Aktien

Die Alles-Korrektur Wall Street im Reset: Bitcoin, Aktien und Edelmetalle brechen ein

Wall Street im Reset: Bitcoin, Aktien und Edelmetalle brechen ein
Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse. Foto: Michael Nagle/Bloomberg

Aktienmärkte, Tech-Werte, Bitcoin sowie Gold und Silber geraten gleichzeitig unter Druck: Ein breit angelegter Ausverkauf an der Wall Street erschüttert derzeit die Finanzmärkte. Steigende Bewertungsängste, Unsicherheit über Künstliche Intelligenz und Zinspolitik der US-Notenbank sowie schwache Arbeitsmarktdaten führen zu einer abrupten Risikoaversion bei Investoren. Was als kleine Korrektur begann, entwickelt sich zunehmend zu einer grundlegenden Neubewertung der beliebtesten Anlageklassen.

Wall Street im Reset: Die Alles-Korrektur

Tag für Tag ist an der Wall Street zu beobachten, wie die zuvor euphorische Jagd nach den angesagtesten Trades – von Tech-Aktien über Gold bis hin zu Kryptowährungen – einer plötzlichen Flucht aus Risikoanlagen weicht. Anders als bei früheren Markteinbrüchen gibt es diesmal keinen einzelnen Auslöser, der den Umschwung erklärt.

Im vergangenen April etwa war es der eskalierende Handelskrieg von Präsident Donald Trump, der die Märkte in einen abrupten Abwärtsstrudel schickte. Heute hingegen ist es eine anhaltende Abfolge negativer Nachrichten, die zunehmend Zweifel an den Bewertungen schürt – Bewertungen, die viele Marktteilnehmer ohnehin schon als zu hoch empfunden hatten. Das Ergebnis: Anleger ziehen sich zeitgleich aus mehreren Assetklassen zurück. Sowohl der Krypto-Crash als auch die Korrektur bei Edelmetallen setzten sich parallel fort.

Laut einem Bericht von Bloomberg wurde diese Entwicklung am Donnerstag besonders deutlich. Der S&P 500 fiel um 1,2 % und verzeichnete damit den dritten Verlusttag in Folge. Der Nasdaq 100 rutschte weiter ab und erlebte seinen stärksten Rückgang seit April. Vor allem Software- und Tech-Aktien gerieten unter Druck, nachdem das KI-Startup Anthropic ein neues KI-Modell vorgestellt hatte, das speziell für Finanzanalysen entwickelt wurde. Bereits zum zweiten Mal in dieser Woche sorgte das Unternehmen damit für Unruhe an der Wall Street – ein klares Signal für den zunehmenden Wettbewerbsdruck durch neue KI-Technologien.

Nasdaq 100 erlebt schlimmsten Dreitagesrückgang seit April

Flucht aus Risikoanlagen

Auch andere Anlageklassen blieben nicht verschont. Silber, das zuvor gemeinsam mit Gold neue Rekordstände erreicht hatte, fiel am Freitag zeitweise auf 64 Dollar zurück und büßte damit fast 50 % gegenüber seinem Allzeithoch ein. Auch Bitcoin befindet sich im freien Fall: Die Kryptowährung verlor mehr als 13 % an Wert und testete die Marke von 60.000 Dollar. Damit wurden sämtliche Kursgewinne seit Trumps Wahlsieg vor rund 15 Monaten ausgelöscht. Besonders betroffen waren gehebelte Positionen, die mit Fremdkapital finanziert worden waren und nun hastig aufgelöst wurden.

US-Staatsanleihen hingegen legten zu und erfüllten einmal mehr ihre Rolle als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten. Nach Börsenschluss sorgte zudem Amazon für einen Schock: Die Aktie stürzte um über 11 % ab, nachdem der Konzern angekündigt hatte, in diesem Jahr rund 200 Milliarden US-Dollar investieren zu wollen. Analysten hatten deutlich geringere Ausgaben erwartet und warnen zunehmend vor einer möglichen Überinvestition der Tech-Branche in Künstliche Intelligenz.

Die Nervosität griff rasch auf die asiatischen Märkte über. In Südkorea brachen Aktien zeitweise um mehr als 5 % ein, angeführt von den Chipgiganten Samsung Electronics und SK Hynix. Auch in anderen Teilen der Region gaben die Kurse im frühen Handel um rund 1 % nach. Gleichzeitig signalisierten Futures auf den Nasdaq weitere Verluste für die US-Aktienmärkte.

