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USA: Sparkrise in einem der reichsten Länder der Welt

Hannes Zipfel

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am

Statue of Liberty

Trotz des allgemeinen Wohlstands in den USA sind die meisten Amerikaner nicht in der Lage, fürs Alter vorzusorgen. Das staatliche Rentensystem ist ebenfalls eine Armutsfalle.

Viele Menschen in den USA haben kein Geld auf der hohen Kante

Obwohl die Sparquote in den USA ca. 6,7 Prozent beträgt, was ungefähr dem langjährigen Durchschnitt entspricht, haben 69 Prozent der US-Bürger nicht genug finanzielles Polster, um ungeplante Ausgaben oder Notfälle in Höhe von 1.000 US-Dollar abzufedern. 47 Prozent der Menschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind laut einer Studie der US-Notenbank im Notfall nicht einmal im Stande, 400 Dollar für einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur zu bezahlen. Oft müssen dafür extra Schulden aufgenommen werden.

An private Altersvorsorge ist selbst für viele berufstätige Amerikaner nicht zu denken. Das oberste Fünftel der Einkommensschicht vereint 70 Prozent der Altersvorsorgeersparnisse auf sich. Wer aber schon während des Berufslebens nicht genug Geld zum Leben hat, kann sich auch keine Pensionierung leisten.

Staatliches Rentensystem sichert nur das Überleben

Zwar gibt es auch in den USA ein staatliches Rentensystem, das US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1935 angesichts der „Großen Depression“ im Rahmen des sogenannten New Deal einführte, doch reichen dessen Leistungen für ein menschenwürdiges Leben im Alter kaum aus. Anders als in Deutschland beträgt die Höhe der Rente in den USA im Schnitt nur ca. 40 Prozent des vorherigen Durchschnittseinkommens.

Ein Anspruch auf Rentenzahlungen aus der Social Security (offiziell Old Age, Survivors, and Disability Insurance (OASDI) ist nach frühestens zehn Jahren Beitragszahlung möglich. Die Höhe der Rente richtet sich dabei danach, wie viele Beiträge im Laufe der Zeit tatsächlich gezahlt wurden. Das Rentenalter erreichen die Amerikaner, die vor 1959 geborenen wurden, mit 65 Jahren, die später Geborenen mit 67 Jahren.

In Anbetracht der schlechten Bezahlung im dominierenden Dienstleistungssektor in den USA und den lückenhaften Einkommensbiografien reicht die staatliche Rente für den überwiegenden Teil der Bevölkerung nicht aus. Etwa 46 Millionen Amerikaner, also ca. 13 Prozent der Bevölkerung, beziehen aktuell eine staatliche Rente. Die Zahl der arbeitenden Rentner steigt stark an.

Nach Angaben des US-amerikanischen Amtes für Arbeitsstatistik (Bureau of Labor Statistics/ BLS) wird die Zahl der Beschäftigten von 65 bis 74 und älter die bis zum Jahr 2024 die am schnellsten wachsende Altersgruppe in Beschäftigung sein.

Extreme Ungleichheit bei der Ersparnisbildung

Umso wichtiger wäre in Hinblick auf die Vermeidung von Altersarmut die private Ersparnisbildung. Doch gemäß einer Umfrage von GOBankingRates von Ende November dieses Jahres verfügt fast die Hälfte der US-Bürger (45 Prozent) über keinerlei Ersparnisse. Ein Viertel verfügt über weniger als 1.000 US-Dollar. Nur ein Fünftel der Amerikaner kann mit den eigenen Ersparnissen drei Monate ohne Einkommen überbrücken.

Liquide Ersparnisse der Einwohner in den USA

Demografie ist ein weiteres Problem

Die Tatsache, dass immer mehr Angehörige der Baby-Boomer Generation von 1946 bis 1964 in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen, verschärft die Sparkrise in den USA. Die Geburtenrate hat sich seit 1909 halbiert und ist heute im Vergleich zum Durchschnitt der Baby-Boomer-Jahre um 38 Prozent niedriger.

