Der Dax kommt einfach nicht aus den Puschen! Was ist hier los? Die Amerikaner glänzen seit Wochen. Zinssenkungseuphorie und KI-Euphorie (zuletzt bei Oracle) pushen die Kurse immer weiter voran. Im folgenden Chart sehen wir seit dem 9. Juni: Der amerikanische Leitindex S&P 500 legt 9,78 %, während Dax und CAC40 (Frankreich) 2,4 % und 0,20 % verlieren. Eine müde Nummer, die sich seit Wochen hinzieht! Woran das liegt? Hier dazu eine Analyse.
Dax im Schlaf-Modus – Staatsschulden-Krise in Europa
Eigentlich gilt der Spruch: Der Dax hat mit Deutschland nichts, oder zumindest fast nichts zu tun. Denn große Teile der Umsätze und Gewinne erzielen die Dax-Konzerne im Ausland! Das ist auch richtig. Aber man muss sehen, dass große Teile dieser Auslandsumsätze in Europa erzielt werden. Und ist die Stimmung in Europa schlecht, strahlt das eben auf den Dax ab! Und da wären wir schon bei den Krisenherden Frankreich und Großbritannien angekommen!
Dass die Staatsschulden in den USA immer weiter explodieren, scheint zumindest im Moment niemanden mehr zu interessieren. Egal, läuft schon irgendwie weiter? Umso mehr haben sich Anleger in den letzten Wochen für ebenfalls dramatisch ansteigende Staatsschulden in Europa interessiert. Inzwischen sind die Anleiherenditen für Griechenland und Italien teils niedriger als für den Eurozonen-Kernstaat Frankreich! Der inzwischen geschasste Premier Bayrou wollte Kosten im Staatshaushalt senken, das Defizit zumindest halbwegs im Griff behalten, und zumindest für einen Hauch von Seriosität der Staatsfinanzen sorgen. Seine Vertrauensfrage im Parlament in Paris scheiterte Anfang dieser Woche. Der neu ernannte Premier soll nun die Quadratur des Kreises hinbekommen, nämlich Mehrheiten im Parlament. Warum diese Krise den Dax vom Ansteigen abhält? Die Märkte bestrafen Frankreichs fehlende finanzielle Solidität mit hohen Anleiherenditen, also hohen Kreditkosten. Das ist ein Dämpfer für die Konjunktur in Frankreich und strahlt womöglich negativ auf ganz Europa aus.
Dazu kommt noch: Auch in Großbritannien kriselt es gewaltig. Auch wenn UK nicht mehr Teil der EU ist, so ist das Land immer noch ein großer, wichtiger Handelspartner für die Eurozone, und somit auch für deutsche Exporteure. Somit interessiert auch den Dax, was in London geschieht. Ähnlich wie in Paris kämpft man an der Themse zunehmend mit den hohen Staatsschulden, und wie man mit hohen Kosten und der Neuverschuldung umgeht. Ein erneuter „Liz Truss-Moment“ ist jederzeit möglich. Im folgenden Chart sehen wir im Verlauf der letzten fünf Jahre die steigenden Anleiherenditen für Frankreich und Großbritannien. Hochpunkte aus 2023 und Anfang 2025 könnten überschritten werden, wenn die Situation um die Staatsfinanzen der Länder eskaliert – was jederzeit wieder als Thema aufflammen kann. Diese Angst dürfte zumindest derzeit wie ein Damoklesschwert über Dax, CAC40 und anderen europäischen Märkten hängen.
Rezession in Deutschland – und Zweckentfremdung des Sondervermögens
Seit zwei Jahren herrscht Rezession in Deutschland, und 2025 ist das dritte Krisenjahr in Folge. Das ist keine neue Erkenntnis. Nun sollte aber das 500 Milliarden Euro Sondervermögen, die auf Pump laufende unbegrenzte Aufrüstung und neue Verschuldungsspielräume der Bundesländer dabei helfen, für 2026 Konjunktureuphorie im Dax zu erzeugen? Denn der Markt handelt stets die Zukunft. Und massiv auf Pump die Konjunktur aufzublasen, dass sollte doch wirken für eine positive Aussicht auf die Inlandsumsätze der Dax-Konzerne?
