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Ukraine macht auf heile Welt, weil die bevorstehende Staatspleite nicht mehr so weh tun wird

Redaktion

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FMW-Redaktion

Am kommenden Montag ist endgültig klar, ob die Ukraine 3 Milliarden Dollar Schulden an Russland zurückzahlt oder nicht. Staatspleite ja oder nein? Mehrmals betonte Premier Jazenjuk man werde nicht zahlen, trotz Ratenzahlungs-Vorschlag durch Wladimir Putin. Anhand der letzten Meldungen zeigt sich die entspannte Haltung der Ukraine, da sie auch nach einer Staatspleite flüssig bleiben wird…

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Arsenij Jazenjuk, Premierminister der Ukraine. Foto: Ybilyk/Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Nachdem der IWF am 9. Dezember verkündete man werde auch weiterhin Hilfskredite an Staaten ausschütten, die bei anderen Staaten ihre Schulden nicht zurückzahlen, lebt es sich für die ukrainische Regierung gleich viel entspannter. Verkündet wurde diese Entscheidung des IWF nämlich in einem zeitlichen Zusammenhang eindeutig um der Ukraine im Schuldenstreit mit Russland zu helfen, weil man am Montag eine 3 Milliarden Dollar-Anleihe an Russland zurückzahlen muss, das aber nicht will bzw. nicht kann. So betonte es Premier Jazenjuk mehrmals. Wladimir Putin war schon einen Schritt auf die Ukraine zugegangen mit dem Angebot einer Ratenzahlung gestreckt auf drei Jahre, aber die Feindschaft der beiden Länder lässt derzeit wohl auch nicht zu, dass Jazenjuk dazu bereit wäre.

Was sich aber ansonsten gerade diese Woche in der Ukraine tut, zeigt ein neues Selbstbewusstsein der Regierung in Kiew. Wohl nach dem Motto „Hauptsache liquide“. Denn jetzt weiß man, dass die vom IWF derzeit nach und nach ausgezahlten Milliarden-Kredite auch nach nächstem Montag weiter fließen werden, wenn quasi die Staatspleite für die Ukraine eintritt, sollte sie Russland tatsächlich nicht auszahlen. So beglückwünschte man gestern die polnische Regierung für die Inbetriebnahme eines Anlande-Terminals für Flüssig-Gas, wo eine erste Lieferung aus Katar angekommen sein soll. Die Ukraine will, so verkündete man es gestern, eine Pipeline nach Polen bauen, um so internationale Lieferungen zu erhalten, damit man weniger abhängig von russischem Gas ist. Das wird natürlich noch dauern, aber die Aussage steht schon mal.

Ebenfalls gestern bejubelte die ukrainische Regierung in einer offiziellen Mitteilung, dass die weltweit bedeutendste Ratingagentur S&P ihre Ratings für die Ukraine nicht abgesenkt hat. Erstaunlich für eine Ratingagentur, wenn man weiß, dass die offizielle Staatspleite in wenigen Tagen bevorsteht, wenn man nicht an Russland zurückzahlt. Würde man Böses unterstellten (was wir nicht tun wollen), könnte man meinen S&P ruht sich wie die Ukraine selbst auf der Tatsache aus, dass die Ukraine auch nach diesem Zahlungsausfall durch den IWF liquide gehalten wird. Zitat:

Ministry of Finance welcomes decision of rating agency S&P to confirm long-term sovereign credit rating of Ukraine at B-/B for hard currency loans and at uaBBB for domestic loans. The confirmed rating is a direct and positive acknowledgement of the results of foreign debt restructuring successfully completed by Ukraine on November 12 of the current year by the emission of new bonds. Thanks to the debt restructuring Ukraine managed to reduce its debt by USD 3 b and to postpone the payment of USD 8.5 for after 2018. The decision by S&P follows the decisions by Fitch and Moody’s to upgrade the long-term sovereign credit rating of Ukraine from «Limited default probability» to ССС and from Са to Саа3 respectively. This news shows the result of Ukraine’s efforts aimed to reduce the debt burden on the economy of Ukraine and thus to return to economic growth in 2016 already.

Die ukrainische Finanzministerin verkündete auch gestern, dass man einen „well balanced“ Haushalt für die Ukraine für 2016 aufgestellt habe, alles sei super, und auch perfekt durchgerechnet, Zitat.

According to Natalie Jaresko, the proposed legislative changes are aimed to reduce the tax burden in the economy, to provide financing of all top priority needs of the state, to improve the efficiency and targeting of public expenditures and quality of services for the citizens, and not to exceed a target budget deficit 3.7% at that, having thus met the requirements to prolong cooperation with the IMF in the framework of the Extended Fund Facility.

