An der Wall Street herrscht derzeit eine fast schon trotzig anmutende Gelassenheit. Weder geopolitische Spannungen noch aggressive Zollandrohungen aus dem Weißen Haus konnten den Aufwärtstrend bremsen. Der S&P 500 bewegt sich nahe an seinem Allzeithoch, während Anleger unbeirrt auf weiter steigende Kurse setzen. Trotz wiederkehrender Warnungen vor Überhitzung zeigt sich der Aktienmarkt robust wie selten zuvor – getrieben von einem neuen Selbstbewusstsein, das selbst politische Risiken nur noch als potenzielle Kaufgelegenheiten betrachtet. Doch wie lange kann der Markt noch an der Wall of Worry entlang klettern? Ein Blick auf die aktuelle Marktlage offenbart eine bemerkenswerte Mischung aus Momentum, Risikofreude und strategischer Gleichgültigkeit – mit ungewissem Ausgang.
Aktienmarkt erklimmt die „Wall of Worry“
Laut einem Bericht von Bloomberg scheint die Widerstandskraft der Wall Street mittlerweile nahezu unerschütterlich zu sein. Trotz anhaltender geopolitischer Spannungen, wirtschaftspolitischer Drohungen und geldpolitischer Unsicherheiten blieben die Anleger gelassen und hievten den S&P 500 auf ein neues Rekordhoch. Nach der hohen Inflation, dem Zollschock und den Auseinandersetzungen im Nahen Osten lässt sich kaum noch ein Szenario vorstellen, das den Aktienmarkt ernsthaft erschüttern könnte. Die kampferprobten Wall-Street-Bullen sind nur schwer zu erschrecken.
Auch in der abgelaufenen Handelswoche wurden die spekulativen Tendenzen der Anleger wieder deutlich. Präsident Donald Trump verschärfte seine Handelsrhetorik und kündigte neue Zölle an, darunter eine 35-prozentige Abgabe auf kanadische Produkte und eine 50-prozentige gegen Braslien sowie auf Kupfer. Dennoch kletterte der Bitcoin auf ein neues Rekordhoch von über 118.000 US-Dollar, die Volatilität am Aktienmarkt blieb niedrig und der S&P 500 notierte in der Nähe seines Höchststands. Demzufolge setzten Privatanleger verstärkt auf riskante Spekulationen.
Diese Entwicklung wird als Ausdruck von Resilienz gewertet – als das Ergebnis zahlreicher überstandener Krisen. Selbst die Aussicht auf einen neuen, von den USA ausgehenden Handelskonflikt wird derzeit kaum beachtet, was zu bullischen Wetten quer über alle Anlageklassen führt. Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, bezeichnet dieses Verhalten allerdings als „Selbstzufriedenheit“. Anleger blenden alle Risiken aus, sodass der Aktienmarkt entlang der sogenannten „Wall of Worry“ klettert.

Die Aktienrally ergibt Sinn
Für viele Anleger, die in Kryptowährungen, Technologiewerte, gehebelte ETFs oder Rohstoffe investiert sind, fühlt sich die aktuelle Entwicklung hingegen wie eine Bestätigung ihrer Strategien an. „Wir glauben absolut, dass die jüngste bullische Preisentwicklung bei Risikoanlagen Sinn ergibt“, sagt Max Kettner, Chefstratege für Multi-Asset-Anlagen bei HSBC. „Das betrifft längst nicht mehr nur Aktien, sondern fast alle Risikoanlagen. Tatsächlich sind Anleger unserer Meinung nach erneut unterinvestiert und kämpfen weiter gegen die Rallye.“
Trotz steigender Unsicherheitsindikatoren, wie dem globalen Handelsunsicherheitsindex, zeigt sich der Aktienmarkt unbeeindruckt. Der S&P 500 schloss am Freitag knapp unter seinem Rekordhoch, die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen lagen auf Jahrestief, Bitcoin-ETFs verzeichneten weiter Zuflüsse, die Volatilität – gemessen etwa an Schwankungen bei US-Staatsanleihen – sank auf ein 3,5-Jahres-Tief. Auch bei Öl und Gold herrschte Ruhe.

