of the Republic of Turkey

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Widamn

    8. März 2015 12:25 at 12:25

    Erdogan macht genau das, was die EZB auch macht nur mit umgekehrtem Vorzeichen aber mit der gleichen ideologieschen Grundhaltung: De- & /Inflationsbekämpfung durch Manipulationsversuche mittels abstruser Geldpolitik.

    Beides wird schief gehen, denn die Märkte werden es auf Dauer richten.

  2. Avatar

    Benedikt

    8. März 2015 17:36 at 17:36

    Im Juni sind in der Türkei Parlamentswahlen. Erdogan und seine AKP Kompanen haben wohl Angst, dass ihnen die Wirtschaftlichen Probleme der Türkei den angestrebten Wahlsieg vereiteln könnten. Der Finanzmarkt dürfte inzwischen Angst haben, welche Änderungen die AKP nach den Wahltag so alles durchdrückt.

    Erdogan verbreitet diese Art von kruden Verschwörungstheorien nicht erst seit Anfang 2015, sondern das schon sehr lange. Ansonsten ist die Türkei auch kein Land mehr zu Investieren, weil Erdogan den IS Terroristen in der Türkei ruheräume geschaffen hat um gegen Assad zu kämpfen. Eher früher als später werden die IS Anhänger Politische Mitspracherechte in der Türkei einfordern und bekommen. Die haben ihre eigenen Vorstellungen von Wirtschaft.

  3. Avatar

    Johannes Paul II

    10. März 2015 00:43 at 00:43

    Dieser Wisch wird alle Jahre wieder aufgewärmt und mit geänderten Vorzeichen als Seriös-anmutend, ohne nennenswerte Belege, verkauft. Mit Augen Malerei und Selbstbetrug hat noch niemand etwas erreicht. Die Deutschen Medien sind voll von diesen Artikeln. Die AKP hat 9 Wahlsiege in folge vorzuweisen und eine Ökonomie die Jährlich ein Wachstum von ca. 5-6 % hat, ist die These mit plötzlichem Crash weit hergeholt. Denn mit der SOFT-Power Strategie (Geopolitik) und der Globalen Positionierung (Die Türken kommen wieder!) und andere wichtige Faktoren muss man sich viel mehr um -“ the collapse of european union „sorgen.

    • Avatar

      Rüdiger Menzler

      19. März 2017 21:11 at 21:11

      Träum weiter

  4. Avatar

    Benedikt

    10. März 2015 11:02 at 11:02

    Mehr Hintergründe zu Erdogans Wirtschaftstheorien:
    http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2015/03/turkey-economy-conflicting-views.html#

    Erdogans Wirtschaftstheorien werden demnach von seinen engen Berater Bulut entworfen. Dieser Bulut ist einer, der hinter alles und jenen eine Verschwörung gegen die Türkei des Erdogan sieht.

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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