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Überreaktion oder Strukturwandel? Wall Street im KI-Disruptionsmodus: „Sell first, ask later“

Wall Street im KI-Disruptionsmodus: Erst verkaufen, dann fragen
Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse (NYSE). Foto: Michael Nagle/Bloomberg

Die KI-Angst an der Wall Street treibt Investoren dazu, Aktien reflexartig abzustoßen, sobald Unternehmen ins Visier künstlicher Intelligenz geraten. Von Softwareanbietern über Vermögensverwalter bis hin zu Versicherungsbrokern stehen zahlreiche Titel unter Druck. Neue KI-Produkte von Start-ups wie Anthropic verschärfen die Sorge vor Disruption und strukturellen Risiken für etablierte Geschäftsmodelle. Der Aktienmarkt reagiert empfindlich – nicht selten mit massiven Kursverlusten. Doch handelt es sich um eine rationale Neubewertung oder um eine Überreaktion?

Wall Street: Verkaufswelle durch KI-Furcht

An der Wall Street dominiert zunehmend ein neues Handelsmuster: Verkaufen, sobald künstliche Intelligenz ein Geschäftsmodell potenziell bedroht. Steigende Sorgen vor technologischer Disruption setzen Aktien quer durch verschiedene Branchen unter Druck – von kleineren Softwareanbietern bis hin zu großen Wealth-Management-Häusern.

Wie Bloomberg berichtet, wurde der jüngste Abverkauf am Dienstag durch die Einführung eines Steuerstrategie-Tools des bislang wenig bekannten Start-ups Altruist ausgelöst. Die Folge: Aktien von Charles Schwab, Raymond James Financial und LPL Financial verloren jeweils 7 % oder mehr. Für einige dieser Titel war es der stärkste Rückgang seit dem durch Handelskonflikte ausgelösten Markteinbruch im April.

Doch dieser Kursrutsch ist an der Wall Street kein Einzelfall. Er steht exemplarisch für eine „Sell first, ask later“-Mentalität, die sich rasch etabliert hat. Hunderte Milliarden Dollar, die in KI investiert wurden, beginnen sich in marktfähige Produkte zu verwandeln – und genau das schürt die Angst, dass ganze Industrien strukturell umgekrempelt werden könnten.

„Jedes Unternehmen mit auch nur einem Hauch von Disruptionsrisiko wird derzeit wahllos verkauft“, erklärt John Belton, Portfoliomanager bei Gabelli Funds.

KI-Disruption an der Wall Street: Aktien-Ausverkauf weitet sich aus
Vermögensverwaltungsaktien stürzen aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich KI-Risiken ab

In den vergangenen Jahren standen KI-Fortschritte im Zentrum der Wall-Street-Rally. Technologieaktien führten den Aktienmarkt auf neue Rekordstände. Gleichzeitig blieb die Debatte bestehen: Handelt es sich um eine Spekulationsblase – oder um den Beginn eines Produktivitätsschubs, der Corporate America grundlegend transformiert?

Seit Anfang letzter Woche hat sich der Fokus jedoch deutlich verschoben. Statt gezielt Gewinner der KI-Revolution auszuwählen, versuchen Investoren nun vor allem, potenzielle Verlierer zu meiden.

„Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes kommt“, sagt Will Rhind, CEO von Graniteshares Advisors. Noch im vergangenen Jahr habe man an KI geglaubt, aber nach konkreten Anwendungsfällen gesucht. Jetzt, da immer leistungsfähigere Use Cases auftauchen, rücke die Disruption real in den Vordergrund.

Branchen im Disruptionsmodus

Besonders stark betroffen ist die Softwareindustrie – dort existieren seit Längerem Sorgen, dass KI klassische Entwicklungs- und Dienstleistungsmodelle untergräbt. Inzwischen greifen die Ängste jedoch auf weitere Sektoren über.

Neue Tools von Anthropic lösten zuletzt deutliche Kursverluste in den Bereichen Software, Finanzdienstleistungen, Asset Management und Rechtsberatung aus. Am Montag traf es US-Versicherungsbroker, nachdem der Online-Marktplatz Insurify eine Anwendung vorgestellt hatte, die mithilfe von ChatGPT Autoversicherungsraten vergleicht.

Am Dienstag gerieten an der Wall Street dann Vermögensverwalter unter Druck. Auslöser war „Hazel“, ein neues Produkt von Altruist, das Finanzberatern ermöglicht, Anlagestrategien für Kunden automatisiert zu personalisieren.

Altruist-CEO Jason Wenk zeigte sich selbst überrascht über das Ausmaß der Marktreaktion, durch die Milliarden an Börsenwert vernichtet wurden. Gleichzeitig wertet er sie als klares Signal für die wahrgenommene Wettbewerbsbedrohung.

