Folgen Sie uns

Allgemein

Warum die Coronakrise die Inflation anheizen wird!

Avatar

Veröffentlicht

am

Inflation in Folge der Coronakrise

In den vergangenen 20 Jahren profitierte die Welt von einer Periode ungewöhnlich niedriger Inflation. Obwohl auch zur Krisenbewältigung nach 2008 Geld gedruckt wurde, als gäbe es kein morgen mehr, blieb die Inflation sogar hinter den niedrigen Inflationszielen der Zentralbanken von 2% pro Jahr zurück. „Schuld“ daran hatte vor allem auch der globale Handel. Doch die Coronakrise könnte genau den nicht nur kurz-, sondern auch langfristig massiv schwächen und so eine neue Phase von Preissteigerungen auslösen.

Handel reduzierte die Inflation nachhaltig – bis jetzt!

Bislang half der Welthandel dabei die Inflation im Zaum zu halten. Unternehmen, Verbraucher und ganze Staaten zogen einen Nutzen daraus, die benötigten Rohstoffe, Produkte und Dienstleistungen dort einkaufen zu können, wo sie am günstigsten angeboten werden. Im Vertrauen darauf, dass von diesem internationalen Austausch alle Beteiligten profitieren und daher ein Interesse an der Fortführung dieser Art der weltweiten Arbeitsteilung besteht, wurden nationale Produktionskapazitäten abgebaut, wenn sie international nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Die Coronakrise ist eine Zäsur, die diesen Trend vermutlich stoppen wird. Und dabei sind es nicht einmal die nationalen „Lockdowns“, die die Lieferantennetzwerke temporär zerstören, die zu einem Umdenken führen werden. Es sind vor allem auch die nationalen Alleingänge in Sachen Exportverboten, die zu Verhaltensänderungen führen werden. Dass ein Unternehmen nicht mehr produzieren kann, weil die Arbeiter zuhause sitzen wollen oder müssen, können Handelspartner noch nachvollziehen.

Zumal dann, wenn sie selbst die eigenen Mitarbeiter nach Hause schickten, wie es derzeit weltweit geschieht. Was jedoch einen massiven Vertrauensbruch darstellt, ist das Verbot von Exporten bestimmter Produkte. Solche Verbote führten zum Beispiel China, Italien, Frankreich, die USA und Deutschland für medizinische Schutzkleidung ein. Italien fing auch Lieferungen von Beatmungsgeräten ab und setzte die Geräte im eigenen Land ein. Rumänien erließ nun auch ein Exportverbot für Getreide, das nur noch innerhalb, aber nicht mehr außerhalb der EU verkauft werden darf. Die Lieferanten, auf die sich die Kunden jahre- oder gar jahrzehntelang verließen, könnten also liefern, dürfen es aber aus politischen Gründen nicht. Mag ein Exportverbot für Beatmungsgeräte und Schutzkleidung auf den ersten Blick noch sinnvoll erscheinen, erzeugt es doch mittel- und langfristig mehr Schaden als Nutzen. Getreideexporte zu verbieten, obwohl die Nahrungsmittelversorgung weder aktuell noch langfristig in Gefahr sein wird, erzeugt nicht einmal kurzfristigen Nutzen, aber langfristigen Schaden. Die Inflation lässt grüßen.

Rumänien verbietet Getreide-Exporte, obwohl kein Mangel besteht

Der mittel- und langfristige Schaden von Exportverboten besteht darin, dass die Waren ineffizient verteilt werden. Es ist praktisch sicher, dass die Politik die Exportverbote nicht zum richtigen Zeitpunkt aufheben wird, sondern dann, wenn die Länder auf einem großen Vorrat an den exportbeschränkten Produkten sitzen. Im Falle Rumäniens wurde das Getreide-Ausfuhrverbot sogar erlassen, als gar keine Knappheit bestand. Das United States Department of Agriculture veröffentlicht monatlich einen Marktbericht zu Getreide. Im aktuelle April-Bericht geht die Behörde von Rekordernten bei Weizen und Reis aus, trotz Coronakrise. Rumänien exportierte 2019 fast als 13 Millionen Tonnen Getreide und es gibt wenig Grund anzunehmen, dass es in diesem Jahr ein Defizit geben könnte.

