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Wall Street zittert – Japan kauft immer weniger US-Anleihen

Kapitalstrom in die USA hat wohl Zenit erreicht und dürfte nun rückläufig wirken

Wall Street Japan Anleihen

Amerikanische Staatsanleihen waren in den letzten Jahren bei Investoren aus Japan besonders beliebt, denn mit ihnen konnten sie deutlich mehr verdienen als mit heimischen Anleihen. Eine direkte Folge davon waren geringe Kreditkosten für amerikanische Unternehmen und Verbraucher.

Laut einem Artikel aus dem Wall Street Journal häufen sich aber mittlerweile die Anzeichen, dass die japanische Regierung über ihre Notenbank kurzfristige US-Staatsanleihen verkauft hat, um die heimische Währung zu stützen. Parallel hierzu verkaufen japanische institutionelle Investoren ebenfalls amerikanische Staatsanleihen.

Dies scheint kein kurzfristiges Phänomen zu sein, sondern ist eine weitere Folge der Inflation und der steigenden Zinsen in den USA. Die Zinserhöhungen durch die FED haben den Yen im Vergleich zum US-Dollar auf Talfahrt geschickt. Dies verteuert die Absicherungen, die japanische Investoren eingehen müssen, um sich gegen Währungsschwankungen abzusichern.

Nun sorgt man sich an der Wall Street, dass diese Verschiebung der Kapitalströme destabilisierend auf den US-Markt wirken könnte. Denn wer soll nun den immensen Geldbedarf der amerikanischen Regierung decken? Wie auf finanzmarktwelt.de bereits berichtet, ist die Liquidität im US-Treasury-Markt weiterhin niedrig. Ein Käuferstreik der Japaner oder gar ein Verkauf amerikanischer Staatsanleihen könnte diesen Trend noch weiter beschleunigen. Japan ist immerhin der größte ausländische Gläubiger der US-Regierung und hält laut Daten des US-Finanzministeriums aus dem August dieses Jahres US-Treasuries mit einem Marktwert von 1,2 Billionen US-Dollar.

Die Sorge der Wall Street ist also nicht unbegründet. Und die meisten Analysten gehen auch davon aus, dass dieser Trend sich so schnell nicht umkehren wird. Wie Brad Setser, Senior Fellow beim Council on Foreign Relations und ehemaliger Berater des US-Handelsbeauftragten, der es auf den Punkt formuliert: „Für die Zukunft ist es nicht klar, dass es neue Käufe aus Japan geben wird.“

Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger für den US-Anleihen sein

Der Zeitpunkt für diese Entwicklung ist sehr ungünstig, schließlich hat der amerikanische Anleihenmarkt gerade eines der schlimmsten Jahre seiner Geschichte erlebt und die Kurse sind aufgrund der steigenden Zinsen sehr stark gefallen. Die Renditen von US-Staatsanleihen sind sogar auf den höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt geklettert. Im Worst-Case-Szenario tritt Japan auch noch als Verkäufer von US-Staatsanleihen in den Markt, dies würde den gesamten Markt zusätzlich belasten und hätte sicherlich auch Auswirkungen auf den Aktienmarkt, der sich gerade in diesem Jahr invers zur Entwicklung der Renditen entwickelt hat. Je höher die Renditen auf US-Staatsanleihen stiegen, umso tiefer fielen die großen Indizes wie S&P500 oder der NASDAQ.

Die Nervosität war bereits am 22. September zu spüren gewesen, als Japan zum ersten Mal seit 1990 ankündigte, Yen mit Dollar aus den Devisenreserven zu kaufen. Zuletzt veröffentlichte Daten der japanischen Regierung stützen die These, dass Japan verstärkt kurzfristige US-Anleihen verkauft hat. Der Verkauf langlaufender Staatsanleihen könnte noch mehr Druck auf die Renditen ausüben, da die Liquidität dort noch niedriger ist. Aber alleine das Bemühen der japanischen Regierung, den Yen über und um seine Tiefstkurs zu stabilisieren, immerhin die tiefsten Kurse seit fast 30 Jahren, könnte den Druck am US-Anleihenmarkt erhöhen.

