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Über Prognosen und Prognostiker an den Finanzmärkten – „Dartpfeile werfender Schimpansen“

Redaktion

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Von Thomas Müller

Seit ich mich mit Finanzmärkten und entsprechend mit Prognosen beschäftige – also seit rund 25 Jahren – fällt mir auf, dass immer wieder Prognostiker zu großer Bekanntheit gelangen oder gar so etwas wie Gurus werden, also von einer eingeschworenen Schar Anhänger gegen jede Kritik verteidigt werden, obwohl die Prognosen nach meinem subjektiven Empfinden diesen Status keineswegs rechtfertigen. Bei einigen Prognostikern/Kommentatoren war ich sogar sehr sicher, dass sie wenig Ahnung haben, wovon sie sprechen, ohne dies aber wirklich geprüft zu haben. Allerdings war da auch immer die Stimme im Kopf, die mir sagte, diese Leute haben so viele Anhänger und tauchen regelmäßig in den Medien auf, irgendetwas muss an diesen Leuten dran sein.

 

„Superforecasting“

Nun bin ich kürzlich auf das Buch „Superforecasting“ von Philip Tetlock gestoßen und muss dabei immer wieder an die diversen aus Fernsehen und Presse bekannten Prognostiker denken. Gleich am Anfang stellt er fest: „Viele verkünden ihre Prognosen mit dem Brustton der Überzeugung. Und einige verkaufen sich als Propheten, die Jahrzehnte in die Zukunft blicken können. Von einigen Ausnahmen abgesehen stehen sie nicht etwa vor der Kamera, weil sie sich durch hervorragende Weitsichtigkeit ausgezeichnet hätten. Ob sie mit ihren Prognosen richtigliegen oder nicht, scheint niemand wissen zu wollen. [..] Die Fernsehorakel haben vor allem ein Talent: Sie können selbstbewusst auftreten und eine überzeugende Geschichte erzählen. Mehr müssen sie gar nicht können.“

Das, was hier noch eine Behauptung ist, belegt Tetlock dann im Weiteren. Über einen Zeitraum von 20 Jahren untersuchte Tetlock die Prognosen zahlreicher Experten und kam zu dem Ergebnis, dass die meisten nicht besser waren, als ein Dartpfeile werfender Schimpanse – oft waren die Prognosen der Experten sogar schlechter.

Die Unterschiede, ob ein Prognostiker gut oder schlecht war, führt Tetlock auf die Methodik zurück und unterscheidet zwei (Extrem-)Typen: Die Füchse und die Igel. Die Bezeichnungen sind angelehnt an einen Satz des griechischen Dichters Archilochos: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel eine große Sache.“

Soll heißen, es gibt die eine Gruppe, die viele Aspekte mit in eine Prognose einbezieht und in Wahrscheinlichkeiten denkt. Es fallen selten Wörter wie „unmöglich“ oder „unausweichlich“, aber oft Wörter wie „möglicherweise“, „einerseits und andererseits“. Die andere Gruppe verfolgt einen großen Gedanken, um den alles kreist und auf den alles hinausläuft. Die Füchse geben in allen Bereichen bessere Prognosen ab und zwar sowohl zuverlässiger als auch schärfere Prognosen. Die Igel aber sind viel häufiger in den Medien gefragt als die Füchse. Die Zuschauer/Leser wollen kein „vielleicht“ und „möglicherweise“ hören, sondern eine konsistente Story mit einem klaren Ergebnis.

 

Crashpropheten und ihre Prognosen

Die Untersuchung Tetlocks fand zwar in den USA statt, passt aber genauso auch nach Deutschland. Seit Jahren wird prophezeit, dass wir uns „im Endspiel befinden“, dass der finale Crash nun bald kommt, die Systemwende bevorsteht. Es werden also einerseits Extremprognosen aufgestellt; der totale Zusammenbruch, ein großer, wenn nicht gar der endgültige Crash, das Ende von Euro, USD, der EU. Das ist das die „große Sache“ des Igels.