Das Exportverbot ist nichts weiter als eine politische Maßnahme, um dem Volk Handlungsfähigkeit zu beweisen. Indirekt gibt das Rumäniens Premierminister sogar zu. Denn Begründung für den Exportstop war die Tatsache, dass Rumänien im März 700.000 Tonnen Getreide exportierte. Keine Besonderheit in einem Land, das im Vorjahr monatlich 1.075.000 Tonnen Getreide ausführte. Doch nun hielt ein sogar geringeres Exportvolumen als Begründung für ein Exportverbot her. Eine sinnlose Maßnahme, die grundlos Lieferketten und Vertrauen zerstört. Werden die Ausfuhrbeschränkungen erst aufgehoben, wenn ein großer nicht benötigter Vorrat an den Produkten besteht, herrscht dadurch andernorts unnötige Knappheit, was Inflation erzeugen kann. Zudem kann der Markt keine eindeutigen Signale mehr über den Preis aussenden, wenn das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage politisch unterbunden wird. Schon im Falle der Maskenproduktion plädierte ich dafür, den Markt selbst für schnellst- und bestmöglichen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage bei Masken sorgen zu lassen. Das gilt für alle anderen Produkte natürlich genauso.

Das Exportverbot beim Getreide führt nun wahrscheinlich zu einem Überangebot in der EU mit fallenden Preisen, die Bauern in die Insolvenz treiben könnten. International hingegen sinkt durch das Exportverbot das Angebot, was zu steigenden Preisen führt und Produzenten animieren könnte, die Produktion zu steigern. In der EU könnte es also künftig weniger und global mehr Angebot geben. Im Falle von Getreide würde das kurzfristig die Inflation senken, langfristig jedoch erhöhen.

Absicherung gegen Lieferkettenunterbrechungen machen Produkte teurer

Viel schlimmer wäre jedoch eine Kettenreaktion, würden nun andere Länder Rumäniens Beispiel folgen und ihrerseits Exportverbote erlassen. Je mehr Länder das tun, umso mehr verlagert sich die Nachfrage auf die weniger werdenden Staaten, die noch Nahrungsmittelexporte zulassen. Bei denen könnte diese steigende Nachfrage dann tatsächlich dazu führen, dass der eigene Bedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Am Ende würden wir in einer Welt leben, in der jedes Land nur noch für sich selbst sorgt.

Echte Lieferengpässe und steigende Preise sind die Folge. Um sich künftig gegen die Möglichkeit von Exportbeschränkungen oder zerstörten Lieferketten zu wappnen, werden nach der Krise ohnehin diverse Unternehmen und auch Staaten dazu übergehen, nicht mehr dort produzieren zu lassen, wo es am günstigsten ist. Unternehmen wie Apple werden aller Voraussicht nach auch unter Inkaufnahme höherer Preise Produkte in diversen Ländern fertigen lassen und sich nicht mehr wie bisher zum Beispiel auf China verlassen. Und Staaten werden zumindest bei manchen Produkten wie Schutzkleidung die inländische Nachfrage entweder erzwingen oder subventionieren. Diese Diversifizierung der Lieferketten und die erzwungene inländische Produkten werden teurer werden – und bezahlen tun das am Ende wir Kunden – die Verbraucherpreise (Inflation) werden steigen.

Wahrscheinlich wird es auch zu einer partiellen Abkehr vom Just-in-time Prinzip kommen, bei dem Waren in dem Moment an die Montagelinie oder das Ladenregal geliefert werden, wenn man sie benötigt. Lagerhaltung wird wieder stärker betrieben, was die Preise ebenfalls erhöhen wird. Schließlich muss jemand für die Lagerhaltung bezahlen – und das sind in letzter Konsequenz auch wieder wir Kunden. Zu all diesen preissteigernden Effekten kommt noch die jetzt massiv vergrößerte Geldmenge als weiteres Element hinzu. Die Folgen werden stärkere Inflation sein, als wir sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten kannten.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Brötchen

    12. April 2020 13:24 at 13:24

    “blieb die Inflation sogar hinter den niedrigen Inflationszielen der Zentralbanken von 2% pro Jahr zurück. „Schuld“ daran hatte vor allem auch der globale Handel.”