Nach einem Treffen der Gruppe der 20 Finanzminister in Washington D.C., bekräftigte der japanische Finanzminister Shunichi Suzuki am Donnerstag seine Bereitschaft, Maßnahmen zu ergreifen, um den schnellen Verfall des Yen zu stoppen und äußerte sich hierzu ziemlich klar: “Wir werden geeignete Maßnahmen ergreifen, wenn es übermäßige Bewegungen gibt.“ Hier ein Chart Yen gegen US-Dollar, der das Dilemma der japanischen Währung veranschaulicht. Seit seinem Hoch vor gut zehn Jahren hat die japanische Währung rund 45 Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren:

Anleihen Japan Wall Street

Yen-Schwäche durch Zinsdifferenz beider Länder begründet

Sobald aber der Bestand an kurzfristigen Anleihen knapp wird, befürchten Analysten der Wall Street, dass Japan US-Staatsanleihen mit langer Laufzeit (10 bis 30 Jahre) verkaufen wird. Die Schwäche des Yen liegt in der unterschiedlichen Zinspolitik beider Länder. Während Japan weiterhin die Rendite seiner zehnjährigen Anleihen bei nahezu null Prozent hält, haben die USA durch aggressive Zinserhöhungen die Rendite zehnjähriger US-Anleihen auf über vier Prozent gedrückt. Die Inflation in den USA liegt aktuell bei rund acht Prozent, während sie in Japan noch bei drei Prozent liegt. Die Yen Schwäche bedeutet für Japan aber auch viele Nachteile, schließlich importiert das Land Energie und Lebensmittel, die sich somit immer weiter verteuern und die heimische Inflation anheizen könnte. Die Bank of Japan (Japanische Notenbank) strebt ein Inflationsziel von zwei Prozent an, sollte diese weiterhin um drei Prozent verharren oder gar weiter steigen, könnte die Bank of Japan ihre Politik ändern.

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Insbesondere ein weitere Zinsanstieg in den USA könnte dies bewirken. Dann könnten nämlich japanische Investoren mehr ausländische Anleihen verkaufen, um sich wieder den eigenen, inländischen Anleihen zuzuwenden. Ein in der Vergangenheit lukratives Geschäftsmodell, nämlich den Dollar zu kurzfristigen Zinssätzen auszuleihen und in langfristige US-Anleihen zu investieren, funktioniert nicht mehr. Aktuell liegen nämlich kurzfriste und langfristige Zinsen am US-Anleihemarkt auf fast gleichem Niveau und sind aktuell sogar invers. Hier der Chart der Renditen von zweijährigen gegenüber 10-jährigen US-Staatsanleihen:

Wall Street Anleihen

Institutionelle japanische Investoren verkaufen US-Anleihen

Alleine zwischen April und September reduzierten japanische Lebens- und Rentenversicherungen ihre Bestände an ausländischen Anleihen um fast 40 Milliarden US-Dollar. Dies klingt auf den ersten Blick nicht viel, aber seitdem die Bank of Japan ab 2016 die japanischen Anleiherenditen unter null Prozent drückte, wurden rund 500 Milliarden US-Dollar-Bestände hinzugefügt. Der Kapitalstrom in die USA hat wohl seinen Zenit erreicht und dürfte nun rückläufig wirken.

Toshio Fujimura, Leiter der Investitionsplanung von Sumitomo Life Insurance Co., sagte jüngst in einem Interview, seine Firma werde die Bestände an ausländischen Anleihen, die gegen Währungsschwankungen abgesichert sind, um mehrere hundert Milliarden Yen reduzieren. Das dadurch frei werdende Geld soll in inländische Anleihen investiert werden. Obwohl die Renditen bei 40-jährigen japanischen Anleihen bei gerade 1,85 Prozent liegen, fallen hier keine Währungsrisiken und auch keine Absicherungskosten an. Anstatt US-Staatsanleihen zu verkaufen, könnten die Unternehmen auch nur fällig werdende Anleihen auslaufen lassen und keine neuen mehr kaufen. Der Verkauf von Anleihen mit Kursverlusten ist nämlich eine schwierige Entscheidung und macht wenig Sinn, da Verluste realisiert und gebucht werden müssen.

Aber solange die FED weiter die kurzfristigen Zinsen erhöht und somit die Kosten für die Verlängerung kurzfristiger Kreditverträge erhöht, macht es Sinn. Umso mehr, wenn die Renditen japanischer Anleihen steigen. Neben den Anleiherenditen in den USA sollten Anleger verstärkt die Renditen japanischer Anleihen im Blick behalten. Hier ein Chart der japanischen zweijährigen und zehnjährigen Anleihen im Überblick:

Anleihen Wall Street Japan

Sollten hier die Renditen nach oben ausbrechen, wird dies unweigerlich den Druck auf die Renditen von US-Staatsanleihen erhöhen. Das wiederum wäre Gift für den US-Aktienmarkt.



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