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Ruhige Indizes, turbulente Einzelaktien US-Aktienmarkt: Trügerische Ruhe erinnert an den Dotcom-Crash

US-Aktienmarkt: Erinnerung an Dotcom-Zeit
Händler an der New Yorker Börse. Foto: Bloomberg

Die wichtigsten Eckpunkte

  • Wenige KI-Aktien stützen den S&P 500.
  • Viele Einzelaktien stecken bereits im Bärenmarkt.
  • Die Kluft erinnert an den Dotcom-Crash.

Die Aktienmärkte wirken ruhig, doch ihre Stabilität hängt zunehmend an wenigen KI-Gewinnern. Während der S&P 500 nahe seinem Rekord notiert und die Volatilität niedrig bleibt, kämpfen zahlreiche Aktien mit erheblichen Verlusten. Die Kluft zwischen ruhigen US-Indizes und heftigen Schwankungen einzelner Werte erreicht inzwischen ein Ausmaß wie zuletzt vor dem Dotcom-Crash. Entscheidend ist, wie lange die verbliebenen Zugpferde die Schwäche im S&P 500 verdecken können.

Wenige Gewinner tragen den Aktienmarkt

Die geringe Marktbreite zeigt, wie irreführend der Blick auf die großen US-Indizes sein kann. Laut einer MarketWatch-Auswertung lagen zum Handelsschluss am Montag mehr als 40 Prozent der S&P-500-Aktien mindestens 20 Prozent unter ihren jeweiligen 52-Wochen-Hochs. Der Gesamtindex blieb dagegen am Dienstag weniger als zwei Prozent unter seinem Rekordschlussstand.

Damit befinden sich zahlreiche Einzelwerte bereits im Bärenmarkt, obwohl der Aktienmarkt insgesamt vergleichsweise robust erscheint. Wenige Schwergewichte aus dem KI-Umfeld halten mit ihrer hohen Indexgewichtung und starken Kursentwicklung den S&P 500 stabil. Die große Zahl der Verlierer fällt im Index deshalb kaum auf.

Weitere Daten bestätigen diese Schieflage. Nach einer Analyse von Ned Davis Research notierten vergangene Woche weniger als 25 Prozent der S&P-500-Aktien über ihrer 50-Tage-Linie und weniger als 45 Prozent über ihrer 200-Tage-Linie. Bei einem derart rekordnahen Indexstand war die Marktbreite laut den Analysten noch nie so schwach.

Schwäche quer durch die Sektoren

Die Verluste beschränken sich keineswegs auf einzelne Problemfälle. Laut Bespoke lagen die Aktien aus Technologie, Industrie, Kommunikationsdiensten und zyklischem Konsum bereits Mitte September im Durchschnitt mehr als 20 Prozent unter ihren jeweiligen Jahreshochs. Im zyklischen Konsum betrug der durchschnittliche Rückgang sogar 25,6 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass die entsprechenden Sektorindizes ebenfalls im Bärenmarkt liegen. Es zeigt aber, wie weit die Entwicklung innerhalb der Sektoren auseinandergeht. Selbst Technologie und Industrie, die seit Jahresbeginn zu den stärkeren Bereichen gehörten, weisen unter der Oberfläche erhebliche Schäden auf.

Warnsignal aus der Dotcom-Zeit

Parallel wächst die Kluft zwischen der Volatilität einzelner Aktien und der Ruhe auf Indexebene. Wie Bloomberg unter Berufung auf Daten von Macro Risk Advisors berichtet, ist dieser Abstand so groß wie zuletzt auf dem Höhepunkt des Dotcom-Crashs im Jahr 2000.

Trügerische Rally wie vor dem Dotcom-Crash
Gegenläufige Entwicklung | Während der VIX nahe seinen Jahrestiefs 2026 liegt, steigt der MOVE-Index

Der Vergleich bezieht sich ausdrücklich auf diese Volatilitätskluft. Er liefert keine Prognose für einen unmittelbar bevorstehenden Crash. Zusammen mit der schwachen Marktbreite beschreibt er jedoch einen anfälligen Aktienmarkt. Gegenläufige Bewegungen dämpfen die Indexschwankungen, während wenige Gewinner immer mehr Verantwortung für dessen Stabilität tragen.

Der niedrige Volatilitätsindex VIX erfasst diese Schieflage nicht: Er misst die erwarteten Schwankungen des S&P 500, sagt aber nichts darüber aus, wie viele Aktien dessen Entwicklung tragen.

Für Dean Curnutt, Chef von Macro Risk Advisors, unterschätzen Händler die Gefahr eines übergreifenden Schocks. Würden KI-Hyperscaler und Chiphersteller gemeinsam unter Verkaufsdruck geraten, könnte die bisherige Rotation in einen breiten Ausverkauf umschlagen.

„Wenn einige Hyperscaler wegen steigender Renditen und Sorgen über die Verschuldung zur Finanzierung von Rechenzentren ihre KI-Ausgaben zurückfahren, wäre das verheerend für einen Aktienmarkt, der ohnehin auf wackligen Beinen steht“, sagte Curnutt.

Er empfiehlt seinen Kunden deshalb VIX-Kaufoptionen und Call-Spreads zur Absicherung gegen Kursrückgänge. „Man kauft keine Hochwasserversicherung in der Hoffnung, dass das eigene Haus überflutet wird. Hier muss man defensiv spielen.“

Aktienmarkt schwächelt unter der Oberfläche - KI-Aktien stützen S&P 500
Keine Angst | Die Nachfrage nach Absicherung liegt nahe den Jahrestiefs 2026

Gewinne müssen die Rally rechtfertigen

Noch besitzen die Bullen ein gewichtiges Argument. Laut Bloomberg Intelligence dürften die S&P-500-Unternehmen das dritte Quartal in Folge ein Gewinnwachstum von mehr als 20 Prozent ausweisen. Ohne die pandemiebedingte Erholung wäre das erstmals seit 2018 der Fall. Doch steigende Renditen verteuern zugleich die Finanzierung des KI-Ausbaus. Arbeitsmarktdaten, Inflationszahlen und die bevorstehende Berichtssaison können deshalb zum Belastungstest werden.

Die Parallele zur Dotcom-Zeit liegt in der wachsenden Abhängigkeit von wenigen Technologiegewinnern. Solange diese liefern, bleibt die Schwäche verdeckt. Verlieren auch sie ihren Schwung, könnte sich zeigen, wie wenig Unterstützung der Aktienmarkt inzwischen besitzt.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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3 Kommentare

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Im Moment erreichen die Renditen der Staatsanleihen wieder Höhen… wo’s interssant wird…wenn auch noch nicht genug…

    Die schuldenfinanzierte Blase platzt dann… wenn das Niveau über längere Zeit gehalten werden kann…

    Denn bald müssen sich die Schuldner refinanzieren…um ihre Kredite aus der Zeit der Niedrigzinspolitik abzulösen…
    Beispiel Softbank musste jetzt knapp 10 Prozent Kupon bieten…knapp 10 Prozent Kupon…Wahnsinn eigentlich..

  2. Seit Jahren riecht es tagtäglich immer wieder irgendwo nach Crash.
    Wir müssen uns halt noch etwas gedulden, bis wir endlich wieder billig einkaufen können.

  3. Gerd Kommer bei Mario Lochner: Erfrischend helles, rationales Licht in der Dunkelheit des Finanz-und Börsendschungels. Gegen Ende seine Meinung zu Gold.

    https://www.youtube.com/watch?v=5Oex52c_WqM&t=205s

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