„Work on the drafting of this package of laws has lasted rather long – after all we had to offer the society not a single bill, but a system-based, well-balanced package of documents to ensure high-quality structural changes in the estimated revenues and expenses of the budget. As a result, we agreed with the Government and submitted to the Verkhovna Rada a package of 7 bills, which contain an updated draft budget for 2016, as well as a number of crucial draft laws that determine the changes in revenue and expenditure components of the budget“, noted in her statement the Minister of Finance. „I believe that the elaborated changes to the legislation will create a stable basis for financial and economic stability. And thus we’ll return to a path of real economic growth, investment flows and people’s lives improvement“, summed up Minister of Finance N. Jaresko.

Mehr als erstaunlich, wie das funktionieren soll, wenn man die tatsächlichen Zahlen vor Augen hat. Aber der IWF soll wohl als Heilsbringer alles richten in der Ukraine, so wirkt es zumindest. Erst gestern hatten wir über die desaströse wirtschaftliche Lage in der Ukraine berichtet.

Es gibt am Anleihemarkt seit zwei Tagen kleine zaghafte Gerüchte darüber, Russland und die Ukraine würden sich zusammensetzen um eine Lösung herbeizuführen, d.h. über eine „Restrukturierung“ der Anleihe zu sprechen. Dabei müsste die Ukraine einerseits darauf achten, dass man Russland keine besseren Konditionen gibt als seinen Privatgläubigern, denen man eine Gleichbehandlung aller Gläubiger zugesagt hatte beim Schuldenschnitt bzgl. ihrer eigenen Anleihen – andererseits muss Wladimir Putin sein Gesicht wahren und wird wohl kaum auf einen Teil seiner Anleihe verzichten wollen. Eine verdammte Zwickmühle. Die Ukraine hat ihre Position durch die nette Hilfe des IWF deutlich verbessert, aber Wladimir Putin ist auf die paar Dollar mehr oder weniger nicht angewiesen. Er kann einen Schuldenschnitt also entspannt ablehnen – es geht bei ihm hauptsächlich darum Haltung zu bewahren, nach innen und nach außen. Dass hier eine Einigung herbeigeführt wird, ist doch recht unwahrscheinlich. Putin hatte letzte Woche schon ankündigen lassen, dass man die Ukraine bei Zahlungsausfall vor einem britischen Gericht verklagen wird, da in den Anleihebedingungen Großbritannien als Klageort festgelegt ist. Was Putin evtl. noch gnädiger stimmen könnte, wäre vielleicht der Wunsch auf Beendigung der westlichen Sanktionen gegen Russland.


8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Thomas

    16. Dezember 2015 12:00 at 12:00

    Gestern kam im ZDF um 20:15 ein Beitrag zu Putin („Machtmensch Putin“).
    In diesem Beitrag wurde immer wieder dargelegt, wie böse dieser Mann doch ist und wie er gegen alle Regeln verstößt (Stichwort Annexion der Krim, Ukrainekrise) und sein Gas als Druckmittel einsetzt, etc.
    Ich will jetzt hier keine Lanze für Putin brechen, aber es kann doch nicht sein, dass man ihm immer wieder Verfehlungen vorwirft und selbst aber macht was man will.
    Die Aktion des IWF (USA) ist einzig und allein ein Schlag gegen Putin und Russland und nichts anderes. Hier werden plötzlich die hochheiligen Regeln des IWF über den Haufen geworfen, bei den Griechen hingegen war es nicht möglich, die Regeln etwas kulanter auszulegen.

    Ich kann nur hoffen, dass Putin nicht wirklich ein so machtbesessener Mensch ist, wie in dem Beitrag gestern dargestellt, denn dann ist ein Krieg und nicht nur einer im Nahen Osten unausweichlich (Dritter Weltkrieg).

    • Avatar

      joah

      16. Dezember 2015 12:40 at 12:40

      Grundsätzlich haben alle Machthaber – auch Hr. Putin – ein Problem damit umzugehen: es kommt zwangsläufig zu Verwerfungen oder Exzessen. Nichtsdestotrotz benehmen sich manche wie kleine Gauner (mit restverbliebenem Vernunftverständnis), andere hingegen wie mental durchgeknallte Schwerverbrecher ohne jegliche Einsicht.
      Was hingegen die Berichterstattung angeht, so muss man nur schauen, wer in dritter oder vierter Kaskade hinter den Sendern steht: damit dürfte dann alles klar sein.

    • Avatar

      Kritix

      16. Dezember 2015 15:29 at 15:29

      Aus machtbewusst macht man beim ZDF schnell mal ein machtbesessen, wie der Titel „Machtmensch Putin“ schon suggerieren sollte. Da zappt man besser gleich weiter…

  2. Avatar

    Thomas

    16. Dezember 2015 12:58 at 12:58

    Wer wäre das Ihrer Meinung nach beim ZDF?

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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am

Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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