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Vollgeld-Abstimmung Sonntag in der Schweiz – Horror oder Rettung des Finanzsystems?

Redaktion

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Am Sonntag stimmen die Schweizer über die Vollgeld-Initiative ab. Doch was ist damit gemeint? Im Kern geht es darum, dass alles Geld auch wirklich Geld sein soll, dass dem Bürger gehört. Denn die Initiatoren haben mit ihrer Aussage (Video) schon recht, wenn sie sagen, dass ein Großteil des vorhandenen Geldes derzeit nicht wirklich den Bürgern direkt gehört. Das allermeiste Geld liegt nämlich elektronisch auf Bankkonten.

Nur eine Forderung gegen Banken

Dieses Geld ist aber nicht das direkte Eigentum der Bankkunden. Nein, es ist in der Schweiz, in Deutschland, und überall sonst wo das ungedeckte Papiergeldsystem benutzt wird, nur eine Forderung des Bankkunden gegen die Bank. Haben Sie also Geld auf dem Sparbuch, Termingeldkonto oder Girokonto, so ist dies nicht ihr unmittelbares Eigentum, sondern sie sind in diesem Augenblick halt nur Gläubiger gegenüber ihrer Bank. Geht der Schuldner (also die Bank) pleite, guckt der Gläubiger (also der Bankkunde) in die Röhre.

Bislang gibt es dafür Einlagensicherungsfonds. Aber in Deutschland wie auch in der Schweiz gilt: Gehen Giganten wie Deutsche Bank, Commerzbank, UBS oder Credit Suisse pleite, hilft ein Einlagensicherungsfonds nicht mal zu kleinen Bruchteilen. Da müsste schon der Staat einen gigantischen Scheck aus Steuergeldern ausschreiben, um diese Banken, die Einlagen und das gesamte Finanzsystem zu retten. Genau darauf haben die Initiatoren der Vollgeld-Initiative keine Lust mehr.

Sie wollen, dass auch die Forderungen gegen die Banken (die Bankguthaben der Kunden) zum Vollgeld werden – zum unmittelbaren Eigentum der Bürger, genau wie Bargeld. Nur noch die Schweizerische Nationalbank alleine soll für die Geldschöpfung zuständig sein. Die Banken sollen Kundengelder, die durch das Vollgeld der Notenbank gedeckt sind, separat verwalten. Somit hätte der Kunde jederzeit Zugriff aus seine vollen Einlagen, auch wenn die Bank den Bach runtergeht.

Vollgeld Pro und Contra

Das würde natürlich eine enorme Sicherheit für alle Einleger bieten und das System stabilisieren. Kritiker verweisen aber darauf, dass die Banken dann dann nicht mehr in Eigenregie zügig große Kredite vergeben können, und die Volkswirtschaft nicht mehr zielgrichtet fördern können. Für die Aktionäre der Banken wäre es ein Problem. Die Banken könnten nicht mehr ins Risiko gehen, und mit kleinem Eigenkapital aufs Risiko der Sparer Geld verleihen.

Die Banken würden nur noch Vermittler sein, und das von der Notenbank geschaffene Vollgeld an Kreditkunden weiter-vermitteln. Damit wäre es eine Degradierung der Banken zu reinen Abwicklern und Verwahrern. Das würde ihre Renditen natürlich schrumpfen lassen, was Aktionären und Vorständen wenig Freude bereiten dürfte. Die Angst, dass die Volkswirtschaft dann nicht mehr zielgerichtet und vollumfänglich mit Krediten versorgt wird, bespricht in einem Kommentar beispielsweise der angesehene Kommentator Thorsten Polleit (bitte hier klicken). Deutlich positiver wird das Vollgeld betrachtet vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (bitte hier klicken). Dort sieht man vor allem die Stabilisierung des Finanzsystems als großen Vorteil.

Hier das Video der Initiatoren.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

Vollgeld SNB-Zentrale
Die Schweizerische Nationalbank. Foto: SNB

9 Kommentare

9 Comments

  1. Avatar

    sabine

    7. Juni 2018 12:59 at 12:59

    Na, da bin ich ja mal gespannt.
    Wahrscheinlich wird es wieder nichts, weil die Banken Angst um ihren reichen Hintern haben und in den Qualitäts-Medien die richtigen Argumente streuen werden: „Preise gehen rauf, Löhne runter, Wertbewerbsnachteil zum Ausland, Exporte brechen ein…“ Das übliche blabla, genauso wie beim EU-Beitritt. Daß die Schweiz außerhalb der EU heute in EUropa wirtschaftlich viel besser als die restliche EU dasteht, vergleicht leider niemand mit den damaligen Horrorscenarien der „Qualitätsmedien“. Leider!
    Die Entscheider im Hintergrund sind noch viel zu stark, und die Masse zu whatsappt. (wotsääpt!)

  2. Avatar

    Ewald Kornmann

    7. Juni 2018 15:50 at 15:50

    Die Gegenkampagne läuft bereits seit Monaten. Argumente sind selten, üblicherweise wird nur Angst gemacht. Als Beispiel sei hier genannt: Kreditklemme, Steigende Zinsen, Steigende Gebühren, Entlassungen bei Banken, usw.
    argumente die dafür sprechen würden, werden in der Presse nur wenig genannt. Sogar der Bundesrat greift massiv in die Meinungsbildung ein. Er bezeichnet das heutige Bankensystem als so stabil wie noch nie…
    Dabei ist es doch ganz einfach, die Nationalbank soll das Geld (Münzen, Banknoten und Buchgeld) herstellen, und jede Bank kann damit Dienstleistungen erbringen.