„Die Anleger positionieren sich klar defensiver“, erklärte Brian Frank, Präsident und Portfoliomanager bei Frank Funds. „Es ist derzeit eher ein erst schießen, dann Fragen stellen-Umfeld.“

Stimmungswandel an der Wall Street

Diese Entwicklung markiert einen deutlichen Stimmungsumschwung gegenüber dem Jahresbeginn. Damals hatten viele Wall-Street-Strategen prognostiziert, dass die Aktienmärkte vor der längsten Gewinnserie seit fast zwei Jahrzehnten stünden. Grundlage dieser optimistischen Einschätzungen waren drei zentrale Annahmen: ein anhaltender KI-Boom, eine überraschend robuste US-Wirtschaft und baldige Zinssenkungen durch die Federal Reserve.

Grundsätzlich sind diese Erwartungen nicht völlig vom Tisch. Die jüngsten Unternehmenszahlen fielen größtenteils solide aus und stützten das Bild einer weiterhin widerstandsfähigen Wirtschaft. Gleichzeitig rücken jedoch die Risiken stärker in den Fokus der Anleger.

Dazu zählen Unternehmen, die durch den KI-Fortschritt verdrängt werden könnten, sowie politische Unsicherheiten rund um die US-Notenbank. Insbesondere die mögliche Ernennung von Kevin Warsh als Nachfolger von Jerome Powell wirft Fragen zur zukünftigen geldpolitischen Ausrichtung auf. Hinzu kommen stark gestreckte Bewertungen bei Vermögenswerten wie Gold, Bitcoin oder auch Tech-Schwergewichten wie Alphabet, die langfristig schwer zu rechtfertigen sein könnten.

Zusätzlichen Druck erzeugten neue Arbeitsmarktdaten. Zahlen des Beratungsunternehmens Challenger, Gray & Christmas zeigten, dass US-Unternehmen im Januar so viele Stellenstreichungen ankündigten wie seit der Großen Rezession 2009 nicht mehr. Das nährte die Sorge, dass die wirtschaftliche Dynamik erste Risse bekommt.

Bitcoin im freien Fall

Am heftigsten fiel die Korrektur bei Bitcoin aus. Nach einem rasanten Höhenflug im vergangenen Jahr, ausgelöst durch Trumps Wahlsieg und eine spekulative Welle im Kryptomarkt, ist die digitale Leitwährung in diesem Monat massiv unter Druck geraten. Investoren ziehen Kapital ab, während sich die Risikobereitschaft spürbar verringert.

Im Laufe des Donnerstags verschärfte sich der Abverkauf weiter und zog andere Kryptowährungen, börsengehandelte Fonds sowie Unternehmen mit großen Bitcoin-Beständen – wie Strategy Inc. – mit nach unten. Am Freitagmorgen in Asien stürzte Bitcoin auf rund 60.000 US-Dollar. Damit hat sich der Kurs seit dem Rekordhoch vor vier Monaten mehr als halbiert.

„Die Angst und Unsicherheit am Markt sind deutlich spürbar“, sagte Chris Newhouse, Leiter der Geschäftsentwicklung bei Ergonia.

An den Aktienmärkten verlief der Rückgang insgesamt moderater, doch die Schwäche war breit gestreut. Neun von elf Branchen im S&P 500 gaben nach. Neben den Sorgen über mögliche Verlierer des KI-Zeitalters wächst auch die Skepsis, ob sich die milliardenschweren Investitionen in die Technologie tatsächlich auszahlen werden. Das zeigte sich unter anderem bei Alphabet, dessen Aktie trotz übertroffener Umsatzerwartungen nach der Vorstellung ehrgeiziger Ausgabenpläne fiel.

Kim Forrest, Chief Investment Officer bei Bokeh Capital Partners, sieht in der aktuellen Entwicklung vor allem eine überfällige Korrektur. Die beliebtesten Aktien und Anlageklassen hätten schlicht zu stark zugelegt.

„Das ist ein Reset an der Wall Street“, sagte sie. „Das Momentum hat sich erschöpft.“

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

3 Kommentare

  1. Der Markt entwickelt sich zunehmend zu einem „Meme Markt“.

    Liquidität wandert im Herdentrieb von einem gehypten Asset zum Nächsten.

    Edelmetalle haben allerdings einen guten fundamentalen Grund tendenziell zu steigen. Zwar mit immer größeren Schwankungen durch Meme Effekte, aber sie werden weiter steigen.

    Den es gibt keinen politischen bzw. gesellschaftlichen Willen, die Schuldenprobleme dich Leistung und Sparen zu lösen.

    Das wird die Ursache für ein Scheitern des Fiatgeldes, so wie wir es kennen.

  2. In Sachen US-Techriesen Facebook, Instagram und die Amazon Prime Video-App, im Zusammenhang mit mobilen Endgeräten und der Künstliche Intelligenz brauchen wir die Kultur der zweiten Chance im Rahmen der gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik für diejenigen KI-Start-ups, die keine Software zerdeppern, und zwar schnell.

  3. Guten Morgen. Was genau soll das bedeuten?

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung


Meist gelesen 7 Tage