Mit dem Blick auf das neue Jahr kristallisiert sich am Aktienmarkt ein zentrales Thema heraus: Die Technologiegiganten, allen voran die Magnificent Seven, die den laufenden Bullenmarkt bislang maßgeblich getragen haben, könnten ihre dominierende Rolle einbüßen und künftig nicht mehr den Takt an der Wall Street vorgeben. Stattdessen mehren sich die Signale für einen tiefgreifenden Strategiewechsel der Investoren – weg von Tech-Aktien und hin zu neuen Gewinnern mit potenziell weitreichenden Folgen für die Marktstruktur im Jahr 2026.
Wall Street rotiert aus Tech-Aktien
Die Wall Street richtet ihren Blick für das Börsenjahr 2026 zunehmend neu aus. Während Tech-Aktien in den vergangenen Jahren die treibende Kraft des Bullenmarkts waren, mehren sich nun die Anzeichen für eine strategische Neugewichtung. Laut einem Bericht von Bloomberg raten große Investmenthäuser wie die Bank of America und Morgan Stanley Investoren dazu, sich schrittweise von den dominierenden US-Technologieriesen zu lösen und verstärkt auf bislang vernachlässigte Sektoren zu setzen.
Im Fokus stehen dabei klassische zyklische Bereiche wie Gesundheitswesen, Industrie und Energie. Diese Branchen gelten als Profiteure einer sich verbreiternden wirtschaftlichen Erholung in den USA. Die zentrale These vieler Strategen lautet: Die Magnificent Seven, zu denen unter anderem Nvidia, Microsoft und Amazon zählen, werden den Aktienmarkt nicht länger im Alleingang antreiben.
Über Jahre hinweg galten Investitionen in große Tech-Aktien als nahezu alternativlos. Solide Bilanzen, hohe Margen und stetiges Gewinnwachstum machten die Konzerne zum Rückgrat der Rally. Doch nach einem Kursanstieg von rund 300 Prozent seit Beginn des Bullenmarkts vor drei Jahren wächst die Skepsis, ob die hohen Bewertungen weiterhin zu rechtfertigen sind – insbesondere angesichts der massiven Investitionen in künstliche Intelligenz. Enttäuschende Quartalszahlen von Branchengrößen wie Oracle und Broadcom haben diese Zweifel zuletzt verstärkt.
Gleichzeitig nimmt der Optimismus für die US-Konjunktur insgesamt zu. Diese Gemengelage könnte laut Marktbeobachtern dazu führen, dass Kapital aus den übergewichteten Mega-Caps abgezogen und verstärkt in bislang schwächere Marktsegmente umgeschichtet wird – ein Trend, der sich bereits in der vergangenen Woche abzeichnete, als der Standardwerteindex Dow Jones den technologielastigen Nasdaq 100 outperformte. Craig Johnson von Piper Sandler bringt es auf den Punkt: „Ich höre, dass Investoren Geld aus dem Trade mit den Magnificent Seven abziehen und es anderswo im Aktienmarkt anlegen.“ Künftig gehe es nicht mehr nur darum, „Microsofts und Amazons hinterherzulaufen“, sondern die Rally breiter aufzustellen.

Umschichtung am Aktienmarkt gewinnt an Dynamik
Erste Marktdaten deuten darauf hin, dass diese Rotation bereits begonnen hat. Seit dem jüngsten Zwischentief am 20. November legte der Small-Cap-Index Russell 2000 um elf Prozent zu – etwa doppelt so stark wie ein Bloomberg-Index der Magnificent Seven. Auch der gleichgewichtete S&P 500 übertraf zuletzt die klassische, nach Marktkapitalisierung gewichtete Variante. Dies signalisiert, dass kleinere und mittelgroße Unternehmen an Bedeutung gewinnen.
Strategas Asset Management erwartet für 2026 eine „große Sektorrotation“ hin zu bisherigen Nachzüglern wie Finanz- und Konsumwerten. Ähnlich argumentiert Morgan Stanley. Chefstratege Michael Wilson betont: „Wir glauben, dass Big Tech weiterhin solide abschneiden kann, aber hinter neuen Gewinnern zurückbleibt – insbesondere im zyklischen Konsum sowie bei Small- und Mid-Caps.“ Seiner Einschätzung nach befindet sich die US-Wirtschaft nach dem Tief im April in einer frühen Zyklusphase, die traditionell zyklische und qualitativ schwächere Aktien begünstigt.
Auch Bank-of-America-Stratege Michael Hartnett sieht die Wall Street bereits im Vorgriff auf eine wachstumsfreundliche Politik für 2026. Investoren rotierten aus Mega-Caps in Mid-, Small- und Micro-Caps – weg von „Wall Street“ hin zu „Main Street“. Der langjährige Marktbeobachter Ed Yardeni empfiehlt inzwischen ebenfalls, Tech-Aktien im Vergleich zum restlichen Aktienmarkt unterzugewichten, da sich die Gewinnverteilung verändern dürfte.

Fundamentaldaten stützen Marktbreite
Die Fundamentaldaten sprechen zunehmend für diese Sichtweise. Laut Goldman Sachs soll das Gewinnwachstum der verbleibenden 493 Unternehmen im S&P 500 im Jahr 2026 auf neun Prozent steigen, nach sieben Prozent im laufenden Jahr. Gleichzeitig dürfte der Gewinnanteil der sieben größten Konzerne auf 46 Prozent sinken, von zuvor 50 Prozent. Das unterstreicht die wachsende Bedeutung des breiteren Marktes jenseits der Magnificent Seven.
Allerdings mahnen einige Experten zur Vorsicht. Michael Bailey von FBB Capital Partners betont, Investoren wollten zunächst klare Belege sehen, dass die sogenannten S&P 493 die Gewinnerwartungen tatsächlich erfüllen oder übertreffen. Sollten Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten stabil bleiben und die US-Notenbank Fed ihren Lockerungskurs fortsetzen, könne sich jedoch „eine bullische Bewegung im breiten Aktienmarkt“ entwickeln.
Die Federal Reserve hat zuletzt zum dritten Mal in Folge die Zinsen gesenkt und weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Das geldpolitische Umfeld gilt damit als unterstützend für zyklische Sektoren. Laut HSBC-Stratege Max Kettner verzeichnen Branchen wie Versorger, Finanzwerte, Gesundheitswesen, Industrie, Energie und Konsumtitel bereits deutliche Kursgewinne – ein klares Zeichen für die zunehmende Marktverbreiterung.
Kettner fasst die Entwicklung so zusammen: „Für mich geht es nicht darum, ob wir Tech-Aktien oder andere Sektoren kaufen sollten, sondern darum, dass Tech und andere Sektoren gemeinsam partizipieren.“ Diese Entwicklung dürfte nach Einschätzung vieler Strategen auch in den kommenden Monaten anhalten und die Wall Street nachhaltig prägen.
FMW/Bloomberg
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@ Experte Bayley, was ist wenn die FED die Lockerung fortsetzt und die langen Zinsen weitersteigen ?
Geben sie dann ihren Expertentitel zurück ? Die 70 er Jahre im Kinderwagen erlebt ?