Seit Anfang Juni sieht man eine klare Abspaltung: Europäische Aktienmärkte – allen voran der Dax- laufen im Seitwärtsmodus, ja regelrecht miserabel – wenn man es mit der tollen Performance der US-Aktienmärkte vergleicht, die uns Europäer normalerweise mit ziehen. Im Chart sehen wir seit dem 5. Juni: Dax bis heute -3,48 %, S&P 500 +10,35 %. Bevor wir am Ende dieses Artikels nochmal auf unsere gestrige Analyse verweisen, zeigen wir hier aktuelle Aussagen von Goldman Sachs mit einer Erläuterung für die derzeitige Schwäche europäischer Aktienmärkte.
Dax und Europa-Aktien schwach – Goldman erläutert
Laut den Strategen von Goldman Sachs äußern globale Investoren Zweifel an einer Rallye europäischer Aktien, während sie darauf warten, dass Deutschland sein Versprechen einer umfassenden Steuerreform einlöst. In einem Interview mit Bloomberg sagten die Strategen Sharon Bell und Christian Mueller-Glissmann, dass Vermögensverwalter ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht hätten, dass Europa ins Hintertreffen gerate, während künstliche Intelligenz die US-Aktien beflügele und China in den Schwellenländern eine Outperformance erziele.
„Europa ist auf den letzten Platz der Einkaufsliste gerutscht, weil es so viele andere Regionen gibt, die eine bessere Dynamik zeigen“, sagte Mueller-Glissmann. „Alle sind ziemlich skeptisch, ob Europa das Geld ausgeben wird“, fügte Bell hinzu. „Es herrscht das Gefühl: ‚Ich möchte es tatsächlich sehen, anstatt nur zu hören, dass es passieren wird.‘“ Der europäische Stoxx 600 Index (wie auch der Dax) hatte im ersten Quartal die US-Konkurrenten in Dollar gerechnet um Längen geschlagen, da Deutschland Hunderte von Milliarden Euro für Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen zugesagt hatte. Dieser Schritt stellte eine dramatische Wende für ein Land dar, das für seine strenge Kontrolle der Staatsverschuldung bekannt ist.
In den letzten Wochen hat der Referenzindex jedoch seine Führung eingebüßt, da die Anleger aufgrund von Anzeichen für ein robustes Wirtschaftswachstum und erwartete Zinssenkungen wieder in US-Aktien strömen. Die erneute Begeisterung für KI beflügelt auch die Technologie-Schwergewichte. Der S&P 500 hat in diesem Jahr um 12 % zugelegt und einen Rekordstand erreicht, während der Stoxx 600 um 8,6 % gestiegen ist und unter seinem Höchststand vom März liegt (Dax-Jahresgewinn immerhin noch +16,5 %).
Eine aktuelle Umfrage der Bank of America ergab, dass die Allokation in europäische Aktien im September zurückgegangen ist. Andererseits sind die Fondsmanager auch nicht gerade pessimistisch, denn laut der Umfrage erwartet keiner der Teilnehmer einen Rückgang von mehr als 5 %. Die beiden Goldman-Strategen sagen aktuell, dass trotz der Skepsis gegenüber dem von Deutschland vorgeschlagenen Ausgabenprogramm die Pläne einen fiskalischen Anker darstellten, der die Anleger „weniger besorgt über extreme Abwärtsszenarien” für die Region macht.
Deutschland plant, Hunderte von Milliarden Euro für die Modernisierung von Straßen, Brücken und Streitkräften auszugeben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Einige Anleger haben in Frage gestellt, wann sich die versprochenen massiven Konjunkturmaßnahmen in Unternehmensgewinnen niederschlagen werden. Kritiker vermuten außerdem, dass ein Teil der Gelder eher als Ersatz für die Staatshaushalte verwendet werden könnte, anstatt zusätzliche Investitionen anzukurbeln.
„Ich höre von vielen Kunden, dass die Wahrscheinlichkeit negativer Zinsen in Europa in den nächsten zehn Jahren sehr, sehr gering ist, was für die Banken gut ist”, sagte Mueller-Glissmann. „Man merkt definitiv, dass die Leute erkennen, dass die fiskalische Unterstützung da ist, aber sie sind nicht bereit, für das optimistische Szenario zu bezahlen.”