Alle (Teil-)Prognosen laufen auf dieses Szenario hinaus, egal was auch passiert, alles wird durch die Brille dieser einen großen Prognose gesehen. Jeder Rückgang der Börsenkurse, jede Abschwächung des BIP-Wachstums, jeder noch so kleine Wahlerfolg einer eurokritischen Partei dient dann als Beleg. Obwohl die Prognosen scheinbar so eindeutig sind, sind sie tatsächlich sehr weich, d.h. es wird kein Zeithorizont angeben und die Ereignisse werden nicht konkretisiert.

Das Ergebnis kann regelmäßig beobachtet werden. Die Kritiker sagen, die Prognosen sind nicht eingetroffen, die Anhänger sagen, „abwarten“, es deutet doch bereits alles darauf hin. Und selbst gegenteilige Entwicklung werden dann umgedeutet. Erholt sich z.B. die Konjunktur heißt es, das zögert den Zusammenbruch nur hinaus, der wird dann umso schlimmer. Ist die Inflation nicht wie seit Jahren prognostiziert gestiegen, wird die Definition kurzerhand geändert. Aus Sicht der Anhänger (und ihrer eigenen) haben die Igel also immer Recht, selbst wenn sie seit Jahren komplett danebenliegen. Das sorgt zwar nicht für gute Prognosen, aber für regelmäßige Medienauftritte.

Umgekehrt erlebe ich sowohl im Alltag im echten Leben als auch in Internetforen oft, dass Prognosen aus meiner Sicht zu Unrecht angegriffen werden. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist die US-Präsidentschaftswahl 2016. Nate Silver schätze die Siegchancen von Trump auf rund 30% und als Trump dann bekanntermaßen gewonnen hatte, wurde ihm vorgeworfen, die Wahl falsch prognostiziert zu haben. Tetlock nennt hier als Beispiel Wetterprognosen, wo häufig bei einer Prognose von z.B. 70% Regenwahrscheinlichkeit von den allermeisten „Konsumenten“ davon ausgegangen wird, dass es regnet – regnet es dann nicht, ist die Prognose falsch.

 

Wetterbericht

Tetlock wählt das Beispiel Wetterbericht, weil es da leicht zu zeigen ist, wo der Irrtum liegt: Sagt ein Meteorologe in 100 Fällen eine Regenwahrscheinlichkeit von 70% voraus und regnet es tatsächlich in rund 70 dieser 100 Fälle, sind die Prognosen sehr gut. Bei der US-Präsidentschaftswahl lässt sich das nicht so leicht testen, das Grundprinzip ist aber das gleiche. Und letztlich bestätigt es das oben genannte Prinzip: Die Medienkonsumenten (und die meisten Internet-Foristen) schätzen Prognostiker mit sehr pointierten und scheinbar klaren, selbstbewusst vorgetragenen Prognosen weit mehr als abwägende, in Wahrscheinlichkeiten formulierte Prognosen.

Tetlock hofft, dass sich dieses Verhaltensmuster mittel- bis langfristig ändert, so wie auch in anderen Bereichen – er nennt z.B. die Medizin – im Vergleich zu früher mehr Rationalität etwa in Form von Doppelblindstudien Einzug gehalten hat. Angesichts des medialen Erfolgs der Igel bin ich da weniger optimistisch. Letztlich befriedigen die Igel eine im Publikum vorhandene Nachfrage, bei der es allenfalls vordergründig um die korrekte Prognose geht, tatsächlich aber um die Projektion und Bestätigung eines bestimmten Weltbilds.

 

Von Jeremy Weate from Abuja, Nigeria – Chimpas at Tacugama Sanctuary, near Freetown, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38733073

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Finanznews

Corona – Konsequenzen in Zahlen! Videoausblick

Was bedeutet Corona für die Entwicklung der nächsten Jahre? Von der Ablösung der USA durch China bis zu steigenden Rohstoffpreisen..

