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USA: Mehr offene Stellen als Arbeitslose – was ist da los?

Warum es in den USA mehr offene Jobs als Arbeitslose gibt

Die kürzeste Rezession aller Zeiten in den USA ist vorüber, die Pandemie ist aber noch nicht besiegt – damit hat sich eine skurrile Situation am Arbeitsmarkt gebildet: In den USA gibt es derzeit mehr offene Stellen, als offiziell arbeitslos gemeldete Bürger. Was ist los in dem Land mit seinen 50 Millionen Beziehern von Lebensmittelmarken (Food Stamps, Stand Ende des Jahres 2020). Gibt es Ursachen für eine solche Lage und wird der Lohndruck auf die Firmen Bestand haben?

USA: Die Situation am Arbeitsmarkt

Der letzte Jolts-Report (Job Openings and Labor Turnover Summary) vom US-Bureau of Labor Statistics für den Monat Juni zeigt die ganze Abnormität auf, ein Novum am US-Arbeitsmarkt: Die Zahl der offenen Stellen stieg Ende Juni auf einen Rekord von 10,1 Millionen, bei Neueinstellungen von 6,7 Millionen Arbeitnehmern.

Hier die JOLTS-Übersicht von Advisor Perspectives:

Die offenen Stelen in den USA

Darunter die Entwicklung bei der Arbeitslosigkeit in den USA. Eine noch nie dagewesene Berg- und Talfahrt. This time is total different..

Arbeitslosigkeit in USA

Was aber sind die Gründe für die jetzige ungewöhnliche Situation? Eine kleine Sammlung von Argumenten, die die Situation mit dem Mangel an Arbeitskräften erklären sollen:

Zunächst gibt es in den USA eine große konjunkturelle Erholung, nach über fünf Billionen Dollar an Rettungspaketen, Helikoptergeld und dem Reopening der Wirtschaft, vor allem in Abertausenden Betrieben im Dienstleistungsbereich. Ob Restaurants oder jede Art von Freizeitunternehmen. Der Nachholeffekt und das viele gesparte Geld treiben die Menschen in die wieder eröffneten Etablissements.

Diese Unternehmen finden nicht rasch genug geeignete Arbeitskräfte, denn es wirken noch die gigantischen Maßnahmen zur Unterstützung des Arbeitsmarkts durch Regierung, Bundesstaaten und Kommunen – die dazu geführt haben, dass Millionen Arbeitslose während der Krise mehr Geld zur Verfügung hatten als mit ihrer regulären Arbeit. Teilweise 4500 Dollar Unterstützung im Monat (Massachusetts). Wer will da für 12 Dollar Stundenlohn arbeiten?

Die obige Statistik stammt von Ende Juni, da gab es immer noch schöne Zuschüsse. Diese werden im September aber der Vergangenheit angehören.

Keine Zwangsversteigerung von Häusern, keine Zwangsräumungen von Wohnungen bei Mietern, die im Rückstand sind. Wenig Insolvenzen von Unternehmen, die nicht überlebensfähig sind. Auch dies wird ein Enddatum haben.

Dann die Hoffnung der Menschen auf höhere Löhne, gespeist durch den US-Präsidenten und seine Partei, schon während des Wahlkampfes.
Seit eineinhalb Jahren sind in den USA die Grenzen geschlossen, es gibt kaum Zuwanderung, weder in gut noch in schlecht bezahlte Jobs.
Die Hausse an den Börsen, wie bei uns am Neuen Markt zur Jahrtausendwende, hat viele Menschen davon abgehalten, einen niedrig bezahlten Job anzunehmen, wenn man als RobinHooder im Daytrading sein Geld verdienen kann, ob in Meme-Stocks, oder in Kryptowährungen.

Was spricht gegen dauerhaft steigende Löhne?

Was passiert nach Auslaufen der staatlichen Unterstützung? Die Reserven vieler Amerikaner dürften nicht lange reichen, um auf den gut dotierten Job zu warten.
Was, wenn die USA wieder ihre Grenzen öffnen? Wirken 15 Dollar Mindestlohn in Branchen ohne große Ausbildung nicht wie ein Magnet für Nachbarstaaten und arme Länder?

Was passiert, wenn der erste Sugar Rush der Konjunkturerholung wieder vorüber ist, wenn sich die Wirtschaftserholung wieder abschwächt?

Warum sollte sich die US-Wirtschaft mit ihrer Verschuldung lange über dem Trendwachstum von 2,8 Prozent fortentwickeln?

Bedeuten hohe Löhne im internationalen Wettbewerb nicht einen großen Nachteil, Stichwort RCEP, der asiatische Wirtschaftsraum, mit vielen nach wie vor billigen Arbeitskräften. Auch in Malaysia, Vietnam oder anderen asiatischen Ländern wird Corona nicht ewig grassieren. Bereits in dieser Woche wurde die Zahl von 4,5 Milliarden Impfungen überschritten, in wenigen Monaten werden es zehn Milliarden sein. Länder wie die USA und Deutschland haben bereits zu viele Impfstoffdosen auf Lager und werden diese rasch weitergeben.

Fazit

Die oben angeführten Argumente sollen darstellen, welche Fülle an Einflussfaktoren für die jetzige Situation am Arbeitsmarkt der USA vorhanden sind. Dabei ist es wahrscheinlich nur ein kleiner Streifzug durch das ganze Thema – es gibt auch noch den Einfluss der Politik, mit Regierung und Opposition, ein Jahr vor den Midterm-Elections.

Ob die erwartete Lohn-Preis-Spirale in den USA Einzug hält, ist meiner Ansicht nach auch sehr davon abhängig, wie nachhaltig der Wirtschaftsaufschwung in den USA sein wird. Die Arbeitnehmer in den USA sind bei weitem nicht so geschützt wie zum Beispiel in Deutschland, aber zunächst befindet sich ein Teil der US-Arbeitnehmer noch in einer komfortablen Lage. Aber wie lange wird das anhalten? Haben wir denn nicht noch vor zwei Jahren Artikel über das gespaltene Amerika verfasst, wo 40 Millionen Menschen keine 400 Dollar auf der hohen Kante hätten und sich nicht einmal eine Reparatur ihrer Waschmaschine leisten könnten? Sollten Corona und die Rettungspakete alles auf den Kopf gestellt haben?



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