Ein Umlagesystem, bei dem immer weniger Berufstätige die immer größer werdende Zahl an Rentnern finanzieren muss, gerät dadurch zwangsweise in Schieflage. Entweder müssen die Beiträge erhöht oder die Renten gekürzt werden. Die Republikaner unter Donald Trump setzen auf Eigenverantwortung und lehnen eine höhere Belastung für die Unternehmen ab, die aktuell 6,2 Prozent des Bruttolohns als Arbeitgeberanteil an das staatliche Rentensystem abführen. Selbständige zahlen monatlich 12,4 Prozent in die Social Security ein.

Sparen in Amerika ist für viele Menschen schwierig

„Die Haushaltskosten sind gestiegen und in vielen Fällen konnten die Einkommen nicht mithalten“, sagt Greg McBride, Chef-Finanzanalyst von Bankrate. Vor allem die Gesundheitskosten steigen seit Jahren rapide an, allein in diesem Jahr um ca. 20 Prozent. Ab Januar 2020 folgt die nächste Erhöhungswelle bei den Beiträgen der US-Krankenversicherer. Zudem steigt der Anteil der Eigenleistungen für die Versicherten.

Eine von Bankrate kürzlich durchgeführte Studie zeigt, dass eine wachsende Anzahl von Arbeitnehmern eine oder mehrere Nebenbeschäftigungen benötigt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Aber auch Freiberufler, wie Fotografen, sind von Erwerbsarmut bedroht.

Viele Amerikaner würden gern mehr sparen. Die Umfrage von Bankrate zeigt, dass mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Amerikaner finanzielle Rücklagen für mindestens sechs Monate bräuchte, um sich in Bezug auf die eigene finanzielle Situation sicher zu fühlen. Doch die Realität sieht anders aus: Viele Amerikaner leben von Paycheck zu Paycheck und machen sogar noch Schulden, um über die Runden zu kommen. So haben mittlerweile 26 Prozent der Amerikaner nur Nettoschulden in ihrer Vermögensbilanz vorzuweisen.

Geteilter Optimismus

Fast 6 von 10 Erwachsenen Amerikanern glauben, dass die aktuelle Wirtschaftslage gut (47 Prozent) oder ausgezeichnet (12 Prozent) sei. Differenziert man jedoch nach Einkommensklassen, zeichnet sich ein anderes Bild: Die meisten Optimisten (68 Prozent) gibt es in der Gruppe mit den höchsten Einkommen. Unter den ärmsten Haushalten beschreibt die Hälfte die Bedingungen jedoch als „nicht so gut“ oder „schlecht“. Über ihre Zukunftsaussichten wollen viele ärmere Amerikaner gar nicht nachdenken. Verdrängen heißt das Gebot der Stunde. Was in Anbetracht der drohenden Altersarmut sogar verständlich ist.

„Amerikaner mit niedrigerem Einkommen und Arbeitnehmer mit geringerem Bildungsstand haben am wenigsten von der wirtschaftlichen Erholung der letzten Dekade profitiert“, sagt McBride von Bankrate. „Nur in den letzten zwei, drei Jahren hat sich ihre Situation aufgrund der Steuerreform etwas verbessert. Aber leider werden diese Menschen perspektivisch auch am härtesten und am ehesten getroffen, wenn die Wirtschaft in einen Abschwung übergeht.“

Der Optimismus variiert auch stark nach politischer Ausrichtung. Republikaner sagen mit deutlich höherer Zuversicht, dass die Wirtschaft in guter Verfassung sei: 77 Prozent sagen, sie sei „exzellent“ oder „gut“. Inzwischen bezeichnet fast die Hälfte der Demokraten (49 Prozent) die Wirtschaft als „nicht so gut“ oder „schlecht“.

