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Ukraine-Krieg: Für Russland auf lange Sicht ein wirtschaftliches Problem

Russlands Präsident Wladimir Putin

Kurzfristig sieht man ja bereits, was die westlichen Sanktionen in Russland anrichten. Der Rubel rauscht massiv in den Keller, russische Banken sind teilweise aus SWIFT ausgeschlossen, Menschen in Russland versuchen in Panik Geld abzuheben. Aber langfristig wird der Krieg gegen die Ukraine wohl zu einem strukturell nachhaltigen Desaster für Russland führen. Denn das Land hat als Einnahmequelle eigentlich nur die großen Posten Gas und Öl. Natürlich kommen noch andere Produkte dazu wie Palladium etc. Aber die großen Posten sind Öl und Gas.

Russland hat ein Problem – Rohstoffreichtum kann auch ein Fluch sein

Brechen diese Einnahmen aus Rohstoffen weg, hat man ein echtes Problem. Es ist das selbe Problem, dass alle rohstofflastigen Volkswirtschaften wie Kanada, Australien oder Saudi-Arabien hätten, wenn sie sich auf der Gewissheit ausruhen, dass es immer so weiter geht, und dass der Weltmarkt immer weiter diese Rohstoffe einkaufen wird. Eigentlich sollte die europäische Abwendung von fossilen Brennstoffen hinzu Wind und Sonne ein langwieriger Prozess sein, und noch lange Zeit wäre man auf Gas und Öl aus Russland angewiesen. Jetzt aber beschleunigt dieser Krieg gegen die Ukraine diesen Prozess immens.

Deutschland (und Europa) wollen weg von der Abhängigkeit zu Russland

Für die neue deutsche Bundesregierung ist es quasi ein Sechspunktespiel. Zusätzlich zu den Sanktionen gegen Russland kann man nun auch die Energiewende schneller vorantreiben als je zuvor – dieser Krieg bietet dazu ein glänzende Begründung, zumal der Gaspreis am Terminmarkt deswegen stark angestiegen ist. Bundeskanzler Olaf Scholz machte es in seiner gestrigen Rede im Bundestag mehr als deutlich. Man will so schnell wie möglich weg von der Abhängigkeit von russischen Rohstoffen. Ähnlich dürften auch viele andere europäische Abnehmer russischer Brennstoffe eingestellt sein seit dem Angriff Russlands letzte Woche auf die Ukraine. Hier zitieren wir Bundeskanzler Scholz aus seiner gestrigen Rede im Bundestag:

Und schließlich, meine Damen und Herren, werden wir mehr tun, um eine sichere Energieversorgung unseres Landes zu gewährleisten. Eine wichtige Maßnahme dazu hat die Bundesregierung bereits auf den Weg gebracht. Und wir werden umsteuern – umsteuern, um unsere Importabhängigkeit von einzelnen Energielieferanten zu überwinden. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen haben uns doch gezeigt: Eine verantwortungsvolle, vorausschauende Energiepolitik ist nicht nur entscheidend für unsere Wirtschaft und unser Klima, sondern entscheidend auch für unsere Sicherheit. Deshalb gilt: Je schneller wir den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, desto besser. Und wir sind auf dem richtigen Weg. Wir wollen als Industrieland bis 2045 CO2-neutral werden. Mit diesem Ziel vor Augen werden wir wichtige Entscheidungen treffen müssen, etwa eine Kohle- und Gasreserve aufzubauen. Wir haben beschlossen, die Speichermenge an Erdgas über sogenannte Long Term Options um 2 Milliarden Kubikmeter zu erhöhen. Zudem werden wir rückgekoppelt mit der EU zusätzliches Erdgas auf den Weltmärkten erwerben. Schließlich haben wir die Entscheidung getroffen, zwei Flüssiggasterminals, LNG-Terminals, in Brunsbüttel und Wilhelmshaven schnell zu bauen. Bundeswirtschaftsminister Habeck möchte ich für seinen Einsatz dabei ganz ausdrücklich danken. Das, was nun kurzfristig notwendig ist, lässt sich mit dem verbinden, was langfristig ohnehin gebraucht wird für den Erfolg der Transformation. Ein LNG-Terminal, in dem wir heute Gas ankommen lassen, kann morgen auch Grünen Wasserstoff aufnehmen.

Natürlich wird man nicht binnen weniger Wochen oder Monate Europas Abhängigkeit von russischem Öl und Gas beenden können – das wäre illusorisch. Es wird noch jahrelang dauern. Alleine wenn man daran denkt, wie lange es selbst bei allen Anstrengungen dauern wird diese zwei LNG-Terminals zu bauen, kann einem erstmal Angst und Bange werden. Aber das wäre noch das geringere Problem, da das Flüssiggas auch ohne diese neuen deutschen Terminals schon heute in anderen europäischen Ländern angeliefert werden kann. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, Gaskraftwerke für die Grundlastsicherung, und die Diversifizierung auf weltweit zahlreiche Gaslieferanten – es wird dauern, ist aber möglich. Und eben dieses Szenario könnte Russland auf lange Sicht einen großen Teil seiner Einnahmen kosten – wenn denn Europa geschlossen diesen Weg geht.

China als Ersatz für Europa

Nun hat Gazprom erst vor drei Wochen verkündet, dass man seine Transportkapazität für Gas Richtung China ausgebaut hat. Sobald das neue Projekt seine volle Kapazität erreicht hat, werde die Menge der russischen Pipeline-Gaslieferungen nach China um 10 Milliarden Kubikmeter auf insgesamt 48 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen. Und bei den aktuellen Sanktionen und Plänen zur Abnabelung in Europa, darf man davon ausgehen, dass Russland noch deutlich stärker versuchen wird seine Rohstoffe auf dem asiatischen Markt zu verkaufen. Und hier ist China wohl der große Absatzmarkt. Russlands Präsident Putin war vor Beginn der Olympischen Spiele zu Besucht bei Chinas Machthaber Xi Jinping. Man darf davon ausgehen, dass diese Partnerschaft ausgeweitet wird.

Aber das nun für die nächsten Jahre anstehende Absinken der Rohstofflieferungen nach Europa dürfte Russland in Bedrängnis bringen, und in die Arme Pekings treiben. Dort ist Xi Jinping dann als großer Abnehmer wohl in einer glänzenden Verhandlungsposition um günstig Gas und Öl einzukaufen. Ob China Europa als Absatzmarkt ersetzen kann? Russland liefert zwar aktuell weiter zuverlässig Gas nach Europa. Aber den Europäern ist seit letzter Woche Donnerstag die Lust auf russische Brennstoffe vergangen. Dieser nun begonnene Abnabelungsprozess ist wohl nicht mehr zu stoppen. Russland wird vermutlich nach und nach Einnahmen verlieren, je stärker sich Europa verstärkt andernorts auf dem Weltmarkt versorgt – oder über Erneuerbare Energien. Und ob man mit China als neuem Abnehmer wirklich so glücklich wird, daran sind Zweifel angebracht.

Zitat Scholz, Quelle: Bundesregierung



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