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US-Arbeitsmarkt: Entlassungswelle – warum steigen Arbeitslosenzahlen nicht?

Die Arbeitslosigkeit steigt. Nur eben sehr langsam..

US-Arbeitsmarkt Big Tech Arbeitslosenzahl

Big-Tech-Firmen in den USA mit einer Entlassungswelle – welche Auswirkungen hat das auf den US-Arbeitsmarkt?

In den letzten Wochen verging kaum ein Tag, an dem im Zusammenhang mit den Quartalszahlen für das dritte Quartal keine Entlassungen von Mitarbeitern bekannt gegeben wurden. Speziell im Hightech-Bereich, weil eben dort steigende Zinsen belasten und damit auch die ganz großen Tech-Unternehmen zum ersten Mal seit langer Zeit mit Einsparplänen aufwarten. Weil eben die abdiskontierten Gewinne in Zukunft weniger wert und daher die Aktienkurse teilweise tief in den Keller gefallen sind. Aber warum aber macht sich dies in der Arbeitslosenzahl der USA bisher noch nicht bemerkbar?

US-Arbeitsmarkt: Stabil in der Rate, allen Zinsanhebungen zum Trotze

Natürlich ist der Arbeitsmarkt ein nachlaufender Indikator, was bedeutet, dass Entlassungen erst am Ende eines Konkunkturzyklusses stehen. Dennoch könnte man annehmen, dass sich nach 18 Monaten mit Inflationsraten zwischen 5,0 und 9,1 Prozent langsam ein Anstieg bei der Arbeitslosigkeit bemerkbar macht. Aber selbst nach dem leichten Sprung von 3,5 auf 3,7 Prozent liegt die Quote immer noch im Bereich eines 60-Jahrestiefs, wie dieser Langzeitchart aufweist:

US-Arbeitsmarkt Big Tech Unemployment Rate and S&P 500

Da die US-Notenbank in ihrem gesetzlichen dualen Auftrag (Preisstabilität und Unterstützung einer dauerhaften Vollbeschäftigung) geradezu gezwungen ist, mit monetärer Straffung gegen die ausgeuferte Inflation vorzugehen, gibt ihr der überaus angespannte US-Arbeitsmarkt Sitzung für Sitzung Rückhalt. Für ihren Kampf um das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu beseitigen. Als Folge der schon oft beschriebenen Geldflut in zeitlicher Koinzidenz mit geopolitischen Verwerfungen (Lieferengpässe, Energiekrise).

Weil es eben immer noch die abstrakte Hoffnung gibt, dass es bei einem so starken US-Arbeitsmarkt nicht so schnell zu einer Rezession kommt, vielleicht aber zu einem „Soft Landing“, welches lange Zeit im Raume stand.

Im letzten Arbeitsmarktbericht registrierte man 261.000 neu geschaffene Stellen, zwar über dem Konsens von 200.000 liegend, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Arbeitslosigkeit von 3,5 auf 3,7 Prozent. Was fast schon wie ein Wunschszenario von den Märkten empfunden wurde, denn dies war der langsamste Zuwachs seit Dezember 2020.

Die Märkte hatten zunächst positiv auf die Berichtsdaten reagiert, weil man daraus abgeleitet hatte, dass die leichte Abkühlung am US-Arbeitsmarkt der Fed eine Begründung geben könnte, um das Tempo der Zinserhöhungen zu verlangsamen.

Wie aus dem Tageschart von LPL Research ersichtlich, gingen sowohl die gleitenden Drei- als auch die Sechsmonatsdurchschnitte im Oktober zurück:

US-Arbeitsmarkt Change in Payrolls Jahresentwicklung

Aber eben nicht schnell genug, denn der angespannte US-Arbeitsmarkt könnte immer noch die Lohninflation anheizen, durch die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale.

