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Zinspolitik bei 80 Prozent Inflation Türkei: Zentralbank senkt erneut den Leitzins – bei 80 Prozent Inflation

Die Zentralbank der Türkei hat vor wenigen Minuten verkündet, dass sie den Leitzins absenkt - und das bei 80 Prozent Inflation. Hier dazu Begründungen und Marktkommentare.

Türkei-Fahne

Am 18. August hatte die Zentralbank in Ankara ihren Leitzins von 14 auf 13 Prozent abgesenkt – und das trotz der grassierenden Inflation von 80 Prozent in der Türkei! Vor wenigen Minuten hat die türkische Zentralbank ihre aktuellste Zinsentscheidung verkündet. Sie senkt den Leitzins von 13 auf 12 Prozent ab! Die meisten Analysten erwarteten für heute keine Änderung des Leitzins-Niveaus.

Die türkische Lira, die in letzter Zeit weiter auf neue Allzeittiefs gefallen war, reagiert aktuell mit einer weiteren kleinen Abwertung. USDTRY steigt von 18,36 (kurz vor der Entscheidung) auf 18,38. FMW-Kommentar: Das ist schon ein Hammer. Bei so hoher Inflation sehen wir nun die zweite Zinssenkung in Folge, erst von 14 auf 13, und heute von 13 auf 12 Prozent! Damit tut die Zentralbank genau das Gegenteil von dem, was allgemein als sinnvolle Maßnahme im Kampf gegen eine hohe Inflation angesehen wird.

Zweite Zinssenkung in Folge trotz 80 Prozent Inflation – wie die Zentralbank das begründet

Wie begründet die türkische Zentralbank diese Zinssenkung bei 80 Prozent Inflation? Hier auszugsweise einige aktuelle Aussagen aus ihrem aktuellen Statement. Die Abschwächung der geopolitischen Risiken für die globale Wirtschaftstätigkeit nehme weiter zu. Die globalen Wachstumsprognosen für den kommenden Zeitraum werden nach unten korrigiert und eine Rezession wird zunehmend als unvermeidlicher Risikofaktor eingeschätzt. Während die negativen Folgen der Versorgungsengpässe in einigen Sektoren, insbesondere bei Grundnahrungsmitteln, durch die von der Türkei ermöglichten strategischen Lösungen gemildert wurden, halte der Aufwärtstrend der Erzeuger- und Verbraucherpreise auf internationaler Ebene an. Die Auswirkungen der hohen weltweiten Inflation auf die Inflationserwartungen und die internationalen Finanzmärkte werden genau beobachtet.

Der Anstieg der Inflation in der Türkei sei auf die verzögerten und indirekten Auswirkungen der steigenden Energiekosten infolge geopolitischer Entwicklungen, auf die Auswirkungen von Preisbildungen, die nicht durch wirtschaftliche Fundamentaldaten gestützt werden, sowie auf starke negative Angebotsschocks infolge des Anstiegs der weltweiten Energie-, Lebensmittel- und Agrarrohstoffpreise zurückzuführen. Der Ausschuss der Zentralbank in Ankara geht davon aus, dass der Disinflationsprozess im Zuge der ergriffenen und entschlossen umgesetzten Maßnahmen zur Stärkung der nachhaltigen Preis- und Finanzstabilität sowie der Beilegung des anhaltenden regionalen Konflikts einsetzen wird.

Darüber hinaus deuten die Frühindikatoren für das dritte Quartal laut Zentralbank weiterhin darauf hin, dass die Wirtschaftstätigkeit aufgrund der nachlassenden Auslandsnachfrage an Schwung verliert. Es sei wichtig, dass die finanziellen Bedingungen weiterhin unterstützend wirken, um die Wachstumsdynamik der Industrieproduktion und den positiven Trend bei der Beschäftigung in einer Zeit zunehmender Unsicherheiten in Bezug auf das globale Wachstum sowie eskalierender geopolitischer Risiken zu erhalten. Dementsprechend hat der Ausschuss beschlossen, den Leitzins um 100 Basispunkte zu senken, und ist zu der Einschätzung gelangt, dass das aktualisierte Niveau des Leitzinses angesichts der derzeitigen Aussichten angemessen ist.

