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Warum der Ölpreis trotz Rezessionsangst wieder steigt

Der Ölpreis steigt wieder an, und das trotz Rezessionsängsten. Das hat mehrere Gründe. Hier dazu eine aktuelle Detailanalyse.

Öl-Bohranlage

Nach dem Höhenflug im März stürzte der Ölpreis der europäischen Sorte „Brent“ von 140 US-Dollar pro Barrel auf 100 US-Dollar ab. Die Zwischenerholung wurde Anfang Juni wegen zunehmender Rezessionsängste und der Förderausweitungen des OPEC-Kartells beendet. Doch aktuell steigen die Öl-Notierungen wieder an. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Probleme bei der Förderausweitung treiben Ölpreis wieder hoch

Einen großen Einfluss auf den Ölpreis hat das weltweit wichtigste Öl-Kartell. Erst Anfang Juni hatten sich die Öl-Exportländer der OPEC darauf geeinigt, ihren Erdölausstoß deutlich zu steigern. Demnach sollten die Förderquoten im Juli und August um jeweils 648.000 Barrel pro Tag angehoben und die erst für September geplante Ausweitung somit um zwei Monate vorgezogen werden. Zuvor hatte die OPEC+ bereits für Juni eine Erhöhung der täglichen Ölförderung um 432.000 pro Tag beschlossen. Die OPEC+ ist eine Gruppe, bestehend aus 24 Erdöl produzierenden Nationen, zu der die 14 Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) sowie zehn Nicht-OPEC-Staaten, darunter auch Russland gehören.

Auf die jüngste Fördererhöhung und die zunehmenden globalen Rezessionsängste reagierte der Ölpreis zunächst erwartbar mit deutlich nachgebenden Notierungen. Nun steigen die Preise der verschiedenen Sorten weltweit wieder an. Im folgenden Chart exemplarisch dargestellt anhand der Sorte „Brent“, der für Europa wichtigsten Rohölsorte, die sich durch einen niedrigen Schwefelgehalt auszeichnet und in der Nordsee zwischen den Shetlandinseln und Norwegen gefördert wird.

Chart zeigt Kursverlauf im Brent-Ölpreis

Die jüngste Verteuerung im Ölpreis hat mehrere Ursachen. So scheinen die großen Produzenten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) nicht in der Lage oder willens zu sein, ihre Produktion signifikant zu steigern, während gleichzeitig politische Unruhen in Libyen und Ecuador für Unsicherheit bezüglich der Lieferzuverlässigkeit in diesen instabilen Ländern sorgen. Saudi-Arabien und die VAE gehören zu den Top-Fünf-Ölproduzenten weltweit und gelten als die einzigen Förderländer innerhalb der OPEC, die in der Lage wären, sanktionsbedingte Exportrückgänge aus Russland zu kompensieren.

Grafik zeigt die Öl-Förderung einzelner Länder im Jahr 2021

Nun haben ausgerechnet diese beiden OPEC-Staaten mitgeteilt, dass sie bereits sehr nahe bzw., an den Limiten der kurzfristig technisch machbaren Fördermöglichkeiten operieren. Nach gestrigen Angaben des Energieministers der VAE, Suhail al-Mazrouei, sei die aktuelle Obergrenze in den Emiraten bereits jetzt erreicht und Saudi-Arabien könne derzeit noch maximal 150.000 Barrel pro Tag mehr aus dem Boden pumpen.

EU und G7-Staaten beunruhigt

Ende Mai hatten sich die EU-Staaten auf ein Ölembargo gegen Russland geeinigt. Trotz diverser Kompromisse unter den EU-Mitgliedern, insbesondere mit Ungarn, sollen bis Ende des Jahres zwei Drittel der russischen Öl-Lieferungen von dem Einfuhrverbot betroffen sein. Für das kommende Jahr ist sogar ein Verzicht auf 90 Prozent des russischen Öls geplant. Daher kommen die Warnungen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), man würde am oder nahe der Limite fördern, gerade zur Unzeit – es entsteht Aufwärtsdruck im Ölpreis. Dies beunruhigt auch die Staats- und Regierungschefs der G7-Gruppe, die aktuell in den deutschen Alpen auf Schloss Elmau tagen.

Obwohl hier der Krieg in der Ukraine das Top-Thema auf der Gipfel-Agenda ist, gab es am Rande intensive Gespräche zwischen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und US-Präsident Biden über die begrenzten Möglichkeiten der OPEC, Lieferausfälle aus Russland zu kompensieren. Eigentlich hätte allein Saudi-Arabien aktuell nicht genutzte zusätzliche Förderkapazitäten von 2 Millionen Barrel pro Tag. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) liegt der Break-Even-Ölpreis bei Rohöl für Saudi-Arabien in diesem Jahr bei ca. 76,60 pro Barrel, obwohl das Land Rohöl relativ preiswert fördern kann. Doch die Staatsausgaben sind sehr hoch und erst über dem Break-Even-Preis würde der Wüstenstaat Überschüsse erwirtschaften.

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Aufgrund der enormen Einbußen währen der Pandemie-Lockdowns waren viele Erdöl produzierende Staaten mit hohen Defiziten konfrontiert. In Libyen liegt der Break-Even-Ölpreis aufgrund der schlechten Infrastruktur und politisch bedingter Lieferunterbrechungen bei über 140 US-Dollar pro Barrel (159 Liter). Im Iran sogar bei 246 US-Dollar.

Es steht daher die Spekulation im Raum, dass der OPEC der hohe Ölpreis gelegen kommt, um die Staatshaushalte der Kartell-Mitglieder zu sanieren. Allerdings darf dadurch die globale Konjunktur und damit einhergehend die Öl-Nachfrage nicht zu stark eingebremst werden. Ein Balance-Akt, den die OPEC hier vollführt. Klar scheint zu sein, dass das Kartell an einem neuerlichen Einbruch der Preise wie im Jahr 2020 kein Interesse hat. Auch wenn dies bedeutet, die Fördermenge weiterhin künstlich knapp zu halten.

NOPEC-Initiative des US-Senats

Bereits Anfang Mai hatte der US-Senat den noch aus der letzten Ölkrise Anfang der 1980er-Jahre stammenden Gesetzesentwurf „No Oil Producing and Exporting Cartels Act“, kurz NOPEC erneut zur Abstimmung stellen wollen. Doch juristische Bedenken und die Interventionen der US-Rohöl-Lobby, die auch Importeure und Weiterverarbeiter angehören, vereitelten dieses Vorhaben vorerst. Der überparteilich eingebrachte Gesetzentwurf würde das amerikanische Kartellrecht ändern. Die Immunität von OPEC-Staaten würde aufgehoben werden, was diese Länder und ihre nationalen Ölgesellschaften bisher vor Kartell-Klagen in den USA geschützt hatte. Zu groß scheint aber die Angst vor der Gegenreaktion der OPEC+ in Form eines temporären Teil- oder Total-Embargos zu sein, und den Folgen im Ölpreis. Das würde unweigerlich zu einer noch höheren Wahrscheinlichkeit einer Stagflation oder sogar „Schrumpfflation“ in den USA führen.



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1 Kommentar

  1. Dies zeigt mir erneut, daß man das russische Öl-Embargo argwöhnisch sehen muß.

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