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Über die fast endlose Leidensfähigkeit Chinas im Handelskrieg

Warum China im Handelskrieg den viel längeren Atem hat als Trumps USA!

Redaktion

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am

Als Reaktion auf Wolfgang Müllers Artikel vom Freitag (24.05.19, https://finanzmarktwelt.de/chinas-leidensfaehigkeit-im-handelsstreit-dafuer-gibt-es-grenzen-127579/) entgegnet der „Bullennörgler“ freundschaftlich den Aussagen von Wolfgang Müller. Seine These ist: Chinas Leidensfähigkeit im Handelsstreit kennt nach westlichen Maßstäben keine Grenzen und trotzdem wird es 2019 einen Handelsdeal mit Trump geben!

 

Von „Bullennörgler“

Lieber Wolfgang, ich glaube mit deiner Vermutung liegst du falsch, dass Chinas Achillesferse der Arbeitsmarkt für insbesondere die über 100 Millionen Wanderarbeiter ist.

 

Die Chinesen und ihre Erfahrung von Leid

Die Chinesen haben ab Mitte der 1920er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre so unfassbar viel Leid erfahren müssen, dass man nicht den Fehler machen sollte, ihre „Leidensresilienz“ mit der von „verweichlichten Westlern“ zu vergleichen.

In praktisch jeder Großfamilie gibt es noch Menschen, die davon erzählen können, dass 15 Millionen Menschen während der Hungersnot starben und was in der Kulturrevolution passiert ist. Während dieser Zeit wurden viele Millionen Menschen gefoltert und anderen physischen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt sowie verhaftet und landeten in Gefängnissen und Arbeitslagern. Auch wurde eine noch viel größere Zahl von Chinesen aus ihren Familien gerissen und in entlegene Gegenden des Landes verbannt.

Dieser Hintergrund ist jedem Chinesen genauso präsent, wie die schon mit der Muttermilch aufgesaugte Auffassung von der Überlegenheit des chinesischen Volks. Auch ist praktisch jeder Chinese fest davon überzeugt, dass China den nur für die letzten paar Jahrhunderte kurz abgegeben Platz als mächtigste und fortschrittlichste Nation bald wieder einnehmen werden.

Diese nationalistisch aufgeladene Einstellung gibt dem chinesischen System eine viel höhere Stabilität bei Wohlstandsverlusten, als dies in westlichen Demokratien je der Fall sein kann.

Auch sollte man sich vergegenwärtigen, dass die grausame Ein-Kind-Politik mit den größtenteils erzwungen ca. 300 Millionen Abtreibungen erst Anfang 2016 zu Ende gegangen ist, ohne dass es ein Aufbegehren gegen so viel staatlich herbeigeführtes Leid gab.

Wer noch nicht in China war und noch keinen Kontakt mit chinesischen Wanderarbeitern hatte, sollte sich einmal den dritten Teil der BBC-Dokumentation „So tickt China“ ansehen (hier nur der Link zur englischen Version, aber ab 09.07.2019 gibt es das Ganze auch wieder bei Phoenix in Deutsch, https://www.youtube.com/watch?v=a_MuI5QD3UQ ). Man bekommt in der Dokumentation einen guten Eindruck, wieviel Leid aktuell Wanderarbeiter aushalten müssen, wenn sie jeden Tag 12 Stunden arbeiten und hunderte von Kilometern von ihren Kindern getrennt in kleinen Mehrbettzimmern leben, um dann einmal im Jahr zum chinesischen Neujahrsfest Kinder und Eltern zu besuchen!

Ein politisches System mit einem Volk, dass dies Leid alles ohne zu murren aushält, wird auch nicht in Schwierigkeiten geraten, wenn sich in kurzer Zeit die Arbeitslosenzahl verdoppelt oder verdreifacht!

 

Auch wir Deutschen sind in einem Systemwettkampf mit China!

Jetzt kann man natürlich den plumpen, dumm-dreisten Trump lächerlich machen, wie er bloß annehmen kann, dass die USA ohne eigene Schmerzen ganz einfach einen Handelskrieg gegen China gewinnen kann. Das Lachen sollte uns aber ganz schnell im Halse stecken bleiben, da wir Deutschen die noch viel größeren „Deppen“ sind, da bei uns noch nicht mal angekommen ist, dass auch wir uns in einem Systemwettkampf mit China befinden, in dem unser Wohlstand und gegebenenfalls auch unser liberal freiheitlicher Rechtsstatt auf dem Spiel steht.