Bell erwartet, dass die Unternehmensgewinne in den nächsten zwei Jahren um 4 % bzw. 6 % steigen werden, unterstützt durch ein verbessertes Wirtschaftswachstum. Sie prognostiziert, dass der Stoxx 600 in den kommenden 12 Monaten um etwa 5 % steigen wird. „Wenn Europa drei Viertel seiner Versprechen einhält, würde ich sagen, dass sich der Markt sehr gut entwickeln wird“, so Bell.
Unsere Analyse
Gestern hatten wir bei finanzmarktwelt.de uns bereits auf die „Spurensuche“ gemacht. Warum läuft der Dax seit Wochen und vor allem in den letzten Tagen so derart lustlos, wo die Amerikaner doch von Rekord zu Rekord eilen? Denn seit Jahrzehnten läuft der Dax eigentlich ständig den Amerikanern hinterher. Jetzt aber überhaupt nicht. Unsere Analyse deckt sich relativ gut mit den heutigen Aussagen von Goldman Sachs. Zweifel an der Wirksamkeit des großen schuldenfinanzierten Konjunkturstimulus in Deutschland, und offensichtliche Zweckentfremdung des „Sondervermögens“.
Auch die Frankreich-Krise und die aktuelle Rezession in Deutschland dämpfen die Laune bei Dax, CAC40 und Co. Dazu ein KI-Boom in den USA, der weiter befeuert wird und viel Anlegergeld ansaugt, das offensichtlich aus Europa abgesaugt wird. Dies sieht man aktuell auch in Analysedaten zu ETF-Geldströmen aus Juli und August. Und oben drauf kommt noch die beendete Phase an Zinssenkungen der EZB, was kaum noch weitere Zinseuphorie für Europa zulässt. Dem gegenüber startet die Zinssenkungsphase in den USA jetzt erst gerade, und könnte bis Ende 2026 durchlaufen – was für die US-Aktienmärkte noch reichlich Aufwärtspotenzial bieten könnte.
Auch aus dem Nicht-Eurozonen-Land Großbritannien sah man jüngst den Abzug von Anlegergeldern, siehe folgende Grafik.
BoA FMS sees largest drop to UK equities (from 2% underweight to 20%) since Apr 2004 (so larger than post-Brexit) now the most UW since March ’24. pic.twitter.com/KzggB6aNHF
— Neil Sethi (@neilksethi) September 17, 2025
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Diese Vergleiche werden immer für Anleger aus dem Dollar-Raum gemacht. Der Dollar war zum Jahresbeginn bei 1,03, am 1. April bei 1,08 und ist jetzt bei 1,18.
Seit Jahresbeginn hat der US-Dollar damit etwa 15% an Wert verloren, Seit dem 1. April etwa 10%. Das heißt wer Anleihen in US-Dollar hatte, hat massiv verloren. Schaut man sich Anleihen-ETFs an, die abgesichert sind, dann ist der Vorteil der höheren Zinsen in der USA weg. Aktien-etfs, die eine Währungsabsicherung machen habe ich noch nicht gesehen, aber das soll angeblich der neue Trend sein. Vielleicht machen die Anleger eine Absicherung selber? Bei 15% Dollarabwertung bleibt sonst vom Vorteil der US-Börsen nicht viel übrig.
Die Frage ist, wie es mit dem Dollar weitergeht. Interessanterweise kam die Abwertung zum 1. Juli zum Stillstand, doch gerade aktuell geht es wieder los, was mit der erwarteten Zinsabwertung der FED zusammen hängt.
@Robert
So ist es! Aus Sicht eines Anlegers aus dem Euro-Raum muß man die nominellen Kursgewinne der US-Werte mit den Währungsverlusten gegenrechnen.
Wird bei der Berichterstattung hier aber leider ignoriert.
Der Dollar wird sein zyklisches Tief voraussichtlich 2026 oder 2027 erreichen. Alles wiederholt sich. Was kauft man? Was gut und billig ist. Jetzt gute US-Aktien mit Euro kaufen ist noch besser, als gute US-Aktien mit Dollar kaufen.