Markus Fugmann

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Was bedeutet Corona für die Entwicklung der nächsten Jahre? Weltpolitisch wird China die USA als größte Volkswirtschaft einige Jahre früher überholen als zuvor angenommen, wel das Reich der Mitte die Krise um Corona viel besser gemeistert hat. Heute ist der letzte Regierungs-Tag von Donald Trump – im Fokus aber steht Janet Yellen mit ihren Aussagen vor dem US-Senat mit dem Tenor: „go big“! Wohl in Vorfreude auf dieses „go big“ steigen die US-Futures über Nacht deutlich an, der Dax eröffnet über der Marke von 13900 Punkten. Die Reaktionen auf die Coronakrise haben aber auch jenseits der Aktienmärkte Konsequenzen, die uns noch lange beschäftigen werden..

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Indizes

DAX daily: Dax wieder auf dem Weg zur 14.000er Marke

Stefan Jäger

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Dem Dax ist es im gestrigen Handel auch ohne die Unterstützung der US-Börsen gelungen die Marke von 13.800 Punkten zurückzuerobern. In der Nacht konnte er zudem noch die 13.900 überwinden. Ob die Erholung wirklich nachhaltig ist, wird sich im Verlauf des heutigen Handelstages zeigen, wenn die US-Indizes aus dem verlängerten Wochenende zurückkommen. Indessen kam bereits am Sonntag eine positive Nachricht aus den USA. Die künftige US-Finanzministerin Janet Yellen hat sich für einen starken US-Dollar ausgesprochen und möchte das auch in ihrer Anhörung vor dem Kongress nochmal betonen. Das ist sowohl für die deutsche Exportindustrie, als auch für den Dax eine positive Meldung.

Vom gestrigen Tagestief bei 13.701 konnte der Dax eine kleine Rally starten und damit ein Plus von 60 Punkten (0,44%) über die Ziellinie bringen. Der Schlusskurs lag schließlich bei 13.848 Zählern. Die Partystimmung der Vorwochen scheint aber zunächst eine Pause einzulegen. In den nächsten Tagen geht es auf der Unterseite um den Bereich bei 13.600 und auf der Oberseite um die 14000. Erst ein Ausbruch auf der einen oder anderen Seite dürfte wieder für Schwung sorgen.

News und fundamentale Daten

Unterstützung erhielt der Dax gestern auch von den überwiegend guten Wirtschaftsdaten aus China. Heute werden die hiesigen Anleger ihr Augenmerk auf die um 11:00 Uhr erscheinenden ZEW-Konjunkturerwartungen richten. Der ZEW-Index gilt als einer der bedeutsamsten Frühindikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Prognose ist mit einem Wert von 60 recht optimistisch, einen Monat zuvor lag der Wert noch bei 55. Zeitgleich erscheint auch noch der ZEW-Index der Euro-Zone. Außerdem findet heute der Corona-Gipfel von Bund und Ländern statt. Ein paar Details sind bereits durchgesickert. Zum einen soll es eine Homeoffice-Regelung geben, zudem könnte der verschärfte Lockdown bis Mitte Februar verlängert werden. Sollten keine großen Überraschungen dazu kommen, dann dürfte die Reaktion des Dax eher gering ausfallen.

Bereits einen Tag vor der Vereidigung des neuen US-Präsidenten schauen die Anleger auf die Rede der designierten US-Finanzministerin und ehemaligen US-Notenbankchefin Janet Yellen, in ihrer Antrittsrede könnte sie Hinweise zur Währungspolitik und zum Konjunkturpaket der USA geben. Darüber hinaus nimmt die Bilanzsaison weiter an Fahrt auf. Heute legen unter anderem die Bankhäuser Goldman Sachs und Bank of America ihre Zahlen vor. Aber auch der Computerzubehör-Hersteller Logitech und der Streaming-Riese Netflix werden ihre Bücher öffnen. Gerade bei Netflix, die zu den Stay-at-home-Aktien gehört, wird es interessant zu sehen, ob die vorherigen Wachstumsraten beibehalten werden können.