Wir führen in Deutschland Diskussionen so, als ob schon feststeht, dass wir am „Ende der Geschichte“ (siehe https://www.amazon.de/Das-Ende-Geschichte-stehen-wir/dp/3463401320 ) angekommen sind und es nur noch darum geht, wann und wie wir die Respektrente und ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Das sich unsere Wohlstand ggf. in einem Systemwettkampf mit China auflösen kann, weil wir zu einer reformunfähigen und satten Gesellschaft mutiert sind, wird nicht thematisiert. Die Geschichte zeigt, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht selbstverständlich sind, sondern immer wieder verteidigt werden müssen.

Seit 1993 kenne ich China durch viele eigene Reisen, auch an entlegene Orte auf dem Land. Was sich alleine in dieser Zeit an Fortschritt ereignet hat ist unfassbar. Wenn man als Bezugspunkt die Mitte der 1970er Jahre nimmt, dann ist dies sogar ein historisch einmaliger Aufstieg eines Landes. Noch Mitte der 1970er Jahre waren das völlig verarmte China und die größte Demokratie der Welt (Indien) ungefähr auf derselben Entwicklungsstufe. Wenn man heute durch beide Länder reist, dann könnte der Unterschied nicht größer sein. Auf der einen Seite viel Hoffnungslosigkeit und quasi unlösbare Probleme wohin man auch schaut – und auf der anderen Seite ein China, welches die bittere Armut überwunden hat und in dem nächsten Jahrzehnt(en) vor dem Sprung steht, das mächtigste Land der Welt zu werden.

 

Die Großstadt Chongqing

 

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    pigeon

    27. Mai 2019 12:04 at 12:04

    Lieber Bullennörgler,

    was Sie in Bezug auf die Leidensfähigkeit der Bevölkerung schreiben, ist alles richtig und das ist ja auch der große Trumpf der Regierung. Von daher ist ein Einknicken der Regierung auch unwahrscheinlich. Dennoch gibt es m.E. eine Grenze der Leidensfähigkeit, aber aus einem ganz anderen Grund und der betrifft nicht so sehr die versklavten Wanderarbeiter sondern eher die immer größere wohlhabende Schicht Chinas. Es hat mit der Legitimation der Herrschaft der KP Chinas zu tun. Über Jahrzehnte war diese Legitimation ideologisch geprägt durch das Banner des Kommunismus. Deng Xiaoping hat im Zuge seiner Reformen diese Legitimation gekonnt erhalten, indem er das ganze „you zhongguo tese de shehui zhuyi“, also Sozialismus chinesischer Prägung taufte und damit im Grunde ein System aus Staatskapitalismus und Einparteienherrschaft meinte. Aber in den Folgejahren war der Begriff des Sozialismus im Grunde immer weniger zu halten (auch wenn es offiziell noch so heißt um das Erbe der KP Chinas zu erhalten), so dass an die Stelle der ideologischen Legitimation die Legitimation über den wirtschaftlichen Erfolg und Aufstieg trat. Davon haben große Schichten profitiert, die nun aber sehr viel gefährlicher für die KP sind, als die einfachen Arbeiter. Folglich ist ein Anhalten des Aufschwungs existenziell für den Erhalt der Herrschaft und nur um die geht es der Regierung.

    Der Aufschwung wurde aber mit der größten Kreditblase der Geschichte erkauft und hat daher einige Schwachstellen. Ein Einbruch der Exporte könnte nun eine Kettenreaktion auslösen, die das ganze investitionsgetriebene Wachstum zum Stillstand bringen würde: Die extremen Investitionen in Urbanisierung und Infrastruktur lohnen sich nur dann wenn die Nachfrage hoch bleibt und da sind die Exporte das Zünglein an der Waage. Kommt die Nachfrage zum Stehen, kommen auch die Investitionen zum stehen, weil das Land schon jetzt unter gigantischen Überkapazitäten leidet (Allein in den leerstehenden Wohnungen könnte man die deutsche Bevölkerung zweimal unterbringen). Und so weiter: Es käme zu einem großen Knall, wenn die Kreditblase platzt und dann zu großer Unzufriedenheit der wohlhabenden Schichten. Ich habe den Eindruck, dass sich die Führung der KP genau darauf vorbereitet und dann gewillt ist, ihre Macht wieder mit roher Gewalt, wie zur Zeit der Kulturrevolution zu verteidigen. Das macht es z.B. plausibel, warum der Präsident wieder mit der Machtfülle Maos ausgestattet wurde und warum mit Hochdruck dieses soziale Überwahungssystem eingeführt wird. Aber natürlich würde sich die KP diesen harten Weg lieber sparen und daher hat sie selbst, und weniger die Bevölkerung, eine Grenze der Leidensfähigkeit, so dass schon ein großer Wille zu einem Handelsdeal vorhanden sein sollte.

