Die wichtigsten Eckpunkte
- Steigende Renditen treiben den Ausverkauf.
- Banken, Nebenwerte und Versorger verlieren.
- KI-Schwergewichte verdecken die schwache Marktbreite.
- Umkehr der KI-Rallye bedroht US-Indizes.
Wer nur auf den S&P 500 schaut, könnte den Zinsdruck für beherrschbar halten. Doch während der US-Leitindex nahe seinem Rekord notiert, haben steigende Renditen in weiten Teilen des Aktienmarktes bereits tiefe Spuren hinterlassen. Noch überdeckt die KI-Rallye diese Schwäche – doch mit jedem weiteren Rückschlag wächst die Gefahr, dass der Ausverkauf auch den S&P 500 und Nasdaq 100 nach unten zieht.
US-Aktienmarkt: Renditen treiben den Ausverkauf
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist am Donnerstag auf bis zu 5,34 Prozent gestiegen – der höchste Stand seit 2002. Anleger diskutieren deshalb, wann der Ausverkauf am Anleihemarkt auf den S&P 500 und Nasdaq 100 durchschlägt. Denn unter der Oberfläche stabiler Indizes ist dieser Moment für die meisten Unternehmen längst gekommen. Die Septemberbilanz verdeutlicht das Ausmaß: Während der S&P 500 lediglich 0,5 Prozent verlor, beendeten 78 Prozent seiner Aktien den Monat im Minus.
Wie Bloomberg berichtet, verteuern höhere Zinsen die Finanzierung, drücken auf Gewinnerwartungen und machen Anleihen als Alternative zu Aktien attraktiver. Besonders betroffen sind verschuldete Unternehmen, konjunktursensible Branchen und vermeintlich defensive Dividendenwerte. Die anhaltende KI-Rallye verdeckt bislang, wie weit dieser Anpassungsprozess bereits fortgeschritten ist.
Nach Einschätzung von Dan Suzuki, Investmentstratege bei iCapital, liegen die meisten Marktsegmente mindestens fünf Prozent unter ihren Hochs, manche sogar mehr als 15 Prozent. Einen wesentlichen Grund sieht er in den höheren Zinsen und den verschärften Finanzierungsbedingungen.
S&P 500 verdeckt die Schwäche
Der Gegensatz am US-Aktienmarkt zeigt sich beim gleichgewichteten S&P 500, in dem jedes Unternehmen denselben Einfluss hat. Während der klassische Index weniger als zwei Prozent unter seinem Rekord notiert, droht seiner gleichgewichteten Variante die siebte Verlustwoche in Folge. Eine solche Serie gab es bislang nur 2002 und 2022.
Das bedeutet nicht, dass der S&P 500 ebenfalls vor einer größeren Korrektur steht. Es unterstreicht aber die bereits beschriebene Schwäche der Marktbreite: Wenige große KI-Gewinner halten die Indizes oben, während die meisten Aktien fallen. Der Renditedruck verschärft diese Kluft.
Nebenwerte und Banken verlieren
Besonders deutlich leiden kleinere Unternehmen, die häufig stärker verschuldet und weniger breit aufgestellt sind. Der Russell 2000 blieb im dritten Quartal fast zehn Prozentpunkte hinter dem S&P 500 zurück – sein relativ zweitschlechtestes Quartal seit 1999. Gegenüber seinem Augustrekord verlor er 8,5 Prozent.

Hinzu kommt eine strukturelle Schwachstelle: Mehr als ein Drittel der enthaltenen Unternehmen zählt zu den sogenannten Zombies, die ihre Zinszahlungen kaum oder gar nicht erwirtschaften können. Höhere Finanzierungskosten treffen damit auf ohnehin fragile Bilanzen.
Auch Banken geraten unter Druck, obwohl Konsum und Kreditnachfrage ihr Geschäft stützen. Steigende Finanzierungskosten und Kreditsorgen belasten die kurzfristigen Gewinnerwartungen. Der KBW Nasdaq Bank Index liegt mehr als zwölf Prozent unter seinem Hoch von Mitte August. Capital One, Wells Fargo und Huntington haben seit Jahresbeginn zwischen zwölf und 20 Prozent verloren.
Selbst sichere Häfen wanken
Bei Versorgern wirkt der Zinsanstieg gleich doppelt. Ihre kapitalintensiven Investitionen werden teurer, während ihre Dividenden gegenüber den Zinserträgen von US-Staatsanleihen an Attraktivität verlieren. Steigende Brennstoffkosten bedrohen zusätzlich die Gewinne.
Der Versorgersektor des S&P 500 hat seit seinem Februarhoch rund 17 Prozent eingebüßt und nähert sich damit einem Bärenmarkt. Allein im dritten Quartal verlor er 13 Prozent.
Auch spekulative Aktien werden aussortiert. Ein Goldman-Sachs-Aktienkorb unprofitabler Technologieunternehmen fiel im dritten Quartal um elf Prozent. Die KI-Euphorie schützt folglich längst nicht jede Technologieaktie vor dem Renditedruck.

KI-Rallye bleibt der entscheidende Faktor
Jimmy Lee, Chef der Wealth Consulting Group, sieht dennoch Chancen. „Wir gehen nicht davon aus, dass der Anstieg der Anleiherenditen außer Kontrolle gerät.“ Anleger verkauften seiner Einschätzung nach zinssensitive Aktien und schichteten nach dem kräftigen Ausverkauf zu Jahresbeginn wieder in Technologiewerte um. Er selbst kauft dagegen Finanz- und Industrieaktien wegen ihrer günstigeren Bewertungen.
Seine entscheidende Warnung lautet: „Das größte Risiko für den S&P 500 besteht jedoch darin, dass sich die KI-Rallye unerwartet umkehrt.“
Genau darin liegt die Verwundbarkeit des US-Aktienmarktes. Solange die KI-Schwergewichte steigen, bleibt der Ausverkauf in anderen Branchen auf Indexebene verdeckt. Verlieren auch diese wenigen Stützen ihren Rückhalt, könnte die bislang verborgene Schwäche mit Wucht auf S&P 500 und Nasdaq 100 durchschlagen.
Der heutige US-Arbeitsmarktbericht könnte bereits den nächsten Impuls liefern: über veränderte Erwartungen an die Zinspolitik der Fed und neue Bewegung bei den Anleiherenditen – mit direkten Folgen für den US-Aktienmarkt.
FMW/Bloomberg
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