Das Problem: Die anstehenden Konjunktur-Anstiege, die in Deutschland auf Pump erzeugt werden, liegen noch Monate oder Quartale in der Zukunft. Und die Aussicht, dass diese Schuldenprogramme wirklich die Konjunktur stimulieren, schwinden derzeit. Denn die SPD, die offenbar alles daran setzt ihre vermeintliche Klientel mit immer mehr Ausgaben glücklich zu machen, scheint diese neuen Mega-Schulden glänzend zu nutzen. Abgesehen davon, dass man in diesem schuldenfinanzierten „Investitionsprogramm“ sowieso fast alles als „Investition“ deklarieren kann, auch wenn es reiner Konsum auf Schulden ist: Wie das ifo-Institut erst diese Woche ganz klar aufzeigte, ist die Bundesregierung derzeit dabei, das Sondervermögen klar zweckzuentfremden. Damit könnte ein großer Konjunktur-Stimulus entfallen.
Wichtig ist hier das Wort „Zusätzlich“. Das „Sondervermögen“ soll eigentlich dazu dienen, dass „zusätzliche“ Investitionen in Brücken, Straßen etc stattfinden, die im normalen Haushalt nicht finanziert worden wären. Aber nun sieht man, dass die Bundesregierung normale, eh schon über den Bundeshaushalt geplante Investitionen in das Sondervermögen verschiebt, womit weniger Zusatzinvestitionen stattfinden können. Damit hat wohl vor allem Finanzminister Klingbeil von der SPD in seinem Bundeshaushalt mehr Platz für steigende Sozialausgaben – die in keiner Weise einen Konjunkturstimulus bringen. Was das mit dem Dax zu tun hat? Keine „zusätzlichen“ Investitionen – dann fehlt ein tatsächlicher zusätzlicher Konjunkturimpuls, der positiv auf den Dax wirken könnte.
Zinssenkungshoffnungen in Euroland erledigt – Verschiebung in die USA
Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Zentralbank-Zinsen seit Herbst 2022. Man sieht in blau: Die EZB hat binnen eines Jahres ihren Leitzins halbiert von 4,0 % auf 2,0 % – ein kräftiger Schritt! Die Federal Reserve aber hatte ab September 2024 die Zinsen von 5,5 % auf 4,5 % gesenkt Dezember 2024. Aber seitdem ging es nicht weiter bergab. Seitdem warten die Märkte auf weiter sinkende Zinsen in den USA. Die letzten Daten zum US-Arbeitsmarkt bringen laut zahlreichen Ökonomen in dieser Woche aber noch viel mehr Gewissheit, dass die Fed ihre Zinsen bei der Sitzung nächste Woche senken wird, und wohl noch zwei weitere Male bis Jahresende. Auch für 2026 erwartet man einige weitere Zinssenkungen. Das bedeutet für den Dax: In Europa ist die Zinssenkungseuphorie, die günstigere Kreditkosten für Verbraucher und Unternehmen bringt, nach einer Zinshalbierung erst einmal tot. Gleichzeitig pushen die Aussichten auf den nun vermutlich beginnenden großen Zinssenkungszyklus der Fed die Aussichten für die Aktienmärkte in den USA, und machen dortige Anlagen attraktiver. Es ist daher gut möglich, dass der Dax in letzter Zeit ins Hintertreffen gerät, weil Anleger ihr Geld lieber auf der anderen Seite des Atlantiks investieren.
Anleiherenditen
Wie gesagt: Von Sommer 2024 bis Sommer 2025 hat die EZB ihre Zinsen halbiert. Und dennoch sehen wir im folgenden Chart als blaue Linie: Unterm Strich sind die deutschen zehnjährigen Anleiherenditen seit Sommer 2024 sogar gestiegen von 2,52 % auf 2,68 %. Die Anleihemärkte sehen die anstehende massive Neuverschuldung in Deutschland, welche die Kosten für frische Schulden (Anleiherenditen) nach oben drückt. Damit werden auch Kredite für Häuslebauer und Unternehmen hierzulande teurer. Für den Dax ist das keine stimulierende Nachricht (nett ausgedrückt). In den USA sind die Anleiherenditen (rot) in den letzten Wochen am Fallen.
Ausblick
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Noch vor Monaten waren die europäischen Aktienmärkte richtig angesagt bei Anlegern von der Wall Street, und inzwischen hört man nichts Euphorisches mehr von den Top-Anlegestrategen. So eine Stimmung kann erneut drehen. Sollte es in den nächsten Wochen und Monaten Signale geben, dass der große deutsche Konjunktur-Stimulus so langsam doch in den BIP-Zahlen oder anderen Daten sichtbar wird, könnten Dax und Co plötzlich wieder anspringen.
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…nein…das glaube ich nicht…der Markt ist einfach im ersten Halbjahr so gut gelaufen, dass die Indikatoren jetzt über die Zeit abgekühlt werden müssen…im 4. Quartal wird es wieder steil nach oben gehen, weil die o. a. Gelder und Investitionen ihren Lauf nehmen…das passt schon alles ganz gut…