    … und natürlich die Tatsache, dass Inflation nicht bei Vermögenspreisen wie z. B. Aktien und Immobilien gemessen wird. Bei Immobilien sind ja nicht nur die Haus/Wohnungspreise ansich gestiegen sondern auch Material und Handwerkerkosten.
    Aber richtig, die von der EZB gemessene Inflation für Brot, Milch und Butter hat sich in der Tat nicht stark entwickelt. Man nimmt in Frankfurt eben nur die Statistik die man gerade braucht.

  2. Avatar

    Eric

    12. April 2020 15:46 at 15:46

    Es gibt keine Angebotskrise sondern eine Nachfragekrise. Arbeitslosigkeit steigt gerade global, Einkommen sinken und wer seine Arbeit behält wird vor mageren Jahren bezüglich Lohnentwicklung stehen.
    Auch die aufgeblasenen Sachwerte sind betroffen. Menschen können sich weniger leisten, viele werden ihr mit zuviel Kredit gekauftes Haus verlieren, wenn die Banken nicht massiv gestützt werden führen Kreditausfälle bei denen dazu, dass nötige Kredite für an sich solvente Unternehmen und Haushalten teurer werden oder ganz austrocknen.
    Durch das ganze System wurden bereits Unsummen Kapital vernichtet und wir blicken in den Abgrund aus Deflation und stagnierender Konjunktiv wenn die deutsche Eigenheit der ständigen Angst vor Inflation in der EZB die Oberhand gewinnt.
    Und nichts und niemand kann die Globalisierung zurückdrehen, daran ändert auch Getreide aus Rumänien nichts.
    Die alternde Gesellschaft Europas ist außerdem der anhaltende Hintergrund der extrem deflationär wirkt.
    Wer ernsthaft auf Inflation setzt wird sich extrem verzocken.

    • Avatar

      thinkSelf

      13. April 2020 11:13 at 11:13

      Ich sehe das auch so. Da die globalen Produktionsanlagen und die Leute die sie betreiben, nicht verschwinden gibt es keinen Produktionsengpass. Und so lange die Massenkaufkraft schneller fällt, als die Produktionskapazitäten gibt es kein inflationäres Szenario.
      Spannender ist eher die Frage, ob das Vertrauen in bestimmte Währungen bestehen bleibt. Und das hängt vor allem davon ab, dass dem Währungemittenten zugetraut wird, das Eintreiben von Forderungen im Notfall durchsetzen zu können. Weshalb immer die wirtschaftlich und militärisch stärkste Nation die Leitwährung stellt.

  3. Pingback: Meldungen und Nachrichten vom 12. April 2020 | das-bewegt-die-welt.de

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

Insolvenz-Welle ab Oktober? Politik plant Verschiebung auf Januar

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Das Thema Insolvenz könnte erstmal verschoben werden

Wird das Wort “Insolvenz” das große Thema im Herbst? Oder womöglich überhaupt nicht? Denn der deutsche Staat verschiebt die tatsächliche Wirtschaftskrise noch weiter in die Zukunft. Jüngst sank die Zahl der Insolvenzen sogar! Das hat einen Grund. Aber erstmal zur aktuellen großen Rettung der Volkswirtschaft. Dazu gehören abgesehen von den gigantischen Zuschüssen und Krediten zwei Maßnahmen, die von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden. Da wäre zum einem eine tolle Ausnahmeregel für die Banken. Kreditraten, die sie ihren Kunden wegen Corona derzeit stunden, müssen sie nicht als Kreditausfall in ihren Büchern vermerken.

Also keine Milliarden-Abschreibungen, und die Quartalszahlen der Banken sehen super aus. Normalerweise müssen Kredite bei Nicht-Zahlung der Raten aus Ausfall abgeschrieben werden, wodurch Verluste entstehen. Derzeit aber nicht. Und weil der Staat die finanzielle Staatsraison hoch hält (alles muss immer total in Ordnung aussehen in der Bankenbranche), wurde diese Ausnahmeregel für die Banken, die Ende Juni endete, bis Ende September verlängert. Aber man kann mutmaßen, dass sie im September erneut bis Ende Dezember verlängert wird?