Derweil warnte Trump, dass neue und höhere Zölle ab dem 1. August greifen würden, falls es keine besseren Handelsvereinbarungen gäbe. Die Ankündigung des 35-prozentigen Zolls auf kanadische Waren erfolgte just am Tag, an dem der S&P 500 ein Allzeithoch erreichte. „Die Wall Street hat bislang durchweg alle Probleme abgeschüttelt, darunter auch die Zölle und sogar den kurzen Konflikt zwischen Israel und Iran“, so Josh Kutin, Leiter für Multi-Asset-Lösungen bei Columbia Threadneedle. „Wenn der Aktienmarkt auf all das nicht negativ reagiert, sehe ich kurzfristig kaum Gründe, warum sich das ändern sollte.“
Kutin verweist zudem auf die Tendenz der US-Regierung, bei negativer Marktreaktion ihre Politik schnell wieder zu revidieren. Für ihn ist das ein Signal, im Dip gezielt weitere Aktienpositionen aufzubauen. Portfoliosignale deuten laut ihm klar auf „bullish“, gestützt durch starke Kursdynamik und geringe Volatilität. Auch wenn sich die aktuelle Lage „etwas überhitzt“ anfühle, sehe er weiteres Aufwärtspotenzial.
Optimismus vs. Risiken
Dieser Optimismus spiegelt sich in einem an der Wall Street populären Narrativ wider: der „TACO“-Trade – „Trump Always Chickens Out“. Gemeint ist die Annahme, dass die Regierung ihre Zollandrohungen letztlich zurückzieht oder deren Auswirkungen auf die US-Wirtschaft zu vernachlässigen sind. Unabhängig von der Motivation überwiegt derzeit der Optimismus.
Trump selbst bejubelte auf Social Media die neuen Rekordhochs bei Technologie- und Industrieaktien sowie den unaufhaltsamen Aufstieg von Bitcoin. Diese neue Marktstärke, gewachsen in einem Umfeld, das Skeptiker immer wieder abgestraft hat, beunruhigt jedoch manche Profis. „Die Leute gewöhnen sich zu sehr an den Gedanken, dass Trump immer wieder zurückrudert“, warnt David Lebovitz, globaler Multi-Asset-Stratege bei JPMorgan Asset Management. „Wir sind von einer Welt, in der niemand etwas wusste, zu einer übergegangen, in der jeder glaubt, alles zu wissen. Es fühlt sich fast wie ein Stresstest an – wie weit kann man gehen, bevor erste Risse sichtbar werden?“
Auch JPMorgan-Chef Dimon sieht die Lage kritisch. Trotz des Kursfeuerwerks an der Wall Street betont er, dass ein Handelsabkommen mit Europa noch ausstehe und die US-Notenbank die Zinsen wahrscheinlich langsamer senken werde als vom Markt erwartet. „Die Rallye am Aktienmarkt ist zu weit gegangen“, warnt Kristina Hooper, Chefstrategin bei Man Group. „Die Zollsituation ist noch längst nicht geklärt. Für Anleger ist es extrem schwer, das einzupreisen – also ignoriert man lieber die möglichen Folgen.“
Risiko für Enttäuschungen
Hooper empfiehlt, in diversifizierte Aktienmärkte mit attraktiveren Bewertungen umzuschichten – etwa nach Europa, Großbritannien oder sogar China. „Ich bin eine nüchterne Realistin“, sagt sie. „Die Bewertungen sind historisch hoch. Und wenn Aktien nahezu perfekt bepreist sind, steigt das Risiko für Enttäuschungen.“
Jose Minaya, Global Head von BNY Investments and Wealth, sagt, dass die Volatilität anhalten wird und der Lärm an den Aktienmärkten so groß ist wie nie zuvor.
Trotz dieser Bedenken glaubt Max Kettner, dass die USA ihre Ausnahmestellung behaupten werden. Er erhöht daher bei HSBC die Übergewichtung amerikanischer Aktien. Sollte Trump seine Zolldrohungen zurücknehmen, könne das sogar als Kurstreiber wirken. In Kombination mit einem schwächeren Dollar und gesenkten Gewinnerwartungen könnte die bevorstehende Berichtssaison den Aktienmarkt weiter stützen. „Wir widersprechen der Vorstellung von Selbstzufriedenheit entschieden“, sagt Kettner. „Aktien und Risikoanlagen sind gut positioniert, um die Wall of Worry in den kommenden Wochen weiter zu erklimmen.“
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken















Es wurde begriffen, dass durch frisches Geld repariert wird was vorher mutwillig kaputtgeschlagen wurde. Jedes Argument auf der Bären Seite wird mit Liquidität der steigenden Geldmengen gekontert. Ein Zinsschock oder das Zulassen großer Insolvenzwellen und Rezession wären die verbliebenen schwarzen Schwäne. Also auch da wieder nur mutwillige Zerstörung. Die Münze wurde geworfen und sie hat für Inflation entschieden. Scala mobile.
Unabhängig davon, sollte jedem klar sein, die Performance der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wird sich unmöglich eins zu eins wiederholen lassen..
Weder die gut 700 Prozentpunkte ,seit der Finanzkrise ,noch die gu 300 % Wertzuwachs seit der Jahrtausendwende sind nochmals drin…( z,b. im S&P500)..
vielen
Vielleicht können sich die weltweiten Finanzmärkte nochmals verdoppeln, in den nächsten 25 Jahren wohlgemerkt,was dann einem Kupon ,bei festverzinslichen Wertpapieren , von gerade mal 4 Prozent jährlich entsprechen würde…
Soviel gibt es jetzt schon für krisensichere Staatsanleihen…teilweise auch noch mehr..
Im möglichst billigem Einkauf liegt der zukünftige Gewinn…für die Aktionäre…Und die jetzigen Aktienmärkte sind teuer,sehr teuer..
Ein Nasdaq 100, der zum Beispiel seit dem März des Jahres 2009, um satte 2100 Prozent zulegte, ist nicht mehr günstig…der ist teuer! Sauteuer!
Dabei ist es egal ob die Märkte,nochmals ein paar hundert Punkte zulegen können oder nicht…das Gros des Anstiegs in diesem Superzyklus ist gegessen…
Man konnte jetzt schon sehen ,wie schwer sich zum Beispiel der S&P 500 tut ,weitere Wertzuwächse seit dem Winter zu erzielen…
Gut es gab die kleine Korrektur im April, aber ganz ehrlich ,auch ohne die wäre es schwer geworden..
Wann ist das Ende der Fahnenstange diesmal erreicht…? Wann kommt der ultimative Crash? Wir wissen es nicht mit Bestimmtheit..jedoch könnte es schneller dazu kommen ,als manchem lieb ist…
Wie sagte es Kostolany mal ganz treffend: „Am Tage des Ausstiegs wird nicht geklingelt..“..
Das ist so mit teuren Aktienmärkten, es ist der Fluch der Vergangenheit..