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Warum die Coronakrise die Inflation anheizen wird!

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Inflation in Folge der Coronakrise

In den vergangenen 20 Jahren profitierte die Welt von einer Periode ungewöhnlich niedriger Inflation. Obwohl auch zur Krisenbewältigung nach 2008 Geld gedruckt wurde, als gäbe es kein morgen mehr, blieb die Inflation sogar hinter den niedrigen Inflationszielen der Zentralbanken von 2% pro Jahr zurück. „Schuld“ daran hatte vor allem auch der globale Handel. Doch die Coronakrise könnte genau den nicht nur kurz-, sondern auch langfristig massiv schwächen und so eine neue Phase von Preissteigerungen auslösen.

Handel reduzierte die Inflation nachhaltig – bis jetzt!

Bislang half der Welthandel dabei die Inflation im Zaum zu halten. Unternehmen, Verbraucher und ganze Staaten zogen einen Nutzen daraus, die benötigten Rohstoffe, Produkte und Dienstleistungen dort einkaufen zu können, wo sie am günstigsten angeboten werden. Im Vertrauen darauf, dass von diesem internationalen Austausch alle Beteiligten profitieren und daher ein Interesse an der Fortführung dieser Art der weltweiten Arbeitsteilung besteht, wurden nationale Produktionskapazitäten abgebaut, wenn sie international nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Die Coronakrise ist eine Zäsur, die diesen Trend vermutlich stoppen wird. Und dabei sind es nicht einmal die nationalen „Lockdowns“, die die Lieferantennetzwerke temporär zerstören, die zu einem Umdenken führen werden. Es sind vor allem auch die nationalen Alleingänge in Sachen Exportverboten, die zu Verhaltensänderungen führen werden. Dass ein Unternehmen nicht mehr produzieren kann, weil die Arbeiter zuhause sitzen wollen oder müssen, können Handelspartner noch nachvollziehen.

Zumal dann, wenn sie selbst die eigenen Mitarbeiter nach Hause schickten, wie es derzeit weltweit geschieht. Was jedoch einen massiven Vertrauensbruch darstellt, ist das Verbot von Exporten bestimmter Produkte. Solche Verbote führten zum Beispiel China, Italien, Frankreich, die USA und Deutschland für medizinische Schutzkleidung ein. Italien fing auch Lieferungen von Beatmungsgeräten ab und setzte die Geräte im eigenen Land ein. Rumänien erließ nun auch ein Exportverbot für Getreide, das nur noch innerhalb, aber nicht mehr außerhalb der EU verkauft werden darf. Die Lieferanten, auf die sich die Kunden jahre- oder gar jahrzehntelang verließen, könnten also liefern, dürfen es aber aus politischen Gründen nicht. Mag ein Exportverbot für Beatmungsgeräte und Schutzkleidung auf den ersten Blick noch sinnvoll erscheinen, erzeugt es doch mittel- und langfristig mehr Schaden als Nutzen. Getreideexporte zu verbieten, obwohl die Nahrungsmittelversorgung weder aktuell noch langfristig in Gefahr sein wird, erzeugt nicht einmal kurzfristigen Nutzen, aber langfristigen Schaden. Die Inflation lässt grüßen.

Rumänien verbietet Getreide-Exporte, obwohl kein Mangel besteht

Der mittel- und langfristige Schaden von Exportverboten besteht darin, dass die Waren ineffizient verteilt werden. Es ist praktisch sicher, dass die Politik die Exportverbote nicht zum richtigen Zeitpunkt aufheben wird, sondern dann, wenn die Länder auf einem großen Vorrat an den exportbeschränkten Produkten sitzen. Im Falle Rumäniens wurde das Getreide-Ausfuhrverbot sogar erlassen, als gar keine Knappheit bestand. Das United States Department of Agriculture veröffentlicht monatlich einen Marktbericht zu Getreide. Im aktuelle April-Bericht geht die Behörde von Rekordernten bei Weizen und Reis aus, trotz Coronakrise. Rumänien exportierte 2019 fast als 13 Millionen Tonnen Getreide und es gibt wenig Grund anzunehmen, dass es in diesem Jahr ein Defizit geben könnte.

Das Exportverbot ist nichts weiter als eine politische Maßnahme, um dem Volk Handlungsfähigkeit zu beweisen. Indirekt gibt das Rumäniens Premierminister sogar zu. Denn Begründung für den Exportstop war die Tatsache, dass Rumänien im März 700.000 Tonnen Getreide exportierte. Keine Besonderheit in einem Land, das im Vorjahr monatlich 1.075.000 Tonnen Getreide ausführte. Doch nun hielt ein sogar geringeres Exportvolumen als Begründung für ein Exportverbot her. Eine sinnlose Maßnahme, die grundlos Lieferketten und Vertrauen zerstört. Werden die Ausfuhrbeschränkungen erst aufgehoben, wenn ein großer nicht benötigter Vorrat an den Produkten besteht, herrscht dadurch andernorts unnötige Knappheit, was Inflation erzeugen kann. Zudem kann der Markt keine eindeutigen Signale mehr über den Preis aussenden, wenn das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage politisch unterbunden wird. Schon im Falle der Maskenproduktion plädierte ich dafür, den Markt selbst für schnellst- und bestmöglichen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage bei Masken sorgen zu lassen. Das gilt für alle anderen Produkte natürlich genauso.