Keine Anmeldung zur Insolvenz notwendig

Und die zweite essenziell wichtige Maßnahme der Bundesregierung, mit der man das Ausmaß der Wirtschaftskrise verdeckt, ist die Aussetzung der Verpflichtung für Unternehmen, Insolvenz anmelden zu müssen. Ist ein Betrieb pleite, sind Geschäftsführer normalerweise verpflichtet Insolvenz anzumelden, sonst machen sie sich der Insolvenzverschleppung strafbar. Aber diese aktuelle Ausnahme lässt derzeit zu, dass diese Unternehmen, die längst pleite sind, einfach weiter machen können, und dass die Geschäftsführer sich nicht strafbar machen. Bis Ende September gilt diese Insolvenz-Sonderregel.

Es ist natürlich verständlich, warum der Gesetzgeber das macht. Die Corona-Delle versucht man zu durchstehen, in der Hoffnung, dass die Masse der Unternehmen in den Folgemonaten wieder gut Geschäft macht, und dann mit mehr Cash in der Tasche doch weiter machen kann – obwohl man zwischendurch monatelang schon faktisch insolvent war. Wir bei FMW haben darauf schon oft hingewiesen, und oft auch Experten wie Markus Krall erwähnt. Die Zombie-Lawine wird immer größer, je länger der Staat kaputten Unternehmen die Chance gewährt, nicht in die Insolvenz gehen zu müssen. Die als solche bezeichneten Zombieunternehmen machen nicht mal genug Geld um Kreditkosten zahlen zu können. Aber dank quasi Nullzinsen für Kredite leben sie seit Jahren weiter. Und jetzt müssen sie dank der deutschen Sonderregel nicht mal offiziell die Insolvenz anmelden. Dadurch wird das Problem nur noch weiter aufsummiert, und am Ende wird der gesamtwirtschaftliche Absturz vermutlich nur noch größer werden.

Politik verschiebt die große Krise auf Ende Dezember?

Also, bislang gilt diese Sonderregel für das Thema Insolvenz bis Ende September. Was wir bei FMW aber schon vermutet hatten, scheint nun Realität zu werden. Berichte zeigen, dass vor allem aus Reihen der SPD Stimmen laut werden, dass diese Aussetzung der Insolvenzpflicht von Ende September bis Ende Dezember verlängert werden müsse. Denn Unternehmen, die sich bis hierhin durchgekämpft haben, sollen auch nach September noch Licht am Horizont sehen dürfen, so der rechtspolitische Sprecher der SPD, Johannes Fechner in einem Interview.

Und siehe da, auch die CDU/CSU-Fraktion zeige sich offen dafür die Aussetzung länger gelten zu lassen. Es gehe darum Unternehmen “nicht ohne Not in die Insolvenz zu treiben”. Das Bundesjustizministerium kommentierte dazu gegenüber dem “WirtschaftsKurier”, dass die Entscheidung noch in der Schwebe sei. Die Anhörung aller Beteiligten laufe noch. Aber mal ehrlich. Wer in der deutschen Politik kann (abgesehen von der Opposition) schon eine brutale Insolvenz-Welle ab Oktober gebrauchen? Und da die zweite Corona-Welle ja offenbar eh gerade startet, dürfte es der GroKo nicht all zu schwer fallen, diese Sonderregel bis Ende Dezember zu verlängern.

Was wäre die Alternative?

Diese anstehende Hinauszögerung der Insolvenz-Welle mag gut und nett gemeint sein. Aber der Berg an Problemen wird damit nur noch größer. Der Absturz danach wird dann um so schwerwiegender sein, so möchten wir es anmerken. Nun zügig ein intelligenteres Insolvenzrecht verabschieden und zahlreichen Unternehmern einen Neustart ermöglichen, das wäre doch wohl deutlich sinnvoller, als dass man vielen Unternehmen die Chance gewährt weiter in einem Status der Überschuldung und Starre zu verharren. Lesen Sie beim Klick an dieser Stelle die jüngsten Aussagen von Markus Krall über die bald kippenden Zombieunternehmen. Wird ihm der deutsche Staat dieses Szenario kurzfristig “kaputt machen” durch eine weitere dreimonatige Verzögerung?

weiterlesen

Allgemein

Staatsbankrott: Was passiert da eigentlich? Argentinien zeigt es!