Denn im letzten Monat stieg die Zahl der offenen Stellen auf 10,7 Millionen, während es gleichzeitig offiziell nur 4,1 Millionen Arbeitslose gab. Auch wenn eine Zunahme von Zeitarbeit oder Teilzeitarbeit verzeichnet wurde, liegt der Prozentsatz für die Kündigungsrate (Prozentsatz der Mitarbeiter, die freiwillig ihre Stelle kündigen) auf einem historisch hohen Niveau.

Hier die Grafik des US Bureau of Labor Statistics, die die große Anomalie zwischen offenen Stellen/Arbeitslosigkeit und der Kündigungsrate verdeutlicht:

US-Arbeitsmarkt Offene Stellen - Kündigungsrate

Die Entlassungen im Hightech-Sektor

Betrachten wir die Meldungen über angekündigte Entlassungen, die besondere Aufmerksamkeit hervorrufen, weil diese bei den Firmen stattfinden, die im Rampenlicht stehen und früher für opulente Stellenzuwächse bekannt waren:

Wie zum Beispiel Meta Platforms (Facebook) und speziell Twitter, wo es von Tag zu Tag krasser wird. Die Meldungen von „Layoffs“ sind auch deshalb besonders öffentlichkeitswirksam, weil viele betroffene Konzerne in den letzten Jahren mit „Kapital geradezu herumgeworfen“ hatten, wie man es gelegentlich von Staatskonzernen kennt, die nicht in starker Konkurrenz zu Mitbewerbern stehen.

Hier eine kleine Übersicht im Tweet von Lindy Li, die zeigt, dass einige der Firmen, die von Trumps Senkung der Unternehmenssteuern so stark profitiert hatten, jetzt auf die Bremse treten müssen:

Tweet Lindy Li Layoffs

Warum aber steigt die Arbeitslosigkeit nicht an?

Es betrifft vorerst hauptsächlich Technologie und die Zahlen sind im Vergleich zum Gesamtmarkt zu gering.

Hier eine Übersicht in einem Tweet von Carl Quintanilla, in dem das Datum der Ankündigung von Entlassungen aufgeführt wird sowie eine Chronologie des Stellenabbaus im Jahre 2022. Es sind im Vergleich zur Gesamtzahl der US-Beschäftigten einfach zu wenige Jobs:

Tweet Quintanilla Großübersicht Tech-Layoffs

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Die Arbeitslosigkeit steigt. Nur eben sehr langsam, trotz der vielen spektakulären Meldungen und der eben beschriebenen Zusammenhänge. Aber richtig heftig könnte eine Trendwende am US-Arbeitsmarkt dann werden, wenn sich die Zinsanhebungen auf den Konsum- und Dienstleistungsbereich niederschlagen, wenn den Amerikanern das Geld ausgeht und schlussendlich die Einzelhandelsumsätze zu sinken beginnen.

Das große Weihnachts-Shopping dürfte – mit Thanksgiving beginnend – in den nächsten Wochen erste Hinweise geben. Erinnern wir uns an die Zeit noch vor ein paar Monaten, als es die große Aufregung darüber gab, ob es Lockdown-bedingt genügend Spielsachen zu Weihnachten aus China geben könne oder gar ausreichend Weihnachts-Equipment? Dürfte aktuell nicht mehr das Problem sein. Eher das Thema einer bevorstehenden Rezession, gespeist aus monatelangen Einkommenverlusten (real seit 19 Monaten), einer rekordhohen Kreditkartenverschuldung bei gleichzeitig rekordtiefer Sparrate der US-Bürger, wie es Markus Fugmann in seinem gestrigen Abendvideo dargestellt hatte.

Ergo: Es dürfte dann mit der Stabilität des US-Arbeitsmarktes zu Ende gehen, wenn der Konsum zu leiden beginnt. Das Thema der nächsten Monate: Die Frage nach einer Rezession, ihrer Tiefe und all ihren Auswirkungen auf Corporate America und natürlich auf den Aktienmarkt.



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