  2. Avatar

    Bullennörgler

    27. Mai 2019 12:34 at 12:34

    Lieber Pigeon,
    Danke für den sehr kenntnisreichen Kommentar!
    Ich stimme ihnen natürlich zu, das China viele Achillesfersen hat, um die die KP Chinas auch weiß, weshalb die KP auch bis zu der Huawei-Eskalation ein durchgehend passives und deeskalierendes Verhalten an den Tag gelegt hat. In diesem Artikel ging es hauptsächlich darum, dass eine steigende Arbeitslosenzahl der Wanderarbeiter, aus meiner Sicht aber keine Achillesferse Chinas ist.
    In den nächsten Tagen erscheint von mir noch ein Artikel mit einer Prognose zum weiteren Verlauf des Handelskriegs. Dann wird meine Sichtweise vielleicht klarer.

  3. Avatar

    tm

    27. Mai 2019 13:31 at 13:31

    „Auch ist praktisch jeder Chinese fest davon überzeugt, dass China den nur für die letzten paar Jahrhunderte kurz abgegeben Platz als mächtigste und fortschrittlichste Nation bald wieder einnehmen werden.“

    Wobei nicht klar ist, ob das früher tatsächlich so war. Gemäß der Daten von Angus Maddison war China seit der Antike fast immer ärmer (also pro Kopf) als Westeuropa. Nur in einer relativ kurzen Zeit im Frühmittelalter war das vermutlich anders. Ab der Neuzeit wurde der Unterschied immer größer und schon vor der Industrialisierung war Westeuropa pro Kopf um über 50% wohlhabender als China.

    • Avatar

      Bullennörgler

      27. Mai 2019 14:37 at 14:37

      Bei der Sichtweise „der Chinesen“ spielt die Größe der Volkswirtschaft die entscheidende Rolle und nicht die BIP-Betrachtung pro Kopf. Dazu anbei ein Link (https://en.wikipedia.org/wiki/Angus_Maddison_statistics_of_the_ten_largest_economies_by_GDP_(PPP) ) zu einer Grafik die die BIP-Entwicklung der großen Volkswirtschaften über zwei Jahrtausende darstellt. Man kann dort sehr schön sehen, dass China in dem dort betrachteten letzten ca. 2000 Jahren nur für ca. 150 Jahre, so ab ca. 1860, nicht vor „westlichen“ Volkswirtschaften war. Die Daten stammen im Übrigen aus einer von Angus Maddison 2010 veröffentlichten Tabelle.

  4. Avatar

    Robert Daney

    27. Mai 2019 14:10 at 14:10

    ich denke viele unterschätzen den Westen und Überschätzen China. Es scheint eine Medien Modeströhmung zu sein. Nach 10 Jahren in Asien, kenne ich keinen einzigen Asiaten, der nicht den westlichen Lebensstil bevorzugt, der nicht westlich aussehen und leben möchte. Einzig und alleine mit der Ermöglichung des westlichen Lebensstils für immer mehr Menschen, hat sich die Führung die Macht gesichert. Es gibt kein konkurierendes chinesisches System, es gibt nur brachialen Weg von der totalen Rückständigkeit hin zum westlichen Lebensstil.

    • Avatar

      Bullennörgler

      27. Mai 2019 15:15 at 15:15

      Lieber Robert Daney,
      ich kenne auch sehr wenige Menschen die lieber in Armut als in Reichtum leben möchten. Vielleicht ist dies auch eine mögliche Erklärung, für die von ihnen richtig beobachtete „Bewunderung“ des westlichen Lebensstils.
      Dass ich die potentielle Leistungsfähigkeit und Stabilität des „chinesischen Systems“ überschätze, kann natürlich sein. Wenn es so kommt, würde ich mich auch sehr freuen, da eine dominierende chinesische Wirtschaftsmacht nichts Gutes für mich und vor allen unsere Kinder bedeuten würde. Die in meinem Artikel nur kurz angerissene Wirtschaftsentwicklung Chinas, insbesondere im Vergleich zu Indien, seit Mitte der 1970er Jahre und meine persönlichen Erfahrungen seit 1993 lassen mich aber etwas anderes befürchten.
      Darf ich Fragen in welcher asiatischen Stadt sie seit 10 Jahren leben?

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