Das jüngste Protokoll der EZB zeigt deutlich: Auch wenn die Konjunktur im Euroraum Anzeichen von Stabilität liefert, bleibt die Lage von erheblichen Risiken geprägt. Die Währungshüter sehen die aktuellen Zinsen zwar auf einem Niveau, das mögliche wirtschaftliche Schocks abfedern kann – doch zugleich wächst die Unsicherheit über die künftige Inflationsentwicklung. Zwischen robusten Finanzierungskosten und offenen Fragen zur Risikoverteilung zeichnet das Protokoll das Bild einer Zentralbank, die entschlossen abwartet und zugleich wachsam bleibt.
EZB sieht Zinsen auf gutem Niveau
Wie Bloomberg berichet, hat die Europäische Zentralbank nach Darstellung ihres Oktober-Protokolls die aktuellen Finanzierungskosten als ausreichend angesehen, um mögliche Schocks für den wirtschaftlichen Ausblick abzufedern. Laut der am Donnerstag veröffentlichten Zusammenfassung gehörten Risiken für die Inflation in beide Richtungen zu den Faktoren, die das Basisszenario für den Euroraum verändern könnten.
„Auch aufgrund dieser Unsicherheit dürfte es gerechtfertigt sein, die Zinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen”, hieß es in dem Bericht. “So könnten zunächst mehr Informationen abgewartet werden, um die vom EZB-Rat erörterten Risikofaktoren zu bewerten. Des Weiteren wurde vorgebracht, dass das aktuelle Leitzinsniveau als hinreichend robust für die Bewältigung von Schocks angesehen werden könne.”
Eine Inflationsrate nahe 2% und eine sich festigende Konjunktur im Euroraum haben eine Mehrheit der EZB-Entscheider überzeugt, dass keine Anpassung des Zinsen von aktuell 2% notwendig ist. Der Markt erwartet, dass der Einlagensatz im Dezember unverändert bleibt, auch wenn neue Prognosen ein mögliches Unterschreiten des Ziels im kommenden Jahr signalisierean könnten.
In ihren jüngst veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht wies die EZB jedoch auf„erhöhte“ Risiken für die Finanzstabilität der Region hin, da der Hype rund um künstliche Intelligenz und überhöhten Bewertungen von Vermögenswerten zu starken Korrekturen führen könnte.
Aussagen aus dem Protokoll
Zu den Zinsen: „Zugleich sei es angesichts der mittelfristigen Ausrichtung des EZB-Rats wichtig, sich nicht zu stark auf die sehr kurzfristigen Aussichten zu konzentrieren, auch wenn diese für den EZB-Rat klarer einzuschätzen seien.”
„Auf der Sitzung im Dezember könne der EZB-Rat auch seine Bewertung der Verteilung und der Intensität der Risiken aktualisieren. Es gebe offene Fragen in Bezug darauf, wie diese Risiken geldpolitisch zu berücksichtigen seien. Ebenso sei unklar, inwieweit der Rat auf etwaige Veränderungen der Risikoverteilung und nicht nur auf das Eintreten der Risiken reagieren sollte.”
„Es wurde die Auffassung geäußert, dass das Ende des Zinssenkungszyklus erreicht worden sei, da der aktuell positive Ausblick Bestand haben dürfte, sofern die Risiken nicht schlagartg ansteigen.”
“Zugleich wurde vorgebracht, dass man einer möglicherweise notwendigen weiteren Zinssenkung völlig unvoreingenommen gegenüberstehen müsse. Angebracht wäre eine Senkung der Zinsen dann, wenn sich die Wahrscheinlichkeit oder die Intensität von Abwärtsrisiken erhöhen oder wenn die projizierte Unterschreitung des Inflationsziels nachhaltig andauern sollte.”
„Die Transmission der Geldpolitik verlaufe weiterhin reibungslos und effektiv. Die vergangenen Zinssenkungen und die damit einhergehende Lockerung der Finanzierungsbedingungen sollten nach wie vor den Investitionen zugutekommen und damit die Erholung im Euroraum stützen.”
Zum Thema Inflation:
„Die Ratsmitglieder erörterten auch mögliche Strategien für die künftige Geldpolitik. Bis zur Dezember-Sitzung würden weitere wichtige Informationen darüber vorliegen, wie sich die jüngsten Schocks wie beispielsweise die US-Zölle auf die Inflations- und Wachstumsaussichten auswirkten.“ Erst dann dürfte sich entscheiden, ob die Zinsen weier unverändert bleiben oder die EZB weitere Schritte in Erwägung zieht.
„Hierzu wurde allerdings auch angeführt, dass der Informationsgehalt der Projektionen bei längeren Zeiträumen niedriger sei und die Geldpolitik in diesem Fall weniger Einfluss haben könnte.“
„So könnten künftige Projektionen zwar durch neue Annahmen zur Einführung des Emissionshandelssystems 2 in der EU (EHS2) beeinflusst werden, doch müssten die fundamentalen Bestimmungsfaktoren der zugrunde liegenden Inflation weiterhin im Vordergrund stehen.”
Zur Konjunktur:
„Insgesamt waren die Ratsmitglieder der Ansicht, dass die Wirtschaft Zeichen einer größeren Widerstandsfähigkeit zeige als zuvor erwartet. Allerdings sei nach wie vor nur ein moderates Wachstum zu beobachten, und das Potenzial werde derzeit nicht voll ausgeschöpft.”
„Generell wurde angemerkt, dass die Wirtschaft des Euroraums in den vergangenen Jahren beharrlich hinter den Projektionen zurückgeblieben sei.”
„Die Wirtschaft dürfte insbesondere davon profitieren, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher im Zuge steigender Realeinkommen mehr ausgäben. Bislang sei das Wachstum der aggregierten Konsumausgaben jedoch noch relativ moderat geblieben.”
„Zudem wurde darauf hingewiesen, dass einige Effekte der höheren Zölle zwar bereits spürbar seien, insbesondere im Hinblick auf die Wechselkurse (bei denen eine schnelle Reaktion zu erwarten gewesen sei), sich die vollen Auswirkungen auf die Exporte und die Investitionen im verarbeitenden Gewerbe des Euroraums jedoch erst im Laufe der Zeit bemerkbar machen würden. Dies gelte sowohl in Bezug auf das Volumen als auch in Bezug auf die Preise.”
Zum Euro:
„Es wurde jedoch auch angemerkt, dass der US-Dollar in den vergangenen vier Monaten weitgehend stabil gewesen sei. Zudem lasse sich aus Risk Reversals ablesen, dass die Risiken in Bezug auf den Euro-Wechselkurs inzwischen ausgewogener seien als zum Zeitpunkt der vorangegangenen Sitzung.”
FMW/Bloomberg
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