Avatar

Veröffentlicht

am

Wenn ein Staat seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, ist das eine Katastrophe für seine Bürger, die Unternehmen im Land und natürlich auch für die Gläubiger, die auf einen Großteil ihres Geldes verzichten müssen. Doch wie genau ist der Ablauf eines Staatsbankrotts? Da Argentinien gerade wieder zahlungsunfähig ist (schon im Februar forderte der IWF einen Schuldenschnitt) und sich in Verhandlungen mit seinen Gläubigern befindet, können wir an diesem Beispiel lernen, wie der Vorgang abläuft!

Die Insolvenz eines Staates ist ein häufiges Ereignis. In den vergangenen 200 Jahren kam es statistisch gesehen zu mehr als einem Staatsbankrott pro Jahr weltweit. Seit der Abschaffung der Golddeckung und der weitgehend unregulierten Schöpfung ungedeckten Fiatgeldes nahm die Frequenz der Staatsbankrotte sogar deutlich zu. So gab es zwischen 1980 und 2010 pro Jahr durchschnittlich drei insolvente Staaten auf der Erde.

Es gibt kein gesetzlich geregeltes Insolvenzverfahren für den Staatsbankrott

Umso interessanter ist es, dass es zwar gesetzliche Regelungen für den Fall eines Staatsbankrottes gibt, die aber im Falle zum Beispiel der Bundesrepublik Deutschland eine Insolvenz, genauer gesagt ein Insolvenzverfahren, explizit NICHT vorsehen. Doch Papier ist geduldig. Wenn Deutschland seine Schulden nicht mehr bedienen kann, ist das Land insolvent – Gesetz hin oder her.keine gesetzlichen Regelungen für den Fall eines Staatsbankrotts gibt. Zwar mag es dann kein Insolvenzverfahren wie bei Unternehmen oder Privatpersonen geben. Doch eine Art von Insolvenzverfahren findet dennoch statt: die Verhandlung mit den Gläubigern. Zwar kann ein Staat die Zahlungen an seine Gläubiger einstellen. Doch bis es keine Einigung mit diesen gab, wird das Land auch keine neuen Kredite bekommen. Zumindest keine Auslandskredite. Kredite in der heimischen Währung könnte sich ein Staat theoretisch über die Zentralbank selbst geben, wie es zum Beispiel in den USA und der Eurozone schon seit geraumer Zeit nur wenig versteckt stattfindet.

Kann ein Staat keine Devisen mehr beschaffen, leidet darunter die heimische Bevölkerung und die Unternehmen. Importe sind dann nur noch in dem Umfang möglich, in dem Devisen mittels Exporten erwirtschaftet werden. Um einen Ausgleich zwischen Importen und Exporten herzustellen, muss die Währung gegenüber den ausländischen Währungen abwerten. Die dann in der Regel herrschende Devisenknappheit zwingt die Menschen dazu, ihre Ersparnisse in der heimischen Währung zu halten, die im Falle eines Staatsbankrotts jedoch zu hoher Inflation neigt. Die Währungsabwertung heizt die Inflation zusätzlich an, da Importwaren teurer werden. Haben die Menschen und Unternehmen Zahlungsverpflichtungen in Fremdwährung, sind zahlreiche Privat- und Unternehmensinsolvenzen zu erwarten. Selbst wenn die Schuldner in der Lage wären, Devisen zu beschaffen, wären die Kredite durch die Währungsabwertung deutlich teurer als zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme.

