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Türkische Lira: Abwertung kennt kein Halten mehr – hier die Gründe

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan

Die türkische Lira wertet immer stärker ab. Und heute kennt ihr Absturz kein Halten mehr. Gestern Abend noch bei einem Wechselkurs von 11,32, so muss man aktuell bereits 12,02 türkische Lira aufwenden um 1 US-Dollar kaufen zu können. Vor 10 Tagen lag der Kurs noch unter 10 Lira, und zum Jahresanfang noch bei 7,41. Was ist hier los?

Jüngste Erdogan-Aussagen drücken gegen die türkische Lira

Gestern Abend hat sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan laut Berichten (hier in der dailysabah) zu Geldpolitik und Inflation geäußert im Rahmen einer Pressekonferenz. Eine straffere Geldpolitik werde die Inflation nicht senken. Er lehne eine Politik ab, welche die Türkei schrumpfen lasse, sie schwäche und das Volk zu Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut verdamme. Er versprach seinen „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“ erfolgreich zu führen. Damit bekräftigt Erdogan einmal mehr klipp und klar eine geldpolitische Haltung, die international anerkannten ökonomischen Abläufen widerspricht – nämlich dass man mit hohen Zinsen Inflation bekämpfen kann. Die Folge: Die türkische Lira rauscht nun weiter in den Keller. Und seine Aussagen bekräftigen auch die Hoffnungslosigkeit der Märkte, dass sich die Zinspolitik der türkischen Zentralbank ändern könnte.

Kräftige Zinssenkungen bei gleichzeitig steigender Inflation

Die Zentralbank in Ankara hat bereits in den letzten Wochen auf Druck von Präsident Erdogan mehrmals den Leitzins abgesenkt von 19 Prozent auf inzwischen 15 Prozent. Gleichzeitig steigt die Inflation in der Türkei in großen Schritten weiter an auf inzwischen 19,89 Prozent. Damit liegt die Inflation ganze 4,89 Prozentpunkte über dem Leitzins – somit fehlt ausländischen Investoren für Zinsanlagen in der Türkei ein Inflationsausgleich, und der Geldfluss tendiert gen Euro und US-Dollar – das ist logischerweise denkbar schlecht für die türkische Lira. Wohl am 3. Dezember wird die türkische Inflation für November verkündet, und dann am 16. Dezember steht die nächste Zinsentscheidung der Zentralbank an. Geht es mit dem Leitzins weiter bergab, wie von Präsident Erdogan gefordert? Denn Zinsen sind für ihn eine Plage, von der man das türkische Volk erlösen müsse – so sagte er es erst letzte Woche.

Auch mit solchen Aussagen bringt man weitere Unsicherheit in die türkische Lira! Und nun droht erneut eine weitere Zinssenkung und eine weiter steigende Inflation für die Türkei. Das ist kein gutes Grundszenario für die türkische Währung. Das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Zentralbank in Ankara ist längst verschwunden. Präsident Erdogan hat dieses Jahr mehrmals Funktionäre ausgewechselt, und die aktuellen Offiziellen der Zentralbank haben nun bereits gezeigt, dass sie so agieren wie es vom Präsidenten gewünscht ist. Dies sorgt am Devisenmarkt quasi für eine Art Motivation gegen die Währung eines Landes zu spekulieren, wo das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Geldpolitik nicht mehr vorhanden ist.

Verbrauchervertrauen im Keller

Das türkische Verbrauchervertrauen, welches vom staatlichen Statistikamt Turkstat monatlich veröffentlicht wird, sank laut gestriger Mitteilung von Oktober auf November von 76,8 auf 71,1 Punkte. Das ist das tiefste Stand seitdem diese Zahl für die Türkei ermittelt wird. Hier sieht man: Die Türkei ist Importland. Und wenn die türkische Lira immer weiter fällt, werden in Euro oder US-Dollar verkaufte Waren immer teurer für türkische Konsumenten.

Weitere Folgen der Lira-Schwäche

Dass die türkische Lira immer weiter abwertet, zeigt immer deutlichere Auswirkungen auf das alltägliche Wirtschaftsleben in der Türkei. Laut heutigem Bericht der türkischen Zeitung Dünya sorgt der Lira-Verfall für eine Destabilisierung der Produktion und des Handels in der Türkei. Die Lira-Schwäche veranlasse die Lieferanten von Waren für Aufträge Bargeld im Voraus zu verlangen oder auf Verträge in Fremdwährung zu bestehen – deswegen müssen sie (unsere Anmerkung) logischerweise türkische Lira in Doller oder Euro tauschen, was die Lira-Abwertung noch mehr befeuert. Die hohe Volatilität bei Währungen bedeute, dass Großhändler und Rohstoffproduzenten nicht in der Lage seien Preise festzulegen, was bedeute, dass es sehr schwierig geworden sei, Verträge abzuschließen, so wird der Vorsitzende der Versammlung der Union der Kammern und Warenbörsen der Türkei für den Konfektions- und Bekleidungssektor zitiert.

Chart zeigt Kursverlauf von US-Dollar vs Türkische Lira seit 10 Tagen Kursverlauf von US-Dollar gegen türkische Lira in den letzten zehn Tagen.



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5 Kommentare

  1. Der Bankrott der Türkei scheint unaufhaltsam näher zu rücken…

  2. Eine von Ideologie und Religion beeinflusste Zinspolitik scheint nicht zu einem Wirtschaftswunder zu führen.

    Es werden auch keine Gebete und Wunschdenken helfen;-)

    Leider scheint man dies in der EZB, so wie in der Türkei, ebenfalls nicht verinnerlicht zu haben.

    Da helfen dann auch keine Gebete mehr, für eine der Inflation angepassten Zinspolitik für die nördlichen EU Staaten ;-)

  3. Inflation 4,89 % über dem Leitzins, das sind ja schreckliche Zustände in det Türkei! Wie war das Verhältnis noch mal bei uns?

    1. Bei uns ca. 6 %. Doch diese ist ja transitorisch… In der Türkei natürlich nicht.

      Ich machen diesen Vergleich schon einige Monate und bezeichne es mitterlweile als „Türkei – WährungsPolitik“

    2. „Inflation 4,89 % über dem Leitzins, das sind ja schreckliche Zustände in der Türkei!“

      Die Zustände werden leider schrecklich in der Türkei werden, wenn ausländische Investoren ihr Geld abziehen.

      Anders als in den „alten“ Industrienationen, ist die Türkei vielmehr auf ausländisches Kapital angewiesen. Die türkische Wirtschaft ist in ausländischen Devisen verschuldet im Gegensatz zu uns ;-) Da wird eine Inflation von 4,89 Prozent über dem Leitzins (bzw. negative Realrendite) schneller ein Problem als bei uns.

      Das ist bzw. wird das Problem der Türkei ;-) Das ist der kleine, aber feine Unterschied zu uns ;-)

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