Die zugrunde liegende Architektur könne im Prinzip jede Tätigkeit im Wealth Management ersetzen. Mithilfe von KI können Unternehmen Aufgaben, die bislang ganze Teams übernehmen, für rund 100 Dollar pro Monat automatisieren.

Unternehmen wie OpenAI und Anthropic haben bereits erhebliche Fortschritte im Bereich Software Engineering erzielt. Ihre Produkte helfen Entwicklern, Code schneller zu schreiben und Fehler effizienter zu beheben. Die Expansion in andere Branchen läuft.

Dennoch bleiben zentrale Fragen offen: Wie schnell und wie umfassend wird die Technologie tatsächlich adaptiert? Das Bankwesen etwa sah sich in der Vergangenheit wiederholt technologischen Herausforderungen gegenüber – durch Krypto oder digitale Plattformen – ohne dass seine dominante Stellung nachhaltig erschüttert wurde.

Überreaktion oder Strukturwandel?

Nicht alle an der Wall Street teilen die drastische Einschätzung. John Belton von Gabelli Funds bezweifelt, dass die abrupte Verschiebung von „KI-Blase“ zu „flächendeckender Disruption“ rational ist. Zwar werde es in jeder Branche Gewinner und Verlierer geben. Historisch betrachtet dauere technologische Disruption jedoch meist länger als erwartet.

Ein weiterer Faktor könnte die hohe Bewertung vieler Aktien sein. Die Kursgewinne der vergangenen Jahre – getragen vom KI-Investitionsboom und einer überraschend robusten US-Wirtschaft – haben die Bewertungsniveaus stark angehoben. In einem solchen Umfeld reagieren Investoren besonders sensibel auf negative Signale.

Bereits ein vager Hinweis auf potenzielle Risiken könne ausreichen, um einen Titel zweistellig abstürzen zu lassen – eine Dynamik, die in weniger aufgeheizten Marktphasen kaum denkbar wäre.

Für Ross Gerber, CEO von Gerber Kawasaki, ist die aktuelle Angst vor KI-Verlierern verfrüht. Es sei schlicht zu früh, um die langfristigen Auswirkungen verlässlich zu quantifizieren.

Zwar lasse sich versuchen, ein Szenario für die Welt in fünf Jahren zu entwerfen. Doch letztlich befinde sich der Markt noch in einer sehr frühen Phase der KI-Entwicklung. Trotzdem versuchten Investoren bereits heute, definitive Urteile zu fällen – mit entsprechend heftigen Kursreaktionen.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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2 Kommentare

  1. U.a. die Softwareindustrie ist von KI betroffen. Die Künstliche Intelligenz kann aber reguliert werden.

  2. KI auf dem Vormarsch – Branchen unter disruptivem Algorithmusdruck

    Rechtsberatung:
    Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ChatGPT als Verteidiger des Angeklagten neben Grok als xAI-Anwalt des alles und jeden verklagenden Präsidenten in generativer Anwaltsrobe vor dem Greisenkonsortium namens Supreme Court auftreten wird 😃
    In den USA gab es bereits den Fall Mata v. Avianca, bei dem Anwälte ChatGPT nutzten und das Tool prompt sechs komplett fiktive Gerichtsurteile erfand.

    Software:
    Sogar Microsoft warnt schon heute vor unkalkulierbaren Risiken und «blinden Flecken in der Unternehmenssicherheit» durch den Einsatz von autonomen Softwarehelfern mit Künstlicher Intelligenz, da diese Tür und Tor für Cyberangriffe mit neuen Angriffsmethoden öffnen. Das Unternehmen betont, dass es sich nicht nur um theoretische Risiken handelt – es wurden bereits konkrete KI-Angriffstechniken wie etwa «Memory Poisoning» identifiziert.

    Finanz- und Versicherungsdienstleistungen:
    Auf diesen Gebieten dürfte das größte Vorteilspotenzial für Kunden und Verbraucher liegen: 100 % Eigeninteresse selbstsüchtiger humanoider Abzocker werden ersetzt durch halluzinierende digitale Münzwerfer – persistente Serveranbindung inklusive, Trefferwahrscheinlichkeit: 50 %.
    Frühere Risikoprofile menschlicher Akteure werden vollständig auf algorithmische Zufallsgeneratoren übertragen, Effizienzgewinne durch Reduktion irrationaler Entscheidungsinstanzen erwartet.

    Asset Management:
    Dieser Bereich zeigt sich besonders innovativ: Hier wird das klassische Fondsmanagement durch «Agentic AI» ersetzt. Früher konnten menschliche Manager zumindest noch plausible Ausreden für schlechte Performance erfinden. Demnächst schieben wir die Verantwortung einfach auf autonome Algorithmen, die mittels «Shadow AI» heimlich mit dem Firmenkonto zocken und dabei so überzeugend halluzinieren, dass sogar Aufsichtsbehörden wie SEC oder BaFin vor Ehrfurcht erstarren.

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