Gläubiger müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, bekommen aber teils noch Geld zurück

Eine Einigung mit den Gläubigern und der daraufhin wieder mögliche Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten ist daher ein vordringliches Ziel der Regierung nach einem Staatsbankrott. Den meisten Gläubigern ist bewusst, dass eine vollständige Rückzahlung ihrer Forderungen unwahrscheinlich ist. In der Regel kauften die Gläubiger die Schuldtitel bereits mit deutlichen Preisabschlägen an der Börse und kassierten hohe Zinsen bis zum Zeitpunkt der Zahlungseinstellung. Eine Einigung, die in der Regel einen teilweisen Schuldenerlass, niedrigere Zinsen und gestreckte Zahlungsziele beinhaltet, wird daher relativ schnell gefunden. Interessant ist, dass die Insolvenzquoten bei Staatsbankrotten oft relativ hoch sind. Bei Unternehmens- und Privatinsolvenzen ist in der Regel für die Gläubiger ein Totalverlust anzunehmen. Bei Staatsbankrotten sind 30% oder auch fast 50% Rückzahlungsquoten möglich. Das Beispiel Argentinien zeigt jedoch, dass sich inzwischen auch einige Hedgefonds darauf spezialisierten, die Anleihen praktisch bankrotter Staaten zu Schnäppchenpreisen aufzukaufen und dann auf vollständige Tilgung des Nennwerts zu pochen.

Bis es zu einer Einigung mit den Gläubigern kommt, können diese auch den Besitz des säumigen Staates im Ausland beschlagnahmen lassen. So ließ ein US-Hedgefonds ein argentinisches Marineschiff beschlagnahmen, weil Argentinien sich weigerte, die vom Hedgefonds gehaltenen Anleihen zum vollen Nennwert zu tilgen.

Beispiel Argentinien: Bankrott seit Ende Januar

Argentinien erklärte am 29. Januar 2020, dass es plane, den Gläubigern ein Programm zur Schuldenrestrukturierung zu präsentieren. Mit anderen Worten: Argentinien könnte zwar seine Schulden noch bedienen, weigert sich aber, es zu tun. Am 19. Februar bestätigten Prüfer des Internationalen Währungsfonds, dass die Staatsschulden Argentiniens in der Tat nicht mehr tragbar seien. Am 21. April präsentierte Argentinien schließlich seinen Plan zur Restrukturierung von 69 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden und setzte den Gläubigern eine Frist bis zum 8. Mai, um diesen Plan zu akzeptieren.

Die dachten natürlich nicht daran, den Plan einfach durchzuwinken. In persönlichen Treffen und Videokonferenzen versuchte Argentinien, die größten Gläubiger zu überzeugen. Schließlich musste jedoch am 7. Mai verkündet werden, dass man für Gegenvorschläge der Gläubiger offen sei. Die Frist zur Annahme des Restrukturierungsangebots wird in den kommenden Wochen mehrfach verlängert. In der Zwischenzeit wurden auch die ersten Zinszahlungen fällig, die Argentinien nicht bezahlte. Das Land ist damit offiziell zahlungsunfähig und hat damit bereits den neunten Staatsbankrott seiner Geschichte erklärt.

Nach Wochen des Wartens präsentieren erste große Gläubiger ihre Vorschläge zur Restrukturierung der Schulden. Sie bieten einen Schuldenerlass von rund 45% an, was Argentinien zu wenig ist. Schließlich einigt sich Argentinien am 2. August doch noch auf einen Schuldenerlass von 45,2% mit dem Großteil seiner Gläubiger.

Im Endeffekt dauerte der Staatsbankrott also nur rund ein halbes Jahr. Für Argentinien wird es nach der Einigung noch nicht sofort so sein wie vor der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit. Investoren werden noch eine Weile merkliche Risikoaufschläge für neue Kredite verlangen. Und vermutlich wird es auch wieder den einen oder anderen Gläubiger geben, der auf vollständige Tilgung seiner Anleihen besteht. Der Wechselkurs des argentinischen Peso wird sich aller Voraussicht nach auch nicht erholen, solange Argentinien nicht das grundlegende Problem der negativen Zahlungsbilanz löst. Der teilweise Schuldenerlass gab dem Land nur eine Atempause.

Der Obelisco als Smybol für Argentinien - Staatsbankrott lähmt das Land
Der Obelisco in Buenos Aires. Foto: Gobierno de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires CC BY 2.5 ar

weiterlesen

Allgemein

Coronavirus und die Aktienmärkte in Ost und West

Beschleunigt das Coronavirus den ökonomischen Aufstieg des Ostens? Die Börsenentwicklungen deuten schon darauf hin!