  3. Avatar

    GN

    10. Juni 2018 10:01 at 10:01

    An diesem Artikel zeigt sich wieder, daß weder unser derzeitiges Geldsystem noch das Vollgeldsystem wirklich verstanden wird. Es ist ja quasi schon eine Sensation für mich, daß selbst der liebe Markus Fugmann langsam kapiert, wie unser derzeitiges Geldsystem wirklich funktioniert. Das Märchen von „Die Bank verleiht das Geld der Sparer“ muß wirklich langsam aus den Köpfen der Menschen entfernt werden…

    Geld wird heute nämlich nicht zum großen Teil durch die Zentralbanken geschaffen, sondern durch die Kreditvergabe der privaten Geschäftsbanken. Da bin ich den Schweizern wirklich sehr dankbar für diese Vollgeldinitiative, mit der endlich mal dieser systematische Betrug erklärt wird…

    Was aber ist Vollgeld??? Vollgeld ist natürlich auch nur aus dem Nichts geschaffenes Geld. Es hat keinerlei Deckung, außer das Vertrauen in dieses Geld. Vollgeld heiß nur Vollgeld, weil es ein voll gültiges gesetzliches Zahlungsmittel ist. Das ist das heutige Giralgeld/Buchgeld auf den Konten eben nicht. Die Einführung von Vollgeld wäre ein Quantensprung in Sachen Geldsicherheit, den eine Pleite einer Bank würde nicht das Guthaben bei einer insolventen Bank in Frage stellen…

    Die DWN haben heute einen sehr guten Artikel über die Fragen zum Vollgeld veröffentlicht…

    Ich empfehle die Vollgeldseite von Prof. Josepph Huber, der die eigentliche Kapazität im Bereich der Geldsystemkritik ist. Auf seiner Seite vollgeld.de findet manausführliche Informationen inkl. Masterarbeiten zur Kritik an der Geldschöpfung durch die privaten Geschäftsbanken…

    Mein Wunsch jetzt an die Macher der Finanzmarktwelt: Bitte führen sie die Menschen nicht weiter in die Irre, sondern klären sie die Menschen ehrlich darüber auf, wie unser Geldsystem wirklich funktioniert. Herzlichen Dank bereits dafür…

    Meine Prognose für die Abstimmung über die Vollgeldinitiative heute: Sie wird natürlich scheitern, weil das Bankenbetrugskartell die Menschen in der Schweiz mit dreisten Lügen über das Geldsystem derart verunsichert haben, daß sie dann lieber nichts ändern wollen.

    Das Narrativ über das Geld, also der systematische Volksbetrug ist leider so gravierend, daß es sicherlich einen weiteren Anlauf benötigt, bis das „Fake-Money“, wie es Christoph Pfluger es zurecht nennt, durch ein wenigstens faires Geldsystem abgelöst wird, in dem der Souverän dann auch der Nutznießer des gewaltigen Geldschöpfungsgewinns sind und nicht das mafiöse Bankenkartell.

    Insoweit sind Systemverteidiger, wie Polleit, für mich nicht relevant. Poleit, den ich seit rund 20 Jahren kenne, ist Teil des Bankenkartzels. Heute verkauft er Gold, na, was wird er da wohl für ein Interesse haben??? Und danach sollte man halt immer fragen: Welches Interesse verfolgt da ein „Analyst“…

    Viele Grüße und einen schönen Sonntag

    GN

    Hier der Link zum DWN_Artikel:

    https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2018/06/09/vollgeld-initiative-steuert-die-schweiz-den-untergang/

  4. Avatar

    GN

    10. Juni 2018 10:04 at 10:04

    ….ach btw. ich nehme meine Kritik an der neuen Seite zurück. Durch die Funktion der letzten 10 Artikel und das Archiv ist es jetzt absolut okay…VG

  5. Avatar

    achill

    13. Juni 2018 10:05 at 10:05

    Eine einfache Frage. Wenn alles Geld – Schulden sind. Wie bitte, soll ich die Schulden mit Geld bezahlen? Verstehen Sie?
    Auch wenn es niemand hören möchte, Sie können die Schulden nur mit einer konkreten Leistung oder einem realen Sachwert begleichen.
    Sollange es ein Zentralbankensystem gibt, werden die Menschen nicht frei sein. Sie sind Sklaven, auch Vollgeld löst das Problem nicht, den das Geld wurde durch ein Akt der Verschuldung geschaffen. Auch Zinsen funktionieren nicht, weil das Geld ja gar nicht knapp ist. Es ist unbegrenzt möglich es zu erschaffen.

    • Avatar

      Ewald Kornmann

      13. Juni 2018 10:37 at 10:37

      Wenn Sie den vorgeschlagenen Verfassungstext lesen, sehen Sie auch die schuldfreie Ausgabe von Geld. Zumindest ein Teil des neu ausgegebenen Teils soll schuldfrie sein. Ein Teil kann als Kredite an die Banken vergeben werden, um die Geldmenge auch regulieren zu können.
      Hier wird das von Ihnen angesprochenen Thema verwendet.
      Ihre Aussage an sich ist aber richtig.

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Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

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Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

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EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

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In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

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EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

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