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Warum die hohe Fahrzeugnachfrage bei Tesla ein Mythos ist

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Innenansicht eines Tesla-Autos

Es gilt als Fakt unter Tesla-Fans, dass die Verkaufszahlen des derzeit an der Börse höchstbewerteten Autoherstellers der Welt durch die Produktionskapazitäten beschränkt sind und nicht durch die Nachfrage. Diese Annahme ist falsch, wie Tesla selbst durch ständige Preissenkungen, Rabatte und Aktionen wie „Gratis schnellladen“ beweist. Die in immer schnellerer Folge aufkommenden Gerüchte um neue Fabrikbauten dienen offenbar vor allem der Ablenkung, und weniger zum Aufbau von unbenötigten Produktionskapazitäten. So senkte Tesla gerade erst die im Bauantrag genannte Produktionskapazität der im Bau befindlichen Fabrik in Brandenburg… um 80%.

Elon Musk kündigt ständig gigantische aber fiktive Produktionskapazitäten bei Tesla an

Zugegeben, für Fans und Aktionäre von Tesla ist die Situation schwierig. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder der CEO ihres Lieblingsunternehmens lügt wie gedruckt und das beständig, oder Tesla hat ein ernsthaftes Nachfrageproblem. Denkbar ist natürlich auch, und dafür gibt es Hinweise, dass beides richtig ist.

Elon Musk, CEO von Tesla und damals noch Chair of the Board, höchst selbst äußerte 2017 in einem Analystengespräch die denkwürdigen Worte: „What people should absolutely have zero concern about, and I mean 0, is that Tesla will achieve a 10,000 unit production week by the end of next year. […] I think people should really not have any concerns that we won’t reach that outcome from a production rate.“

Stärker betonen kann man wohl kaum, dass er Ende 2018 10.000 Autos pro Woche produzieren können wollte. Tatsächlich berichtete Tesla Ende 2018, dass jeder Teil der Model 3 Produktionskette in einer 24-Stunden-Periode zeigte, dass es extrapoliert 7.000 Fahrzeuge pro Woche herstellen könnte. Mit anderen Worten: Es gab keine Woche, in der Tesla auch nur 7.000 Model 3 herstellte, geschweige denn 10.000. Mehr noch: Anfang 2019 hieß es auf einmal, dass bis Ende 2019 tatsächlich 7.000 Model 3 pro Woche werden sollten. Von 10.000 pro Woche ist keine Rede mehr gewesen.

Anfang 2020 hieß es schließlich, dass Tesla in der US- und der chinesischen Fabrik zusammen 640.000 Fahrzeuge herstellen könne und die Kapazität bis Mitte 2020 auf 740.000 Fahrzeuge gesteigert werden soll. Während der Pandemie standen beide Fabriken lediglich wenige Wochen still. Tesla ließ die Arbeiter in den USA nicht nur eine Woche länger arbeiten, als erlaubt. Das Unternehmen öffnete die Fabrik auch während der Pandemie eine Woche eher, als es die Behörden anwiesen. Und trotzdem produzierte Tesla im ersten Halbjahr lediglich 185.000 Fahrzeuge. Pro Quartal waren das genauso viele Autos wie durchschnittlich im Jahr 2019. 2020 fertigte Tesla jedoch in zwei statt einer Fabrik Autos und gab Anfang 2020 eine Produktionskapazität von 320.000 Fahrzeugen pro Jahr an. Tatsächlich lag man 42% darunter – und das ist nicht mit einer wenigen Wochen währenden Schließung zur Eindämmung des Coronavirus erklärbar.

Die Nachfrage bei Tesla wird von Musk noch stärker übertrieben als die Produktionskapazitäten

Einen Hinweis darauf, wo das Problem liegt, liefern die zwei Preissenkungen, die Tesla in den vergangenen Wochen durchführte. Und zwar die komplette Modellpalette betreffend. Wurden zunächst nur die Preise von Model S, X und 3 gesenkt, traf es vor einigen Tagen auch das neuste Modell Model Y. Das wird erst seit wenigen Monaten in geringen Stückzahlen an US-Kunden ausgeliefert.