Fazit und Ausblick

Im Vergleich zu den USA ist das deutsche Rentensystem purer Luxus. Zwar ist auch bei uns die Nachhaltigkeit der Finanzierung aufgrund des demografischen Faktors ungewiss und die Zahl der arbeitenden älteren Menschen steigt stark an, aber die Verhältnisse in den USA sind gemessen am dortigen Reichtum extrem gespalten.

Die Kombination aus geringer Ersparnisbildung und hoher Verschuldung machen die USA anfällig für binnenkonjunkturelle Schwäche, da bekanntermaßen ca. 70 Prozent des US-BIP durch Konsum erwirtschaftet wird. Wenn immer mehr Baby-Boomer altersbedingt weniger oder gar nicht mehr arbeiten können, dann muss deren Konsumleistung durch junge Migranten ersetzt werden. Die sind aber oft gering qualifiziert und erhalten nur geringe Löhne. Damit steht das komsumlastige Wirtschaftsmodell der USA vor einer weiteren Herausforderung – der Altersarmut der Baby-Boomer.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    TM

    20. Dezember 2019 10:27 at 10:27

    „47 Prozent der Menschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind laut einer Studie der US-Notenbank im Notfall nicht einmal im Stande, 400 Dollar für einen Arztbesuch“

    Wieso wird eigentlich immer die Studie von 2015 verwendet? Also nicht, dass sich die Ergebnisse seitdem deutlich verändert hätten, aber diese Studie gibt es jährlich.

    https://www.federalreserve.gov/publications/files/2018-report-economic-well-being-us-households-201905.pdf

    Auch in den USA gibt es einen demographgischen Wandel, allerdings ist der so wenig ausgeprägt wie in sonst kaum einem entwickelten Land. Mit einer moderaten Erhöhung der Rentenbeiträge – die es unter Trump natürlich nicht geben wird – wäre schon viel getan.

  2. Avatar

    Egal

    20. Dezember 2019 12:24 at 12:24

    Was heißt „anders als in Deutschland“? Hier ist das gesetzliche Rentenniveau doch auch nicht mehr viel höher.

  3. Avatar

    Lektor

    20. Dezember 2019 17:05 at 17:05

    @Dorinela
    Hoffentlich kommt es doch, wenn der Deal, wie wir wissen nicht kommt, aber die Zölle schon.

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Negativzinsen und Druckerpresse: Auswirkungen auf Menschen und Schrottunternehmen

Claudio Kummerfeld

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Negativzinsen helfen Schrottfirmen und schaden den Sparern

Die Druckerpressen von EZB, Federal Reserve und Co laufen auf Hochtouren. Und dank dem neuem US-Präsidenten Joe Biden (Vereidigung am 20. Januar) dürfte das Tempo an neu geschaffenem Geld und neuer Staatsverschuldung nochmal Fahrt aufnehmen. Auch die Eurozone steht dem mit der EZB in Nichts nach. Die Null- und Negativzinsen bleiben weiter dort wo sie sind, und das auf lange Zeit. Das haben die Notenbanker auf beiden Seiten des Atlantiks klar gemacht. Was passiert, wenn Negativzinsen und Druckerpresse auf Menschen und Schrottunternehmen treffen? Hier kurz und knapp zwei Beispiele.

Die Schrottunternehmen werden auch gerne als Zombieunternehmen bezeichnet. Dies sind Unternehmen, die zum Beispiel noch nicht mal genug Geld verdienen um ihre Zinslast auf Kredite bedienen zu können. Oder sie überleben nur noch dank Staatshilfen, aber nicht aus strukturell echten Einnahmen. Wer Schrott ist, muss am Kapitalmarkt für Schulden eine höhere Risikoprämie zahlen. Denn der potenzielle Käufer von Schrottanleihen will sich das höhere Risiko einer Nicht-Zurückzahlung der Anleihe natürlich honorieren lassen. Von daher notieren die Renditen von Junk Bonds (Anleihen begeben von Unternehmen mit zweifelhafter Bonität) immer deutlich höher als die von gut angesehenen Unternehmen.