Die wichtigen Marken für den Handelstag im Dax

Der Dax setzt seine gestern begonnene Erholung auch in der Nacht fort und dürfte kräftiger eröffnen. Bei 13.958 (61er Retracement) hat er sein erstes Etappenziel erreicht. Hier könnte er zunächst eine Pause einlegen, bevor es weiter aufwärts geht. Eine erste Unterstützungszone befindet sich zwischen 13.890/870. Findet der Dax dort keinen Halt, dann könnte noch das Gap bei 13.848 geschlossen werden. An dieser Stelle sollte der Dax wieder drehen, ansonsten dürfte sich die Abwärtsbewegung bis 13.804 fortsetzen. Kurse oberhalb von 13.804 sind positiv zu werten und sprechen für eine Fortsetzung der Erholung in Richtung der 14.000 und höher. Erst ein Tagesschlusskurs unter der Marke würde das Bild zugunsten der Bären drehen.

Aus der Bodenbildung bei 13.672 ergeben sich weitere Extensionsziele auf der Oberseite. Ein Überschreiten der 13.958 könnte den Dax zuerst zur 14.000er Marke führen. Darüber befinden sich die nächsten Ziele bei 14.029 (161,8 Ext.) und dem offen Insel-Gap bei 14.049.

Der Börsen Jäger

Haben Sie Interesse an konkreten Trading-Ideen, dann werfen Sie doch einen Blick auf unseren neuen Service „Der Börsen Jäger“. In dem kostenlosen Börsenbrief nehme ich Sie mit auf die Jagd und vermittle interessante Anregungen zu fundierten Handelsmöglichkeiten sowohl für die bekannten Indizes und Aktien, als auch für die Devisen- und Rohstoffmärkte.

Dax daily: Tagesausblick 19.01. - H1-Chart - Zurück zur 14.000

Dax Unterstützungen (US):

13.868 – mehrfache US

13.804 – Punkt 1 Topbildung (H4)

13.711 – Punkt 2 Bodenbildung (H1)

13.672 – Tagestief 15.01.

13.600/630 – US-Zone

13.566 – Tagestief 05.01.

Dax Widerstände (WS):

13.958 – 61,8% Retracement (14.131 – 13.672)

13.988 – offenes Gap 14.01.

14.000 – psychologische Marke

14.049 – Gap 08.01.

14.115 – 127,5 % Extension

14.131 – Tageshoch 08.01.

Disclaimer

Die hier angewandte fundamentale und technische Analyse stellt keine Anlageberatung dar. Es handelt sich auch nicht um Kauf- oder Verkaufsempfehlungen von Wertpapieren und sonstige Finanzinstrumenten. Die Wertentwicklung der Vergangenheit bietet keine Gewähr für künftige Ergebnisse. Die bereitgestellten Analysen sind ausschließlich zur Information bestimmt und können eine individuelle Anlageberatung nicht ersetzen. Eine Haftung für mittelbare und unmittelbare Folgen aus diesen Vorschlägen ist somit ausgeschlossen.

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Finanznews

Aktienmärkte: Das wird wichtig werden! Marktgeflüster (Video)

Da heute wenig passiert ist, lohnt ein Blick darauf, was für die Aktienmärkte – und hier speziell für die Wall Street – wichtig werden wird..

Markus Fugmann

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Die Aktienmärkte heute ohne die Wall Street (Martin Luther King Day) erwartungsgemäß übeschaubar spannend – der Dax mit einem Freudensprung unmittelbar mit Kassa-Eröffnung, dann aber in der abeshbar schmalen Handelsspanne für den Rest des Tages. Da heute wenig passiert ist, lohnt ein Blick darauf, was für die Aktienmärkte – und hier speziell für die Wall Street – wichtig werden wird. Bei allem Jubel über neuen Stimulus durch die Biden-Administration wwird bisher übersehen, dass der neue US-Präsident zwei sehr linke Regulatoren in entscheidende Positionen gebracht hat. Diese werden es der Wall Street nicht so leicht machen wie die „Buddies“ von Donald Trump – der Gegenwind wird dadurch größer..

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