Delikat ist die Preissenkung beim Model Y, weil Elon Musk den Mund im Vorfeld einmal mehr besonders voll nahm. Schon im Analystengespräch zu den Zahlen des 2. Quartals 2016 meinte Musk, er könne 500.000 bis 1.000.000 Model Y pro Jahr verkaufen. Im Call zum 1. Quartal 2017 bestätigte er die Annahme: mehr als 1.000.000 Model 3 und Y zusammen sollten verkauft werden, pro Jahr! Im Call zum 4. Quartal 2017 waren es wieder eine Million Model Y pro Jahr. Der Call zum 2. Quartal 2018 brachte die Erkenntnis zutage, dass Musk für 2020 mit 750.000 Verkäufen plante, allerdings alle Modelle zusammen. Als praktisch sicher galt für Musk ein Marktpotenzial von 700.000 bis 800.000 Model Y pro Jahr. Im Call zum 4. Quartal 2018 waren es auf einmal nur noch 50% mehr Nachfrage als für Model 3. Konkretisiert hat Musk die Annahme im gleichen Gespräch, als er sagte, mit 700.000 bis 800.000 Model 3 bei guter Konjunktur und 500.000 in einer Rezession zu kalkulieren. Er plante also mit 750.000 Model Y in der aktuellen Situation.

Wir haben also angeblich eine Produktionskapazität von 640.000 bis 740.000 Fahrzeugen pro Jahr und ebenso angeblich eine Nachfrage nach deutlich mehr als einer Million Tesla pro Jahr. Warum stagnieren dann die Stückzahlen seit sechs Quartalen? Und warum werden dann die Preise gesenkt, wenn angeblich viel weniger Fahrzeuge produziert als nachgefragt wurden? Warum werden Lieferzeiten in Europa von nur zwei bis drei Monaten angegeben? Gäbe es eine Nachfrage, die das Produktionspotenzial um Faktor zwei übersteigt, würde es keine Preissenkungen geben, dafür aber Wartezeiten von bis zu einem Jahr.

Wer doppelt soviel Nachfrage wie Kapazität hat, senkt keine Preise und liefert nicht in zwei Monaten

Gäbe es so viel Nachfrage, wie Musk behauptet, hätte man auch nicht gerade erst vor einigen Tagen den Bauantrag der Fabrik in Brandenburg dahingehend ändern müssen, dass statt der ursprünglich genannten 500.000 Fahrzeuge pro Jahr nur noch 100.000 hergestellt werden sollen. Die Fan-Phantasie, Tesla würde eine eigene Batterieproduktion aufbauen, wurde übrigens gleich mit beerdigt. Dieser Teil wurde aus dem Bauantrag gestrichen. Bis heute produzierte Tesla keine einzige Batteriezelle selbst. In Teslas Fabrik in Nevada produziert Panasonic Zellen exklusiv für Tesla.

Und noch eine Unstimmigkeit fällt auf: Obwohl Tesla 2020 zwei Fabriken statt wie 2019 nur eine betreibt, die Auslastung nach eigener Aussage nur bei rund 58% liegt und die Umsätze im 1. Quartal 2020 gegenüber 2019 sanken, konnte Tesla im 1. Quartal 2020 eine höhere Bruttomarge erzielen als ein Quartal zuvor, als die eine Fabrik in Fremont mit großer Wahrscheinlichkeit nahe an der maximalen Kapazität produzierte. Diese Quartalszahlen ergeben keinen Sinn. Und wenn sie keinen Sinn ergeben, dann ist Vorsicht angebracht. Zurückkommend auf den zweiten Absatz dieses Artikels: Ich gehe davon aus, dass Tesla deutlich weniger Produktionskapazität hat, als Elon Musk ständig in Aussicht stellt und dass die Nachfrage trotzdem noch zu gering ist, um diese Kapazitäten auszulasten!

Finden Sie beim Klick an dieser Stelle eine gegenteilige Sichtweise zu Tesla von Maximilian Nowroth.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Scheer

    15. Juli 2020 16:06 at 16:06

    Danke, für den gut recherchierten Artikel.

  2. Avatar

    Gixxer

    15. Juli 2020 23:39 at 23:39

    Im Vergleich dazu ist der E-Up von VW (hoffe das ist der richtige Name) dieses Jahr überhaupt nicht mehr lieferbar.
    Vermutlich produzieren die aber auch nur drei Stück im Jahr.

