Mit dem Mega-Hafen Hon Khoai reagiert Vietnam auf das veränderte Kräfteverhältnis im Meer: Das 4-Milliarden-Dollar-Projekt kontert die maritime Expansion von China.
Vietnam trotzt China im Meer: Das Großprojekt Hon Khoai
Als direkte Antwort auf das veränderte Kräfteverhältnis im Meer treibt Vietnam ein gigantisches Festungswerk voran, um der maritimen Vormachtstellung von China im Golf von Thailand zu trotzen. Das rund vier Milliarden US-Dollar teure Infrastrukturprojekt auf der Insel Hon Khoai umfasst neben dem eigentlichen Tiefwasserhafen eine 18 Kilometer lange Meeresbrücke sowie einen 80 Kilometer langen Schnellweg durch die Provinz Ca Mau. Offiziell als wirtschaftlicher Entwicklungsimpuls für eine der ärmsten Regionen des Landes deklariert, hat sich die Priorität hinter den Kulissen verschoben. Der Interkontinentalraketentest vom Montag durch China im Pazifik hat in Hanoi alle Alarmstufen ausgelöst und beschleunigt den Bau.
China setzt Vietnam von zwei Seiten unter Druck
Hinter diesen drei Infrastrukturprojekten steckt eine vielschichtige Dreiecksbeziehung zwischen China, Vietnam und Kambodscha. Während Peking seinen Gebietsanspruch im Südchinesischen Meer mit der sogenannten Neun-Punkte-Linie durchsetzt, erweitert es zugleich seinen strategischen Einfluss im Golf von Thailand. Der von China mitfinanzierte Funan-Techo-Kanal verringert Kambodschas Abhängigkeit von den vietnamesischen Häfen im Mekong-Delta und bindet Phnom Penh enger an Peking. Zusammen mit der chinesischen Präsenz auf der Marinebasis Ream gerät Vietnam damit zunehmend auch an seiner Südwestflanke unter Druck. Gleichzeitig rückt China seinem langfristigen Ziel näher, seinen Einfluss bis an die Straße von Malakka auszudehnen.
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Hon Khoai liegt am südlichsten Punkt Vietnams unmittelbar am Eingang zum Golf von Thailand. Von hier aus lassen sich sowohl die Schifffahrtswege in Richtung Straße von Malakka als auch die Zugänge zum Mekong-Delta überwachen. Gleichzeitig liegt der Hafen weit genug von den umstrittenen Gewässern des Südchinesischen Meeres entfernt, um im Krisenfall als alternativer Marine- und Logistikstützpunkt zu dienen. Während Vietnam seine Seestreitkräfte bislang vor allem auf die Auseinandersetzung im Südchinesischen Meer ausrichtete, verlagert sich der strategische Schwerpunkt nun zunehmend auch an die Südwestküste.
Denn auch wenn er als normaler Handelshafen beworben wird, wird der militärische Aspekt schon daraus ersichtlich, dass er vom Army Corps 12, also einem den Streitkräften zugeordneten Bauunternehmen, errichtet wird. Da er als Tiefwasserhafen konzipiert ist, kann er auch von schweren Kriegsschiffen angelaufen werden. Denn bisher operieren im Golf von Thailand nur kleinere Patrouilleboote, die allerdings gegen die chinesischen Korvetten, die dort seit Ende 2023 fast dauerhaft stationiert sind, machtlos sind.
US-Hilfe: Vietnam modernisiert Seestreitkräfte
Allerdings modernisiert Vietnam mittlerweile auch mit US-amerikanischer Hilfe seine Seestreitkräfte. Dringender wird diese Aufgabe, da China auf der Ream-Base neue Radarsysteme errichtet hat, die die vietnamesischen Luft- und Marineaktivitäten bis Ho-Chi-Minh-Stadt erfassen sollen. Im Umfeld der Basis wird zudem ein chinesisch inspiriertes Luftverteidigungszentrum im nahegelegenen Ream-Nationalpark entwickelt, was die Infrastruktur weit über eine reine Marinebasis hinauswachsen lässt.
Vietnam hat nun verkündet, dass es den Bau des Hafens beschleunigen will. Bisher sollte er bis 2028 fertiggestellt werden. Hintergrund ist ein Test einer chinesischen Interkontinentalrakete, die auch mit einem atomaren Gefechtskopf bestückt werden kann. Zwar wurde die Rakete über dem Pazifik in Richtung Neuseeland abgefeuert, doch mit dem Test demonstriert China, dass es seine strategischen Streitkräfte inzwischen offensiv als Instrument der Machtprojektion einsetzt. Das verändert auch das militärische Kräfteverhältnis im Südchinesischen Meer. Jeder Konflikt zwischen China und seinen Nachbarn findet damit vor dem Hintergrund einer noch glaubwürdigeren militärischen Abschreckung statt.
Konkurrenz für Kambodscha: Vietnams wirtschaftlicher Hebel
Auch Kambodschas Funan-Techo-Kanal setzt Hanoi unter Druck, denn im April war der Baubeginn für die zweite Phase. Hier setzt Vietnam auf einen wirtschaftlichen Hebel gegen den Nachbarn. Der Kanal hat einen entscheidenden Schönheitsfehler: Er ist für moderne Container- und Frachtschiffe auf Grund der geringen Breite und Tiefe nicht nutzbar, sondern nur für Feeder. Diese müssten nach Norden zum Tiefwasserhafen Sihanoukville abdrehen. Allerdings liegt der wichtigste Hafen der Region in Singapur, von wo die Waren direkt in die USA, Europa oder China gehen. Zudem ist er nur für Containerschiffe konzipiert, nicht für Massengutfrachter. Der neue vietnamesische Hafen liegt deutlich näher an Singapur, was die Transportzeit- und kosten senkt. Da er als Freihafen fungieren soll, fallen auch keine zusätzlichen Zölle an. Damit ist er eine echte Alternative zu Sihanoukville.
Der Hafen soll verhindern, dass sich die Handelsströme des Mekong-Deltas dauerhaft nach Kambodscha verlagern. Gelingt es Phnom Penh, einen größeren Teil seines Außenhandels über eigene Häfen abzuwickeln, verliert Vietnam nicht nur Umschlagvolumen, sondern auch politischen Einfluss auf seinen Nachbarn. Der Tiefwasserhafen Hon Khoai soll deshalb große Containerschiffe und Massengutfrachter direkt aufnehmen und gegenüber den kambodschanischen Häfen einen Standortvorteil ausspielen.
Mit Hon Khoai verfolgt Vietnam deshalb weit mehr als das Ziel, den Süden des Landes wirtschaftlich zu stärken. Der Tiefwasserhafen soll Handelsströme sichern, den Einfluss des Funan-Techo-Kanals begrenzen und den wirtschaftlichen wie sicherheitspolitischen Abhängigkeit Kambodschas gegenüber China wieder verringern. Gleichzeitig schafft Vietnam die Voraussetzungen für eine dauerhafte Marinepräsenz im Golf von Thailand und stärkt seine Position an einer Flanke, die lange als strategische Schwachstelle galt. Der Hafen ist damit Teil einer umfassenderen Strategie, den wachsenden chinesischen Einfluss in Kambodscha einzudämmen und das regionale Kräfteverhältnis wieder zugunsten Hanois zu verschieben.
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