Derzeit aber, wo die Notenbanken alles mit frisch gedrucktem Geld überschwemmen und wo die Negativzinsen alles runterdrücken, da profitieren auch die Zombieunternehmen von immer weiter fallenden Renditen für ihre Schulden. Wie der folgende zehn Jahre zurückreichende Chart zeigt, ist die durchschnittliche Rendite für Junk Bonds in den USA auf ein neues Rekordtief von 4,45 Prozent gesunken, mehr als zwei Prozentpunkte unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Die Zombies freuen sich also über immer geringere Kosten für ihre Schulden.

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Der Spar-Michel zahlt die Zeche

Man erinnere sich noch zurück, als hier und da die aller erste Sparkasse oder Volksbank Negativzinsen für Kontoguthaben einführte. Was gab das für einen Aufschrei. Heute ist das Alltag. Und die Lawine rollt immer weiter. Die ganz frische Veröffentlichung des Portals Biallo zeigt, dass auch die Direktbanken immer stärker auf den Zug aufspringen. 240 Banken insgesamt kassieren mittlerweile Negativzinsen im Privatkundenbereich, bei Firmenkunden sind es 317 Geldhäuser. Beim sogenannten Verwahrentgelt gelten in der Regel bestimmte Freibeträge, die von 5.000 Euro bis zu Millionenbeträgen reichen. Elf Geldhäuser langen bereits ab dem ersten Euro zu. Die DKB folgt aktuell der ING und führt ab sofort einen Negativzins in Höhe von minus 0,5 Prozent ein – für Einlagen ab 100.000 Euro auf dem Tagesgeld- und Girokonto. Wie bei der ING sollen Bestandskunden erst mal nicht betroffen sein.

Damit dürfte die Negativzins-Welle, die derzeit auf Sparer zurollt, noch mal deutlich an Fahrt gewinnen. Denn laut jüngsten Recherchen von Biallo haben auch große Regionalbanken in Hamburg, München und Köln zuletzt einen Strafzins für private Einlagen eingeführt. Erst gar keine Negativzinsen, jetzt gibt es immer mehr, aber mit Freibeträgen. Da das Umfeld aus Null- und Negativzinsen noch jahrelang anhalten wird, und da die Banken margentechnisch unter immer größerem Druck stehen, darf man annehmen, dass diese Freibeträge in Zukunft stetig verringert werden, und dass auch immer öfter von Bestandskunden Negativzinsen kassiert werden, und nicht nur von Neukunden.

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US-Arbeitsmarktdaten im Detail: Extrem schwach! Der Amazon-Effekt in brutaler Klarheit

Claudio Kummerfeld

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USA Flagge und Adler

Die US-Arbeitsmarktdaten wurden um 14:30 Uhr veröffentlicht mit einem Zuwachs von 245.000 Stellen für November, was deutlich schlechter war als erwartet (Prognose 470.000). Bezüglich der Gesamtzahl von 245.000 neuen Stellen gab es einen Abbau von 99.000 Stellen beim Staat. Somit gibt es im November 344.000 neu geschaffene Stellen im Privatsektor. Im Verarbeitenden Gewerbe gab es insgesamt einen Zuwachs von nur 55.000 Stellen. Im Untersektor Bergbau lag die Veränderung bei +1.000. Auf dem Bau waren es +27.000 Stellen, und in der Industrie +27.000. Die folgende Grafik zeigt die gesamten Daten für das Verarbeitende Gewerbe im November.

Zum Vergrößern bitte die Grafiken anklicken.

Grafik zeigt US-Arbeitsmarktdaten für November im Detail

Verbleibt bei den neu geschaffenen Stellen im November noch ein Plus von 289.000 Stellen im US-Dienstleistungssektor. Ein sehr schwacher Wert nach +783.000 im Oktober. Der Einzelhandel baute 34.700 Stellen ab. Das ist dramatisch, wo der Sektor doch als einer der Jobmaschinen gilt. Elektronikgeschäfte bauten netto 11.300 Stellen ab, Sport- und Buchgeschäfte 12.100 Stellen, und Kaufhäuser sowie große Supercenter (Walmart etc) verloren netto 20.800 Stellen. Gleichzeitig explodieren die Neueinstellungen bei Amazon und Co (also vor allem Amazon). Alleine im November wurden netto 81.900 neue Kurierfahrer eingestellt, und 36.800 Mitarbeiter in Warenlagern.