  3. Avatar

    Alter Ego

    17. Juli 2020 15:02 at 15:02

    Umso mehr ich von TESLA lese, umso mehr erinnert mich das ganze an Wirecard etc.. Es riecht, nein stinkt förmlich nach Betrug.

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Markus Koch LIVE vor dem Handelsstart in New York – Go Big or Go Home – Janet Yellen gibt Vollgas

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Goldman Sachs mit Quartalszahlen: Deutlich besser als erwartet!

Claudio Kummerfeld

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Soeben wurden die Quartalszahlen von Goldman Sachs veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen.

Der Umsatz liegt bei 11,74 Milliarden Dollar (Vorjahresquartal 9,96/Erwartungen 9,50).

Der Gewinn liegt bei 12,08 Dollar pro Aktie (Vorjahresquartal 4,69/Erwartungen 7).

Die Risikovorsorge im Kreditgeschäft betrug 293 Millionen US-Dollar für das vierte Quartal 2020, 13 Prozent niedriger als im vierten Quartal 2019 und 5 Prozent höher als im dritten Quartal 2020. Das vierte Quartal 2020 enthielt Rückstellungsreduzierungen für Großkundenkredite, laut Goldman Sachs aufgrund einer Stabilisierung im breiteren wirtschaftlichen Umfeld nach den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Dies wurde teilweise aufgehoben durch höhere Rückstellungen aufgrund des Wachstums von Kreditkartenkrediten
im Vergleich zum vierten Quartal 2019.

Die Aktie notiert vorbörslich mit +2,2 Prozent.

Kommentar vom Chef:

“It was a challenging year on many fronts, and I am deeply proud of how our people helped clients respond to the economic disruption brought on by the pandemic and the extreme market volatility experienced over the past months. Our people responded admirably to a series of professional and personal challenges, while working from home or in offices that were reshaped dramatically. Thanks to their perseverance, we were able to help clients navigate a difficult environment, and, as a result, achieved strong results across the franchise, while advancing our strategic priorities. We hope this year brings much needed stability and a respite from the pandemic, but we remain ready to handle a wide range of outcomes and are poised to meet the needs of our clients.”
– David M. Solomon, Chairman and Chief Executive Officer

Grafik zeigt die Quartalszahlen von Goldman Sachs

Goldman Sachs-Zentrale in New York
Die Goldman Sachs-Zentrale in New York Downtown. Foto: Youngking11 CC BY-SA 3.0

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Bank of America meldet aktuell Quartalszahlen

Claudio Kummerfeld

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Soeben wurden die Quartalszahlen der Bank of America veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen.

Der Umsatz liegt bei 20,1 Milliarden Dollar (Vorjahresquartal 22,3/Erwartungen 20,2). Der Gewinn liegt bei 0,59 Dollar pro Aktie (Vorjahresquartal 0,74/Erwartungen 0,56).

Die Rückstellung für Kreditverluste sank auf 53 Millionen US-Dollar, was eine Auflösung von Rückstellungen in Höhe von 828 Millionen US-Dollar bedeutet. Wie die großen anderen US-Banken auch löst man also Rückstellungen auf, weil man wohl auch dank der gigantischen Stimulus- und Hilfsprogramme an weniger Kreditausfälle glaubt.

Die Aktie notiert vorbörslich mit +0,5 Prozent.

CEO-Kommentar:

„During 2020, we witnessed the dramatic effects of the health crisis on the economy and our company’s operations. In the fourth quarter, we continued to see signs of a recovery, led by increased consumer spending, stabilizing loan demand by our commercial customers, and strong markets and investing activity. The latest stimulus package, continued progress on vaccines, and our talented teammates – who performed well helping their customers through this crisis – position us well as the recovery continues.

„In the fourth quarter, we saw higher net interest income, higher Consumer revenue, record asset management fees, strong results from our Global Markets teams, and a stronger balance sheet. In 2020, we earned nearly $18 billion and achieved several key strategic objectives: gaining market share in deposits, expanding our digital leadership, and adding thousands of wealth management clients. In addition, we gained market share in investment banking and supported clients with liquidity and superior trading
execution.

„Also we made progress in support of our communities, committing $300 million of our $1 billion four-year initiative to help drive racial equality and economic opportunity.“

Quartalszahlen der Bank of America

Bank of America Logo
Foto: Brian Katt CC BY-SA 3.0

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