Um eine institutionelle Grundlage für nachhaltige Preisstabilität zu schaffen, werde die umfassende Überprüfung des politischen Rahmens mit dem Ziel fortgesetzt, eine dauerhafte und verstärkte Liraisierung aller politischen Instrumente der Zentralbank zu fördern. Die kredit-, sicherheits- und liquiditätspolitischen Maßnahmen, deren Überprüfung abgeschlossen ist, werden weiterhin umgesetzt, um die Wirksamkeit des geldpolitischen Transmissionsmechanismus zu stärken.

Die Zentralbank werde im Rahmen der Liraisierungsstrategie weiterhin alle verfügbaren Instrumente entschlossen einsetzen, bis starke Indikatoren auf einen dauerhaften Rückgang der Inflation hindeuten und das mittelfristige Ziel von 5 Prozent erreicht ist, um das vorrangige Ziel der Preisstabilität zu erreichen. Ein stabiles allgemeines Preisniveau wird die makroökonomische Stabilität und die finanzielle Stabilität durch den Rückgang der Länderrisikoprämie, die Fortsetzung der Umkehr der Währungssubstitution und den Aufwärtstrend bei den Devisenreserven sowie den dauerhaften Rückgang der Finanzierungskosten fördern. Dies würde eine tragfähige Grundlage für ein weiteres gesundes und nachhaltiges Wachstum von Investitionen, Produktion und Beschäftigung schaffen.

Aktuelle Marktkommentare

Die Mehrheit der von Bloomberg befragten Ökonomen hatte nach einer unerwarteten Senkung um 100 Basispunkte im August, die eine siebenmonatige Pause beendete, keine Änderung vorausgesagt. Eine Minderheit, zu der Morgan Stanley, UniCredit SpA und Citigroup Inc. gehörten, hatte eine Senkung zwischen 50 und 100 Basispunkten vorausgesagt.

Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein Verbündeter Kavcioglu halten laut aktueller Bloomberg-Aussage damit an einer unorthodoxen Strategie fest, die auf Zinserhöhungen zur Eindämmung der Inflation verzichtet. Dieser Ansatz hat das Wirtschaftswachstum auf Kosten der Preisstabilität gefördert und türkische Vermögenswerte anfälliger für Ausverkäufe gemacht. Infolgedessen ist die jährliche Inflationsrate auf über 80 % gestiegen, und die Lira gehört in diesem Jahr zu den Schwellenländern mit der schlechtesten Performance.

Bloomberg schreibt weiter: „Die Türkei befindet sich jetzt in einer Wahlkampfphase“, sagte Tugberk Citilci, Leiter der Forschungsabteilung der in Istanbul ansässigen InvestAZ Menkul Degerler A.S., der die Zinssenkung um 100 Basispunkte erwartet hatte.

Bei der Erläuterung seiner Entscheidung, die Zinssätze im letzten Monat zu senken, gab die Zentralbank in Ankara zu verstehen, dass man auf den Verlust der wirtschaftlichen Dynamik reagiere und nicht plane, einen neuen Lockerungszyklus einzuleiten, und sagte, dass das aktualisierte Niveau des Leitzinses unter den derzeitigen Aussichten angemessen sei. Viele Ökonomen waren der Ansicht, dass eine weitere Zinssenkung erst zu einem späteren Zeitpunkt zu erwarten sei.

Was Bloomberg Economics aktuell sagt: „Wir gehen davon aus, dass die Zentralbank ihre makroprudenziellen Instrumente zur Eindämmung und Lenkung des Kreditwachstums fortsetzen wird, und rechnen mit einer weiteren Zinssenkung im vierten Quartal, falls sich die jüngste Abschwächung der Frühindikatoren fortsetzt.“ –Selva Bahar Baziki, Ökonomin–

Kavcioglu wiederholte letzte Woche in einem Blogbeitrag, dass makroprudenzielle Maßnahmen und eine Geldpolitik, die auf die Ausweitung des Einsatzes der Lira abzielt, eingesetzt werden, um Preisstabilität zu erreichen. Er ist der vierte Zentralbankgouverneur seit 2019, nachdem Erdogan drei Vorgänger entlassen hat. Die Zentralbank, die nach eigenen Angaben an ihrem Inflationsziel von 5 % festhält, hat unter Kavcioglus Führung Ende letzten Jahres mehrfach die Zinsen gesenkt, als die jährlichen Preissteigerungen bereits zweistellig waren.

FMW/Bloomberg/Türkische Zentralbank

Straßenbild in Istanbul mit Türkei-Flagge
Straßenbild in Istanbul mit Türkei-Flagge


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