Grafik zeigt Details zu Job-Änderungen im US-Einzelhandel

Der Sektor „Professional and Business Services“ konnte 60.000 Stellen hinzugewinnen (sehr schwach), wobei hier alleine fast 70.000 neue Jobs bei Zeitarbeit und Hilfsarbeit entstanden. Andere Teilsegmente in dem Bereich bauten also eher Stellen ab. Der Bereich „Pflege und Bildung“ ist mit nur +54.000 Stellen auch sehr schwach dabei. Wobei der Bereich Bildung 5.700 Stellen abgebaut hat. Die Pflege schuf 59.600 neue Stellen. Der mit Abstand größte Einzelposten, wenn es um das schnelle Schaffen neuer Jobs in den USA geht, ist in der Regel der Bereich „Freizeit und Bewirtung“, also Restaurants, Freizeitparks etc.  Hier ist die Schaffung neuer Stellen im November extrem schwach ausgefallen mit gerade mal +31.000. Innerhalb dieses Segments wurden bei Restaurants und Bars sogar 17.400 Stellen abgebaut. Die zweite Corona-Welle lässt grüßen.

Grafik zeigt Details zu verschiedenen US-Jobdaten

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Coronavirus: Herdenimmunität, ein Geduldsweg, vor allem in Deutschland

Wolfgang Müller

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Die Impfung gegen das Coronavirus nimmt immer mehr Gestalt an, nicht nur in China, in Russland, in der Türkei, ab Montag in Großbritannien, aber bald auch in Deutschland. Endlich die Plage loswerden, immun werden, so die berechtigte Hoffnung Vieler. Eines aber spricht gegen eine rasche Herdenimmunität, auch in Deutschland – die Bereitschaft zur Impfung.

Coronavirus: Aktuelle und künftig Immunisierte

Betrachtet man sich die aktuellen Infektionszahlen, so erkennt man große Unterschiede bei den offiziell registrierten Infizierten mit dem Coronavirus. In den USA ist bereits jeder 23. Bewohner positiv auf Covid-19 getestet worden, in Frankreich jeder 29., in Spanien jeder 27., in Belgien und Tschechien jeder 20. – und in Deutschland? Jeder 76. Einwohner, bei einer Dunkelziffer von vielleicht Faktor drei bis vier, nach Einschätzungen von Virologen. Bleiben also noch über 78 Millionen, die es geschafft haben, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Aber was ist mit den USA, wo selbst der Leiter der nationalen Seuchenschutzbehörde von einer Dunkelziffer mit unglaublichem Faktor 10 sprach? Wenn dies zuträfe, hätten schon unglaublich viele Amerikaner die Sache bereits überstanden. Worüber das deutsche Gesundheitswesen eigentlich sehr stolz sein kann, bringt aus jetziger Sicht einen zusätzlichen Nachteil bei der Herdenimmunität.

Die derzeitige Abneigung der Bundesbürger gegen die Impfung

Auch wenn es bereits einen gewaltigen Aufbau für die über 400 Impfzentren in Deutschland gibt, von denen kürzlich die Rede war und die ab 15. Dezember funktionsfähig sein sollen, wird das Thema Massenimpfung eine große Aufgabe werden. Es leben bereits über 83 Millionen Menschen in diesem Lande und bis die so oft zitierte 60 Prozent-Rate erreicht ist, könnte es doch eine Zeit dauern. Zumal mit der Entwicklung der Impfstoffe die Zahl der Impfwilligen sogar abgenommen hat. Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass derzeit nur 53 Prozent der Bundesbürger zu einer Impfung gegen das Coronavirus bereit sind.

