Gold/Silber

Verrückte Welt: Gold- und Silber-ETF jetzt mehr wert als… Gold und Silber!

Ein Stapel Barren aus Gold

Die Meldung kommt manchen Börsianern sicher bekannt vor. Wieder werden einige Rohstoff-ETFs zu einem höheren Wert gehandelt, als die von diesen Fonds gehaltenen Rohstoffvorräte wert sind. Vor einigen Monaten betraf es Öl. Jetzt betrifft es Gold und Silber. Mit anderen Worten: Es wäre für die Anleger billiger, Gold und Silber direkt zu kaufen, als die Fonds-Anteilsscheine. Diese Diskrepanz deutet auf eine drastische Verknappung der Rohstoffe oder der Fonds-Anteilsscheine hin.

Derzeit kostet der weltgrößte Gold-ETF 2% mehr, als das von ihm gehaltene Gold wert ist!

Normalerweise sind börsengehandelte Fonds, kurz ETF, ein sehr effizientes Anlage- und Trading-Vehikel. Die Fonds besitzen Gold- oder Silberbarren. Die Summe der ausgegebenen Anteilsscheine am Fonds sollte zusammen exakt dem Wert der Gold- oder Silberbarren entsprechen, die die Fonds besitzen. Schließlich macht es für Anleger keinen Sinn, mehr für einen Fonds zu bezahlen, als das Fondsvermögen wert ist. Und doch geschieht genau das derzeit bei Gold und Silber. So zahlen Anleger derzeit beim GLD ETF, dem größten Gold-ETF der Welt, etwa 2% Aufpreis auf den Wert des vom Fonds gehaltenen Goldes.

So funktionieren Gold- und Silber-ETFs!

Der Prozess der Anteilsscheinausgabe ist theoretisch extrem effizient. Für die Ausgabe neuer Anteilsscheine sind vor allem sogenannte ETF Sponsors und Authorized Participants verantwortlich. Die kaufen und verkaufen an der Börse Anteilsscheine. Bei Verkäufen der Scheine müssen sie den Basiswert des Fonds kaufen und in regelmäßigen Abständen bei der Depotbank des Fonds abliefern – in diesem Fall also Gold- und Silberbarren. Umgekehrt können sie aber auch Anteilsscheine an der Börse ankaufen, bei der Depotbank einliefern und dafür Gold- und Silberbarren erhalten.

Kommt es nun zu nennenswerten Preisabweichungen zwischen dem Börsenpreis der Anteilsscheine und dem Wert der damit verbrieften Basiswerte, so werden die als Market Maker agierenden Authorized Participants aktiv. Als signifikante Abweichung gelten dabei bereits wenige Basispunkte. Ein Basispunkt sind 0,01%. Werden die Anteilsscheine an der Börse überbewertet, so kreieren die Authorized Participants zusätzliche Anteile und verkaufen sie. Die Differenz zwischen dem Kaufpreis der Gold- und Silberbarren und dem Verkaufspreis der Anteilsscheine ist dann deren Gewinn.

Umgekehrt, wenn die Anteilsscheine an der Börse unterbewertet werden, kaufen die Authorized Participants Anteile an der Börse, geben sie an den ETF zurück, bekommen dafür Gold- und Silberbarren und können diese dann wiederrum an der Börse verkaufen. Auch hier ist die Differenz zwischen dem Ankaufpreis der Fonds-Anteilsscheine und dem Verkaufspreis der Barren der Gewinn der Market Maker. Diese Transaktionen sorgen dann automatisch dafür, dass die Preisabweichungen reduziert werden und die Fondsanteile möglichst immer zum fairen, den Wert des Fondsvermögens widerspiegelden Preis gehandelt werden.

Die Aussicht, risikofreie Gewinne durch diese Transaktionen zu erzielen, ist ein sehr effizienter Anreiz für die Authorized Participants, den Fondspreis fair zu halten. Im Durchschnitt weicht der Preis eines GLD-Fondsanteils daher auch nur um 0,0538% vom Goldpreis ab. Am 4.8. waren es jedoch schon 2,0351% – Tendenz steigend.

Es mangelt derzeit an Gold- und Silberbarren, um die Nachfrage nach ETFs zu bedienen

Diese Situation gab es vor einigen Monaten bereits bei Rohöl-ETFs, mit teils noch bedeutend höheren Abweichungen. Damals war das Problem, dass die Fondsgesellschaft bei der Börsenaufsicht nicht genügend Fondsanteile registriert hatte. Den Authorized Participants war somit schlicht die Munition ausgegangen. Ohne die zeitaufwendige Registrierung weiterer Fondsanteile konnten diese keine neuen Anteilsscheine verkaufen. Bei unverändert hoher Nachfrage nach dem Fonds schossen die Aufpreise in die Höhe.

Bei den Gold- und Silber-ETFs dürfte das Problem jedoch an anderer Stelle liegen: beim Angebot physischen Edelmetalls. Um zusätzliche Fondsanteile zu verkaufen, müssen die Market Maker Gold- und Silberbarren kaufen und bei der Depotbank einliefern. Doch die Versorgung mit physischem Gold und Silber ist derzeit sehr angespannt. Bedingt durch deutlich gestiegene Nachfrage bei gleichzeitig coronabedingt gesunkenem Angebot gibt es einfach nicht schnell genug ausreichend Gold und Silber, um jederzeit die Nachfrage nach ETF-Anteilen zu bedienen. Da die Nachfrage dadurch jedoch nicht abebbt, sind die Anleger bereit, für die Fondsanteile einen Aufpreis zu bezahlen. Lieber Fondsanteile mit Aufpreis gekauft, als die Rallye bei den Edelmetallen zu verpassen – so das Kalkül der Anleger. Derzeit ist die Situation übrigens keineswegs dramatisch. 2011 lag der Aufpreis beim GLD-ETF zeitweise bei mehr als 5%!



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2 Kommentare

  1. Ich sehe es etwas anders als der Autor! Ich erkenne in dem Aufgeld die Erwartung des Markts, dass Au und Ag noch weiter steigen werden.
    Warum für bsp. 100 handeln, wenn die Meisten annehmen, dass es morgen bsp. 102 wert sein wird?

  2. Pingback: Aktuelles vom 10. August 2020 | das-bewegt-die-welt.de

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