Avatar

Veröffentlicht

am

Das Coronavirus wandert um die Welt: Ausgehend von China hat sich eine Pandemie entwickelt, die nahezu alle Länder der Welt betrifft, mit gesundheitlichen aber auch wirtschaftlichen Folgen. Einige Länder in Fernost haben die Eindämmung von des Coronavirus bisher gut gemeistert, ablesbar an Wirtschaftszahlen und Börseninidizes. Beschleunigt Corona den ökonomischen Aufstieg des Ostens?

Die Wirtschaftsdaten

Nachdem China den ersten ganz großen Lockdown in Wuhan schon ab 23. Januar vollzogen hat, war klar, dass dort auch die Konjunkturdaten im ersten Quartal so richtig in den Keller rauschen, während man im Westen die Sache noch als regionale Angelegenheit einstufte.

Chinas Wirtschaft war im ersten Quartal um 9,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal eingebrochen, das Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 6,8 Prozent gesunken. Doch bereits in den folgenden drei Monaten betrug der Anstieg 11,5 Prozent, das gesamte Halbjahr war kaum mehr im negativen Terrain. China wird damit wahrscheinlich die einzige große Nation sein, die 2020 ein positives Wachstum erzielen kann. Aber auch in Südkorea oder in Taiwan lag man im zweiten Quartal nur wenig im Minus gegenüber den Vorjahreswerten.

Anders in den westlichen Nationen, wo die BIP-Daten für Q2 in der letzten Woche veröffentlicht wurden und die von minus 9,8 Prozent (USA) bis minus 18,5 Prozent (Spanien) richtige Horrorzahlen brachten. Hier wird es noch mindestens bis 2021 oder noch länger dauern bis der Einbruch ausgeglichen werden kann.

China hat „offiziell“ den Weg einer V-förmigen Erholung bisher erfolgreich bestritten, andere Länder aus der Region könnten folgen.

Das alles immer unter dem Vorbehalt staatlich administrierter Datenvorgaben.

Coronavirus: Die Zahlen

Obwohl die Infektionszahlen mit dem Coronavirus in vielen Ländern, in der so genannten zweiten Welle, nach oben gehen, herrscht doch ein himmelweiter Unterschied zwischen Ost und West (ausgenommen Indien). Denn von den bisher registrierten 18,5 Millionen Infektionen mit dem Coronavirus fallen mehr als die Hälfte auf drei Nationen: USA, Brasilien und Indien. Ebenso sieht das Verhältnis aus, wenn man die aktiven Fälle von gut sechs Millionen „active cases“ heranzieht, auch hier ähneln sich die offiziellen Zahlen in ihren Proportionen.

China, Japan, Südkorea, Singapur, Taiwan, Vietnam und weitere asiatische Volkswirtschaften findet man erst sehr viel weiter unten in der Tabelle der John-Hopkins-Universität.

Damit scheint in diesen Regionen die Eindämmung des Coronavirus schon sehr viel besser gelungen zu sein, vor allem im Vergleich zu Nord- und Südamerika. Die Wirtschaftsdaten geben auch ein Zeugnis darüber.

Die Entwicklung der Börsen

Beim ständigen Blick auf den US-Technologie-Index Nasdaq mit seinen BiG Five ist es etwas untergegangen: Der CSI 300 Index, der die Börsen von Shanghai und Shenzhen einschließt, liegt seit Jahresbeginn bereits 17 Prozent im Plus. Damit ist er der stärkste nationale Index.

Der US-Leitindex S&P 500 hat gerade die Pluszone erreicht, allerdings auch nur getrieben von seinen viel zitierten Highflyern. Dies gilt natürlich erst recht für Nasdaq oder Nasdaq 100.

Aber auch die Indizes in Taiwan und Südkorea sind schon im Positiven gelandet: Der TAIEX in Taipei mit 5,9 Prozent, der Kospi in Seoul noch mit 3,2 Prozent. Andere westliche Aktienmärkte sind noch deutlich im Minus, wie zum Beispiel der DAX (- 5 Prozent), der CAC 40 (-18 Prozent) oder der FTSE 100 (-20 Prozent). Wie erwähnt verdankt der amerikanische Leitindex seine positive Bilanz nur den IT- und Internettiteln, der große Rest läge noch weit im Minus.