Das Exportverbot beim Getreide führt nun wahrscheinlich zu einem Überangebot in der EU mit fallenden Preisen, die Bauern in die Insolvenz treiben könnten. International hingegen sinkt durch das Exportverbot das Angebot, was zu steigenden Preisen führt und Produzenten animieren könnte, die Produktion zu steigern. In der EU könnte es also künftig weniger und global mehr Angebot geben. Im Falle von Getreide würde das kurzfristig die Inflation senken, langfristig jedoch erhöhen.

Absicherung gegen Lieferkettenunterbrechungen machen Produkte teurer

Viel schlimmer wäre jedoch eine Kettenreaktion, würden nun andere Länder Rumäniens Beispiel folgen und ihrerseits Exportverbote erlassen. Je mehr Länder das tun, umso mehr verlagert sich die Nachfrage auf die weniger werdenden Staaten, die noch Nahrungsmittelexporte zulassen. Bei denen könnte diese steigende Nachfrage dann tatsächlich dazu führen, dass der eigene Bedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Am Ende würden wir in einer Welt leben, in der jedes Land nur noch für sich selbst sorgt.

Echte Lieferengpässe und steigende Preise sind die Folge. Um sich künftig gegen die Möglichkeit von Exportbeschränkungen oder zerstörten Lieferketten zu wappnen, werden nach der Krise ohnehin diverse Unternehmen und auch Staaten dazu übergehen, nicht mehr dort produzieren zu lassen, wo es am günstigsten ist. Unternehmen wie Apple werden aller Voraussicht nach auch unter Inkaufnahme höherer Preise Produkte in diversen Ländern fertigen lassen und sich nicht mehr wie bisher zum Beispiel auf China verlassen. Und Staaten werden zumindest bei manchen Produkten wie Schutzkleidung die inländische Nachfrage entweder erzwingen oder subventionieren. Diese Diversifizierung der Lieferketten und die erzwungene inländische Produkten werden teurer werden – und bezahlen tun das am Ende wir Kunden – die Verbraucherpreise (Inflation) werden steigen.

Wahrscheinlich wird es auch zu einer partiellen Abkehr vom Just-in-time Prinzip kommen, bei dem Waren in dem Moment an die Montagelinie oder das Ladenregal geliefert werden, wenn man sie benötigt. Lagerhaltung wird wieder stärker betrieben, was die Preise ebenfalls erhöhen wird. Schließlich muss jemand für die Lagerhaltung bezahlen – und das sind in letzter Konsequenz auch wieder wir Kunden. Zu all diesen preissteigernden Effekten kommt noch die jetzt massiv vergrößerte Geldmenge als weiteres Element hinzu. Die Folgen werden stärkere Inflation sein, als wir sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten kannten.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Brötchen

    12. April 2020 13:24 at 13:24

    „blieb die Inflation sogar hinter den niedrigen Inflationszielen der Zentralbanken von 2% pro Jahr zurück. „Schuld“ daran hatte vor allem auch der globale Handel.“

    … und natürlich die Tatsache, dass Inflation nicht bei Vermögenspreisen wie z. B. Aktien und Immobilien gemessen wird. Bei Immobilien sind ja nicht nur die Haus/Wohnungspreise ansich gestiegen sondern auch Material und Handwerkerkosten.
    Aber richtig, die von der EZB gemessene Inflation für Brot, Milch und Butter hat sich in der Tat nicht stark entwickelt. Man nimmt in Frankfurt eben nur die Statistik die man gerade braucht.

  2. Avatar

    Eric

    12. April 2020 15:46 at 15:46

    Es gibt keine Angebotskrise sondern eine Nachfragekrise. Arbeitslosigkeit steigt gerade global, Einkommen sinken und wer seine Arbeit behält wird vor mageren Jahren bezüglich Lohnentwicklung stehen.
    Auch die aufgeblasenen Sachwerte sind betroffen. Menschen können sich weniger leisten, viele werden ihr mit zuviel Kredit gekauftes Haus verlieren, wenn die Banken nicht massiv gestützt werden führen Kreditausfälle bei denen dazu, dass nötige Kredite für an sich solvente Unternehmen und Haushalten teurer werden oder ganz austrocknen.
    Durch das ganze System wurden bereits Unsummen Kapital vernichtet und wir blicken in den Abgrund aus Deflation und stagnierender Konjunktiv wenn die deutsche Eigenheit der ständigen Angst vor Inflation in der EZB die Oberhand gewinnt.
    Und nichts und niemand kann die Globalisierung zurückdrehen, daran ändert auch Getreide aus Rumänien nichts.
    Die alternde Gesellschaft Europas ist außerdem der anhaltende Hintergrund der extrem deflationär wirkt.
    Wer ernsthaft auf Inflation setzt wird sich extrem verzocken.

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      thinkSelf

      13. April 2020 11:13 at 11:13

      Ich sehe das auch so. Da die globalen Produktionsanlagen und die Leute die sie betreiben, nicht verschwinden gibt es keinen Produktionsengpass. Und so lange die Massenkaufkraft schneller fällt, als die Produktionskapazitäten gibt es kein inflationäres Szenario.
      Spannender ist eher die Frage, ob das Vertrauen in bestimmte Währungen bestehen bleibt. Und das hängt vor allem davon ab, dass dem Währungemittenten zugetraut wird, das Eintreiben von Forderungen im Notfall durchsetzen zu können. Weshalb immer die wirtschaftlich und militärisch stärkste Nation die Leitwährung stellt.

  3. Pingback: Meldungen und Nachrichten vom 12. April 2020 | das-bewegt-die-welt.de

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Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

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Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

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EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

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In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

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EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

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