Man bräuchte aber selbst bei einem 100-prozentigen Schutz 60 Prozent der Bevölkerung, die bei der Impfung mitmachen. Bei der bisher verkündeten Wirksamkeit von 95 Prozent sogar noch einige Prozent mehr.

Sicherlich gibt es viele Skeptiker, die sich berechtigt Sorgen um die Nebenwirkungen machen, die man derzeit bei der geringen Probandenzahl gewiss noch nicht ausschließen kann. Die Anzahl sollte aber abnehmen, wenn die Impfungen gut funktionieren. Ein paar Sonderfälle aber, in den Medien verbreitet, schon könnte die Bereitschaft abnehmen. Aber es gibt auch die radikalen Impfgegner, auch Gentechnikgegner, die bis zu einer Herdenimmunität immer noch eine Gefahr darstellen, als mögliche Spreader des Coronavirus.

Die Impfung ist ein gewaltiger Schritt – aber kein Wundermittel, welches in kurzer Zeit die Normalität versprechen kann. Man weiß heute noch nicht, wie lange ein Schutz wirksam sein wird und ob man als Geimpfter nicht doch noch als Virenspreader in Frage kommt. Es wird bei aller Freude über die Impfung noch einiges an Geduld brauchen, denn es werden bestimmt in kurzer Zeit Meldungen entstehen, die contra Impfung verwendet werden können. Zum Beispiel von Menschen, die plötzlich nach der Impfung schwer erkranken, weil sie vor der Impfung noch keine Symptome verspürt haben. Das allgemeine Gesundheitsrisiko bleibt, ebenso das „Fake News-Risiko“ in den sozialen Medien.

Die kommende natürliche Spaltung der Gesellschaft

Es ist sicherlich nicht an der Zeit, um sich allzu viel Gedanken über ein mögliches Zukunftsproblem im Zusammenhang mit der Bewältigung der Corona-Krise zu machen. Aber die Fragestellungen könnten schneller kommen, als man jetzt glaubt. Was passiert mit den Millionen, die es bald geben wird, die geimpft sind und immunisiert: sollen diese weiter Maske tragen und die vielen Sonderregeln beachten? Wird anfangs sicherlich aus Solidarität funktionieren, aber es werden ja täglich mehr. Gar nicht zu reden von den vielen Branchen, die von dem Zusammentreffen vieler Menschen profitieren, wie Tourismus, Kultur, Festveranstalter, diese werden sicherlich die Rückkehr zur Normalität fordern. Es werden sich Gruppen bilden, aber was passiert mit den Verweigerern einer Impfung?

Viele Fragen, nicht nur für den Ethikrat.

Fazit

Die letzten Monate haben gezeigt, wie lange es dauern würde, bis eine natürliche Herdenimmunisierung dem Coronavirus den Garaus machen könnte. Vor allem in Deutschland. Selbst bei 10.000 kontrollierten Fällen pro Tag (3,6 Mio/Jahr) wären es viele Jahre, bis man eine Herdenimmunität erreicht hätte. Ein Kollaps nicht nur für die Wirtschaft und viele Branchen, sondern auch eine unerträgliche Lage für die Menschen und dem Leben in ständiger Angst.

Es geht nicht um die Jugend – in Deutschland gibt es bereits über 21 Millionen Rentner und viele Risikogruppen unterhalb dieser Altersgruppe. Klar gibt es die berechtigten Bedenken über Nebenwirkungen, aber bei einer Impfquote von gut 50 Prozent würde man in Deutschland noch sehr lange mit SARS-CoV-2 leben müssen. Ohne wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus hätte aber gerade Deutschland ein längeres Problem. Es sollte sich eigentlich jeder über den medizinischen Fortschritt freuen, auf die Wirksamkeit der Impfung hoffen und sich auf eine baldige Rückkehr zu sozialen Gewohnheiten des Miteinanders innerlich einstellen. Es dürfte allerdings noch ein gerüttelt Maß an Geduld erfordern.

Über das Coronavirus und Herdenimmunität

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