Die Veränderung der Wirtschaft in China

Auch ohne das Coronavirus entwickelt sich das Reich der Mitte bei zukunftsträchtigen Branchen weiter. Früher die Werkbank der Welt bei der Herstellung von Massenartikeln, so geht es im Bereich der Hightech-Industrie oder auch in der Pharmaindustrie voran. Auch erkennbar am Wettlauf um den begehrten Impfstoff gegen Covid-19 oder an der Zahl an Patentanmeldungen, die stark an westliche Dimensionen herankommen.

Die große Dominanz der USA in den Weltindizes

Zwar ist Chinas Gewichtung im MSCI Emerging Markets bereits angehoben worden, aber dennoch ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt (mit Abstand) nicht im Weltindex MSCI World vertreten. Daher erscheint der hohe Anteil der USA mit 63 Prozent trotz einer Wirtschaftsleistung von gut 15 Prozent am Weltsozialprodukt schon ziemlich merkwürdig. Klar ist dies der Marktkapitalisierung geschuldet, bei der die großen US-Brocken so richtig schwer ins Gewicht fallen. Aber gibt es in China nicht auch Schwergewichte wie Alibaba, Tencent oder Huawei? Und wieso befinden sich Wirtschaftsnationen wie China, Taiwan oder Südkorea überhaupt in einem Index für Schwellenländer? Sind das Länder, die die Chance haben, sich in den nächsten Jahren zu Industriestaaten zu entwickeln – Südkorea, mit seinen Weltfirmen?

Im globalen Aktienindex MSCI All Country World Index beträgt Chinas Anteil gerade einmal 4 Prozent aus, obwohl das Land laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds 28 Prozent zum globalen Wirtschaftswachstum beitrug.

Aber die Entwicklung der Finanzmärkte schreitet voran. Nicht nur im MSCI Emerging Markets beträgt Chinas Anteil schon 40 Prozent, auch im Aktienindex MSCI Asien – ohne Japan – hat China schon ein Gewicht von 44 Prozent.

Investmentbanken wie J.P. Morgan erwarten deshalb in den nächsten Jahren eine deutliche Outperformance von China gegenüber den westlichen Aktienmärkten. Schon komisch: Haben nicht Umfragen der Bank of America, Aussagen von BlackRock oder Goldman Sachs in letzter Zeit für Aktienanlagen in Europa und die Emerging Markets geworben – die USA untergewichtet? Es scheint fast so, als dass US-Großanleger kein allzu großes Vertrauen in die allgemeine Aktienentwicklung der USA haben, GAFAM einmal ausgenommen.

Man muss auch immer wieder darauf hinweisen: Wo lagen Nasdaq und S&P 500 im Tief der Finanzkrise 2009?

Der Nasdaq bei 1265 Punkten – der S&P 500 bei 676 Punkten, und gestern hatte der Technologieindex bereits die 11.000-Punkte-Marke überschritten, der große Leitindex S&P 500 endete bei 3327 Zählern. Was kann da das laufende Jahrzehnt bringen?

Fazit: Das Coronavirus und die endende Dominanz der US-Aktienmärkte

Der Kampf um die wirtschaftliche, technologische und militärische Vorherrschaft war (und ist) das große Thema hinter dem Handelsstreit zwischen den USA und China, der Nummer eins gegen die Nummer zwei. Wahrscheinlich ist, dass die Pandemie durch das Coronavirus in ökonomischer Hinsicht sogar noch zu einem Beschleuniger heranreift. Die Börsenentwicklungen deuten schon etwas darauf hin und die USA haben in punkto Geldpolitik, Zinsangebot, Währungsstärke u.w. schon sehr viel Pulver verschossen. Natürlich werden sich die USA – unter welchem Präsidenten auch immer – dies nicht gefallen lassen. Disruptionen an den Kapitalmärkten sind damit vorprogrammiert. Die asiatischen Länder mit ihren weit über drei Milliarden Konsumenten, ihrer demographischen Struktur und ihren Wachstumsraten könnten durchaus dafür sorgen, dass der Anteil der USA im All Country World Index (ACWI) in der nächsten Dekade keine 60 Prozent mehr betragen wird.

Das Coronavirus und die Entwicklung der Weltbörsen

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage